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Sabine Maur, Peter Lehndorfer et al. (Hrsg.): Berufsethik und Berufsrecht in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie

Rezensiert von Dr. Alexander Tewes, 01.12.2025

Cover Sabine Maur, Peter Lehndorfer et al. (Hrsg.): Berufsethik und Berufsrecht in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ISBN 978-3-17-037938-1

Sabine Maur, Peter Lehndorfer, Martin H. Stellpflug, Tina In-Albon, Hanna Christiansen et al. (Hrsg.): Berufsethik und Berufsrecht in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2023. 154 Seiten. ISBN 978-3-17-037938-1. 29,00 EUR.
Reihe: Klinische Psychologie und Psychotherapie bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

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Thema

Genauso wie in der Psychotherapie mit Erwachsenen ergeben sich in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen sowie ihren Bezugspersonen zahlreiche berufsethische und berufsrechtliche Herausforderungen. Durch das dem Arbeitsfeld immanente Spannungsfeld zwischen Patient:in, Eltern und sozialem Umfeld (z.B. Lehrkräften), das in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (KJP) vergleichsweise komplex ist, muss eine entsprechende Auseinandersetzung mit derartigen Themen bereits ab Ausbildung zwingend erfolgen.

Das vorliegende Buch widmet sich diesen Themen und geht zusätzlich auf aktuelle Themenkomplexe wie beispielsweise Diversität und Digitalisierung ein.

Autor:innen:

Sabine Maur, Dipl. Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin mit Zusatzqualifikation Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Niedergelassen mit einem Versorgungsauftrag für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Mainz. Supervisorin und Dozentin an mehreren Ausbildungsinstituten für Psychologische Psychotherapeut:innen und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut:innen. Autorin verschiedener Veröffentlichungen zur Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz und Vize-Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer.

Peter Lehndorfer, Dipl.-Sozialpäd., Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, ehemaliger Vizepräsident der PTK Bayern, ehemaliger Vizepräsident der BPtK, Dozent und Supervisor an mehreren staatlich anerkannten Ausbildungsstätten für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen. Autor mehrerer Beiträge zur Berufsethik und zum Berufsrecht in Lehrbüchern.

Prof. Dr. Martin Stellpflug, Fachanwalt für Medizinrecht und für Sozialrecht und Partner der auf das Gesundheitsrecht spezialisierten Kanzlei D + B Rechtsanwälte PartmbB in Berlin. Seit Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes bildet die Beratung und Interessenvertretung der Psychotherapeuten einen Schwerpunkt seiner anwaltlichen Tätigkeit. Er ist Justitiar der Bundespsychotherapeutenkammer, Autor zahlreicher medizinrechtlicher Veröffentlichungen und Professor für Gesundheitsrecht und Ethik an der Psychologischen Hochschule Berlin.

Aufbau und Inhalt

Dem ersten Kapitel sind ein Geleitwort und eine Einleitung vorangestellt. In letzterer macht das Autor:innenteam deutlich, was das Ziel des Buches sei:

„In diesem Buch wird versucht, einige spezifische berufsethische und -rechtliche Problemstellungen zu beschreiben, und die Leser*innen zu ermutigen, sich damit auseinanderzusetzen, um dann im konkreten Fall bei der Erörterung von Lösungswegen strukturiert vorgehen zu können“ (S. 9).

Entsprechend gliedert sich das Buch:

Psychotherapeut*innen als Angehörige eines freien Berufs

Psychotherapeut:innen arbeiten entweder in einem Heilberuf im Anstellungsverhältnis oder in eigener Praxis im Sinne einer Selbstständigkeit, bei der sie teilweise auch als Arbeitgeber:innen fungieren können. In diesem Sinne seien seitens der Landespsychotherapeutenkammern und der Berufs- und Fachverbände auch Ethikcodizes erstellt worden (z.B. die Muster-Berufsordnung), welche für die entsprechende Arbeit einen entsprechend verpflichtenden Rahmen schaffen sollten. Die dort erarbeitenden Richtlinien werden in den folgenden Kapiteln näher erörtert.

Moral, Ethik und Recht

In diesem Kapitel werden ethische Ansätze auf einem zunächst eher theoretischen Fundament erläutert. Unterschiedliche Grundbegriffe, wie beispielsweise die Unterscheidung zwischen Pflichtethik, Folgenethik, Tugendethik, Care-Ethik, der normative vs. der reflexive Ethikdiskurs werden anspruchsvoll erläutert. Hieraus werden im weiteren Verlauf ethische Grundprinzipien im psychotherapeutischen Handeln herausgearbeitet (z.B. nach Beauchamp & Childress, 2019), um dann eine allgemeine psychotherapeutische Grundhaltung zu erschließen, die im Sinne eines Lernprozesses „(…) nicht nur also eine Anhäufung von Wissen, sondern als Bildung und Reifung zu verstehen“ sei (S. 31). Abschließend werten Optionen der praktischen Implementierung im Arbeitsalltag, beispielsweise durch reflektierende Teams und/oder Ethikkonsultationen erörtert.

Grundlegende ethische und berufsrechtliche Aspekte in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen

Hier werden zentrale Inhalte der sogenannten Muster-Berufsordnungen der Psychotherapeutenkammern en detail beschrieben. Zentrale Themen sind hierbei:

  • Verantwortung
  • Autonomie (inkl. Information, Aufklärung und Einwilligung)
  • Schweige- und Dokumentationspflichten
  • Interessen- und Loyalitätskonflikte
  • Ethik und Berufsrecht in der Supervision

Behandlungsfehler, Nebenwirkungen und Grenzverletzungen in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen

Behandlungsfehler, auch „unerwünschte Ereignisse“ in der Therapie genannt, können und werden in psychotherapeutischen Kontexten immer wieder auftreten. Es wird erörtert, wie mit potenziellen erwünschen und unerwünschten Nebenwirkungen in der Therapie umgegangen werden sollte, es wird definiert was „unethisches Verhalten“ ist, und wie körperlichen Berührungen in der Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen zu begegnen ist.

Soziokulturelle Lebensbedingungen und Diversität

Die Muster-Berufsordnung der Psychotherapeutenkammer schreibt vor, dass sich Psychotheraupeut:innen mit dem Ziel, Menschen möglichst effektiv zu behandeln, an den aktuellen wissenschaftlichen Standards orientieren und sich gleichzeitig „(…) an der Erhaltung und Weiterentwicklung der soziokulturellen Lebensbedingungen im Hinblick auf die psychische Gesundheit des Menschen“ beteiligen (MBO, § 1(2)). In diesem Sinne wird in diesem Abschnitt auf die aktuell zentralen Themen von Kindern und Jugendlichen eingegangen: Diversität und Diskriminierung (im Hinblick auf Rassismus, Armut und Klassismus, sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität, sowie die Auswirkungen der Klimakrise auf Kinder und Jugendliche und die daraus resultierenden therapeutischen Herausforderungen.

Werte und Wertedifferenzen

Therapeut:innen treffen mit ihren eigenen Werten auf Familien, die ggf. anderen Wertesystemen folgen. Dies tritt insbesondere im Bereich der interkulturellen Psychotherapie, bei der in der Regel Menschen aus anderen Kulturkreisen auf Therapierende treffen, die meistens wohlhabend, gebildet, weiß und westlich sozialisiert sind. Ein anderer (seltener) Fall ist die Therapie von Menschen, die dem radikalisierten oder extremistischen Spektrum zuzuordnen sind. Beide Fallkonstellationen werden umfassend dargestellt.

Digitalisierung in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen

Je mehr die Gesellschaft digitalisiert wird, desto häufiger treffen Therapeut:innen, die eventuell noch komplett anders sozialisiert wurden, auf Kinder und Jugendliche, die komplett anders aufwachsen. Zusätzlich wurden im Rahmen der Corona-Lockdowns Therapiemöglichkeiten entwickelt, die vorher kaum oder gar nicht Verwendung gefunden haben. In diesem Kapitel wird dargestellt, wie sich Psychotherapeut:innen auf die digitale Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen einstellen sollten, wie mit dem Thema Social Media und Öffentlichkeitsarbeit umzugehen ist, ob und wie die digitale Kommunikation mit den Patient:innen erfolgen sollte, und worauf bei videobasierter Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen zu achten ist.

Ausstellung von Gutachten, Stellungnahmen und Bescheinigungen

Da im Rahmen psychotherapeutischer Arbeit mit Familien immer wieder der Wunsch nach Gutachten, Stellungnahmen und Bescheinigungen aller Art an die Therapeut:inen herangetragen wird, wird in diesem Kapitel prägnant darüber aufgeklärt, an welchen Stellen es in welcher Form sinnvoll sein kann, diesem Wunsch nachzugehen und wann dies abzulehnen sei.

Diskussion

Wenn man das Buch zum ersten Mal in die Hand nimmt und überfliegt, neigt man zum Gedanken, dass dies schnell gelesen ist. Unter 150 Seiten, klar strukturiert und aufgebaut, auf den ersten Blick nicht viel Neues. Weit gefehlt. Letzten Endes habe ich seit Langem in kein Buch mehr so viel Zeit investiert, wie in dieses. Der Grund: Es ist unglaublich kondensiertes Fachwissen. Alles scheint wichtig, alles relevant. Als roter Faden dient überwiegend die Muster-Berufsordnung der Psychotherapeutenkammern, es geht jedoch deutlich weiter in die Tiefe. Viele Fallbeispiele, Kommentare und Literaturverweise, die allein für sich schon wieder lesenswert sind, laden zur vertieften Lektüre ein. Neben der reinen sachlichen Ebene machen die Autor:innen immer wieder deutlich, mit welcher Haltung sie sich (und andere Kolleg:innen) in der therapeutischen Rolle sehen. Dies wird besonders deutlich am Zitat auf Seite 30, wo sie ihre Definition einer psychotherapeutischen (Grund-) Haltung beschreiben. Diese sei gekennzeichnet durch „(…) die grundsätzliche Bereitschaft und Fähigkeit, sich im Rahmen einer professionellen Beziehungsgestaltung Menschen mit psychischen, psychosomatischen und körperlichen Problemen im ersten Schritt empathisch verstehend zu nähern, um auf dieser Basis und dem evidenzbasierten Wissen über die Entstehung, Aufrechterhaltung, Linderung und Heilung psychischer Erkrankungen psychotherapeutische Interventionen zu erarbeiten, diese mit den Patient*innen bzw. den Bezugspersonen abzustimmen und umzusetzen“. Diesem Leitsatz folgt im Grunde das gesamte Buch. Es endet ein wenig prompt ohne Fazit oder Nachwort, sodass es der lesenden Person freigestellt bleibt, wie das eigene Fazit ausfällt. Ich persönlich bin zu diesem Grundsatz zurückgekehrt.

Positiv hervorzuheben ist der Umstand, dass es sehr aktuell ist. So sind bereits Aspekte der neuen Psychotherapie-Weiterbildung aufgegriffen, z.B. im Rahmen der Differenzierung von Supervisor:innenpflichten im Rahmen von Aus- und Weiterbildung (Kapitel 3.1). Der einzige kleine, wenn auch relativ gravierende Fehler, taucht im Buch an gleicher Stelle auf. Auf Seite 70 werden die Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen (PsychTh-APrV bzw. KJPsychTh-APrV) teilweise falsch wiedergegeben: So beschreibt der § 4 nicht das sogenannte „Psychiatriejahr“, in dem die Auszubildenden noch keine eigenen Fälle behandeln, sondern der § 2 (hier insbesondere § 2.2.1). Dieser wurde im Buch wiederum fälschlich als der Teil beschrieben, der „in der Regel an Ausbildungsambulanzen“ stattfände, was jedoch umgekehrt auf den § 4 zutrifft. Dies mag als kleinliche Kritik angesehen werden, könnte bei einem ansonsten jedoch umfassend hervorragenden geschriebenen und fundierten Buch zu unnötiger Kritik und der Frage, ob der Rest solide recherchiert wurde, führen. Daher wäre eine entsprechende Korrektur bei der nächsten Auflage wünschenswert.

Gerade die letzten Kapitel mit Themen wie Werte, Diversität, Digitalisierung, Klimawandel, etc. sind so wichtig, dass alleine für diese jeweils ein eigenes Buch hätte geschrieben werden können. Um so bemerkenswerter erscheint, wie es dem Autor:innenteam gelingt, auch diese Themen auf so kurzem Weg so tiefgründig zu erörtern und dabei gleichzeitig die Lust zu wecken, sich noch umfassender mit der jeweiligen Materie auseinanderzusetzen.

Fazit

Dieses Buch ist so hervorragend geschrieben und von so eminenter Wichtigkeit für jeden Menschen der:die sich entscheidet, Psychotherapeut:in zu werden, dass es im Grunde Pflichtlektüre für alle Aus- und Weiterzubildenden werden sollte. Da ich mich in der glücklichen Rolle eines Institutsleiters befinde, setze ich dies ab sofort um und werde es allen Auszubildenden zukünftig als Einstiegslektüre zur Verfügung stellen. Es ist jedoch auch allen erfahrenen Kolleg:innen dringend empfohlen.

Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Instituts- und Ausbildungsleiter LAKIJU-VT (Lüneburger Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlichen-Verhaltenstherapie), Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Es gibt 105 Rezensionen von Alexander Tewes.

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ISSN 2190-9245