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Ute Schmidt-Hackenberg: Malen mit Dementen

Cover Ute Schmidt-Hackenberg: Malen mit Dementen. Vincentz Network (Hannover) 2005. 104 Seiten. ISBN 978-3-87870-129-3. 23,80 EUR, CH: 14,70 sFr.
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Die Autorin

Die Autorin hat  viele Jahre als Beschäftigungstherapeutin mit alten, an Demenz erkrankten Menschen gearbeitet und gibt dieses Wissen regelmäßig in Seminaren weiter. Dort wurde sie immer wieder gefragt: "Wo kann man das alles nachlesen?" Hier nun die Antwort, liebevoll illustriert von der Tochter der Autorin, Kadie Schmidt-Hackenberg.

Ziele

Auf der ersten Seite ein Zitat des Künstlers Joseph Beuys: "Im Mittelpunkt steht der Mensch. Aber ein Mensch, der im Augenblick sehr weit von sich entfernt ist, verlangt, dass man ihm eine Methode nennt, wie er aus der Entfremdung herauskommt. Ich glaube schon, dass die Kunst das leisten kann und - radikal gesagt - gibt es überhaupt keine andere Methode, die noch übrig bleibt, als die Kunst. Also werde ich der Kunst auch die zentrale Rolle einräumen." Obwohl das Beuys-Zitat schon eine Antwort sein könnte, überschreibt die Autorin ihr erstes Kapitel mit der Frage: Warum mit dementen Bewohnern malen? Als Ziele nennt sie eine verbesserte Mobilität, das Verhindern von Rückzug und Vereinsamung und nicht zuletzt Freude und Zufriedenheit und ein "Daheim-sein-Gefühl".

Inhalte

In dem Kapitel: "Malen als Lebensspur" geht es um die Arbeit mit der Biografie des alten Menschen und mit seinen Lebenserinnerungen. Die Autorin vergleicht die Ziele von malenden Kindern mit denen der alten Menschen. "Kinder malen, um eine Spur von sich und ihrem Dasein auf das Papier zu bannen. Etwas fertigen, was nicht vergeht, nachweisbar bleibt, anders als ein gesprochenes Wort oder ein gesungenes Lied. Sollte das für die Dementen nicht auch ein Ziel werden können? Einfach mit Farbe und Pinsel noch einmal eine Spur von sich auf dieser Welt zu ziehen und zu hinterlassen?" Malen kann auch die Selbstbestimmung fördern, z.B. beim "Gehen auf dem Papier" und dem "Hüpfen mit Farben". Dabei ist es wichtig, dass keine Benotung, kein Falsch oder Richtig Unsicherheit oder Mutlosigkeit erzeugen. Frau Schmidt-Hackenberg nimmt auch jenen Lesern die Angst, die wegen schlechter Schulerfahrungen glauben, selbst nicht malen zu können. Sie betont, dass es hier nicht um "Kunst" geht oder um das Analysieren Demenzkranker. Es geht ausschließlich darum, mit den "Nochfähigkeiten" der Bewohner/innen ein Stückchen Freude und positives Selbstwertgefühl in ihren Lebensrest zu bringen.

In dem Kapitel "Methode, Bedingungen, Materialien" werden die letzten Unsicherheiten der Leser beseitigt. Die Autorin schildert Beispiele aus der Praxis, sehr einfühlsam und immer mit einer Prise Humor. Sie beschreibt verschiedene Methoden, z.B. das gelenkte Malen, und geht dabei ausführlich und leicht nachvollziehbar auf alle noch so kleinen Details ein.  Dabei integriert sie viele Elemente aus anderen Methoden, die sich im Umgang mit Demenzkranken bewährt haben, z.B. Biografiearbeit,  Milieutherapie und Validation. Sie erklärt dem Leser, worauf zu achten ist bei den Räumlichkeiten für das Malen, welche Materialien geeignet sind und welche Gegenstände außer dem Pinsel zum Malen zweckentfremdet werden können.

In dem Kapitel "Die praktische Umsetzung" werden zu verschiedenen Methoden jeweils mehrere Malstunden Schritt für Schritt beschrieben.

  • Jeder Bewohner malt sein eigenes Bild
  • Viele Bewohner malen an einem Bild (Schiebebilder, Geh- oder Wanderbilder für Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium oder Fahrbilder für Rollstuhlfahrer)
  • Mischtechniken

Der Begriff "Malstunde" wird relativiert; denn die Gruppe malt nur etwa 15 bis 20 Minuten. Die übrige Zeit gehört dem Gespräch um und über die Malerei auf dem eigenen Blatt, der Verschnaufpause, dem gegenseitigen Lob und der gemeinsamen Freude über die Werke - und alles ohne Zeitdruck! Dabei wird auch geschildert, was Mitarbeiter anbieten können in Wohnbereichen mit Demenzkranken, die mit "ganz kleiner Kraft" beschäftigt werden sollen.

Das letzte Kapitel ist überschrieben: Malen mit dem "Handmaß" - Eine Maltechnik für Menschen mit einer anfänglichen Demenz. Dabei wird mit einer Hand und mit weichem Bleistift die andere Hand umfahren und so der Umriss für verschiedene Motive vorgezeichnet, z.B. Tulpe, Schweinchen, Blatt oder Käfer. Dazu  gibt es 12 Anleitungsbögen mit verschiedenen Motiven. Diese Methode ist auch geeignet für Menschen mit einer gelähmten Hand. Sie fördert Handmobilität und Fantasie.

Die Autorin beschreibt einfache Schritte und klare Vorgaben, betont aber immer wieder, wie wichtig die Selbstbestimmung des alten Menschen ist. Alle Aktivitäten beruhen auf Freiwilligkeit, und die Gruppenleiter sollten sich auch nicht anmaßen, eine künstlerische Bildung der alten Menschen anzustreben. Daraus ergibt sich, dass die Anleitung grundsätzlich in der "Ein-Schritt-Technik" angeboten wird. "Löst sich ein Teilnehmer aus dem Diktat, ist das wie ein Geschenk zu betrachten, und wir lassen ihn seinen Weg gehen (malen)."

Zielgruppe

Es spricht alle Berufsgruppen an, die mit Demenzkranken arbeiten, aber auch Laienhelfer und Angehörige. Vor allem aber ermutigt es diejenigen, die keine "kunsttherapeutischen" Vorkenntnisse haben oder glauben, selbst nicht malen zu können.

Fazit

Dieses Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite aus der Praxis für die Praxis geschrieben. Es handelt sich um ein Buch, das Lust macht, mit alten Menschen zu malen. Es beschreibt sehr genau, welche Methoden und Techniken für welches Stadium einer Demenzerkrankung geeignet sind. So können Mitarbeiter eine Unter- oder Überforderung der Teilnehmer vermeiden.


Rezension von
Gisela Stoll
Fachkrankenschwester für Psychiatrie, Validationsanwenderin (VTI)
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Zitiervorschlag
Gisela Stoll. Rezension vom 09.05.2006 zu: Ute Schmidt-Hackenberg: Malen mit Dementen. Vincentz Network (Hannover) 2005. ISBN 978-3-87870-129-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3201.php, Datum des Zugriffs 24.09.2020.


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