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Marc Thielen, Antje Handelmann: ´Fit machen´ für die Ausbildung

Rezensiert von Prof. Dr. Marianne Hirschberg, 05.04.2024

Cover Marc Thielen, Antje Handelmann: ´Fit machen´ für die Ausbildung ISBN 978-3-8474-2501-4

Marc Thielen, Antje Handelmann: ´Fit machen´ für die Ausbildung. Eine Ethnografie zu Unterricht in der Berufsvorbereitung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 243 Seiten. ISBN 978-3-8474-2501-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

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Thema

Die vorliegende Studie widmet sich dem Konstrukt der Ausbildungsreife von Jugendlichen im Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung, dem ein kontroverser Diskurs zugrunde liegt. Zentrum der Einschätzung von Ausbildungsreife ist das Verhalten der Jugendlichen, das im Kontext der Ausbildungsvorbereitung als soziale Kompetenz verstanden wird. Ziel ist es, die Forschungslücke zu schließen, „wie sich die pädagogische Bearbeitung des jugendlichen Verhaltens im berufsvorbereitenden Unterricht praktisch vollzieht und welche normativen Vorstellungen zu ‚ausbildungsreifem‘ Verhalten dabei praktisch wirksam werden“ (S. 11). Erkenntnisinteresse dieser Studie ist der Bearbeitungsprozess des Verhaltens der Jugendlichen in beruflichen Schulen und sozialpädagogischen Bildungsträgern sowie die Rekonstruktion der normativen Annahmen, die hinter dem Konzept der Ausbildungsreife stehen und während der Verhaltenskorrektur von den Fachkräften geltend gemacht werden.

Autor*innen

Prof. Dr. Marc Thielen ist Erziehungswissenschaftler und seit 03/2019 als Professor für Berufsorientierung in inklusiven Kontexten am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover tätig.

Prof. Dr. Antje Handelmann ist Erziehungswissenschaftlerin und seit 08/2022 als Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Bildung und Erziehung im Sozialraum an der Hochschule Bremerhaven tätig.

Entstehungshintergrund

Die Publikation umfasst die Ergebnisse des DFG-geförderten Forschungsprojekts FöABv – Die Förderung ausbildungsrelevanter Verhaltensstandards im Unterricht berufsvorbereitender Bildungsgänge (2017-2020), https://www.ifs.uni-hannover.de/de/abteilungen/​berufsorientierung-in-inklusiven-kontexten/​forschung.

Aufbau

Das Buch ist in 13 Kapitel gegliedert. Nach Einführung und Forschungs- sowie Diskussionsstand führen die Autor:innen in ihre Arbeitsweise über ihre Fragestellung, Forschungsperspektive und theoretische Herangehensweise ein, bevor sie Anlage und Verlauf der Ethnografie darlegen. -Nach einer ausführlichen praxistheoretischen und machtanalytischen Diskussion des Materials in mehreren Kapiteln reflektieren die Wissenschaftler:innen ihre Studie bezüglich darauf, ob die Bearbeitung von jugendlichem Verhalten in berufsvorbereitendem Unterricht als Training für den Ernst des Lebens verstanden werden kann bzw. welche Alternativen relevant sind, ziehen ein Resümee und geben einen Ausblick über ihre eigene Studie hinaus.

Inhalt

1. Kapitel: Einführung

Die Studie legt ihren Fokus auf die unterrichtliche Praxis der Bearbeitung des jugendlichen Verhaltens, das im Diskurs um die unzureichende „Ausbildungsreife“ immer mehr an Bedeutung gewinnt. Berufsvorbereitende Bildungsgänge betrachten das Verhalten von jungen Menschen als einen bedeutsamen Teil der „Ausbildungsreife“ und erheben ihn zum zentralen Gegenstand der unterrichtlichen Förderung. Im Diskurs um mangelnde Ausbildungsreife werden Diskrepanzen zwischen den von den Betrieben gewünschten und den bei Jugendlichen realisierten Verhalten deutlich. Das Übergangssystem erachtet es dementsprechend als notwendig, das Verhalten der als (noch) nicht „ausbildungsreif“ eingeschätzten Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach den normativ erwünschten Verhaltensweisen zu korrigieren, die von künftigen Ausbildungsbetrieben antizipiert werden. Abschließend skizzieren die Autor*innen die Inhalte der einzelnen Kapitel.

2. Kapitel: Die Bearbeitung des jugendlichen Verhaltens in der Berufsvorbereitung. Zum Forschungs- und Diskussionsstand

In diesem Kapitel weisen Thielen und Handelmann darauf hin, dass im Übergangssektor vor allem männliche Jugendliche ohne einen mittleren Schulabschluss, junge Menschen mit Migrationshintergrund oder Jugendliche aus sozialen Brennpunkten vorzufinden sind. Thielen und Handelmann kritisieren das Konzept der Ausbildungsreife als Voraussetzung zur Aufnahme einer Berufsausbildung, auf das im Übergangssystem hingearbeitet wird. Die Diskrepanz zwischen jugendlichem Verhalten und Arbeitsmarktnormen wird als „Ausbildungshemmnis“ angesehen. Vor dieser Folie wird sich auf vermeintliche Defizite der Jugendlichen konzentriert, ohne jedoch institutionelle Schwachstellen im gesellschaftlichen Kontext adäquat zu berücksichtigen. Dies hat Selektionseffekte zur Folge. Ausbildungsreife wird zunehmend an Verhalten gemessen, sodass dieses im Unterricht problematisiert wird. Die Autor*innen zeigen somit auf, wie Verhaltensänderung in unterrichtlicher Praxis institutionalisiert wird.

3. Kapitel: Die unterrichtliche Bearbeitung des jugendlichen Verhaltens in praxistheoretischer und machtanalytischer Perspektive

In diesem Kapitel formulieren Handelmann und Thielen die Fragestellung, wie im berufsvorbereitenden Unterricht pädagogisch Einfluss auf das Verhalten von Teilnehmenden genommen wird und welche Zielvorstellungen über Ausbildungsreife (wie es z.B. im Katalog zur Ausbildungsreife der BA formuliert ist) dabei geltend gemacht werden. Die Autor*innen nehmen eine praxistheoretische Perspektive ein, da Unterricht eine soziale Praxis darstellt, in der Ausbildungsreife als spezifisches Wissen normative Vorstellungen sichtbar macht. Durch teilnehmende Beobachtungen sollen diese Praktiken im berufsvorbereitenden Unterricht analysiert werden.

4. Kapitel: Anlage und Verlauf der Ethnografie

Die Studie wendet eine ethnografische Forschungsstrategie an. Den Kern der Studie bildet die teilnehmende Beobachtung unterrichtlicher Arrangements in unterschiedlichen Institutionen der Berufsvorbereitung. Diese sind in ihren regionalen Bedingungen vergleichbar. Der Forschungsprozess vollzieht sich in drei Phasen:

  1. Identifizierung der Praktiken der Verhaltensadressierung und Durchführung der leitfadengestützten Interviews
  2. Fallanalysen (Beobachtungen der als einschlägig identifizierten Unterrichtseinheiten) und Analyse der Interviews
  3. Kontrastierender Vergleich zwischen Praktiken der Verhaltensbearbeitung und der narrativen Praktik in den Interviews

Für die Auswertung wenden die Autor*innen das Theoretical Sampling an. Zudem werden Dokumente wie der Kriterienkatalog zur Ausbildungsreife oder Unterrichtsmaterial zur Diskursanalyse herangezogen.

5. Kapitel: Das Feld der Berufsvorbereitung an der beruflichen Schule

In diesem Kapitel wird die schulische Berufsvorbereitung an beruflichen Schulen und ihr institutioneller Rahmen illustriert. Die schulische Berufsvorbereitung wird unter dem Begriff „Berufsvorbereitungsjahr“ seit den 1970er-Jahren definiert. Im Projekt wird ein einjähriger Bildungsgang beobachtet, der einen der Hauptschule gleichgestellten Abschluss voraussetzt und unter bestimmten Voraussetzungen einen mittleren Schulabschluss ermöglicht. Hierbei hat der berufsvorbereitende Bildungsgang einen schulischen Charakter. Der Unterricht geschieht in altershomogenen stabilen Lerngruppen.

6. Kapitel: Das Feld der Berufsvorbereitung beim sozialpädagogischen Bildungsträger

In diesem Kapitel wird der Tagesablauf und die institutionelle Rahmung der sozialpädagogischen Berufsvorbereitung, die seit den 1980er-Jahren existiert, dargestellt. Der wesentliche Unterschied zur beruflichen Schule ist, dass dieser Bildungsgang keinen Schulabschluss voraussetzt und einen Hauptschulabschluss ermöglicht. Die Teilnehmenden absolvieren hierbei individuelle Maßnahmen. Deutlich wird, dass in beiden Varianten der Berufsvorbereitung inhaltliche Überschneidungen in den unterrichtlichen Settings existieren und sich ähnliche Praktiken der Verhaltensadressierung entdecken ließen.

7. Kapitel: Multiprofessionelle Perspektiven auf jugendliches Verhalten

In diesem Kapitel werden die Analysen der leitfadengestützten Interviews mit Lehr- und Fachpersonal an den beruflichen Schulen und beim sozialpädagogischen Bildungsträger zum Verhalten der teilnehmenden Jugendlichen zusammengefasst. Ebenso wird das Sample dargestellt und das Personal in Bezug auf die pädagogische Programmatik und Klientelkonstruktion positioniert. „Die Fallanalysen mündeten in die Rekonstruktion von subjektiven pädagogischen Programmatiken, die berufsbiografisch und professionsspezifisch konturiert sind und sich im Spannungsfeld von Normalisierung und Subjektorientierung verorten lassen: Während sich nur in wenigen Fällen eine hohe Affinität der subjektiven pädagogischen Programmatik zum institutionellen Normalisierungsziel der Berufsvorbereitung zeigt, verweisen die pädagogischen Selbstbeschreibungen mehrheitlich auf eine ausgeprägte Subjektorientierung, in deren Zentrum nicht die Anpassung der Jugendlichen an die Normalitätserwartungen des Ausbildungssystems, sondern die jugendliche Persönlichkeitsentfaltung steht“ (S. 65). Aus der Einzelfallanalyse erarbeiten die Autor*innen folgende Typologie:

  • defizitorientiert und normalisierend: Fallbeispiel Lehrmeister in Berufspädagogik, militärischer Hintergrund und Handwerk; Ziel: Hervorbringung disziplinierter und arbeitende Menschen, Defizitorientierung äquivalent zur „Ausbildungsreife“
  • subjektorientiert und defizitorientiert: Lehrerin (Politik und Geschichte), Ziel: kritisch denkende Jugendliche, emanzipatorische Ansprüche, dennoch Absprechen von Grundkompetenzen
  • subjektorientiert und ressourcenorientiert: Sozialpädagogin und aus dem Handwerk, gezielt nach dieser Tätigkeit in Berufseinmündung gesucht (im Gegensatz zur Mehrheit), subjektorientiert hinsichtlich Interessen und Bedürfnissen, betont Ressourcen und Potenziale, leicht defizitorientiert, aber traut Lernmöglichkeit zu.

8. Kapitel: Synchronisieren der Biographisierung

Dieses Kapitel impliziert einen Exkurs zum Lebenslaufregime und zur Biografisierung. Es wird ein logischer Konflikt des Unterrichts aufgedeckt: Die Jugendlichen werden zum einen als aktive Gestalter*innen ihrer individuellen Biografie angesprochen, zum anderen wird von ihnen verlangt, ihre beruflichen Ambitionen den institutionellen Zielen, sprich den institutionellen Normvorstellungen, anzupassen.

9. Kapitel: Die Mikro-Politik der Zeit

In diesem Kapitel untersuchen Thielen und Handelmann die Pünktlichkeit als normative Voraussetzung der Ausbildungsreife: Pünktlichkeit gilt demnach als Mittel zur Feststellung von Zuverlässigkeit. Das Kapitel akzentuiert Pünktlichkeit als Herrschaftsmittel. Thielen und Handelmann weisen auf die institutionelle Bürokratisierung von Unpünktlichkeit hin, die durch Sanktionierungen als Disziplinierungsinstrument beantwortet wird. Sie arbeiten hierbei den Begriff der „Mikropolitik der Zeit“ heraus, der als Dimension von Unterricht verstanden werden kann, die den Alltag in berufsvorbereitenden Institutionen des Übergangssektors intensiv prägt. Ein gewisses Maß an Verspätungstoleranz lässt sich zwar ausmachen, dennoch ist das Ziel die Internalisierung von Pünktlichkeit als wertvoller Eigenschaft auf dem Arbeitsmarkt.

10. Kapitel: Entwöhnen von jugendkulturellen Verhaltensweisen

Grundsätzlich existiert ein Spannungsverhältnis zwischen Bildungsinstitutionen und Jugendkulturen. Der kontrollierende Blick der Lehrkräfte in der Berufsvorbereitung gleicht die jugendlichen Verhaltensweisen mit den angenommenen Verhaltensstandards der Praktikums- und Ausbildungsbetriebe ab. Hier wird das jugendliche Verhalten als „unreif“ und „unzivilisiert“ gelabelt, sodass aufseiten der Jugendlichen ein Veränderungsbedarf gesehen wird. Ausdruck findet hier ein generationales Machtverhältnis: Die Berufswelt ist von Erwachsenen dominiert, sodass Jugendliche sich in einer Minderheit wägen und somit eine strukturelle Benachteiligung erfahren. Um in den Erwachsenenstatus übergehen zu können, müssen die Jugendlichen also ihre Selbstpräsentation gemäß den Normen des Respekts und der Höflichkeit der Arbeitswelt als Verhaltensstandard anpassen.

11. Kapitel: (Ver-)Schulen von Arbeitstugenden

In der Berufsvorbereitung wird unerwünschtes Verhalten sanktioniert. Die erwünschten Arbeitstugenden werden deswegen zum Unterrichtsgegenstand erhoben. Dabei kommt es sowohl zu einer Vermittlung als auch zu einem Einüben in Trainingseinheiten. Verwendet werden häufig klassische Unterrichtsmethoden wie Arbeitsblätter. Ziel dieser Vermittlung ist die optimale Selbstpräsentation der Jugendlichen für ihren Berufseinstieg. Dies stellt auch den Versuch dar, die Benachteiligung von bildungsarmen Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt abzumildern. Höflichkeit findet starke Betonung als eine der wichtigsten Arbeitstugenden, da jugendliches Verhalten institutionell als unhöflich beurteilt wird. Zudem scheinen die Berufsschulen den Jugendlichen kein sicheres Urteilsvermögen bezüglich angemessenem und unangemessenem Verhalten zuzugestehen, was gleichzeitig eine Defizitorientierung gegenüber den Jugendlichen zeigt. Sie werden demnach als leistungsschwach markiert.

12. Kapitel: Modellieren des Arbeitskörpers

Die Berufsvorbereitung als Körpervorbereitung findet in den Berufsschulen vorrangig für ein spezifisches Berufsfeld statt, nämlich für technische und handwerkliche Berufe. Der jugendliche Körper wird z.B. durch Arbeitskleidung zu einem erwachsenen (Arbeits-)Körper transformiert. Es wird gelehrt, den eigenen Körper als einen zu begreifen, der durch Arbeit Risiken ausgesetzt wird und somit etwas Schutzbedürftiges darstellt. Die Jugendlichen sollen den kontrollierenden Blick der Lehrkräfte internalisieren, sodass sie ihr eigenes Arbeitsverhalten kontrollieren und korrigieren, sprich ihren Körper präzise bewegen und Werkzeug sachgerecht nutzen können. Außerdem sollen sie lernen, ihren Körper als einen zu stärkenden und zu nutzenden Leistungskörper zu begreifen.

13. Kapitel: Die Bearbeitung von jugendlichem Verhalten in berufsvorbereitendem Unterricht als Training für den Ernst des Lebens? – Resümee und Ausblick

Ziel der Untersuchung war die Analyse und Beschreibung von pädagogischen Ordnungsmustern im Übergangssektor der Berufsvorbereitung. Das jugendliche Verhalten soll sich gemäß der Verhaltensstandards der handwerklichen Betriebe verändern. Als ausbildungsreif werden also die Jugendlichen bezeichnet, denen es gelingt, sich gemäß den Standards zu verhalten. Der feldspezifische Habitus soll durch Einüben von gesunden Körperhaltungen wie der richtigen Begrüßung, der Pünktlichkeit usw. inkorporiert werden. Gleichwohl ist der Diskurs der Ausbildungsreife und die Konstruktion des „ausbildungsreifen Selbst“ in der Praxis der Berufsvorbereitung nicht deckungsgleich. Zwar folgt der Unterricht der Aktivierungslogik, der u.a. die Definition der Ausbildungsreife der Bundesagentur für Arbeit zugrunde liegt. Zugleich appelliert er an die eigenen Ressourcen und die Motivation der Jugendlichen. So heben Teile der Lehrkräfte die Bedeutung der jugendlichen Ressourcen hervor. Tradierte Verständnisse beruflicher Ordnungsvorstellungen und Handlungsmuster müssen nicht im Widerspruch zur Forderung unternehmerischer Selbstoptimierung und dem Diskurs bzw. der Ordnung „postmoderner Selbststeuerung“ stehen: „So kann auch das Training vermeintlich obsoleter Verhaltensbereiche wie Pünktlichkeit und Ordnung durchaus im Dienst postmoderner Selbststeuerung und Selbstständigkeit stehen: Die Pünktlichkeitserziehung, die der Inkorporierung betrieblicher Zeitnormen dient, zielt auf die Förderung von Selbstdisziplin, das Training von Sorgfalt im handwerklichen Arbeiten auf die Entwicklung von Selbstkontrolle“ (S. 217).

Es stelle sich, so die Autor*innen, die Frage, inwieweit die pädagogischen Praktiken auf die reale Praxis in den handwerklichen Berufsfeldern vorbereiten. Die Praktiken im Feld sind weit komplexer und lassen sich weit weniger eindeutig in Richtig und Falsch unterscheiden, als der Unterricht suggeriert. Jene Widersprüche erleben die Jugendlichen beispielsweise in der Nutzung von Smartphones, die im Berufsfeld durchaus angewendet, jedoch im Unterricht verpönt sind, um als permissiv verstandenes jugendkulturelles Verhalten zurückzudrängen. Ein Teil der Jugendlichen erfährt trotz ihrer Anstrengungen und erlernter Verhaltensmuster keinen Erfolg am Ausbildungsmarkt, was wiederum ihre Motivation beeinträchtigt. In den Praktiken der Berufsvorbereitung zeigen sich Stigmatisierungen aufgrund ihres „sozial- und bildungspolitischen Status“ (S. 220) und Perspektiven auf die Jugendlichen als defizitär. Daher plädieren die Autor*innen dafür, klassistische Praktiken gegenüber nicht oder unterprivilegierten sozialen Milieus verstärkt in den Blick zu nehmen. Verantwortlich für jene Stigmatisierung seien allerdings nicht die Lehrkräfte, sondern die feldspezifische Logik der Berufsvorbereitung. „Möglicherweise wird vor diesem Hintergrund jugendliches Verhalten, das Schüler*innen an allgemeinbildenden Schulen in ähnlicher Weise zeigen, in berufsvorbereitendem Unterricht stärker problematisiert und sanktioniert. Eine sehr strikte unterrichtliche Verhaltensregulierung, wie wir sie in Bezug auf unterschiedliche Verhaltensbereiche beobachtet und beschrieben haben, begünstigt tatsächlich vermehrte Regelverstöße und bestätigt damit vermeintlich die ohnehin schon bestehende Erwartung, dass die Jugendlichen verhaltensauffällig sind.“ (S. 220) Abschließend weisen Thielen und Handelmann auf die Einschränkungen ihrer Untersuchung hin, die durch den Fokus auf Elektro, holz- und metallverarbeitende Berufsfelder entstehen, da körperliche Praktiken und entsprechende Verhaltensbearbeitungen in kaufmännischen Berufsfeldern etwa anders ausfallen würden.

Diskussion

Die Studie zeigt auf, welche pädagogischen Ordnungsvorstellungen im bislang zu wenig ausgeleuchteten Feld der Berufsvorbereitung wirksam sind und in welcher Weise die Praktiken im Feld die soziale Benachteiligung von nicht- oder unterprivilegierten Jugendlichen reproduzieren. Es gelingt den Autor*innen, die Zusammenhänge zwischen Feldlogik, Ordnungsvorstellungen und dem Diskurs der Ausbildungsreife in den Praktiken der Lehrkräfte herauszuarbeiten. In Ihrem Resümee scheinen sie jedoch die Rolle der Lehrkräfte im Feld, dessen Praktiken sie als klassistisch einordnen und kritisieren, zu unterschätzen. So kommen in der gegenüber den Jugendlichen überwiegend – allerdings wenig autoritär – vertretenen Defizitorientierung nicht allein die Logiken des Felds, sondern z.T. auch distinktive Wahrnehmungs-, Handlungs- und Bewertungsmuster zum Tragen. Der Widerspruch zwischen einer ressourcenorientierten und wenig autoritären allgemeinen Ordnungsvorstellung und dem pädagogischen Handeln bzw. konkreten abwertenden Ordnungsvorstellung lässt sich auch als relative Unabhängigkeit von pädagogischen Diskursen, den im Habitus des Herkunftsmilieus verankerten Einstellungen sowie der feldbedingten Alltagspraxis interpretieren. Ebenso können autoritär-hierarchische Habitusmuster und defizitorientiertes pädagogisches Handeln zusammenfallen. Zudem stellt sich die Frage, in welcher Weise, wie es in den Fallbeispielen aufscheint, Erfahrungen aus früheren Berufsfeldern das pädagogische Alltagshandeln beeinflussen.

Fazit

Thielen und Handelmann gelingt es mit ihrer fundierten ethnografischen Studie, nicht nur die Disziplinierung, das Zeitmanagement und die Formung des Subjekts unter die Regularien des Ausbildungsbetriebs mit dem Kriterium der Ausbildungsreife aufzuzeigen sowie die Charakteristika der Inszenierung auszuweisen, sondern auch die unternehmerischen Handlungsmöglichkeiten der auszubildenden Subjekte feldanalytisch in ihren Begrenzungen und Machbarkeiten herauszuarbeiten.

Die Studie füllt die von ihr erkannte Leerstelle im Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung und ist daher besonders für die Reflexion der pädagogischen Bearbeitung des jugendlichen Verhaltens im berufsvorbereitenden Unterricht sehr zu empfehlen.

Rezension von
Prof. Dr. Marianne Hirschberg
Universität Kassel
Fach­be­reich Hu­man­wis­sen­schaf­ten
In­sti­tut für So­zi­al­we­sen
Professorin für Behinderung, Inklusion und soziale Teilhabe
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Es gibt 2 Rezensionen von Marianne Hirschberg.

Kommentare

Weitere Erstautor*innen der Rezension sind Tabea Grigat und Stefan Stache.

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Zitiervorschlag
Marianne Hirschberg. Rezension vom 05.04.2024 zu: Marc Thielen, Antje Handelmann: ´Fit machen´ für die Ausbildung. Eine Ethnografie zu Unterricht in der Berufsvorbereitung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2501-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32135.php, Datum des Zugriffs 19.05.2024.


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