Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Stephen Guy, Elif Kırömeroğlu et al.: Anti-Rassismus für Lehrkräfte

Rezensiert von Peter Flick, 30.05.2024

Cover Stephen Guy, Elif Kırömeroğlu et al.: Anti-Rassismus für Lehrkräfte ISBN 978-3-8346-4986-7

Stephen Guy, Elif Kırömeroğlu, Anna Lena Lutz, Eva Rupp, Haluk Yumurtacı: Anti-Rassismus für Lehrkräfte. Handlung reflektieren - Sensibilität schaffen - Diskriminierung vorbeugen. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2023. 168 Seiten. ISBN 978-3-8346-4986-7.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

„Rassevorurteile jeden Stils“ erfordern eine „Sozialforschung in der Schule“, die „wirklich bündige Maßnahmen ersinnt“, lautet eine Forderung Theodor W. Adornos, die er 1962 in einem Vortrag zur „Bekämpfung des Antisemitismus heute“ gestellt hat.

Als „bündige Maßnahme“ empfehlen die Autor:innen des Buchs ein antirassistisches Fortbildungskonzept für Pädagog:innen. Dazu wollen sie

  • theoretisches Hintergrundwissen zum „Critical Whiteness“-Ansatz und zur postkolonialen Rassismustheorie vermitteln,
  • praktische Übungen über internalisierte rassistische Denkmuster sowie Leitlinien und Angebote für ein Unterrichtsmaterial anbieten.

Die Autor:innen

Das Buch wurde von „Lehrkräfte(n) für Lehrkräfte“ (22) geschrieben. Stephen Guy (*1985) arbeitet an der Europaschule BBS Stadthagen; Elif Kırömeroğlu (*1993) ist Lehrerin für Deutsch und Geschichte an einer Bremer Gesamtschule; Anna Lena Lutz unterrichtet seit 2017 im Grundschulbereich; Eva Rupp (*1994 ) arbeitet an einer Wiener Mittelschule; Haluk Yumurtacı (*1985) ist Lehrer, Mediator und Berater an einer Berufsbildenden Schule in Germersheim, Rheinland-Pfalz.

Aufbau

„Einführung in antirassistische Haltung: Sich Schritt für Schritt Herantasten“ (11 ff.)

Das einleitende Kapitel von Elif Kırömeroğlu erläutert das Konzept eines „Critical Whiteness“-Ansatzes, der im Unterschied zu älteren antirassistischen Vorstellungen, die noch einen biologischen oder kulturalistisch definierten Rassebegriff benutzten, den Anspruch hat, „Rasse“ und „Rassismus“ ausschließlich als „soziale Kategorie“ zu beschreiben. Rassismus bezeichnet demnach ein Machtprivileg weißer Menschen unter der Suprematie einer weißen Mehrheitsgesellschaft anhand von Hautfarbe, Nationalität, Religion oder kulturellen Merkmalen rassistische Hierarchien fortzuschreiben.

„Schule als Ort der institutionellen Diskriminierung“ (27 ff.)

Haluk Yumurtacıs Beitrag zur „institutionellen“ Dimension rassistischer Diskriminierung hebt besonders auf die selektive Wirkung des dreigliedrigen Schulsystems ab, auch und gerade, was die Bildungschancen von Schüler:innen mit Migrationshintergrund betrifft. Gestützt auf die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Vorurteilsforschung problematisiert er die Schulempfehlungen nach der Grundschulzeit sowie die fehlende Objektivität der schulischen Notengebung.

„Die Rolle der Sprache“ (49 ff.)

Im Folgekapitel informiert Eva Rupp zunächst über die Vorteile der Mehrsprachigkeit bei Kindern und Jugendlichen, um anhand schulischer Fallbeispiele darzustellen, wie „Schwarzer Personen“ (67) diskriminierend behandelt werden. Schließlich gibt sie im Schlussteil Hinweise darauf, wie rassistische Äußerungen und Konflikte durch direkter Interventionen und „nachträgliche Gespräche“ aufgefangen werden können.

Diskriminierungskritischer Unterricht und diskriminierungssensibles Unterrichtsmaterial“ (87 ff.)

Daranknüpft Anna Lena Lutz mit ihren Überlegungen zu einem „diskriminierungssensiblen“ Umgang mit Lernmaterial an. In einem Exkurs verweist sie auf stereotype Darstellungen der „afrikanischen Geschichte“ (89 f.) und das Problem „Afrikas und der afrikanischen Diaspora“ (105 f.). Das wird durch „Leitfragen“ (109 ff.) und einem „Anforderungskatalog für diskriminierungskritisches Unterrichtsmaterial“ (115 ff.) ergänzt.

„Allyship“ (125 ff.)

Unter „Allies“ (Partnern) versteht Stephen Guy Personen, die gegen ein diskriminierendes System kämpfen, obwohl „sie selbst nicht negativ davon betroffen sind“ (127). Weiße Lehrer:innen sollten, so sein Vorschlag, in einem spezielles Sensibilisierungstraining-qualifiziert werden, auf die Unrechtserfahrungen von „People of Colour-Schüler:innen“ adäquat reagieren zu können.

„Glossar“ und „Medientipps“ (115 ff.)

Das „Glossar“ zum Antirassismus-Diskurs reicht von A wie „Afrodeutsch“ bis Z wie „Z-Wort“. Es folgen unter den Rubriken „Medientipps“, „Bücher“, „Artikel“, „Videos“, „Podcasts“ und „Instagram-Profile“ Hinweise zu weiteren Informationsmöglichkeiten zum Thema „Rassismus“.

Inhalt

Im Einleitungstext erläutert Elif Kırömeroğlu das „Ziel des Buchs“ (22 f.): Es soll bei rassismuskritischen Lehrer:innen die „schmerzliche“ Einsicht in ihr „Weißsein“ wecken und zur Einsicht führen, „dass man selbst nicht frei von rassistischen Vorurteilen ist.“ (22). Das wird mit dem Hinweis verbunden, dass im Streit, „ob etwas rassistisch gewesen ist oder nicht“ (23), allein „BIPoCs“ eine „Deutungshoheit“ zustehe (23). Der Begriff „BIPoC“ meint „Black, Indigenious and People of Colour“, also Menschen, die entweder von einem „Antischwarzen Rassismus“ betroffen sind, als „Indigene“ Diskriminierung erfahren oder unabhängig von ihrer Hautfarbe als „PoCs“, als „nichtweiß“ identifiziert werden (im deutschen Kontext also alle „Nichtdeutschen“).

Stephan Guys Beitrag macht deutlich, wie „weiße Personen“ internalisierte Vorurteile in einem speziellen „Antirassismus-Training“ reflektieren können. Es beginnt damit, dass die „weiße Person“ erkennt, dass sie „Empfänger*in von Privilegien“ (140) ist und bleibt. Die „weiße Person“ ist als antirassistischer „Ally“ (Bündnispartner) in dieser Hinsicht immer ein „unsicherer Kantonist“, denn es ist anzunehmen, dass er aufgrund seiner privilegierten Lage dazu tendiert, „Unterdrückungssysteme (.) aufrechtzuerhalten.“ (140).

Eine weiterer selbstreflexiver Lernschritt besteht darin, dass ein „Ally“ lernt, „People of colour“ zuzuhören, statt sich selbst in den Vordergrund zu drängen („Hören Sie den Betroffenen zu“, 141 f.). Die „weiße Frau“ und der „weiße Cis-Mann“ sollten offen und neugierig auf „fremde“ Lebenswelten („Werden Sie aktiv“, 142 f.) und nicht narzisstisch gekränkt auf Kritik von „BIPoCs“ reagieren, wenn ihnen vorgeworfen wird, durch ein unbewusstes rassistisches Verhalten bei den Betroffenen „ungewollt“ Verletzungen hervorzurufen („Seien Sie offen für Kritik“, 144). Statt einem „Bedürfnis nach Selbstdarstellung“ (148) nachzugeben, sollten „Allies“ den Vertreter:innen der „BIPoCs“ die Bühne überlassen. („Machen Sie die Bühne frei!“.146 f.), damit deren Stimmen Gehör finden.

Diskussion

Wenn es die erklärte Absicht des Buches ist, Abwehrhaltungen gegenüber „Schwarzen“, „Indigenen“ und „People of Colour“ abzubauen und neugierig auf deren Lebenswelten zu machen, dann ist es verwunderlich, dass in nicht ausführlicher auf ein geeignetes Lern- und Unterrichtsmaterial zur globale Migration und speziell zur Geschichte Afrikas (vgl. 105/106; der „Exkurs“ umfasst 2 Seiten!) eingegangen wird, und das angesichts „klischeebeladener“ Schulbücher zu diesen Themen (92).

Die zweite kritische Anmerkung betrifft den Komplex „Antimuslimischer Rassismus“ und „Antisemitismus“. Die Begriffe werden kurz erwähnt, es wird auch gesagt, dass bei beiden Begriffen „Schnittstellen“ (15) existierten, im Folgenden wird diese Thema jedoch mit keiner Silbe vertieft. Aber macht es Sinn eine antirassistische Fortbildung von Pädagog:innen zu konzipieren, die beim Thema „Black Indigenious and People of Colour“ mit keinem Wort auf den Antisemitismus eingeht, der gegenwärtig weltweit in kolonialisierten wie postkolonialen Gesellschaften grassiert?

So entsteht am Ende der fatale Eindruck, dass man sich im Kontext eines engagierten „Antirassismus“ lieber auf eigene Rassismuserfahrungen und kulturelle Identifikationen der eigenen Community zurückzieht. Der Antisemitismus wird zum berühmten „Elefanten im Raum“, einem Thema, das ständig präsent bleibt, aber über das man nicht so gerne spricht (siehe dazu: Meron Mendel/​Astrid Messerschmidt (Hg.): Fragiler Konsens. Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft. Frankfurt am Main 2017).

Fazit

Der Sammelband bietet Lehrkräften eine Einführung in die Theorie und Praxis eines Critical Witheness-Ansatzes. Pädagog:innen, die an Schulen oder in der offenen Jugendarbeit nach gut aufbereiteten Lernangeboten im Spannungsfeld von Rassismus und Antisemitismus suchen, werden in dem vorliegenden Buch weniger fündig werden.

Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
Mailformular

Es gibt 29 Rezensionen von Peter Flick.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Flick. Rezension vom 30.05.2024 zu: Stephen Guy, Elif Kırömeroğlu, Anna Lena Lutz, Eva Rupp, Haluk Yumurtacı: Anti-Rassismus für Lehrkräfte. Handlung reflektieren - Sensibilität schaffen - Diskriminierung vorbeugen. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2023. ISBN 978-3-8346-4986-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32018.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht