Martin Repohl: Die Beziehungsqualität der materiellen Welt
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 05.11.2025
Martin Repohl: Die Beziehungsqualität der materiellen Welt. Perspektiven einer weltbeziehungssoziologischen Analyse von Materialität. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2024. 442 Seiten. ISBN 978-3-7560-1541-2. D: 104,00 EUR, A: 107,00 EUR.
Resonanzsensible Dingkultur
„Es ist, wie es ist“ (Erich Fried), die Dinge um uns herum sind, wie sie sind. Das Lokale ist Bestandteil des Globalen. Im Zusammendenken des Alltäglichen, Realen, ergibt sich das Besondere, Spezifische, Transkulturelle und Transdisziplinäre. Einstellungen wie – „Das haben wir schon immer/noch nie so gemacht!“ – führen auf Ab- und Irrwege. Der Blick auf das Gewohnte kann Mentalitäten entstehen lassen und Perspektivenwechsel bewirken. Es sind die Erfahrungen mit den Dingen um uns herum, die Identität schafft und ermöglicht, sich seiner selbst bewusst zu sein. „Wer bin ich?“ – „Wie bin ich geworden, was ich bin?“ – „Was kann ich wissen?“ – „Was soll ich tun?“ – „Was kann ich hoffen?“ – und wie kann ich meinen eigenen Verstand benutzen (Immanuel Kant).
Entstehungshintergrund und Autor
Das erdhafte und kosmosbestimmte Dasein des Menschen ist darauf angewiesen, das Drumherum des Seins gelassen, bewusst, real und gegenständlich wahr-, anzunehmen und kritisch zu leben. Die Dinge sind da, leb- und veränderbar. Der Soziologe vom UNESCO-Chair on Global Understanding for Sustainability, Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt, Martin Repohl, hat 2024 mit seiner Dissertation eine „Gesellschaftstheorie von Weltbeziehungen“ vorgelegt. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) hat die Forschungsarbeit zum „material turn“ ausgezeichnet. Die Fragen, wie wir die Dinge um uns herum machen, benutzen, und was sie mit uns machen, sind existentiell für das humane Sosein. Sie können uns gut oder böse machen. Es sind die Zusammenhänge und Beziehungen zwischen Mensch und Sache, die Möglichkeiten und Grenzen schaffen.
Aufbau und Inhalt
Der Autor gliedert seine Studie in drei Kapitel: Er fragt, wie die Dinge sind und was sie mit uns machen – im soziologischen und philosophischen, indifferenten Denken und Handeln, im impliziten und expliziten Bewusstsein; mit Fallstudien der Ich- und Sachwelt differenziert er fünf Typen der materiellen Beziehungsqualität: Die Massen- und industrielle Produktion – die unnatürliche, plastische, chemische und technische Herstellung und (Wieder-)Verarbeitung – die Wiederherstellung von Kaputtem – das Unverpackte – der Müll und die Wegwerf-Produkte, und in dritten Kapitel „für eine Ökologie materieller Beziehungsqualität zu plädieren.
Es ist das Bekannte, Vertraute, Gewöhnliche, Gewohnte, das beim Ungewöhnlichen und Besonderen zur Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und zum neuen Denken und Handeln führt: Nicht von ungefähr führt der Ernst Blochsche Rat, besonders auf die kleinen, unscheinbaren Dinge zu achten: „Den Dingen kommt eine irreduzible Natürlichkeit zu“. Es ist der (natürliche) Prozess des Entstehens und Vergehens, der auch die Dinge (wieder) in Natur verwandelt. In der „Soziologie der Weltbeziehung“ (Rosa) subsumieren sich die Relationen vom Einzelnen, Spezifischen hin zur ganzheitlichen Ein- und Weltsicht. Die Resonanz mit den Dingen und durch sie ermöglicht es, den Dingen eine gewisse Ordnung und Bedeutung zu verleihen. Es sind die phänomenologischen und didaktischen Zugänge, dass Dinge sind und tun, die nicht nur „Hinsehen“, sondern auch Ansehen“ und phänopraktisch realisieren: Aufsuchen – Hinsehen – Fühlen – Experimentieren – Zulassen. Im materiellen Denken sind es Einzelstücke und Haufen, die benutzt, ge-, verbraucht werden und verschwinden und den Schluss ermöglichen, dass der Mensch die Dinge braucht, die Dinge aber nicht den Menschen brauchen. Der Mensch schafft Sollbruchstellen. Es ist der Umgang mit der Umwelt, der vom anthrôpos eine politisch-ästhetische, krisenbewusste Haltung einfordert. Der Mensch herrscht über die Dinge, wird von ihnen aber auch beherrscht.
Diskussion
Die Forschungsfrage – „Wie beeinflusst (oder bestimmt, JS) Materialität die Möglichkeit für Weltbeziehung?“ – orientiert sich an Max Webers Diktion, dass „Materialität als Anlass und Ergebnis, Förderung und Hemmung sozialen Handelns angesehen werden kann“. Der Autor beantwortet sie mit der Erkenntnis, „dass materielle Entitäten von Weltbeziehung sind, als auch die Möglichkeit für Weltbeziehung konditionierend produzieren“. Die Phänopraxis als soziologische Analyse ermöglicht, eine „Ökologie materieller Beziehungsqualität“ zu entwickeln. Martin Repohl beendet seine Forschungsarbeit mit fünf Thesen, in denen die Ein- und Aussicht deutlich werden, wie materielle Beziehungsqualitäten wirksam werden können: „Eine Politik der Adaption muss eine der weiten Beziehungsqualität sein“ – „Nachhaltige Nachhaltigkeit kann sich nur als Schrottkultur selbstverständlichen“ – „Eine Gestaltung weiter Weltzustände bedarf einer Ethik der Metaresponsivität“ – „Die wesensmäßige Ästhetik materieller Beziehungsqualität ist eine fraktale“ – „Weltbeziehungen sind symmetrisch, materielle Beziehungsqualität holistisch“.
Fazit
Mit der sechsten These – „Eine ambivalenzsensible Welthaltung ist eine der Weltfähigkeit“ – formuliert der Autor die Erkenntnis, auf die Dinge zu schauen und sie zu achten und so zu einer Balance zwischen Menschen und Dingen zu gelangen. Die Auseinandersetzung mit dem phänomenologischen Diskurs – von Adorno, Blumenberg bis Waldenfels und Zirfas – ist Exempel für den „material turn“.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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