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Katherina Klatte: Übergangsbegleitung zwischen Schule und Beruf

Rezensiert von Prof. Dr. Gisa Stich, 04.03.2025

Cover Katherina Klatte: Übergangsbegleitung zwischen Schule und Beruf ISBN 978-3-8309-4809-4

Katherina Klatte: Übergangsbegleitung zwischen Schule und Beruf. Zum Selbstverständnis professionellen Handelns von Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2024. 174 Seiten. ISBN 978-3-8309-4809-4. 29,90 EUR.
Reihe: Beiträge zur Beratung in der Erwachsenenbildung und außerschulischen Jugendbildung - Band 6.

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Thema

Der Übergang von der Schule in den Beruf stellt für viele junge Menschen eine Herausforderung dar – insbesondere für diejenigen, die psychische Belastungen oder Entwicklungsstörungen erleben. Gerade an dieser Schnittstelle zwischen Bildungssystem und Arbeitswelt zeigt sich, wie notwendig eine gezielte Begleitung sein kann. In der fachlichen Diskussion rückt daher verstärkt die Frage in den Fokus, welche Rolle Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen in diesem Prozess spielen können und sollten. Dabei geht es nicht nur um die therapeutische Arbeit im engeren Sinne, sondern auch um Fragen der interdisziplinären Zusammenarbeit, der institutionellen Rahmenbedingungen und des professionellen Selbstverständnisses.

Das Buch Übergangsbegleitung zwischen Schule und Beruf. Zum Selbstverständnis professionellen Handelns von Kinder- und JugendpsychotherapeutInnen greift diese Fragen auf und untersucht systematisch, wie diese den Übergangsprozess ihrer Klient:innen mitgestalten. Die Autorin stützt sich dabei auf qualitative Interviews mit zehn Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen, die sie mithilfe der Grounded-Theory-Methode auswertet. Dadurch arbeitet sie nicht nur zentrale Deutungsmuster und Handlungslogiken heraus, sondern macht auch deutlich, wo Lücken in der bestehenden Praxis und den institutionellen Strukturen bestehen. Die Ergebnisse zeigen, dass therapeutische Unterstützung in der Übergangsphase zwar als notwendig erachtet wird, es aber oft an klaren Zuständigkeiten, etablierten Konzepten und vernetzten Strukturen mangelt.

Mit dieser Analyse trägt das Buch wesentlich zur aktuellen Debatte um die professionelle Begleitung von Jugendlichen an der Schwelle zum Berufsleben bei. Es bietet sowohl theoretische Impulse als auch praxisnahe Einblicke und zeigt auf, wo Weiterentwicklungen und interdisziplinäre Zusammenarbeit notwendig sind. Damit richtet es sich nicht nur an Fachkräfte aus Psychotherapie, Pädagogik und Jugendhilfe, sondern auch an Entscheidungsträger:innen, die an der Gestaltung tragfähiger Unterstützungsstrukturen mitwirken.

Autorin

Katherina Klatte ist selbst praktizierende Kinder- und Jugendpsychotherapeutin.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist ihre Dissertationsschrift.

Aufbau und Inhalt

Das Buch Übergangsbegleitung zwischen Schule und Beruf. Zum Selbstverständnis professionellen Handelns von Kinder- und JugendpsychotherapeutInnen ist in einen Theorie- und einen Praxisteil gegliedert und beginnt mit einer Einleitung, die die Notwendigkeit einer professionellen Unterstützung für psychisch beeinträchtigte Jugendliche in dieser Phase begründet. Ein zentraler Punkt ist dabei die wissenschaftsdisziplinäre Verortung der Übergangsbegleitung. Die Autorin macht deutlich, dass es sich um eine Schnittstellenaufgabe handelt, die ohne erziehungswissenschaftliches Wissen nicht gelingen kann. Während die Psychotherapie als medizinisch geprägtes und hochstandardisiertes Verfahren auf die Heilung psychischer Leiden ausgerichtet ist, erfordert die Übergangsbegleitung ein ergebnisoffenes Vorgehen, wie es in der pädagogischen Beratung üblich ist. Zur theoretischen Einordnung greift die Autorin das Konzept der „mixed professions“ von Helsper und Tippelt auf, das beschreibt, wie Berufe mit unterschiedlichen Logiken – wie Medizin und Pädagogik – in hybriden Praxisfeldern zusammenwirken.

Aus dieser Analyse entwickelt sie ihr Forschungsinteresse, in dessen Zentrum die Frage steht, wie diese Berufsgruppe ihre eigene professionelle Rolle in dem interdisziplinären Aufgabenfeld versteht. Daraus leitet sie mehrere Teilfragen ab, die sich darauf beziehen, an welchen Stellen Übergangsbegleitung für Psychotherapeut:innen zu einem legitimen Handlungsfeld wird, wie sie mit interdisziplinärem Wissen umgehen, um diese Situationen zu deuten, und wie sie ihre eigenen Handlungsvollzüge reflektieren und begründen.

Im zweiten Kapitel gibt die Autorin einen Überblick über den Forschungs- und Diskussionsstand. Sie stellt zunächst zentrale Forschungsarbeiten zur Studien- und Berufsorientierung vor und beleuchtet die verschiedenen Handlungsfelder, in denen junge Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützt werden. Sie zeigt des Weiteren die strukturellen Herausforderungen der Transitionspsychiatrie und die Rolle von Psychiater:innen in der Übergangsbegleitung. Durch die Bezugnahme auf Fegert (2011; 2016) verdeutlicht sie, dass eine bessere Vernetzung der Versorgungsbereiche essenziell wäre, um jungen Menschen eine durchgängige Begleitung zu ermöglichen. Psychiater:innen könnten hierbei eine koordinierende Funktion übernehmen, da sie häufig bereits in der Behandlung involviert sind und über medizinisch-psychologische Expertise verfügen. Allerdings gibt es bislang kaum festgelegte Strukturen für diese Rolle.

Im dritten Kapitel verortet die Autorin ihre Untersuchung innerhalb der Professionalisierungsdiskussion und setzt sich mit dem Selbstverständnis professionellen Handelns auseinander. Sie reflektiert, was es bedeutet, als Kinder- und Jugendpsychotherapeut:in professionell zu handeln, und untersucht, inwiefern sich dieser Berufsstand als eigenständige Profession begreifen kann. Zunächst führt sie in die grundlegenden Konzepte von Profession, Professionalisierung und Professionalität ein. Ein wichtiger Teil des Kapitels ist die Analyse des Professionalisierungsgrads des Psychotherapeut:innenberufs. Dabei wird auch hinterfragt, inwieweit Psychotherapeut:innen in interdisziplinären Kontexten als eigenständige Fachkräfte wahrgenommen werden und welche Herausforderungen dies für ihre Rolle in der Übergangsbegleitung mit sich bringt. Abschließend formuliert sie forschungsleitende Aspekte der Professionalisierungsdiskussion, die für ihre eigene empirische Untersuchung von Bedeutung sind. Dazu gehören die Fragen, wie sich Psychotherapeut:innen selbst in ihrer Rolle zwischen Therapie, Beratung und interdisziplinärer Kooperation sehen und welche Handlungsspielräume oder Begrenzungen sie in der Praxis wahrnehmen.

Im vierten Kapitel setzt sich die Autorin mit den Übergängen zwischen Schule und Beruf auseinander und ordnet diese in größere gesellschaftliche und theoretische Kontexte ein. Dabei grenzt sie v.a. unterschiedliche wissenschaftliche Vorstellungen voneinander ab: die lange Zeit den Diskurs dominierenden linear angelegten Vorstellungen zur Bewältigung von Übergängen gehen davon aus, dass Übergänge klar strukturiert sind und durch festgelegte institutionelle Abläufe begleitet werden können – ein Ansatz, der der Realität vieler Jugendlicher, insbesondere psychisch belasteter, nicht gerecht wird. Dem stellt die Autorin das subjektorientierte Übergangsverständnis gegenüber, das „Individuen als Subjekte ihrer jeweiligen Lebensgeschichte [ansieht GS] und […] die biographische Perspektive in den Blick [nimmt GS]“ (S. 46). Damit gibt dieser Ansatz den individuellen Deutungen, Erfahrungen und Bewältigungsstrategien von Jugendlichen mehr Raum und begründet ebenso eine Individualisierung der pädagogischen Begleitung abseits einer sog. Normalbiografie. Die Komplexität des Arbeitsfeldes und die Vielfalt der „Programme im Übergang Schule-Beruf“ (S. 47) erfordern den Aufbau eines multiprofessionellen Netzwerks, das z.B. mit Hilfe eines regionalen Übergangsmanagements koordiniert wird, um Versorgungslücken, besonders für psychisch belastete Jugendliche, zu vermeiden und sinnvolle „Handlungsketten entstehen“ (S. 48) zu lassen.

Das fünften Kapitel setzt sich mit dem Berufsbild der Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen auseinander und beleuchtet die gesetzlichen, ausbildungsbezogenen und fachlichen Grundlagen des professionellen Handelns in diesem Beruf. Ein zentraler Punkt dieses Kapitels ist die Frage, inwiefern psychotherapeutische Kompetenzen als Anknüpfungspunkt für das professionelle Selbstverständnis im Übergang Schule-Beruf dienen und welche Kompetenzen in diesem Arbeitsfeld besonders hilfreich erscheinen. Dafür betrachtet sie die spezifischen Anforderungsbereiche der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen und stellt in Aussicht, dass sich das Berufsbild in Zukunft noch weiter professionalisieren werde.

Im sechsten Kapitel beschreibt die Autorin die Forschungsmethodik und Durchführung ihrer Studie, die auf einer qualitativen Herangehensweise basiert. Sie begründet die Entscheidung für die Grounded Theory als forschungsleitende Methodologie und erläutert deren zentrale Prinzipien. Besonders betont wird die Selbstreflexion im Forschungsprozess, da die Perspektive der Forschenden das Untersuchungsergebnis beeinflussen kann. Die Autorin beschreibt die Auswahl der Interviewpartner:innen, die sich aus Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen zusammensetzt, sowie die Nutzung des problemzentrierten Interviews als Datenerhebungsinstrument. Abschließend erläutert sie die Datenauswertung, insbesondere die Durchführung der Kodierverfahren.

In den Kapiteln sieben und acht werden die Ergebnisse der empirischen Untersuchung zum Selbstverständnis professionellen Handelns von Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen in der Übergangsbegleitung von Jugendlichen zwischen Schule und Beruf vorgestellt und im zuvor gespannten theoretischen Rahmen diskutiert. Grundlage der Analyse ist das Kodierparadigma der Grounded Theory. Die Autorin beginnt mit der Darstellung ihrer Kernkategorie, der Wahrnehmung der Übergangsbegleitung als professionelles Handlungsfeld. Anschließend beschreibt sie die ursächlichen Bedingungen, die dazu führen, dass Psychotherapeut:innen in diesem Bereich tätig werden. Dabei hebt sie hervor, dass der Übergang Schule-Beruf von der Berufsgruppe der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen als eine „Zeit der Verunsicherung“ (S. 80) wahrgenommen würde, in der insbesondere psychisch beeinträchtigte Jugendliche Unterstützung benötigen. Anschließend analysiert sie die Kontextbedingungen, die die Übergangsbegleitung beeinflussen. Dazu zählt insbesondere die Finanzierung durch Krankenkassen, die sich auf Heilbehandlungen beschränkt, während pädagogische Interventionen nicht übernommen würden. Sie thematisiert zudem die räumliche Trennung zwischen psychotherapeutischen Praxen und den Lebenswelten der Jugendlichen sowie die begrenzten zeitlichen Ressourcen und die Bindung an spezifische Therapieverfahren. Darüber hinaus untersucht sie die intervenierenden Bedingungen, die das professionelle Selbstverständnis und die praktische Umsetzung der Übergangsbegleitung beeinflussen. Dazu gehören die Reflexion über den eigenen Wissensstand, die Nutzung von Wissensquellen (auch aus früheren beruflichen Tätigkeiten) sowie die berufskulturelle Einordnung der Übergangsthematik. Im Anschluss stellt sie die ermittelten Handlungsstrategien vor, mit denen Psychotherapeut*innen auf die Anforderungen der Übergangsbegleitung reagieren. Sie beschreibt, „wie mit dem Handlungsanspruch bei der Übergangsbegleitung umgegangen wird und welche Handlungsstrategien dabei genutzt werden“ (S. 101). Dies umfasst sowohl das Annehmen oder Ablehnen bestimmter Aufträge als auch das Zusammenwirken in multiprofessionellen Netzwerken. Zudem beschreibt sie verschiedene Unterstützungsansätze, darunter entwicklungsorientierte, motivationale, übungsorientierte, kognitive und passungsorientierte Methoden. Diese Ergebnisse werden im Anschluss im theoretischen Kontext diskutiert. Sie untersucht die Legitimation des Handlungsanspruchs und beschreibt, wie Psychotherapeut:innen Übergangsbegleitung als Teil ihres professionellen Handelns begründen. Dabei zeigt sie, dass dieser Bereich nicht explizit in den psychotherapeutischen Konzepten verankert ist, aber über den Heilungsauftrag oder die Rezeption berufskulturell anerkannter Wissensbestände aus angrenzenden Disziplinen legitimiert wird. Sie stellt dar, dass Psychotherapeut:innen neben ihrem Fachwissen aus der Ausbildung auch individuelle berufsbiografische Wissensbestände nutzen, die in die praktische Arbeit einfließen. Zudem thematisiert sie unterschiedliche Vorstellungen über Übergänge, darunter linear-traditionelle Modelle, die in der Berufsgruppe immer noch dominant vertreten sind, und setzt diese in Beziehung zu den tatsächlichen Bildungs- und Berufsbiografien der Jugendlichen. Schließlich zeigt sie, dass die Übergangsbegleitung von Psychotherapeut:innen individuell ausgestaltet wird, wodurch sich verschiedene Herangehensweisen und Konzepte herausbilden.

Im abschließenden neunten Kapitel fasst die Autorin die zentralen Ergebnisse ihrer Untersuchung zusammen und reflektiert das gewählte Forschungsdesign kritisch. Sie diskutiert die Stärken und Grenzen der qualitativen Herangehensweise und der Grounded Theory als methodische Grundlage ihrer Studie ebenso wie ihre eigene Doppelrolle als „Feldmitglied und Forscherin“ (S. 152). Darüber hinaus leitet sie Implikationen für Forschungs- und Praxisfelder ab. Sie hebt hervor, welche Bedeutung die Beschäftigung mit dieser speziellen heterogenen Berufsgruppe hat, welche weiteren Forschungsthemen in Zukunft behandelt werden könnten und wie die Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der professionellen Übergangsbegleitung von psychisch beeinträchtigten Jugendlichen für die Praxis der Kinder- und Jugendpsychotherapie relevant sind. Abschließend präsentiert sie eine Zusammenfassung der Forschungserträge und eine abschließende Betrachtung der Bedeutung der Übergangsbegleitung im Kontext der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Hier arbeitet sie besonders die Spezifika in Abgrenzung zur pädagogischen Beratung heraus. Sie verweist auf die Notwendigkeit, die interdisziplinäre Zusammenarbeit weiter zu stärken und strukturelle Rahmenbedingungen anzupassen, um eine kontinuierliche Begleitung im Übergang von der Schule in den Beruf zu ermöglichen.

Diskussion

Das Buch analysiert das professionelle Selbstverständnis von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen in der Übergangsbegleitung zwischen Schule und Beruf und zeigt, wie dieser Bereich trotz fehlender institutioneller Verankerung als Handlungsfeld legitimiert wird. Die Autorin liefert differenzierte Einblicke in die Nutzung interdisziplinärer Wissensbestände und die praktischen Herausforderungen in der Arbeit mit psychisch belasteten Jugendlichen.

Fazit

Die Untersuchung bietet wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung der therapeutischen Praxis und die strukturelle Ausgestaltung der Übergangsbegleitung.

Rezension von
Prof. Dr. Gisa Stich
Professorin für Soziale Arbeit und Management und Sozialpädagogik und Management an der iba Internationale Berufsakademie in Erfurt
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ISSN 2190-9245