Johannes Plagemann, Henrik Maihack: Wir sind nicht alle
Rezensiert von Prof. Dr. Georg Auernheimer, 25.04.2024
Johannes Plagemann, Henrik Maihack: Wir sind nicht alle. Der globale Süden und die Ignoranz des Westens.
Verlag C.H. Beck
(München) 2024.
3. Auflage.
243 Seiten.
ISBN 978-3-406-80725-1.
18,00 EUR.
Reihe: C.H. Beck Paperback - 6534.
Thema
Mit dem Buchtitel zeigen die Verfasser an, dass der „Westen“, m.a.W. das transatlantische Bündnis oder die G7-Staaten, nicht mit der Weltgemeinschaft gleichzusetzen ist, wie uns Politik und Medien suggerieren wollen. Es hat sich eingebürgert, den „Rest“ der Welt, ausgenommen Russland, als den Globalen Süden (GS) zu bezeichnen. Es handelt sich um ein Konglomerat von Staaten mit unterschiedlichen politischen Systemen und sehr unterschiedlichem wirtschaftlichem Entwicklungsstand. Aber gemeinsam ist ihnen die koloniale Vergangenheit und meist die Anstrengung, sich von postkolonialen Abhängigkeiten zu befreien. Das begründet ihr Misstrauen und ihre Distanz gegenüber dem Westen, was die Verfasser in der vorliegenden Publikation verständlich machen wollen.
Die Autoren
Johannes Plagemann arbeitet als Politikwissenschaftler am German Institute for Global and Area Studies in Hamburg und war zeitweise Mitarbeiter im Auswärtigen Amt. Henrik Maihack, ebenfalls Politikwissenschaftler, leitet das Afrika-Referat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Er kann auf jahrelange Erfahrungen in afrikanischen Ländern und auf dem indischen Subkontinent verweisen.
Inhalt und Aufbau
In der Einleitung erklären die Autoren: „Wir verstehen den Westen in diesem Buch so wie ihn viele im Globalen Süden sehen: als die Gruppe industrialisierter Staaten, die ihren Reichtum maßgeblich durch Sklavenhandel, Kolonialismus, Imperialismus und die Ausbeutung fossiler Rohstoffe vorfinanziert haben“ (10). Sie bemühen sich also um einen Perspektivenwechsel. Zugleich stellen sie aber klar: „Wir bilden uns nicht ein, für den Globalen Süden zu sprechen“ (24).
Im 1. Kapitel soll verständlich gemacht werden, „warum man im Globalen Süden ein anderes Geschichtsverständnis hat als im Westen“ (Überschrift). Den Ursprung der heutigen Großkrisen (Klimakrise, Schuldenkrise etc.) sehe man dort in der Politik des Westens (31). Die koloniale Vergangenheit und die mörderischen Befreiungskriege förderten die Auffassung, dass der Westen das Erbe der Aufklärung verraten habe. Die Verfasser lassen Intellektuelle aus dem GS zu Wort kommen (43ff.). Sie erinnern an die Förderung repressiver Regime durch westliche Staaten, an Stellvertreterkriege, an die Folgen des marktradikalen Washington Consens und daran, dass der Westen die eigenen Regeln, unter anderem die der Welthandelsorganisation, bricht (80). Zugleich machen sie auf die produktive Mitwirkung der vom Kolonialsystem befreiten Staaten bei der Erweiterung der UNO-Organisationen in den 1960er-Jahren aufmerksam (62).
Im 2. Kapitel wollen die Verfasser zeigen, „wie sich kleine und große Staaten im Globalen Süden Alternativen zum Westen zunutze machen“. Der Süd-Süd-Handel habe an Fahrt aufgenommen, nicht zuletzt dank der chinesischen Kreditpraxis (87f.). Dazu kämen Investitionen der neuen wirtschaftlichen Großmächte China und Indien. Der Handel werde durch die Zunahme des kulturellen Süd-Süd-Austauschs ergänzt (98, 100). Politisch ließen sich die Regierungen im GS von Pragmatismus leiten (92f.). Das zeigen die Verfasser exemplarisch am Beispiel von Kenia und Bangladesh (106, 114). Sie verweisen auf den globalstrategischen Vorsprung des China-Afrika-Forums und auch das entsprechende Forum der Russischen Föderation, dessen Bilanz jedoch weitaus bescheidener ist (120). Chinas Mitwirkung an UN-Friedensmissionen verdeutliche dessen Engagement in transnationalen Institutionen (123). Am Schluss des Kapitels mahnen die Verfasser: „Eine wertegeleitete Außen- und Entwicklungspolitik müsste die Bekämpfung von Ungleichheit und mangelnder Daseinsvorsorge prioritär bearbeiten“ (133).
Das 3. Kapitel soll klären helfen, „warum man im Globalen Süden den Westen für viele Krisen verantwortlich macht“. Anfangs machen die Verfasser klar, wie stark soziale und ökologische Probleme vom Westen externalisiert werden, zum Beispiel durch die Auslagerung vieler Produktionszweige in Billiglohnländer (137). Im folgenden gehen sie ein auf die Corona-Krise, die Klima-Krise, die Schuldenkrise, die „Sahel-Krise“ und die Korruptionskrise. Die Covid-19-Pandemie sei für die Länder im GS zum Prüfstein für die Politik des Westens geworden. Den Patentschutz für Impfstoffe und deren Hortung habe man als Exklusion wahrgenommen (141). Die Klima-Krise sehen die Autoren auch durch das Wachstum der Mittelschichten in China und Indien befördert (148). Aber sie verweisen auch auf die Externalisierung ökologischer Probleme durch den European Green Deal (151).
Welch ein komplexes Zusammenspiel die Überschuldung der Länder des Südens bewirkt, zeigen die Autoren am Beispiel der Finanzkrise von 2008, als zunächst die Niedrigzinsphase im Westen Kreditgeber nach dem Süden lockte, wo dann in der Hochzinsphase, weil die Zentralbanken im Westen die Leitzinsen zu Inflationsbekämpfung erhöht hatten, die schon hoch verzinsten Schulden nochmals anwuchsen (153ff.). Unter „Sahel-Krise“ verstehen die Autoren das Chaos in der Sahelzone, das der Zerstörung Libyens folgte – ebenso eine „regionale Krise“ wie die Folgen der Korruption, die durch die Rohstoffexporte begünstigt wird, auf die die meisten Länder angewiesen sind (167ff.).
Thema des 4. Kapitels ist die Regulierbarkeit globaler Konflikte, verbunden mit der Frage der Mächtebalance. Die Verfasser sehen den Übergang von der bipolaren zur multipolaren Weltordnung nicht nur positiv. Die Multipolarität habe auch ihre Schattenseiten (181). Unübersehbar ist für sie aber das Scheitern von global governance. Diese werde zunehmend ersetzt durch „exklusivere und weniger formalisierte Formate wie die G20“ (187) oder die G7. Schwächen und Leistungen der G20 wie die Reformanstöße für den IWF werden gegeneinander abgewogen (195ff.). Der Welthandelsorganisation werden Verdienste bescheinigt, die durch den neuen Protektionismus der USA gefährdet seien. Es erstaunt nicht, dass die Länder des GS hohe Erwartungen in alternative Finanzinstitutionen wie die von den BRICS-Staaten eingerichtete New Development Bank setzen.
Im Schlusskapitel kommt die Politikberatung zum Zug. Die Autoren zerstreuen Befürchtungen vor Staatenbündnissen im GS, die nicht mit einer Abwendung vom Westen gleichzusetzen seien. Sie zeigen Fehler auf und geben Empfehlungen, und zwar teilweise in Bezug auf die Kriege der jüngsten Zeit. Fest steht für sie: „ein reines Bewahren der internationalen Ordnung in ihrer jetzigen Form ist keine Option mehr“ (223).
Diskussion
Das Schlusskapitel macht deutlich, dass die Beobachterposition der Verfasser im Westen zu verorten ist. Das versteht sich zwar von selbst, aber damit verbunden ist die Zuversicht, der Westen könne die Entwicklung nach wie vor maßgebend steuern. Das ist kompatibel mit der mehr moralischen als analytischen Betrachtungsweise. Die Verfasser bringen schonungslos Fehler der Vergangenheit seitens des Westens zur Sprache, ebenso Privilegien, Machtungleichgewichte und Abhängigkeiten. Aber die tieferen Ursachen dafür bleiben im Dunklen. Imperialismus, einmal in der Einleitung genannt, bleibt eine bloße Chiffre. Die „wertegeleitete“ Außenpolitik an „die Bekämpfung von Ungleichheit und mangelnder Daseinsvorsorge“ zu erinnern, ist ein moralischer Imperativ. Warum das bis heute ein Desiderat geblieben ist, bleibt ungeklärt. Die Autoren haben erkannt: „Es braucht (um die Klimakatastrophe zu verhindern, G.A.) nicht weniger als die größte und globalste wirtschaftliche Transformation […] dazu noch eine bisher nie gesehene Umverteilung…“ (150). Aber sie lassen offen, worin die Transformation bestehen soll, was sie bisher verhindert und auf welche politischen Kräfte man dabei zählen darf.
Aber es ist nicht so, dass die Autoren nicht verhängnisvolle globale Zusammenhänge aufdeckten, sodass das Buch für fragende Leser:innen viel Material zum weiterdenken liefert.
Fazit
Mancher mag zwar die Kapitalanalyse vermissen. Aber gerade, weil die Weltunordnung ohne das Reizwort Kapitalismus behandelt wird, kann die Publikation im Unterricht der Oberstufe und in der Ausbildung für Sozialberufe gut verwendet werden, um kritische Denkanstöße zu liefern. Für entwicklungspolitische Aktivisten ist das Buch eine Fundgrube von Informationen.
Rezension von
Prof. Dr. Georg Auernheimer
Lehrte Erziehungswissenschaft, Schwerpunkt Interkulturelle Pädagogik, in Marburg und Köln.
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