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Vincent Bevins: Die Jakarta-Methode

Rezensiert von Thomas Barth, 05.03.2024

Cover Vincent Bevins: Die Jakarta-Methode ISBN 978-3-89438-788-4

Vincent Bevins: Die Jakarta-Methode. Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt. PapyRossa Verlag (Köln) 2023. 427 Seiten. ISBN 978-3-89438-788-4. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

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Thema

Durch die aktuellen Berichte zur Wahl in Indonesien rückte das Land in die Öffentlichkeit, aber es zeigten sich bestürzende Wissenslücken hinsichtlich der indonesischen Geschichte. Blinde Flecken betreffen vor allem die westdeutschen Verstrickung in den hierzulande weitgehend totgeschwiegenen „Indonesian Genocide“ von 1966, dem vermutlich mehrere Millionen Indonesier:innen zum Opfer fielen.

Der renommierte US-Journalist Vincent Bevins beschreibt anhand von Einzelschicksalen Überlebender die grauenhaften Ereignisse und stellt sie in den weiteren Kontext einer außenpolitischen US-Strategie, die nicht vor Massenmorden zurückschreckte. Tiefgreifende psychologische, soziale und kulturelle Folgen einer inhumanen Interventionspolitik werden auf Basis von historischen Fakten und aktuellen Befragungen von Opfern angeprangert.

Im letzten Kapitel liefert Bevins den Hintergrund der aktuellen Wahl in Indonesien: „Im Jahr 2005 wurde Joko ‚Jokowi‘ Widodo zum Bürgermeister von Solo gewählt. 2014 schaffte er es zum Präsidenten Indonesiens. Seine Kandidatur wurde von Menschenrechtsgruppen unterstützt, von denen viele dachten, er würde als erstes Staatsoberhaupt, das nicht aus Suhartos militärisch-oligarchischem Zusammenhang kam, die Verbrechen von 1965 anerkennen… Sie lagen falsch… 2019 wurde er für eine weitere fünfjährige Amtszeit wiedergewählt“ (S. 341). Nach Widodos Versagen bei der Aufarbeitung des Indonesian Genocide haben jetzt scheinbar die mächtigen Strukturen der niemals geahndeten Täter wieder nach der Macht in Jakarta gegriffen.

Autor

Vincent Bevins schreibt für Leitmedien wie die New York Times, die Washington Post, den Guardian und war Korrespondent in Südostasien und Brasilien. Er interviewte den späteren Präsidenten Bolsonaro für die Los Angeles Times, als den „verlässlich rechtsaußen stehenden Abgeordneten“ noch niemand kannte. Bevins spricht zahlreiche Sprachen und lebte jahrelang in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens.

Aufbau und Inhalt

Einleitung und zwölf Kapitel entfalten entlang persönlicher Geschichten im Genozid 1966 Vertriebener, Überlebender oder Hinterbliebener die Geschichte Indonesiens und anderer Weltregionen, wo die „Jakarta-Methode“ zum Einsatz kam. Ein Nachwort von Glenn Jäger „Zur bundesdeutschen Mitverantwortung an den Massenmorden in Indonesien“ stellt die aufgrund jüngster Enthüllungen bekannt gewordene Mittäterschaft des westdeutschen Auslandsnachrichtendienstes BND dar. Im Reportagestil führt das Buch seine Leser:innen behutsam an komplexe Situationen und grauenhafte Ereignisse heran, stellt den Indonesian Genocid in größere historische Zusammenhänge. Die Einleitung befasst sich mit der Geheimhaltung und Unterdrückung von Information durch Täter in Jakarta und andernorts, die bisher diesen Teil der indonesischen Geschichte auch in westlichen Medien zu einem selten überwundenem Tabu machte (vgl. Keller 2015).

„Die Wahrheit über die gewaltsamen Ereignisse von 1965/66 blieb jahrzehntelang verborgen. Im Kielwasser jener Gewalt wurde eine Diktatur errichtet, die der Welt Lügen auftischte, während die Überlebenden stumm blieben -sei es, weil sie inhaftiert waren oder zu verängstigt, die Stimme zu erheben“ (S. 9).

Erst 2012 gab die Regierung in Jakarta bezüglich des Indonesian Genocid zu, „dass damals schwere Menschenrechtsverletzungen begangen wurden.“ Zunächst ohne Entschuldigung, um eine Strafverfolgung der Täter weiterhin zu blockieren, vielleicht auch aus außenpolitischen Gründen. Was wissen wir heute über den Genozid von 1966? 1965 stürzte eine von der CIA gesteuerte Intrige den für die USA unbequemen Präsidenten Sukarno durch einen Militärputsch. Ablauf und Folgen werden von Vincent Bevins minutiös rekonstruiert. Bei dem Putsch, den man den Kommunisten in die Schuhe schob, wurden zunächst sechs führende Generäle ermordet -Bevins verweist auf einen ähnlichen Plot beim Putsch gegen Allende, dem in Chile 1970 der Mord am loyalen General Schneider vorausging (S. 260). In den folgenden Monaten der Jahre 1965/66 wurden durch die indonesische Armee und teils islamistische Paramilitärs brutale Massenmorde begangen, Millionen Menschen wurden in Lager gesperrt und grausam gequält. Möglich wurden die bestialischen Verbrechen auch durch eine perfide Propaganda-Kampagne zur Dämonisierung der PKI, der Millionen Mitglieder zählende Kommunistische Partei Indonesiens und besonders ihrer Frauenorganisation Gerwani. Das Militär kolportierte, die PKI seit die Drahtzieherin eines gescheiterten kommunistischen Putsches gewesen.

Bevins schreibt, Suharto und seine Putschisten hätten die Behauptung kolportiert, die KP hätte die Generäle auf einen Luftwaffenstützpunkt gebracht und ein dämonisches Ritual zelebriert, bei dem Mitglieder der Frauenbewegung Gerwani nackt getanzt hätten (die Mobilisierung sexueller Fantasien und Ängste ist in der psychologischen Kriegsführung und Propaganda ein wirkungsvolles Mittel), „…während andere Frauen die Generäle gefoltert und verstümmelt hätten: die Genitalien abgeschnitten, die Augen ausgestochen und sie anschließend ermordet. Sie behaupteten, die PKI verfüge über lange Listen von Personen, die sie zu töten gedenke und habe bereits Massengräber vorbereitet“ (S. 183)

In Wahrheit hatte die CIA den faschistischen Militärs lange Listen von PKI-Mitgliedern geliefert, um den Genozid vorzubereiten. Etwa ein Viertel der indonesischen Bevölkerung war über Gewerkschaften, Kultur-, Jugend- oder Frauenorganisationen der überaus erfolgreichen PKI verbunden, somit wurden über zwanzig Millionen wehrlose Zivilisten potenzielles Ziel der unbeschreiblich bestialischen Pogrome. Genaue Zahlen sind unbekannt, da historische Forschung und politische Aufarbeitung der Verbrechen verboten waren. Militärs brüsteten sich später, drei Millionen Kommunisten ermordet zu haben, mindestens eine Million Menschen wurden in Lager gepfercht. Bevins beschreibt bei der Schilderung anderer US-Geheimkriege ähnliche Propaganda-Operationen, etwa 1954 bei der Errichtung eines neokolonialen Regimes auf den Philippinen. Er dokumentiert auch die Ähnlichkeit des Putsch-Drehbuchs mit dem ebenfalls CIA-intendierten Militärputsch in Brasilien 1964 und dokumentiert die Anwendung der Jakarta-Methode für viele weitere Geheimkriege der CIA in Asien, Lateinamerika und Afrika. Die physische Vernichtung von politisch engagierten Menschen, die zu „Kommunisten“ erklärt wurden, war Bevins zufolge maßgebliche Strategie des Westens und prägt bis heute unsere Welt. Verschweigen und Vertuschen gegenüber den westlichen Öffentlichkeiten gehörte immer zu den zentralen Elementen dieser mörderischen Praxis. Westliche Medien standen treu auch an der Seite des neuen Diktators von Jakarta, etwa durch einen Artikel von C.L.Sulzberger aus der New York Times vom 13.4.1966, Titel „When a Nation Runs Amok“ (S. 211).

Diskussion

Vincent Bevins zeigt die Anwendung der Jakarta-Methode in mindestens 23 Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, schildert von der CIA inszenierte Militärputsche vor allem in Brasilien, Chile und Guatemala, die Hunderttausende Tote forderten. Dabei ist seine Dokumentation möglicherweise lückenhaft, denn auf seiner Weltkarte, die „vorsätzliche Massenmorde zur Beseitigung von Linken oder mutmaßlichen Linken“ zeigt, bleibt der europäische Kontinent weiß. Bevins übersieht, wie das im Andreotti-Skandal 1990 aufgeflogene geheime Gladio-Netzwerk („Stay behind“) ganz ähnlich in Westeuropa operierte (vgl. Regine Igel 2006). Bevins öffnet uns mit seinem Buch eine aufrüttelnde Perspektive auf die neuere Geschichte, die u.a. auch beschämende Wissenslücken bzw. empörende Auslassungen unserer Geschichtsbücher und des Geschichtsunterrichts unseres Bildungswesens dokumentiert. Ob es rassistisch-kolonialistische Arroganz ist, die nichtweißen Menschen, ihrem Leben und ihren Leiden im fernen Indonesien, Afrika, Lateinamerika weniger Wert zubilligt? Oder sind es ideologische Scheuklappen, die uns allzu willig der vermutlich auch von Regierungsbehörden gelenkten Propagandaversion der meisten westlichen Medien folgen lassen? Scheuklappen, die bestialische Untaten gerne und oft zu Recht anderen Ländern und Regimen ankreiden und vorhalten, aber sie bei unseren eigenen Regierungen, Behörden und Unternehmen nicht sehen wollen. In der internationalen Debatte zum Ukrainekrieg ist dem Westen seine Doppelmoral (Kai Ambos) auf die Füße gefallen (siehe Rezension dazu). Die grauenhaften Massenmorde der „Jakarta-Methode“ blieben im Westen weitgehend unbekannt -bis heute. Eine kleine Subkultur antikolonialer Kritiker blieb unbeachtet, unsere Leitmedien beließen es maximal bei abwiegelnden Feigenblatt-Artikeln auf hinteren Seiten. Selbst nach der aktuellen Enthüllung westdeutscher Mitschuld am Indonesian Genocide blieb ein Aufschrei der Empörung ebenso aus wie strafrechtliche Ermittlungen. Die Leitmedien taten die BND-Affäre, soweit sie überhaupt erwähnt wurde, als längst verjährte Geheimdienst-Posse ab. Doch Mord verjährt nicht und Völkermord schon gar nicht. Bevins Buch ist allein vorzuwerfen, dass er offenbar noch keine Zeit gefunden hat, ähnlich mörderische Operationen westlicher Geheimdienste in Europa zu recherchieren, die man unter den Stichworten „Gladio-Skandal“ und „Strategie der Spannung“ finden dürfte.

Fazit

Das mitreißend geschriebene Buch schließt eine gravierende Wissenslücke, ergreift dabei Partei für Menschenrechte und Aufklärung. Bevins zeigt auf, wie die mörderische Ideologie des Antikommunismus in Geheimkriegen, Staatsterror und Völkermorden ganze Kontinente verheerte und Gesellschaften der sogenannten Dritten Welt in Elend und Unfreiheit stürzte und gefangen hielt. Es ist nicht nur an Ostasien Interessierten zu empfehlen, sondern jedem, der die heutige Welt verstehen will und sollte hierzulande zum Lehrplan allgemeinbildender Schulen gehören -in Geografie, Geschichte und Politik.

Literatur

Barth, Thomas: Blinde Flecken in der documenta-Debatte, 21.9.2022, https://suedostasien.net/blinde-flecken-in-der-documenta-debatte/

Keller, Anett: Indonesien 1965 ff. Die Gegenwart eines Massenmordes. Ein politisches Lesebuch. Regiospectra Verlag, Berlin 2015

Igel, Regine: Terrorjahre: Die dunkle Seite der CIA in Italien, Herbig, München 2006

Rezension von
Thomas Barth
Dipl.-Psych, Dipl.-Krim.
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Es gibt 11 Rezensionen von Thomas Barth.

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Zitiervorschlag
Thomas Barth. Rezension vom 05.03.2024 zu: Vincent Bevins: Die Jakarta-Methode. Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt. PapyRossa Verlag (Köln) 2023. ISBN 978-3-89438-788-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31988.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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