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Vera King: Sozioanalyse - zur Psychoanalyse des Sozialen mit Pierre Bourdieu

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 27.03.2024

Cover Vera King: Sozioanalyse - zur Psychoanalyse des Sozialen mit Pierre Bourdieu ISBN 978-3-8379-3233-1

Vera King: Sozioanalyse - zur Psychoanalyse des Sozialen mit Pierre Bourdieu. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. 102 Seiten. ISBN 978-3-8379-3233-1. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.
Reihe: Psyche und Gesellschaft.

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Thema

Das vorliegende Buch behandelt, wie gesellschaftlich und individuell Nicht-Bewusstes zusammenhängen, welches ein herausforderndes Thema in der Sozial- und Kulturforschung darstellt.

Autorin

Vera King ist Professorin für psychoanalytische Sozialpsychologie und Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt/M. und Geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts. Sie veröffentlichte Arbeiten zum gesellschaftlichen Wandel in der Auswirkung auf Kultur und Psyche.

Entstehungshintergrund

Mit der ‚Psychoanalyse des Sozialen‘ hat der Soziologe Pierre Bourdieu auf gesellschaftliche Formen des Unbewusstsein aufmerksam gemacht und auf das in der sozialen Welt systematisch ausgeblendete und Verborgene hingewiesen. Forschungen zu sozialer Mobilität und Bildungsaufstieg zeigen an Fallbeispielen, wie soziale und psychische Dynamiken ineinandergreifen.

Aufbau

Nach einer Einführung der Autorin folgt eine Analyse der methodologischen Voraussetzung und konzeptionellen Perspektiven zur Analyse von Gesellschaft und Psyche. Weitere Kapitel beschäftigen sich mit der Soziologie als ‚Wissenschaft vom Verborgenen‘, dem ‚Habitus-Konzept‘ als Vermittlung von Sozialem und Psychischem, am Beispiel von Sozialer Mobilität und einer Weitergabe und Transformation des familiären Erbes. In den Schlusskapiteln beschäftigt sich King mit der Methodologie von Bourdieu, dem psychischen und habituellen Wandel in den Gegenwartsdiagnosen und dem Durcharbeiten und der Entstehung des ‚Neuen‘.

Inhalt

Einführung

In Anlehnung an Bourdieu beschreibt King die vielschichtigen Relationen von Gesellschaft und Psyche und die kontinuierliche Reflexion der methodischen Fragen. Nicht-Bewusstes und Verdrängtes kann auch kollektiv (nicht nur individuell) durch Ausblendung und Zensur nachhaltige Folgen haben.

Kapitel 1: Zur Analyse von Gesellschaft und Psyche – methodologische Herausforderungen und konzeptionelle Perspektiven

Freiwillige Fügsamkeit und Unterwerfung setzt meist nicht bewusste Anerkennung der Herrschaft durch die Beherrschten voraus. Diese entsteht nach Bourdieu durch die ‚Habitusbildung‘, eine gesellschaftliche, sozialisatorische individuelle Prägung, die die Lebenspraxis (Wollen, Handeln, Wahrnehmen und Denken) gestaltet und weitgehend nicht-bewusst ist. Themen sind:

  1. Das Nicht-Bewusste aufzudecken,
  2. Potenziale und Grenzen sozialisatorischer Prozesse anhand des Habitus-Konzepts zu untersuchen,
  3. und Widerstände gegen Erkenntnisse zu bearbeiten.

Kapitel 2: Zentrale Erkenntnisinteressen – Soziologie der Wissenschaft vom ‚Verborgenen‘.

Eine Sozioanalyse dekonstruiert die Vorstellung autonomer sozialer Akteurinnen und Akteure und einer autonomen Erkenntnis (Illusionen); diese werden vielmehr sozial reproduziert, auch wenn sie dysfunktional sind durch Vernachlässigung der Realität; unbewusste Prozesse spielen auch bei der Ordnung des Sozialen eine Rolle. Bewusstmachung allein reicht als Aufklärung nicht aus, wenn wichtige Aspekte ausgeblendet, verleugnet oder verdrängt werden und zwischen verschiedenen Ebenen des Nicht-Bewußten nicht differenziert wird.

Kapitel 3: Der Habitus als Vermittlung von Sozialem und Psychischem?

Das Konzept ‚Habitus‘ (Bourdieu) bezeichnet die Verinnerlichung und Einverleibung sozialer Strukturen, die Wahrnehmung, Denken und Handeln strukturieren. Machtsoziologisch werden damit dem Bewußtsein Mechanismen der Anpassung entzogen (Beispiel ‚männliche Herrschaft‘). Das Konzept wurde kontrovers aufgenommen (schablonenhaft, funktionalistisch verengt), aber auch differenzierend weiterentwickelt.

Kapitel 4: Habitus und Psyche. Sozialer Aufstieg und psychische Krisen: Einsichten der Selbstanalyse bei Bourdieu und Freud.

Es werden Konflikte beschrieben, wenn man sich seinem Herkunftsmilieu – beruflich oder geschlechtsspezifisch – entfremdet.

Kapitel 5: Weitergabe und Transformation des Erbes – ungleiche Karrieren.

Traditionelle Regulationen können unmittelbar vererbt werden oder komplexer in ‚ausdifferenzierten Gesellschaften‘. Die Sozio- und Psychodynamiken der Zugehörigkeit verändern sich. Es kommt zu schwankenden Zugehörigkeiten und Kompromissbildungen (Fallbeispiel). Durch z.B. Bildungsaufstieg entstehen neue Sozio- und Psychodynamiken, z.B. auch in einer forcierten Betonung und Kontrolle der Differenz (Fallbeispiel). Habitus und Psyche werden im Kontext von Aufstiegsdynamiken analysiert. 

Kapitel 6: Wie können wir wissen? Erkenntnis und Methodologie bei Bourdieu

Das Habituskonzept von Bourdieu enthält eine Herrschaftssoziologie und eine Soziologie der Anpassung der Subjekte an Macht- und Ungleichverhältnisse durch Behinderung von Erkenntnissen. Dabei geht es um die ‚Freiheit im Denken‘ (Reflexivität) auch gegenüber dem sozial und kulturell unbewussten.

Kapitel 7: Erweiterungen der Reflexivität

Dazu gehört in der Wissenschaft, sich auch mit dem Verborgenen und Nicht-Bewussten zu befassen, der Prägung des ‚Habitus‘ durch Vergangenheit Rechnung zu tragen und über eigene nicht-bewusste Determinierungen nachzudenken. Solche methodischen Veränderungen ermöglichen einen psychischen und kulturellen Wandel in den Gegenwartdiagnosen, denn das sozioanalytische Durcharbeiten ermöglicht auch die Entstehung des Neuen.

Diskussion

Auf kleinem Format (89 Seiten) ein sehr wichtiges Buch, das auf das Habituskonzept von Bourdieu kritisch und differenzierend aufmerksam macht. Die sehr gedrängte Fassung macht es dem mit dem Konzept nicht vertrauten Leser nicht leicht; hilfreich sind dazu aber nicht nur die Fußnoten und die zwei Fallbeispiele, sondern auch das sehr umfangreiche Literaturregister, das nicht nur auf Arbeit von Bourdieu und der Verfasserin hinweist, sondern auch kritische und differenzierende Überlegungen anderer Autoren. Es wird nicht nur auf bewusste, sondern auch nicht-bewusste Prägungen durch das soziale Umfeld (Familie, Schule, Beruf usw.) hingewiesen, auf blinde Flecke, die auch gefügig für Macht- und Herrschaftsprozesse (Diktaturen) machen. Insofern ist es ein sehr aktuelles, wichtiges Buch, selbst wenn die methodischen Zugänge zum Nicht-Bewussten – im Gegensatz zur psychoanalytischen Behandlung – noch viele Fragen offen lassen.

Aber allein die Aufmerksamkeit eröffnet eine neuen und kritischen Blick nicht nur auf die Inhalte des Nicht-Bewussten als auch auf die Widerstände, die sich einer Reflexion entgegenstellen.

Fazit

Nicht leicht zu lesen, aber wichtig und anregend zum Nachdenken über den eigenen bewussten und nicht-bewussten Habitus und – wie die Fallbeispiele zeigen – zum Verständnis von Konflikten, die Menschen (nicht nur Migranten) haben, mit ihren sozialen Prägungen in einer durch Aufstieg, Migration, Bildung, kulturelle Diversion erzwungenen, oder aus inneren Gründen notwendig gewordenen, kritischen und reflexiven Auseinandersetzung.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Es gibt 114 Rezensionen von Gertrud Hardtmann.

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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 27.03.2024 zu: Vera King: Sozioanalyse - zur Psychoanalyse des Sozialen mit Pierre Bourdieu. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. ISBN 978-3-8379-3233-1. Reihe: Psyche und Gesellschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32066.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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