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Annette Boeger: Psychologische Therapie- und Beratungskonzepte

Rezensiert von Sebastian Kron, 21.05.2024

Cover Annette Boeger: Psychologische Therapie- und Beratungskonzepte ISBN 978-3-17-043580-3

Annette Boeger: Psychologische Therapie- und Beratungskonzepte. Theorie und Praxis. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2024. 4., aktualisierte Auflage. 216 Seiten. ISBN 978-3-17-043580-3. 32,00 EUR.

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Thema und Entstehungshintergrund

Psychologische Therapie- und Beratungskonzepte sind nicht nur in der Psychologie von besonderer Bedeutung. Sie prägen die Soziale Arbeit nachhaltig und werden bedeutsamer in einer Zeit, in der psychische Auffälligkeiten im Anstieg begriffen sind.

Autor:in

Frau Prof. Dr. Annette Boeger ist am Lehrstuhl Entwicklungspsychologie im Fachbereich Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen tätig. Sie ist approbierte Psychotherapeutin und besuchte Weiterbildungen in systemisch-psychoanalytischer Psychotherapie und in Gesprächstherapie.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Fachbuch beschreibt auf einer multiperspektivischen Ebene zentrale psychologische Therapie- und Beratungskonzepte. Es bezieht sich auf den psychoanalytischen, den klientenzentrierten, den systemischen sowie den verhaltenstherapeutischen Ansatz und fasst einen Überblick über vier zentrale Strömungen der Therapie und Beratung.

Die psychoanalytische Therapie und Beratung hat ihren Ursprung in der sogenannten Redekur Sigmund Freuds. Bei dieser Strömung spielen das Unbewusste, Innere und konflikthafte Erfahrungen eine zentrale Rolle. Grundidee des psychoanalytischen Beratungskonzepts ist die Umstrukturierung der im Es waltenden Triebanteile durch vermittelnde Realitätsanteile. „Wo Es ist, soll Ich werden“ beschrieb Sigmund Freud das Ziel seiner Redekur, wobei das Ich als vermittelnde Instanz zwischen Über-Ich und Es gestärkt werden soll, unbewusste Triebregungen sollen bewusst gemacht werden. Dabei zehrt die psychoanalytische Beratung von einigen, klinisch relevanten Theorien (z.B. Neurosentheorie) und stützt sich auf wesentliche Grundelemente (Erinnern, Konfrontieren, Durcharbeiten). Techniken, wie die freie Assoziation, helfen dabei, zu unbewussten Vorgängen vorzudringen.

Anders als Freud, der neben dem Lebenserhaltungstrieb auch den Todestrieb in Betracht zog, sah Rogers in seinem klientenzentrierten Ansatz das durchweg Gute im Menschen. Wenn sich ein Mensch anders verhält, sind es zumeist die Außeneinflüsse, die ihn dazu bewegen. Eine unbedingte Wertschätzung auf einer tiefgründigen, therapeutischen Beziehungsebene soll dazu beitragen Selbstheilungsprozesse in Gang zu setzen, die dann dazu führen, Selbsthilfeanteile zu aktivieren. Empathie, Wertschätzung und aktives Zuhören sind zentrale Techniken der klientenzentrierten Beratung.

Erheblichen Einfluss in die systemische Familientherapie hatte die Double bind Theorie. Wort und Tat stimmen nicht überein oder zwei Sinnzusammenhänge stehen paradox zueinander. Folglich daraus ist die systemische Therapie eng an gruppendynamische Systeme und ihre Mitglieder gebunden. Sie zehrt interdisziplinär aus verschiedenen Theorien und sieht Verhaltensweisen im Kontext gruppendynamischen Handelns, die das Verhalten des Anderen beeinflussen. Neue Informationen in dieser Gruppendynamik tragen dazu bei, dass das System als Ganzes funktioniert.

Urväter der Verhaltenstherapie sind Pawlow, Watson, Thorndike und Skinner. Verhaltenstherapeut*innen gehen davon aus, dass alles Verhalten erlernt und dementsprechend auch wieder verlernt werden kann. Es gibt demnach vier verschiedene Lerntheorien: a.) das klassische Konditionieren, b.) das operante Konditionieren, c.) das Zwei-Faktoren-Modell als Mischform zwischen klassischer und operanter Konditionierung und d.) das Lernen am Modell. Die klassische Verhaltenstherapie beschreibt das Erleben eines Menschen als eine Black Box, auf einem bestimmten Reiz folgt eine bestimmte Reaktion, unabhängig dessen, was in dem Menschen vor sich geht. Durch den Einfluss kognitiver Strömungen konnten dann irrrationale Gedanken und Eingebungen umstrukturiert und entsprechend mehr Einfluss auf das Seelenleben genommen werden. Die kognitive Verhaltenstherapie arbeitet mit Expositionsverfahren (z.B. Konfrontationstherapie, systematische Sensibilisierung) und bietet Selbstsicherheits- und Gedankentrainings an. Weiterhin spielen operante Verfahren (z.B. Token Programme) eine Rolle.

Die vierte Auflage des im Kohlhammer Verlag erschienenen Buches wurde durch einen Input zur Onlineberatung ergänzt.

Diskussion

Es entwickeln sich nach und nach integrative Ansätze, die verschiedene Paradigmen und Denkströmungen miteinander vereinen. In der ferneren Geschichte der Psychologie war dies nicht immer der Fall, da viele Denkrichtungen unterschiedlicher, kontroverser Auffassung waren. Dies war hauptsächlich zwischen dem klassischen Behaviorismus und der Psychoanalyse der Fall. Sehr einschneidend war die Betrachtung der Angstentstehung. Während Freud davon ausging, dass überwältigende Trieberfahrungen, verbunden mit innerpsychischen Konflikten im Unbewussten, Ängste auslösen, war John B. Watson der Auffassung, dass Ängste durch Lernerfahrungen (klassische Konditionierung) entstehen. Diese doch sehr kontroversen Einstellungen führten des Öfteren zu Zerrüttungen zwischen den Paradigmen.

Heute weiß man, dass alle Denkschulen ihre Berechtigung haben, gleichwohl die Psychoanalyse (bedauerlicher Weise) mehr und mehr von der verhaltenstherapeutischen Fachrichtung verdrängt wird. Soziale Arbeit kann von allen Theorien zehren, sich fortbilden, um das Seelenleben eines Menschen zu verstehen und den eigenen Wissensfundus zu bereichern.

Aktuell sind tiefenpsychologische, verhaltenstherapeutische und systemische Verfahren kassenärztlich anerkannt.

Fazit

Der Blick über den „eigenen Tellerrand“ wird in allen helfenden Berufen bedeutsamer, wichtiger und zentraler werden, um den eigenen Horizont offener und breit aufgestellt zu erweitern. Dafür liefert das vorliegende Werk einen wertvollen Einblick in die Grundlagen der zentralen psychologischen Therapie- und Beratungskonzepte, die verständlich dargestellt werden. Es ist für helfende Berufsgruppen lesbar und geeignet.

Rezension von
Sebastian Kron
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Zitiervorschlag
Sebastian Kron. Rezension vom 21.05.2024 zu: Annette Boeger: Psychologische Therapie- und Beratungskonzepte. Theorie und Praxis. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2024. 4., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-17-043580-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32107.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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