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Sebastian Voigt: Der Judenhass

Rezensiert von Peter Flick, 25.03.2024

Cover Sebastian Voigt: Der Judenhass ISBN 978-3-7776-2937-7

Sebastian Voigt: Der Judenhass. Eine Geschichte ohne Ende? Hirzel Verlag (Stuttgart) 2024. 232 Seiten. ISBN 978-3-7776-2937-7. 25,00 EUR.

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Thema

Im Nachwort zu seinem Buch, das kurz vor dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 beendet wurde, stellt der Autor fest, dass das Massaker nicht zur Solidarisierung mit den jüdischen Opfern, sondern paradoxerweise weltweit zu einer neuen Welle des Antisemitismus geführt hat.

Sein Essay zur scheinbar endlosen „Geschichte des Judenhasses“ beschäftigt sich allerdings nicht mit seiner globalen Dimension, sondern beschränkt sich im Wesentlichen darauf, die Geschichte des deutschen Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert nachzuerzählen, die zum Holocaust geführt hat.

Im Schlussteil setzt sich der Autor dann auch mit den aktuellen Erscheinungsformen eines „Post-Holocaust-Antisemitismus“ auseinander. Der stellt nicht zuletzt auch in den aktuellen Debatten über einen israelbezogenen Antisemitismus seine erstaunliche Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit unter Beweis.

Autor und Intention

Sebastian Voigt arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München und unterrichtet an der Bundeswehrhochschule München und der Universität Bochum. Der Autor verfolgt mit seinem Buch, das ohne überflüssige Fachterminologie einem breiten Publikum die Ergebnisse der deutschen Antisemitismusforschung nahebringen will, zwei Anliegen:

Erstens muss der moderne Antisemitismus, so Voigt, als Ausdruck eines nationalen Identitätsdenkens verstanden werden, das „den wurzellosen Jude“ zum negativen Gegenbild oder besser Zerrbild des patriotischen Deutschen macht. Für den Autor genügt es nicht, den Antisemitismus mit der bekannten sozialpsychologischen Sündenbockrolle zu erklären, die in Krisenzeiten Konjunktur hat, um dann wieder zu verschwinden.

Zweitens will er zeigen, wie diese Judenfeindschaft nach 1945 als latenter Antisemitismus in beiden deutschen Gesellschaften fortlebt. Nach 1990 äußert er sich im Neokonservatismus eines „selbstbewussten“ Deutschlands, das endlich wieder aus dem Schatten des Holocausts heraustreten will, aber auch als „israelbezogener“ Antisemitismus.

Aufbau und Inhalt

Der Ursprung des Hasses. Judenfeindschaft in der Antike und im Mittelalter (16-26)

Das erste Kapitel beginnt im 5. Jahrhundert v.u.Z.(15) und streift dann kurz die jüdische Exilgeschichte im hellenistischen und römischen Zeitalter (16). Das ambivalente, zwischen Anziehung und Hass schwankende „Konkurrenzverhältnis“ des Christentums zur jüdischen Ursprungsreligion (17 f.) interpretiert der Autor als entscheidende Ursache für die Tendenz zu Ausgrenzung und Gewalt im gesamten Mittelalter bis hin zur frühen Neuzeit (vgl. 20 ff.). Als besonders abstoßendes Beispiel eines christlichen Judenhasses gilt ihm Martin Luther mit seinen Ausfällen gegen das „verstockte“ Judentum (vgl.25 ff.). Mit der Neuzeit werde dann allerdings „die religiöse Ablehnung sukzessive durch säkulare Ressentiments abgelöst.“(26).

Emanzipation und Rückschläge Die Judenfeindschaft von der Frühen Neuzeit bis zur Französischen Revolution (27-35)

Im Folgekapitel zitiert der Autor religionsfeindliche Äußerungen im 17. und 18. Jahrhundert, von Spinoza bis Aufklärungsphilosophen wie Voltaire, ohne sie weiter zu kontextualisieren (31 f.). Die amerikanische (33) und französische Verfassungsrevolution (34 f.) bestärkten die jüdischen Emanzipationsbestrebungen.

Verschwörungen. Die Judenfeindschaft von der Entstehung des Kapitalismus bis zum Frühsozialismus (36-48).

Schon vor der Französischen Revolution begannen in Deutschland mit der Schrift des preußischen Juristen und Diplomaten Christian Friedrich Wilhelm Dohm die Bestrebungen zur „bürgerlichen Verbesserung der Juden“ (1781) und für die Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürger (37). Dagegen formierte sich in der Zeit nach den Napoleonischen Kriegen eine konservative Gegenaufklärung, die im Rückgriff auf antisemitische Motive auf eine Zurücknahme der bereits erreichten rechtlichen Fortschritte drängte (38 ff.). Dabei zeigt im Rückblick die Frühform des völkischen Nationalismus neben dem „alten“, christlich motivierten Judenfeindschaft schon Elemente eines „neuen“ Judenhasses, der sich 1819 in mehreren deutschen Städten in Pogromen entladen hat (40 ff.). Aber auch im in den 1830er-Jahren entstehenden Frühsozialismus schwelte eine Judenfeindschaft weiter. Voigt bezieht sich u.a. auf Thesen von Proudhon und Marx, die antikapitalistische und antijüdische Motive miteinander vermischen.(45 ff.).

Internationale Dimensionen. Die Judenfeindschaft von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 (75-87).

Die oben genannten drei Kapitel beschreiben Etappen der Entstehung und Verbreitung eines „modernisierten“ Antisemitismus, der statt mit religiösen verstärkt mit kulturellen und biologischen „Begründungen“ arbeitet. Der „moderne“ Antisemitismus hat schon in Ansätzen im späten 18. Jahrhundert mit der Umdeutung der sog. „Judenfrage“ begonnen, die nicht mehr im Sinne der liberalen Forderung nach gleichen Rechten, sondern als nationaler Abwehrkampf gegen die zersetzenden Tendenzen des Judentums uminterpretiert wurde. Auch wenn die Diskussionen zur Deutschen Frage in der Paulskirche nicht frei von antisemitischen Untertönen waren, so identifiziert sich die Mehrheit der Liberalen und ein assimilationsbereites jüdisches Bürgertum mit den Zielen einer Verfassung, die die bürgerliche Gleichstellung garantieren sollte. Der „Reichnationalismus“ und die Ära der Großen Depression, die im Wilhelminismus die Gründerzeit ablöste, bezeichnet im Rückblick eine tiefe Zäsur. Die 1870iger und 1880er-Jahre sind die Inkubationszeit eines rassisch und kulturell begründeten modernen Antisemitismus. Der vermeintlich „jüdische Geist“ wird jetzt für alle negativen Begleiterscheinungen der modernen Gesellschaft, der Wirtschaft, der Kultur und Medienwelt verantwortlich gemacht.

Das Kapitel „Internationale Dimensionen“ ergänzt die These durch Hinweise auf die Einflüsse des französischen und russischen Antisemitismus und eine um 1900 beginnende Politisierung in Gestalt von Parteien und Verbänden, in denen die Ausweisung und Vernichtung des „Judenvolks“ propagiert wurde.

Ausgrenzung und Vernichtung. Der Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 (113- 145).

Der Autor zeigt im Kapitel „Weimar“ wie nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg der politische Antisemitismus in der Frühzeit der Weimarer Republik eine bisher ungekannte öffentliche Resonanz erfuhr. Die Entgrenzung der Gewalt im Ersten Weltkrieg öffnete auch im Hinblick auf den politischen Antisemitismus die „Büchse der Pandora“ (Jörg Leonhard). Mit der nationalsozialistischen Bewegung gelangte in der Endphase der Weimarer Republik die radikalste Version eines rassistisch begründeten Antisemitismus an die Macht, um dann in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft die antisemitische Fantasien von Deportation und Vernichtung des europäischen Judentums in die Tat umzusetzen.

Kontroversen (187-221). Die Judenfeindschaft von der Wiedervereinigung 1990 bis heute

Die oben genannten Schlusskapitel befassen sich mit dem Antisemitismus nach dem Holocaust. Für den Autor hat ein latenter Antisemitismus in „beiden Deutschlands“ überlebt, trotz der Aufklärungsbemühungen in den 60er-Jahren und den folgenden Jahrzehnten. So sei die westdeutsche Gesellschaft der 80er-Jahre (trotz des Historikerstreits von 1987, der heute gerne als Rückzugsgefecht rechtskonservativer Positionen gefeiert wird) „das Bedürfnis nach einem Schlussstrich“ (186) immer noch stark gewesen. Auch heute sei der Antisemitismus in Deutschland ein eher „durchlöchertes Tabu“ (Peter Longerich).

Diskussion

Wenn Voigt aktuelle Umfragen der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Leipziger Autoritätsstudie zitiert, die für ihn eine „erschreckend hohe Zahl“ judenfeindlicher Einstellungen belegen (212), so muss man darauf hinweisen, dass die empirische Erfassung solcher Einstellungen, ihre „Messbarkeit“ und „Tradierung“ ein Problem darstellt, insbesondere was die „feinere Codierung“ des Antisemitismus im privaten oder halböffentlichen Raum angeht (vgl. Peter Longerich, Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte, 2023, 429 ff.).

Ein gesondertes Problem stellt die „Judenfeindschaft in der islamischen Welt“(13) dar, die in seinem Buch „unterbelichtet“ (13) bleibt, wie Voigt selbst einräumt. Die politische Brisanz des „muslimischen Antisemitismus“ (210) besteht darin, dass er von Rechtskonservativen, aber auch in einem liberal-konservativen Milieu dazu benutzt wird, um mit dem Hinweis auf einen „zugewanderten Antisemitismus“ eine verbreitete Islamophobie zu schüren (Wolfgang Benz, Ansturm auf das Abendland? Zur Wahrnehmung des Islam in der westlichen Gesellschaft, Wien, 2012).

Was den „postkolonialen“ und „israelbezogene“ Antisemitismus angeht, so äußert der sich nicht immer so offen, wie im Fall der Kasseler „Documenta fifteen“ von 2022, wo ein großes Bild mit einem blutrünstigen Juden, mit Vampirzähnen und SS-Runen gezeigt wird. Was die Mbembe – Kontroverse (216 ff.) angeht, die Voigt aufgreift, so sind auch bei ihm die Ressentiments gegenüber der deutschen Erinnerungskultur unüberhörbar, die den Holocaust in den Rang eines „Katechismus“ erheben würden (Dirk Moses, 2021). Aber ist es sinnvoll, daraus auf eine antisemitische Einstellung zu schließen? Für Voigt scheint die Sache im Fall des kamerunischen Historikers Achille Mbembe klar zu sein. In dessen Kritik der israelischen Besatzungspolitik sieht er ein Wiederaufleben des „antijudaistische Bildes des rachsüchtigen Juden“ (217). Auch seine Nachgiebigkeit gegenüber „den Forderungen der antisemitischen BDS-Bewegung“ (217) erscheint ihm als Beleg eines „sekundären Antisemitismus“ zu genügen. Dabei ist es nicht immer klar, wo eine legitime Kritik der israelischen Besatzungspolitik endet und eine antisemitisch motivierte Kritik beginnt.

Micha Brumlik, der sich ausführlich mit der „Mbembe-Kontroverse“ befasst hat, die sich im Anschluss an seine Ausladung durch die Veranstalter der Ruhrtriennale 2012 entwickelt hat, kommt zu einem etwas anders akzentuierten Urteil als Voigt. Er findet, „dass Mbembe noch die Grenze zur Dämonisierung wahrt.“ (Micha Brumlik: Postkolonialer Antisemitismus? Hamburg 2021, S. 26). Es ist für Brumlik zwarübertrieben, wenn Mbembe 2015 die israelische Besatzung als „größte[n] moralische[n] Skandal unserer Zeit“ bezeichnet hat, aber auch seine vermeintliche oder wirkliche Nähe zur BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestment, Sanktionen) will Brumlik nicht per se als Indiz für einen israelbezogenen Antisemitismus gewertet wissen.

Gerade wenn man Voigt zustimmt, dass der israelbezogene Antisemitismus „ernster“ genommen werden muss, geht es auch darum, mit dem Vorwurf des Antisemitismus „sorgsam umzugehen“, gerade da, wo der „Kampf gegen den Antisemitismus“ droht, in pure Demonstrationen der Gesinnungsstärke umzuschlagen (vgl. dazu Micha Brumlik, Gert Krell, Der neue Antisemitismusstreit, Teil 2, »Blätter« 6/2022).

Fazit

Der Essay kann, trotz der oben formulierten kritischen Anmerkungen, als Einstieg in die Geschichte des deutschen Antisemitismus empfohlen werden, da er deutlich macht, dass Judenfeindschaft auch heute nicht nur als Problem eines „verrückten“ oder extremistischen Rands der Gesellschaft verstanden werden darf.

Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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Es gibt 28 Rezensionen von Peter Flick.

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Zitiervorschlag
Peter Flick. Rezension vom 25.03.2024 zu: Sebastian Voigt: Der Judenhass. Eine Geschichte ohne Ende? Hirzel Verlag (Stuttgart) 2024. ISBN 978-3-7776-2937-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31990.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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