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Oliver Hechler: Psychoanalytische Supervision sozialpädagogischer Praxis

Rezensiert von Prof. Dr. Hermann Staats, 03.01.2007

Cover Oliver Hechler: Psychoanalytische Supervision sozialpädagogischer Praxis ISBN 978-3-86099-333-0

Oliver Hechler: Psychoanalytische Supervision sozialpädagogischer Praxis. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2005. 376 Seiten. ISBN 978-3-86099-333-0. 34,00 EUR. CH: 58,80 sFr.
Reihe: Wissen & Praxis - 133
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Thema

Supervision setzt sich als Bestandteil sozialpädagogischer Praxis durch und trägt zur Professionalisierung sozialer Arbeit bei. Zugleich ist Supervision selbst auf dem Weg zu einer Profession. Wissenschaftliche Arbeiten zur Supervision bestehen aber - noch - überwiegend aus Konzeptforschung und Fallberichten. Empirische Arbeiten im engeren Sinn sind selten und sehr willkommen.

Psychoanalytische Supervision kann sich auf die Theorie der Psychoanalyse und auf ihren empirischen Fundus berufen und ihn nutzen. Oliver Hechler überträgt Methoden aus der psychoanalytisch geprägten Textanalyse auf die Untersuchung zweier transkribierter Sitzungen einer Supervision von offener Jugendarbeit. Das Buch "Psychoanalytische Supervision sozialpädagogischer Praxis" ist im Rahmen seiner Doktorarbeit entstanden. Der Leser kann daher eine wissenschaftlich geprägte Einführung zur psychoanalytischen Supervision erwarten, eine Darstellung der von Hechler "strukturale psychoanalytische Hermeneutik" genannten Form der Textanalyse und Ergebnisse der Anwendung dieser Methode auf einen Bereich sozialpädagogischer Praxis.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat acht Kapitel und ein umfangreiches Literaturverzeichnis.

  • Die Einleitung (10 Seiten, zugleich Kapitel 1) gibt einen guten Überblick über das Buch, stellt orientierend die Entwicklungslinien von Supervision in der sozialen Arbeit dar (über Balint-Gruppen und "social case work") und ordnet das gewählte methodische Vorgehen unter Bezug auf Argelander, Oevermann und Lorenzer ein. Die Einführung ist gut verständlich und macht Appetit auf mehr.
  • Die folgenden drei Kapitel "Supervision - Theoriegeschichtliche Grundlagen und Entwicklungslinien", "Professionstheoretische Bestimmung der Wissens- und Handlungssysteme Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Supervision" und "Supervision als Gegenstand der Forschung" (zusammen 60 Seiten) sind eine reiche Fundgrube an Material und interessanten Ideen. Sie sind flüssig lesbar, locken aber auch immer wieder auf Abwege in die Fußnoten hin zu weniger geläufigen und interessanten Untersuchungen. Hechler stellt Supervision und ihre Entwicklung als Ausbildungsbestandteil und als qualitätssichernden Teil der sozialpädagogischen Praxis dar. Supervision sieht er als Mittel der Professionalisierung sozialpädagogischen Handelns.
  • Auf diesem Hintergrund leitet Hechlerseine empirische Fragestellung ab (Kapitel 5): Es geht ihm um eine Beschreibung dessen, was in einer psychoanalytischen Supervision einer offenen Jugendarbeit in einem Jugendzentrum geschieht. Zu seinen Erwartungen gehört, dass es in der Supervision darum gehen wird, "dysfunktionale Routinisierungen" (von anderen Autoren als "Ideologien" bezeichnet) vorsichtig aufzubrechen und "Professionalisierungseffekte" hervorzubringen (von anderen Autoren als "Entwicklung professioneller Identität" beschrieben).
  • Hechler beschreibt seine Forschungsmethode (90 Seiten, Kapitel 6) verständlich und in einen Gesamtdiskurs eingebettet, so dass sie nicht nur für eine kleine Anzahl empirischer Forscher interessant zu lesen ist. Allerdings musste der Rezensent sich in diesem Abschnitt zunächst an die Sprache in den Zitaten und im Text gewöhnen - manchmal schien die Fachsprache nicht allein der Vermittlung eines Sachverhalts zu dienen, sondern auch einer Abgrenzung von anderen Autoren und Methoden.
    Die empirische Untersuchung folgt im Kapitel 7 (103 Seiten). Untersucht werden der Beginn und Teile des Verlaufs zweier Supervisionssitzungen. Kurze Transkriptionen mit ein bis zwei Zeilen, gelegentlich bis zu einer halben Seite Text stehen im Wechsel mit längeren Auslegungen und Deutungen.
  • Eine theoretische Diskussion (Kapitel 8, 49 Seiten) behandelt am Text die Bedeutung des supervisorischen Arbeitsbündnisses, der supervisorischen Beziehung und die Struktur supervisorischen Verstehens und Intervenierens. Auch dieser letzte Abschnitt ist wieder in einen umfassenderen theoretischen Hintergrund eingebettet, so dass der Leser über die Ergebnisse der Untersuchung hinaus lernt. Neugierde wird als Ausgangsvoraussetzung für ein pädagogisches Lernbündnis ("Arbeitsbündnis") beschrieben, der Supervisor in "mütterlichen" und "väterlichen" Funktionen dargestellt, die Supervision in Anlehnung an Overbeck als "systematische Hilfe bei der Perspektivenübernahme" konzeptualisiert, das Unbewusste "bifokal" sowohl im professionellen Handeln eines einzelnen oder eines Teams als auch im Umfeld und Kontext dieses Handeln (meist der Institution) gesucht und beschrieben.

Diskussion

Für Supervisoren unterschiedlicher Schulen wird schon die ausgezeichnete Einführung in psychoanalytische Supervison in der Sozialpädagogik ein Grund sein, sich das Buch zu kaufen. Auch Sozialpädagogen, die Supervision als Teil ihrer professionellen Praxis verstehen wollen, werden das Buch schätzen.

Die wissenschaftliche Aussagekraft der empirischen Untersuchung leidet an der schmalen Datenbasis. Hechler begründet sein Vorgehen. Dass aber nur zwei Supervisionssitzungen untersucht und in Teilen dargestellt werden, ist für die meisten Leser vermutlich kein Nachteil. Sie werden diese Transkriptionen als Fallbeispiel für Supervision nutzen können und die am Text erfolgenden Überlegungen des Autors mit Gewinn für die eigene Denkweise nachvollziehen. Dabei ist am Ende des Buches die Einordnung und Diskussion der empirischen Ergebnisse in einen breiten Zusammenhang wieder sehr anregend - der Leser lernt über die Befunde der vorgestellten Untersuchung hinaus.

Fazit

Das Buch enthält eine wissenschaftlich anspruchsvolle ausgezeichnete Einführung in die psychoanalytische Supervision sozialpädagogischer Arbeit. Es ist in diesem Gebiet eine reiche Fundgrube für Sozialarbeiter, Supervisoren, Balintgruppenleiter und Psychoanalytiker. Die methodisch und inhaltlich aufwändige Auswertung zweier transkribierter Supervisionssitzungen kann auch als Fallbeispiel gelesen werden. Die sorgfältige Darstellung dieser Supervision ist eingebunden in ein umfassenderes theoretisches Verstehen und regt zu eigenen Verknüpfungen und weiteren Überlegungen an.

Rezension von
Prof. Dr. Hermann Staats
FH Potsdam, Sigmund-Freud Professur für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie
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Es gibt 16 Rezensionen von Hermann Staats.

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Zitiervorschlag
Hermann Staats. Rezension vom 03.01.2007 zu: Oliver Hechler: Psychoanalytische Supervision sozialpädagogischer Praxis. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2005. ISBN 978-3-86099-333-0. Reihe: Wissen & Praxis - 133. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3198.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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