Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Philipp Peyman Engel, Helmut Kohn: Deutsche Lebenslügen

Rezensiert von Prof. Dr. Thomas Hanstein, 03.04.2024

Cover Philipp Peyman Engel, Helmut Kohn: Deutsche Lebenslügen ISBN 978-3-423-28414-1

Philipp Peyman Engel, Helmut Kohn: Deutsche Lebenslügen. Der Antisemitismus, wieder und immer noch. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2024. 192 Seiten. ISBN 978-3-423-28414-1. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 29,90 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Antisemitismus ist zu einem zentralen, wenn nicht dem zentralen gesellschaftlichen Thema in Deutschland geworden. Er beschränkt sich nicht auf einzelne (ostdeutsche) Bundesländer und bedroht das jüdische Leben in seiner ganzen Existenz. Darüber hinaus ist dieses Phänomen ein Symptom für eine Entwicklung in Deutschland, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg in diesem Land nicht mehr gab: „Deutschland ist außer sich. Noch nie war die Bundesrepublik so weit von sich und ihren Werten entfernt wie jetzt.“ (S. 10)

Autoren

Philipp Peyman Engel, geboren in Herdecke, studierte Philosophie, Pädagogik, Literatur, Medien, ist Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeinen“. Der Autor hat „Deutsche Lebenslügen“ zusammen mit Helmut Kohn verfasst. Helmut Kohn, geboren in München, studierte Geschichte und Publizistik, ist Reporter, Redakteur und freier Autor in diversen Zeitschriften

Entstehungshintergrund

Der Auslöser dieses Buches war der Terroranschlag der Hamas am 07.10.2023: der „dunkelste Tag in der Geschichte des jüdischen Volkes nach 1945“ (S. 7). Der Autor reflektiert dieses brutale Fanal als „Nagelprobe politischer und moralischer Haltung in Deutschland“ (S. 2).

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht, nach einem persönlichen Vorwort des Autors, aus zehn Kapiteln, die narrativ und erfahrungsbasiert angelegt sind: Ja, stimmt. Hier waren wir sicher (Kap. 1), Die postkoloniale Endlösung (Kap. 2), Der Judenknax (Kap. 3), „Hab‘ ich doch gesagt, Elke!“ (Kap. 4), Wedding ist überall (Kap. 5), Ring frei (Kap. 6), Der Judenhasser vom Bosporus (Kap. 7), Mein amerikanischer Cousin (Kap. 8), Kurze Wellen mit langen Folgen (Kap. 9) und „Alternative für Europa“ – ein Blick in die Glaskugel (Kap. 10).

Der deutsche Jude Philipp Peymann Engel, der in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts im Ruhrgebiet aufgewachsen ist und sich bis heute mit seiner Heimat stark identifiziert, entfaltet in den zehn Kapiteln seinen Schock über den Terroranschlag der Hamas ebenso wie den über die zögerliche Empörung darüber in Deutschland. Bereits in seinem Vorwort entlarvt Engel die seit acht Jahrzehnten kollektiv „viel zitierte Wiedergutwerdung“ als „deutsche Lebenslüge“ (S. 11). Er wirft dabei einen Blick zurück auf die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Verleihung der Leo-Baeck-Medaille im Jahr 2021 in New York, in der dieser auf bemerkenswerte Weise das „Wunder der Versöhnung“ mit diesen Worten gewürdigt habe: „Nur wenn Juden sich vollkommen sicher fühlen, ist Deutschland ganz bei sich.“ (Zitiert nach ebd., S. 10) Zwischen der Rede des Bundespräsidenten in New York und dem Angriff der Hamas auf Israel liegen nur drei Jahre – eine erschreckend kurze Zeitspanne im Angesicht der seither eingesetzten Eskalation der Gewalt sowie der Dynamik der sich überschlagenden Vorfälle auch in Deutschland – wie z.B. antisemitische Kundgebungen … tätliche Übergriffe auf den Straßen gegenüber Jüdinnen und Juden … Brandanschläge …, die Engel als „ein Stück Kontrollverlust des Staates“ (S. 9) analysiert. Doch nicht nur deshalb ist nach Ansicht des Autors Deutschland kein sicherer Ort für Jüdinnen und Juden mehr, sondern weil nach seiner Beobachtung das Gros der deutschen Bevölkerung nach wie vor zum Terroranschlag der Hamas schweigt. Engel fordert mit seinem Buch, dass über den Antisemitismus in Deutschland, seine Ursachen, Quellen und Förderer offen gesprochen wird. Letztere sieht er nicht nur rechts, ebenso wenig nur in der Mitte der Gesellschaft – wo er längst angekommen sei –, „sondern auch und besonders aggressiv aus der muslimisch und vermeintlich links-progressiven Community“ (S. 12).

Die biographische Erzählung Engels beginnt mit der Entscheidung seiner Großeltern während des Sechstagekrieges. Das „Sicher sein“ lag nun – wie bei den Vorfahren 500 Jahre zuvor, die im Zuge der Reconquista aus ihrer damaligen Heimat Spanien vertrieben worden waren – (wieder) in der Vergangenheit. Der Iran war für jüdische Familien kein sicherer Ort mehr, die Koffer wurden rasch gepackt und die Familie emigrierte nach Deutschland, in dem Bewusstsein: „Die Deutschen haben aus dem Holocaust gelernt. Da sind wir sicher.“ (S. 13) Lange sollte dieser Glaube recht behalten. Bis irgendetwas Fundamentales in den letzten Jahren ins Rutschen und Kippen geraten ist. Engel begibt sich als Journalist auf die Straße, beobachtet, analysiert, recherchiert, notiert… In seinem Buch hält er nur einige dieser Episoden fest, die jede für sich genügend Fassungslosigkeit auslöst. Denn wenn selbst auf dem Jüdischen Gemeindetag 2023, auf dem sich 1300 Jüdinnen und Juden in Berlin trafen, diese vor antisemitischen Vorfällen nicht mehr sicher waren, dürfte es auch dem letzten Zweifler auffallen, dass etwas – buchstäblich – gewaltig schief läuft in diesem Land.

Das letzte Kapitel ist weder ein Fazit noch ein Abschluss, eher ein Ausblick in eine dunkel-braune, mögliche Zukunft. Engel entwirft mit „Blick in die Glaskugel“ ein dystopisches Szenario, genau 100 Jahre nach Machtergreifung der Nationalsozialisten und Ermächtigungsgesetz: Die AfD gewinnt die Bundestagswahlen, nachdem fünf Jahre zuvor (also bereits 2027) Frankreich unter Le Pen die EU verlässt und Italien, Ungarn und Holland ebenso den Rechtsruck vollzogen haben. Nach dem „Frexit“ in Frankreich wird der „Dexit“ vollzogen, worauf die EU in die geschichtliche Kleinstaaterei zurückfällt. Kanzler Höcke startet mit Innenminister Chrupalla mit der politischen „Säuberung“ und „totaler Remigration“. Die USA beschließen, die NATO zu verlassen, und sich aus dem Einmarsch Putins in Polen und Deutschland herauszuhalten – was für einen Geldsegen Hunderter Millionen in Kryptowährung auf Konten des Trumpclans sorgt. Frankreich und England folgen den USA und erklären ihrerseits den Austritt. Die Gewalt auf den Straßen auch in Deutschland nimmt zu, doch als Schuldige werden die (verbliebenen) Juden stigmatisiert. Kanzler Höcke unterzeichnet feierlich den Beitritt zur Russischen Föderation, worauf Russisch zur Amtssprache erklärt wird. Jedes Kind an jeder Schule hat Russisch zu lernen. Und der Bundesadler im Reichstag weicht dem Schriftzug „Druschba“ (Freundschaft).

„Blanker Unsinn! Oder?“, fragt der Autor, und zeichnet abschließend leidenschaftlich und ebenso provokativ (im Sinne des Wortes) eine Metapher: Die Deutschen hätten nach Krieg und Schoah einen Hochwasserdamm gebaut, der aus kleinen Steinen – Stolpersteinen – errichtet worden sei und dessen Aufgabe darin bestanden habe, das antisemitische Hochwasser zu kontrollieren. Der Damm habe über Jahrzehnte gehalten, doch nun sei er gebrochen! Engel, der immer wieder ganz Persönliches berichtet, erzählt davon, dass seine Koffer und die seiner Familie derzeit zwar noch nicht gepackt seien, dass er sich aber vergewissert habe, wo sie stehen, damit er sie zu jeder Zeit griffbereit habe. Engels Botschaft ist eindeutig: Die Bundesrepublik Deutschland ist kein sicherer Ort mehr für Jüdinnen und Juden, im Jahr 2024! Aber ein Land, das und dessen Bürger die Wahl haben! Der bislang gezähmte, nicht mehr beherrschbare antisemitische Hochwasserpegel ist für den Autor der entscheidende Indikator, ob die Deutschen die Kurve noch einmal kriegen: Denn „eine Gesellschaft, die dem Antisemitismus Spielraum lässt, taumelt in den Abgrund.“ (S. 183)

Diskussion

Die Grundthesen des Autors lauten: Antisemitismus existiert überall in Deutschland, nicht nur im rechtsextremen, sondern auch im linken und muslimischen Milieu. Im Westen Deutschlands gibt es andere Erscheinungsformen des Antisemitismus als im Osten. Dies hängt nicht nur mit einer anderen Geschichte zusammen, sondern hier zeigt sich der Zusammenhang zwischen dem Zulauf zur AfD und dem radikalen Islamismus. Philipp Peyman Engel macht darauf aufmerksam, dass das Sympathisieren mit der AfD umso stärker wird, je mächtiger der radikalisierte Islamismus auftritt – und umgekehrt. Da die muslimische Community in Ostdeutschland jedoch unauffälliger sei, trete hier der „biodeutsche“ Antisemitismus stärker in Erscheinung. Mit Blick auf die AfD und deren im Moment stärksten Bundesländer – Sachsen und Thüringen – warnt Egel mit größter Sorge. Denn er ist sich sicher: Das rechtsextreme Weltbild räumt Jüdinnen und Juden keinen Platz (mehr bzw. wieder) in (ihrem) Deutschland ein! 

 „Deutsche Lebenslügen“ ist als Taschenbuch erschienen. Damit versprechen Format und Verlag ein kurzweiliges Werk. Doch dieses Buch hat es in sich. Es lässt sich nicht einfach so weglegen. Das Buch von Philipp Peyman Engel macht betroffen, es erschüttert – wobei man bereits beim Aufschreiben dieser Wörter bemerkt: Beide sind zu wenig, ja unangemessen. Ebenso fragil wie das der „Erinnerungskultur“ oder der pure Wunsch eines „Nie wieder“. Worte im Land der Dichter und Denker genügen nicht mehr für die erschreckende Realität, die sich zwar auch – und zunächst – in der Radikalisierung von Worten und Sprache ausdrückt, die sich aber schon längst, alltagtäglich, in antisemitischen Gewalttaten vielfache Formen gesucht und tausendfach Gestalt angenommen hat.

Zu Kaffee und Kuchen war mir beim Lesen nicht mehr zumute. Ich bekam das Taschenbuch an jenem Sonntag – wobei schnell klar war, dass es keine „gutbürgerliche Sonntagslektüre“ ist – nicht mehr aus der Hand, musste es einem Zuge lesen. Was blieb, war das Grübeln über vorrangig zwei Themenbereiche: Der eine rankt um die Frage, inwiefern sich auch die historische Forschung hinsichtlich der Einordnung von Formen des Widerstandes wiederholen könnte. Es ist bekannt, dass sich die ersten Modelle apologetisch der Frage zuwandten, wo denn die anständigen Deutschen in der Nazizeit gewesen seien und wo sie gewirkt haben. Die Helden, die aus dieser Form der „Aufarbeitung“ hervorgingen, sollten pars pro toto für den „guten Deutschen“ stehen. Erst nach dieser verklärenden, heroisierenden Sicht in der frühen Phase der Adenauerrepublik kristallisierten sich differenzierte Betrachtungsweisen auf diverse Resistenzformen heraus, ohne beispielsweise modellhaft in Widerstandsstufen zu denken. Der zweite thematische Fokus lag auf Fragen von Ethik und Moral, Prinzipien, Werten und Haltung. Denn es kann beängstigen, dass ein Volk und Land mit einer derart reichen Philosophie, Kultur und Ethik aus seiner Geschichte nichts gelernt haben soll? War es nicht die Altkanzlerin, die bei passender Gelegenheit aus dem Talmud zitiert hatte: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“

Das Schicksal der Deutschen und des jüdischen Volkes hängt von beidem ab: von Rückgrat und Courage wie von Sensibilität und Wachsamkeit. Denn das „Nie wieder“ ist keine Parole, sie ist eine Tat. Jedoch keine einmalige, die sich in den Geschichtsbüchern ablegen ließe, sondern eine täglich an vielen Orten dieses Landes notwendige – und Not wendende –, ganz bewusst zu vollziehende.

Philipp Peyman Engel nimmt kein (einziges) Blatt vor den Mund. Bereits der Titel des Buches ist provokativ, will pro-vozieren. „Deutsche Lebenslügen“: eine leidenschaftliche Mahnung, dem Antisemitismus die Stirn der Anständigkeit zu bieten. Das schließt konsequente Sanktionen und einen Mut zum An- und Aussprechen auch und insbesondere bei Politikerinnen und Politikern mit ein. Wer zum Terror schweigt, der unterstützt diesen – so einfach und eindeutig resümiert der Autor. Doch im Schweigen wie in der Zaghaftigkeit – von politisch Verantwortlichen wie „einfachen“ Bürgerinnen und Bürgern –, antisemitischen Formulierungen und Vorfällen gegenüber, zeigt sich weitaus mehr: neben und in der gesellschaftlich-politischen Polykrise, eine fundamentale moralische Krise dieses Landes!

Fazit

Insofern ist das Buch nicht weniger als eine fundamentale Infragestellung der gelebten Grundwerte der deutschen Demokratie – und damit auch ihrer geschichtlichen Nachhaltigkeit. Weit über 2024 und 2033 hinaus.

Rezension von
Prof. Dr. Thomas Hanstein
Theologe, Pädagoge, Stv. Schulleiter, Berufsschul- und Hochschullehrer (FH), Business- und Team Coach, Change Manager, Buchautor
Website
Mailformular

Es gibt 4 Rezensionen von Thomas Hanstein.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Thomas Hanstein. Rezension vom 03.04.2024 zu: Philipp Peyman Engel, Helmut Kohn: Deutsche Lebenslügen. Der Antisemitismus, wieder und immer noch. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2024. ISBN 978-3-423-28414-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32091.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht