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Ayça Polat, Abigail M. Joseph-Magwood (Hrsg.): Alltagsrassismus

Rezensiert von Prof. Dr. Claus Melter, 19.03.2024

Cover Ayça Polat, Abigail M. Joseph-Magwood (Hrsg.): Alltagsrassismus ISBN 978-3-17-043036-5

Ayça Polat, Abigail M. Joseph-Magwood (Hrsg.): Alltagsrassismus. Einführung für die pädagogische Praxis und Soziale Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2024. 200 Seiten. ISBN 978-3-17-043036-5. 32,00 EUR.

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Thema

Ayça Polat und Abigail M. Joseph-Magwood haben ein aktuelles und fundiertes Buch zum Thema Alltagsrassismus, Pädagogik und Soziale Arbeit mit vielen inspirierenden und differenzierten Texten sehr fachkundiger Autor*innen herausgegeben. Grundlegend wird Rassismus verstanden als von direkten oder indirekten „Rasse“-Konstruktionen strukturiertes gesellschaftliches Machtverhältnis, in denen „Wir“-„Die“-Gruppen konstruiert, homogenisiert, essentialisiert, hierarchisiert, naturalisiert und polarisiert werden. Alltagsrassismus, ein von Philomena Essed entwickelter Begriff, wird neben der individuellen Ebene auch mit strukturellem und institutionellem Rassismus verwoben verstanden.

Die Herausgeberinnen

Ayça Polat ist Professorin für »Sozialpädagogik in der Migrationsgesellschaft« am CMC der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Theorien und Handlungsansätze zu Rassismuskritik und Diversitätsbewusstsein sowie Migrationspädagogik.

Abigail M. Joseph-Magwood lehrt Kommunikation und Transferable Skills seit 2000 an der Hochschule Osnabrück. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Rassismus in (Bildungs‐)Institutionen, rassismuskritische Bildung, Transformation, Resilienz und Empowerment.

Aufbau

Theoretische und Ausführungen und Erklärungszusammenhänge werden ergänzt um die vielfältigen Formen und Auswirkungen von Alltagsrassismus. Sowohl in den Bereichen Beratung und Sozialer Arbeit als auch von Kindergärten, Pflegeheimen, Schulen und Hochschulen sowie von Polizei und Arbeitsmarkt werden rassistische Praxen und Strukturen, aber auch Handlungs-, Widerstands- und Veränderungsmöglichkeiten sowie rassismuskritische Bildungsansätze aufgezeigt.

Angesichts der rechtsextremen und rassistischen gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland, die weit über die Erfolge der AfD über Racial Profiling bei der Polizei und in Bildungsinstitutionen hinausgehen und hinein in Praxen der Sozialen Arbeit und aller Lebenswelten reichen, ist dieses Buch mit seinen differenzierten Analysen, Studien und Handlungsoptionen eine dringend zu empfehlende Lektüre für Studierende, Lehrende und Praktiker*innen der Sozialen Arbeit und rassismuskritisch interessierte Leser*innen allgemein.

Inhalt

Das Buch enthält theoretische Ausführungen und Erklärungszusammenhänge zu Alltagsrassismus in drei Teilen.

Im ersten Teil behandeln Ayça Polat und Abigail M. Joseph-Magwood in ihrem Beitrag „Rassismus oder Alltagsrassismus?“ grundlegende Einführungen und vertreten ein Verständnis, welches die Überschneidungen von Rassismus und Alltagsrassismus undogmatisch analysieren.

Bezugnehmend auf die Bücher „Alledaags Racisme“, „Farbe bekennen“ und „Von der Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein“ bietet Rudolf Leiprecht einen Rückblick auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Alltagsrassismus in den Niederlanden und vor allem in Deutschland seit den 1980er Jahren.

Astride Velho betont den verletzenden Einfluss von (Alltags-)Rassismus auf rassismuserfahrene Subjekte sowie die rassialisierenden Denk- und Handlungsmuster vor allem der Angehörigen der weißen Dominanzgesellschaft in Institutionen von Beratung und Sozialer Arbeit. Demgegenüber sind rassismuskritisches und traumsensibles Wissen sowie eine machtkritische Haltung und Praxis von Beratung und Pädagogik notwendig.

Florian Ohnmacht, Anita Rotter und Erol Yıldız kritisieren in ihrem Beitrag „Alltagsrassismus im akademischen Diskurs“ zum einen rassistische Aussagen und Analyseperspektiven bei Philosophen wie Immanuel Kant und in der Migrationsforschung und zum anderen bei Autor*innen vom „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“.

Im zweiten Teil des Buches werden verschiedene Ausprägungs- und Erscheinungsformen von Alltagsrassismus beleuchtet. Aysun Doğmuş untersucht „Alltagsrassismus in symbolischen Gewaltverhältnissen der Schule“ und schildert verschleierte sowohl rassialisierende/​ethnisierende Herrschaftspraxen als auch Möglichkeiten des Widerstands.

Bedia Akbaş und Soniya Alkis setzen sich mit „Linguizismus“, also sprachbezogenem Rassismus und Nationalismus, als Unterscheidungspraxis in pädagogischen Einrichtungen, u.a. in Kindergärten, auseinander.

Ayça Polat, Abigail M. Joseph-Magwood und Yvonne Garbers betrachten „Rassismus an Hochschulen“ als ein systematisch anzutreffendes Alltagsproblem, als eine Fortführung der diskriminierenden/​rassialisierenden Schieflagen im Bildungssystem. Migrantisierte und rassialisierte Studierende und Mitarbeitende werden systematisch diskriminiert. Dies wird auch erläutert anhand einer aktuellen Studie zu Diskriminierungsverhältnisse an der Hochschule.

Katrin Menke und Cora Wernerus analysieren „Geschlechtsspezifischen Rassismus am deutschen Arbeitsmarkt“, während Merle Heyrock, Henrike Knudsen, Ayça Polat und Britta Thege „Alltagsrassismus in der Gesundheitsversorgung“ beleuchten. Monique Ritter und Marlene Jänsch betrachten „Ältere Menschen und Alltagsrassismus“, während Stefan Knauff, Simon Kühne und Dorian Tsolak „Alltagsrassismus in den Sozialen Medien“ untersuchen. Fatoş Atali-Timmer und Ikram Errahmouni-Rimi behandeln „Polizei und interkulturelle Kompetenz“.

Im dritten Teil des Buches werden Interventionsmöglichkeiten und Handlungsansätze von sozialer und pädagogischer Arbeit zur kritischen Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus diskutiert. Esther van Lück erörtert „Kritisches Weißsein als Ansatz sozialer und pädagogischer Praxis“, während Lara-Lee Terkowski Ergebnisse einer rassismuskritischen Untersuchung von Einstellungsmustern unter Sozialarbeitenden präsentiert. Abigail M. Joseph-Magwood teilt Erfahrungen mit der Lewis Deep Democracy Methode zur Moderation von Macht- und rassismusrelevanten Transformationsprozessen. Aki Krishnamurthy schließlich behandelt „Rassismuskritische Theater- und Körperarbeit zur Veränderung von und mit dem Körper aus fühldenken“. Der Anhang des Buches umfasst ein Autor*innenverzeichnis sowie ein Stichwortverzeichnis.

Diskussion

Es handelt sich um ein überaus gelungenes, aktuelles und differenziertes Buch, welches die Lesenden im Einsatz gegen Ideologien weißer Vorherrschaft, Rechtsextremismus und den alltäglichen Rassismus informiert, inspiriert, und ermutigt! Facettenreich und gut lesbar werden aktuelle Forschungen und Theorieansätze von rassismuskritischen Wissenschaftler*innen dargestellt und mit kritischen Handlungsempfehlungen und pädagogischen Ansätzen verwoben.

Fazit

Dieses Buch eignet sich für alle rassismuskritisch Interessierten sowie Lehrende, Studierende und Praktiker*innen in Sozialer Arbeit und Bildung.

Rezension von
Prof. Dr. Claus Melter
Hochschule Bielefeld, Arbeitsschwerpunkte diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft, Krankenmorde in Bethel im Nationalsozialismus, Koloniale Völkermorde in Tanzania und Namibia.
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Es gibt 16 Rezensionen von Claus Melter.

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Zitiervorschlag
Claus Melter. Rezension vom 19.03.2024 zu: Ayça Polat, Abigail M. Joseph-Magwood (Hrsg.): Alltagsrassismus. Einführung für die pädagogische Praxis und Soziale Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2024. ISBN 978-3-17-043036-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31986.php, Datum des Zugriffs 21.04.2024.


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