Maria Stippler-Korp, Silvia Schüller Galambos (Hrsg.): Konzentrative Bewegungstherapie
Rezensiert von Dr. Richard Hammer, 02.07.2024
Maria Stippler-Korp, Silvia Schüller Galambos (Hrsg.):Konzentrative Bewegungstherapie. Psychotherapie mit Leib und Seele. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2023. 199 Seiten. ISBN 978-3-17-042777-8. 37,00 EUR.
Thema
In diesem Buch wird die Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) als eine leib- und bewegungsbasierte psychotherapeutische Methode dargestellt, deren Grundlage entwicklungspsychologische und tiefenpsychologische Theorien und Denkmodelle bilden.
Im Mittelpunkt steht hier die Annahme, dass Körper und Seele untrennbar miteinander verbunden sind und der Körper der Ort des psychischen Geschehens ist, dass also jedes Phänomen, das sich im Körper, in Bewegung, im Verhalten, in Beziehungen zeigt, der Ausdruck psychischer Repräsentanzen ist.
Die Herausgeberinnen
Dr. Maria Stippler-Korp, Klinische und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin (KBT) in eigener Praxis, Dozentin an der Universität Innsbruck, Lehrtherapeutin für Konzentrative Bewegungstherapie. Silvia Schüller Galambos, Lehramtsstudium (Geographie, Philosophie, Psychologie, Pädagogik), Psychotherapeutin (KBT) in eigener Praxis, Leiterin der sozialpsychiatrischen Tagesstruktur „Kräuterfeld“ für Menschen mit psychischen Erkrankungen im Rahmen des Psychosozialen Pflegedienstes Tirol. Mit Beiträgen von: Silvia Schüller Galambos, Maria Stippler-Korp, Gudrun Achatz-Petz, Ute Backmann, Mariella Bidovec-Kraytcheva, Angelika Draxler, Alexandra Epner, Ulrike Gritsch, Swantje Grützmacher, Helga Hofinger, Sigrid Kügler, Marina Müller, Elisabeth Oedl-Kletter, Andrea Plank-Matias, Karin Schreiber-Willnow, Christa Sommerer und Klaus-Peter Seidler.
Entstehungshintergrund
Die beiden Herausgeberinnen Dr. Maria Stippler-Korp und Silvia Schüller Galambos haben Kolleg*innen aus Österreich und aus Deutschland eingeladen aus ihrem Erfahrungsschatz als KBT-Therapeut*innen zu berichten und Beiträge für dieses Buch zu verfassen.
Entstanden ist dabei ein Buch, das den Weg der KBT zeigt, mit einem wertschätzenden und dankbaren Besinnen auf seine starken und verzweigten Wurzeln bis hin zu aktuellen Themen der wissenschaftlichen Forschung.
Aufbau
Der eher theoretische Teil des Buches befasst sich mit der Herkunft und Entwicklung der Konzentrativen Bewegungstherapie, den wissenschaftlichen und therapietheoretischen Grundlagen, sowie den Kernelementen der Diagnostik und der Konzentrativen Bewegungstherapie.
Eine Annäherung an die Praxis findet statt über die Darstellung eines Fallbeispiels und die Beschreibung von speziellen Settings (Einzelsetting, Gruppentherapie, KBT mit Kindern und Jugendlichen, KBT im Garten, KBT als Teletherapie) und speziellen Indikationsfeldern (psychosomatische Erkrankungen, Menschen mit strukturellen Einschränkungen und Lernschwierigkeiten, Trauma- und Trauerbegleitung, sowie Begleitung bei Krebserkrankung).
Den Abschluss bietet eine Diskussion über die Wirksamkeit der KBT und ihre Wirkfaktoren – belegt über Forschungsergebnisse – und der Hinweis auf die Institutionelle Verankerung der KBT in Österreich und Deutschland.
Inhalt
Die erste Hälfte des Buches wurde von den beiden Herausgeberinnen verfasst. Im Vorwort lassen sie anklingen, weshalb es stimmig ist, dass so viele Autor*innen beim Zustandekommen des Buches beteiligt sind. Auch die KBT war „nicht die Schöpfung oder Erfindung einer einzelnen Person, sondern entstand im kreativen Zusammenwirken vieler Menschen, die alle auf einzigartige Weise ihren Beitrag leisteten. Am Beginn stand nicht die Idee, eine perfekt ausformulierte Theorie zu verfassen, sondern im Mittelpunkt stand die gelebte Praxis des gemeinsamen Spürens, Wahrnehmens und Forschens“ (S. 13). Diese Vielfalt wird im Folgenden deutlich.
Das 1. Kapitel widmet sich der Herkunft und Entwicklung der Konzentrativen Bewegungstherapie. Es stellt zunächst die körpertherapeutischen und die tiefenpsychologischen Wurzeln dar, um dann die Übergänge und Verbindungen sowie die inspirierenden Anfänge bis hin zur lehr- und lernbaren Psychotherapiemethode aufzuzeigen.
Im 2. Kapitel kommen ausführlich die wissenschaftlichen Theorien zur KBT aus Philosophie und den Neurowissenschaften zur Sprache und es wird gezeigt, wie sie in der therapeutischen Praxis Eingang finden. Basal sind hier medizinethische Grundregeln (S. 24):
- Jedes Handeln ist zum Wohl der Patient*innen
- Es darf kein Schaden gefügt werden
- Die Autonomie der Patient*innen muss geachtet werden
- Für Gerechtigkeit und Lastenausgleich ist zu sorgen.
Anschließend setzt sich dieses Kapitel mit zentralen Begriffen der KBT auseinander: Zunächst der Hinweis darauf, weshalb die Begriffe „konzentrativ“ und „Bewegungstherapie“ gewählt wurden und dann die Begründung dafür, weshalb die folgenden Begriffe in der Praxis der KBT eine große Bedeutung haben: Bewegen, Wahrnehmen, Erinnern, Fühlen, Verbunden, Entwickeln, Verändern.
Das 3. Kapitel beschäftigt sich mit den Kernelementen der Diagnostik. Die Autorin „gesteht“, dass sich die KBT – wegen der Abrechenbarkeit bei den Krankenkassen – an der „Symptomorientierten Diagnostik“ (ICD 11 und der DSM 5) orientiert, dass diese aber für die Therapieplanung nur eine „eingeschränkte Bedeutung“ hat (S. 47). Vielmehr hat die KBT eigene Diagnoseinstrumente entwickelt, die im Folgenden kurz dargestellt werden. All diesen werden folgende Grundannahmen vorausgesetzt (S. 46):
- Die Diagnostik wird in der KBT als Grundlage der Therapieplanung angesehen. Von besonderer Bedeutung ist hierbei der psychodynamische Fokus.
- Es werden sowohl kritische Merkmale und Defizite als auch Ressourcen und Kompetenzen erfasst.
- Die Diagnostik ist eingebunden in das interaktionelle Geschehen zwischen Therapeut*in und Patient*in
- Alle Befunde sind lebensgeschichtlich determiniert und aufeinander bezogen.
Im 4. Kapitel wird anhand von wesentlichen Kernelemente der KBT aufgezeigt, wie die in Kap. 2 beschriebenen Grundannahmen in der Praxis der „Konzentrativen Bewegungstherapie“ umgesetzt werden. Es geht zunächst ein auf die Besonderheiten hinsichtlich des therapeutischen Raums und des zeitlichen Rahmens, um dann zu zeigen, wie – basierend auf der Diagnostik – Angebote für die Patient*in ausgewählt und durchgeführt werden. Berücksichtigt wird dabei das Prinzip der freien Entscheidungsmöglichkeit und auch der mögliche Widerstand der Patient*in. Nur kurz, aber sehr einprägsam wird im Folgenden die große Bedeutung der therapeutischen Beziehung dargestellt, die sich – nach zahlreichen Studien – als zentraler Wirksamkeitsfaktor in der Therapie herausstellt.
„Das Wichtigste, was in der KBT angeboten werden kann, ist die Wahrnehmung seiner selbst“ (S. 67). Mit diesem Zitat wird die ausführliche Beschäftigung mit dem Thema „Konzentrative Wahrnehmung“ begründet und auch praxisorientiert dargestellt. Weitere Themen sind: Bewegung, Berührung, die Verwendung von Gegenständen, sowie der Handlungsdialog und Interaktionsangebote. Auch die Bedeutung der Sprache in der KBT darf nicht vernachlässigt werden, da in der KBT sowohl die Übersetzung vom Sprechen ins Handeln als auch vom Handeln ins Sprechen in der Therapie einbezogen wird, was vor allem in der verbalen Reflexion zum Ende der Therapiestunden zum Tragen kommt. Es intensiviert es und „fördert das Durcharbeiten des Psychophysischen Materials“ (S. 83).
Wie all die Grundelemente und Grundprinzipien in der Praxis der KBT realisiert werden können wird in einem Fallbeispiel (Kap. 5) sehr einfühlsam gezeigt.
In der 2. Hälfte des Buches kommen die Mitautor*innen zum Wort.
Das 6. Kapitel zeigt wie in „speziellen Settings“ therapeutisch gearbeitet wird: KBT im Einzelsetting, KBT als Gruppentherapie, KBT mit Kindern und Jugendlichen, KBT im Garten und KBT als Teletherapie.
Die große Vielfalt der KBT, die sich seit ihrer „Gründung“ entwickelt hat, zeigen die Beispiele aus den „Speziellen Indikationsfelder“: in der Psychosomatik, bei Menschen mit strukturellen Einschränkungen oder Lernschwierigkeiten, bei der Behandlung von Trauma und Traumafolgen, in der Trauerbegleitung und bei der Betreuung von krebserkrankten Menschen.
In den beiden letzten Kapiteln werden durch Forschungsergebnisse aus zahlreichen Studien die Wirksamkeit und die Wirkfaktoren der KBT belegt und die Stellung der KBT innerhalb des Gesundheitssystems in Deutschland und Österreich dargestellt.
Diskussion
Die knapp 200 Seiten reichen sicher nicht aus, um ein fundiertes Wissen über die KBT zu erwerben, aber wir bekommen durch die Vielfalt der Beiträge einen guten Einblick darüber, was die KBT im Wesentlichen ausmacht. Dieses Buch verbindet in gelungener Weise Theorie und Praxis. Zum einen werden theoretische Grundlagen sowie wissenschaftliche Erkenntnisse beschrieben. Zum anderen werden im Buch anhand vielfältiger Fallbeispiele Wirkungsweise, praktisches Vorgehen und neue Einsatzmöglichkeiten der KBT vorgestellt. Bei den Ursprüngen kommen immer wieder die Begründer der KBT zur Sprache und die zentralen Elemente werden auch durch Praxisbeispiele, zu denen die Leser*in selbst eingeladen werden, eindringlich spürbar gemacht.
Wir können den Weg der KBT in seinem Werden nachvollziehen und erfahren, dass aktuelle Theorien und Forschungsfelder, wie die Gedächtnisforschung und die neuroaffektiven Wissenschaften, die theoretische Basis der KBT bestätigen und uns helfen, die Wirkmechanismen zunehmend besser zu verstehen.
Dies alles auf der Folie einer von Else Gindler formulierten Grundannahme: „Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht nicht der menschliche Körper, sondern der Mensch. Der Mensch als Ganzes in all seinen Beziehungsmöglichkeiten zu sich, zu seinem Körper, zu seinem Leben und zu seiner Umwelt“ (S. 18).
Fazit
„Psychotherapie mit Leib und Seele“ – Der Untertitel dieses Herausgeberbandes spricht für den Text dieses Buches, bei dem in jeder Zeile die Begeisterung aller Autor*innen für die KBT spürbar ist. Die Leser*in erhält einen guten Einblick in Theorie und Praxis der KBT und wird vielleicht motiviert, in Aus- und Weiterbildungsangeboten tiefer in diese Therapiemethode einzudringen, die auch für die persönliche Lebensgestaltung eine Bereicherung sein kann.
Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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