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Sven Lind: Umgang mit Demenz

Sven Lind: Umgang mit Demenz. Wissenschaftliche Grundlagen und praktische Methoden. Agenda Verlag (Münster) 2000. 174 Seiten. 100,00 EUR.

Preis zzgl. 16 % MwSt und Versandkosten. Bezugsquelle: Paul Lempp Stiftung, Bereich Forschung, Rotenbergstraße 20, 70190 Stuttgart, Fax 0711-26879-78.


Demenz ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen (u.a. Alzheimersche Krankheit), die zu Hirnleistungsschwächen führen. Mit der Zunahme der Lebenserwartung hat sich die Wahrscheinlichkeit, an dementiellen Symptomen zu erkranken, bei alten Menschen stark gesteigert. Demenz ist eine Herausforderung für die Pflegepraxis, die zumeist nur unzureichend auf den Umgang mit Demenzkranken eingestellt ist (übrigens ähnlich wie die Medizinischen Dienste der Krankenkassen, die Demenz als Grund für Pflegebedürftigkeit häufig unterschätzen). Die Paul Lempp Stiftung – die im Bereich der Altenpflege Ausbildungsangebote entwickelt – hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, mit dem das Ziel verfolgt wurde, aus der Auswertung der internationalen Forschung zum Thema "Demenz" konkrete Handlungsempfehlungen für die Pflegepraxis abzuleiten. Der Psychologe Sven Lind hat dazu rund 250 Literaturquellen insbesondere aus den USA, aus Skandinavien und aus Deutschland ausgewertet und mit eigenen Beobachtungen aus der Kenntnis von Pflegeeinrichtungen in Deutschland ergänzt. Das Gutachten enthält Aussagen zu folgenden Themen:

  • Symptome und Verläufe von Demenz.
  • Verhaltensweisen von Demenzkranken in stationären Altenhilfeeinrichtungen.
  • Auswirkungen von Umweltfaktoren auf das Erleben und Verhalten Demenzkranker.
  • Interventionsmöglichkeiten bei störenden Verhaltensweisen.
  • Anpassung der Arbeitsorganisation und der Zeitrhythmen von Pflegeeinrichtungen an die Demenzkranken.
  • Homogene oder heterogene Bewohnerstrukturen?
  • Pflege- und Kommunikationsmethoden bei Demenzkranken.
  • Demengerechte Milieus.
  • Biographische Orientierung bei der Pflege und Betreuung Demenzkranker.
  • Anforderungen an die Architektur von Pflegeeinrichtungen.

Das Gutachten zeichnet sich durch eine konsequente Orientierung an den Anforderungen der Pflegepraxis aus. Es ist nach sachlichen Gesichtspunkten (und nicht etwa nach ausgewerteten Studien) gegliedert. Die empirischen Untersuchungen, die die Grundlage für die Handlungsempfehlungen bilden, sind selber kaum dargestellt, sondern nur die Ergebnisse und Schlußfolgerungen, die stets mit Hinweisen auf praktisches Handeln verbunden sind. Eine besondere Stärke liegt darin, daß sich in dem Gutachten immer wieder sensible psychologische Erklärungen finden, die aber verständlich und ohne übertriebenen Fachjargon abgefaßt sind. Ein Beispiel ist ein Gedankenexperiment, zu dem der Leser aufgefordert wird, um sich in die Erlebenswelt eines Demenzkranken zu versetzen (Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich unter Zeitdruck auf einem chinesischen Provinzflughafen, können keinen Anschlag lesen, können sich mit niemandem verständigen...). Ein anderes Beispiel ist die Erklärung scheinbar "verrückter" Verhaltensweisen aus der Biographie der Demenzkranken (Ein alter Herr, der mit seinem Arm über dem Kopf herumfuchtelt, war vielleicht ein Anstreicher, der jetzt in der Vergangenheit lebt und die Decke streichen will...). Die Handlungsempfehlungen, die Lind aus den Studien ableitet, sind stets unmittelbar in der Pflegepraxis umsetzbar, sehr anschaulich und vielfach mit Hilfe von Beispielen erläutert (etwa zum Umgang mit aggressivem Verhalten). Dazu stellt er – teilweise anhand konkreter Zahlen – eindrucksvoll dar, welche positiven Effekte die Umsetzung seiner Empfehlungen aufweist. Er ist sich allerdings durchaus bewußt, daß manche seiner "idealistischen" Empfehlungen an Zeit- und Personalengpässe stoßen werden, empfiehlt aber, sich dem "Pflegeideal" so weit wie möglich anzunähern. Hinsichtlich einiger Streitfragen der Pflegeorganisation (z.B. Segregation Demenzkranker, geschlossene Stationen, Normalität des Milieus) vertritt der Verfasser eine konsequent betroffenenorientierte, pragmatisch-unideologische Perspektive. Ein Wermutstropfen besteht darin, daß das Buch aus einer rein verbalen Darstellung besteht, während man sich gelegentlich Tabellen, Grafiken oder Schemata gewünscht hätte. So finden sich im Architekturkapitel (das mit seinen konkreten Planungshinweisen im übrigen zu den spannendsten Kapiteln zählt) noch nicht einmal Grundrißbeispiele. Zu fragen bleibt, ob der hohe Preis angemessen ist. Die Paul Lempp Stiftung hat offenbar das Gutachten bezahlt und will über den Verkauf der Studie einen Teil der Kosten wieder hereinholen. Für Pflegeeinrichtungen sind die 248 DM (netto) sicherlich gut angelegtes Geld und in jedem Fall wirtschaftlicher, als auch nur einen Mitarbeiter zu einem Seminar zu schicken. Für Studierende, Pflegekräfte, Sozialarbeiter, Wissenschaftler oder interessierte Angehörige (für die eine Lektüre ebenfalls gewinnbringend wäre) dürfte das Buch jedoch unerschwinglich sein – es sei denn, es werden Sonderpreise gewährt.

Fazit

Insgesamt handelt es sich um eine extrem informative Zusammenfassung der verstreuten und nur mühsam zu beschaffenden internationalen Literatur zum Thema Demenz, aus der äußerst praxisnahe Handlungsempfehlungen für die Pflege abgeleitet werden. Der Gebrauchswert der Studie ist hoch – der Preis allerdings auch.


Rezensent
Prof. Dr. Volker Eichener
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Zitiervorschlag
Volker Eichener. Rezension vom 01.01.2001 zu: Sven Lind: Umgang mit Demenz. Wissenschaftliche Grundlagen und praktische Methoden. Agenda Verlag (Münster) 2000. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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