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Manuela Dudeck, Detlef Schläfke et al. (Hrsg.): Kindstod und Kindstötung

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 07.06.2024

Cover Manuela Dudeck, Detlef Schläfke et al. (Hrsg.): Kindstod und Kindstötung ISBN 978-3-95466-878-6

Manuela Dudeck, Detlef Schläfke, Frank Häßler (Hrsg.): Kindstod und Kindstötung. 2., aktualisierte und erweiterte Neuauflage. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2024. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. 280 Seiten. ISBN 978-3-95466-878-6. D: 49,95 EUR, A: 51,45 EUR, CH: 60,00 sFr.

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Thema

Vernachlässigung, psychische, sexualisierte und auch physische Gewalt sind Formen der Misshandlung von Kindern. Kommt es zu einer Kindstötung, ist oftmals von dem Kulminationspunkt der Gewalt oder auch dem Resultat einer psychischen Störung der Täterin oder des Täters die Rede. Vor allem in den Medien wird immer häufiger über Kindstötungen berichtet. Damit einher geht Betroffenheit, aber auch die Frage nach Ursachen und präventiven Schutzmaßnahmen. Für Deutschland ist von 1 – 2 % Kindstötungen unter den Tötungsdelikten auszugehen. Aufgrund der Komplexität der dem Phänomen zugrundeliegenden Problematiken ist aber eine hohe Dunkelziffer anzunehmen, da sich auch hinter dem Plötzlichen Kindstod Infantizide verbergen können und ein Münchhausen-Syndrom by proxy (MSBP) mit dem akzidentellen oder sogar intendierten Kindstod enden kann.

HerausgeberInnen

Prof. Dr. med. habil. Frank Häßler studierte Humanmedizin an der Pomorska Akademia Medyczna in Szczecin/​Polen und der Universität Rostock. Zudem schloss er zwei Qualifikationen als „Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie“ und „Facharzt für Neurologie und Psychiatrie“ ab. Frank Häßler hat seinen Schwerpunkt auf den Bereich der Forensischen Psychiatrie gelegt. Univ.-Prof. Dr. med. Manuela Dudeck ist seit Mai 2013 Lehrstuhlinhaberin für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Ulm und ärztliche Direktorin der gleichnamigen Klinik der Bezirkskliniken Schwaben. Sie war als Mitglied der „Task Force Maßregelbehandlung“ der DGPPN mitverantwortlich für die Entwicklung der Standards für die Behandlung im Maßregelvollzug. Prof. Dr. med Detlef Schläfke studierte bis 1978 Humanmedizin, woraufhin eine Facharztweiterbildung in Neurologie und Psychiatrie sowie die Promotion an der damaligen Universitätsnervenklinik Rostock und eine weitere Tätigkeit als Facharzt an derselben Klinik folgte. Ab 1990 war er als Oberarzt/​stellvertretender Klinikdirektor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Rostock tätig. 1999/2000 war er am Aufbau der Klinik für Forensische Psychiatrie der Universitätsmedizin Rostock beteiligt und bis 2017 mit Eintritt in den Ruhestand dort als Leiter tätig. Unterstützt werden sie von rund zehn fachkompetenten Autor:innen.

Entstehungshintergrund

Neben den Aktualisierungen der auch in der Erstauflage vorhandenen Beiträgen finden sich in diesem Band auch zwei neue Kapitel, in denen es um die Themen Assistierter Suizid und Familizid. Das Buch richtet sich an (Forensisch tätige) Kinder- und Jugendpsychiater:innen, Psychiater:innen, Psycholog:innen, Jurist:innen, Pädagog:innen und Sozialarbeiter:innen sowie, Kriminolog:innen; Kriminalist:innen und Polizeibeamt:innen.

Aufbau und Inhalt

Die Neuauflage behandelt Kindstötungen im historischen Kontext, in Kunst und Literatur, im strafrechtlichen Zusammenhang und in Bezug auf die forensisch-psychiatrische Beurteilung. Außerdem werden die Thematiken des Infantizids, des Münchhausen-Syndrom by proxy sowie rechtsmedizinische Aspekte der Kindesmisshandlung und der Plötzliche Kindstod genauer betrachtet. Zudem findet in Vergleich zwischen Plötzlichem Säuglingstod (SID), Infantizid und MSBP statt. Wie bereits erwähnt, kommen noch zwei neue Themenbereiche hinzu – der Assistierte Suizid und der Familizid.

Nach der zeit- und kulturgeschichtlichen Einordnung geht es zunächst um gutachterliche Erfahrungen bei Neonatiziden (Tötung von Neugeborenen) und Infatiziden (Tötung eines Säuglings), bevor ein Grundlagenkapitel zu rechtsmedizinischen Aspekten von Kindesmisshandlung folgt, in dem zunächst die Einordnung bestimmter Verletzungsmuster erfolgt. Im weiteren Verlauf wird ein genauerer Blick auf das Schütteltrauma als Folge von Kindesmisshandlungen geworfen sowie die Bedeutung eines guten Fallmanagements in solchen Fällen diskutiert.

Das nächste Kapitel stellt den Plötzlichen Kindstod in den Fokus, benennt Risikofaktoren, stellt die aktuelle Forschungslage dar und leitet daraus Schlafempfehlungen für Kleinkinder ab. So erfahren die Leser:innen zum Beispiel, dass die Todesursache Plötzlicher Kindstod eigentlich nur gestellt werden darf, wenn in einer Obduktion keine andere Todesursache gefunden werden konnte, aber nur in gut der Hälfte der Fälle eine Obduktion erfolgt. Es wird deutlich, dass sich die Wissenschaft zwar mittlerweile dem Phänomen immer mehr annähert, aber es letztlich noch keine genaue bekannte Ursache gibt. Lediglich die Risikofaktoren sind bekannt, wozu zum Beispiel starkes Rauchen in der Wohnung und ein niedriger soziokultureller Status der Familie gehören. Säuglinge sind am meisten gefährdet, an einem plötzlichen Kindstod zu sterben, ein ‚Massenphänomen‘ ist er allerdings nicht.

Mit einer sehr speziellen Form der Kindeswohlgefährdung, dem Münchhausen-Syndrom by proxy geht es danach weiter. Hier wird neben grundsätzlichen Informationen zu dem sehr speziellen Störungsbild diskutiert, welche Schutzmaßnahmen es gibt, um zu verhindern, dass Kinder dadurch geschädigt werden. Die beiden Themenfelder stehen dann im Fokus des zehnten Kapitels, in dem die Autoren Unterschiede und Gemeinsamkeiten Plötzlichen Kindstod, Infantizid und Münchhausen-Syndrom by proxy mit tödlichem Ausgang beschreiben. Dabei wird deutlich, dass ein sehr genaues Hinsehen aller beteiligten Professionen von ganz grundlegender Bedeutung ist.

Den Abschluss bildet ein – fachlich hervorragend aufbereiteter, inhaltlich sehr bedrückender – Beitrag über Aktive Sterbehilfe bei Kindern und Jugendlichen. Wie sieht gerade bei Minderjährigen die Rechtslage aus, welche Dilemmata treten bei der Diskussion über solche Fälle auf, aber auch eine ganz grundsätzliche Einführung in das Thema stehen im Mittelpunkt dieses Kapitels. Zum Einstieg wird erst einmal das Fragezeichen der Leser:innen beantwortet, warum ein solches Thema in einem Fachbuch über Kindstod und Kindstötung zu finden ist – weil es das eben letztlich auch ist (durch menschliches Handeln stirbt ein Kind) und die Begründungen für das Handeln der Erwachsenen (Erlösung von Leid) durchaus vergleichbar sind von einem Teil der Kindstötungen im ‚herkömmlichen‘ Sinn: „Auch beim „typischen“ Infantizid durch Mütter wurden in über der Hälfte der Fälle altruistische Motive (das Lindern von realem oder imaginärem Leid) beschrieben“ (S. 216). Anschließend steht in diesem Kapitel der Fokus auf eine Darstellung der Rechtslage, die fast überall einhellig ausfällt. Während nur in Belgien und den Niederlanden Minderjährige ab dem 16. Lebensjahr selbstbestimmt und vorher mit Zustimmung der Sorgeberechtigten aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen können unter genau definierten Bedingungen, ist dies in Deutschland wie in nahezu allen anderen Ländern, die das Thema gesetzlich geregelt haben, verboten. Lediglich die passive Sterbehilfe ist in vielen europäischen und anglo-amerikanischen Ländern erlaubt. Die Unterschiede in den Begrifflichkeiten, die vorher erklärt worden, machen es deutlich: Während aktive Sterbehilfe ein konkretes Handeln voraussetzt, ist es bei passiver Sterbehilfe so, dass auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet und gleichzeitig für Schmerzlinderung gesorgt wird.

Diskussion

Dieses Buch behandelt einen Themenkomplex, mit dem sich wahrscheinlich niemand der oben genannten Zielgruppe wirklich gerne beschäftigt. Der Tod eines Kindes ist ein Thema, über das in der Gesellschaft grundsätzlich ungerne gesprochen wird – aber erst recht, wenn eventuell gar keine natürliche Ursache dahintersteckt, sondern gar ein Tötungsdelikt. Umso wichtiger ist es, Wissen darüber zu haben, Fakten zu kennen und so letztlich alle Möglichkeiten zu nutzen, den Unterschied zwischen Schicksal und Straftat zu erkennen und im besten Falle Taten sogar zu verhindern, weil Risiken erkannt werden. Dazu kann dieses Buch mit seiner wissenschaftlichen Nüchternheit, gut lesbaren Texten, einem übersichtlichen Layout und einer großen Vielfalt an Themenbereichen beitragen. Dass mit den ersten Kapiteln eher eine abstrakte Einführung geliefert wird, ist dabei durchaus positiv, weil es so gelingt, einen fundierten Zugang zu den für die aktuelle Praxis relevanten zu Kapiteln zu finden. Dass sich die theoretischen Erkenntnisse durch Fallvignetten untermauern lassen, ist ein weiterer großer Pluspunkt.

Fazit

Wer für seinen beruflichen Alltag Informationen zum Themenfeld benötigt, der kann mit diesem Buch nichts falsch machen – ein praxisnahes Standardwerk, das viel Hintergrundwissen zu einem Tabuthema liefert.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 72 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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Zitiervorschlag
Wolfgang Schneider. Rezension vom 07.06.2024 zu: Manuela Dudeck, Detlef Schläfke, Frank Häßler (Hrsg.): Kindstod und Kindstötung. 2., aktualisierte und erweiterte Neuauflage. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2024. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-95466-878-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32001.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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