Christian Schanze, Tanja Sappok (Hrsg.): Störungen der Intelligenzentwicklung
Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 04.08.2025
Christian Schanze, Tanja Sappok (Hrsg.): Störungen der Intelligenzentwicklung. Grundlagen der psychiatrischen Versorgung, Diagnostik und Therapie. Schattauer (Stuttgart) 2024. 3. Auflage. 544 Seiten. ISBN 978-3-608-40083-0. D: 75,00 EUR, A: 77,10 EUR.
Thema
Die Diagnose und Behandlung sowie die pädagogische Begleitung psychischer Störungsbilder bei Personen mit geistiger Behinderung, klassifiziert im ICD-11 unter „Störung der Intelligenzentwicklung“ erfordert ein fundiertes Spezialwissen von ärztlichen, pflegenden, therapeutischen und heilpädagogischen Fachleuten. Das hier vorgelegte Buch liefert als Standardlehrbuch das nötige Rüstzeug.
Herausgeber:in
Christian Schanze ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Pädagoge. Lange hat er als ärztlicher Direktor gearbeitet. Aktuell leitet er ein Fortbildungsinstitut und betreibt zudem eine eigene Praxis in Landsberg am Lech.
Tanja Sappok ist Direktorin der Universitätsklinik für Inklusive Medizin, Medizin für Menschen mit Behinderungen in Bethel und Universitätsprofessorin für Psychische Gesundheit bei Menschen mit Behinderungen, Schwerpunkt psychische Gesundheit, an der Fakultät für Medizin der Universität Bielefeld. Ihr Arbeitsfeld umfasst diverse Themengebiete rund um die psychische Gesundheit von Menschen mit Störungen der Intelligenzentwicklung, insbesondere Autismus-Spektrum-Störungen, emotionale Entwicklungsstörungen, Verhaltensstörungen und Demenzen. Es ist ihr ein großes Anliegen, sich mit ihrer Arbeit für die Verbesserung der medizinischen Versorgung von Menschen mit Störungen der Intelligenzentwicklung einzusetzen.
Neben den Herausgebenden ist ein Autorenteam mit 52 Autorinnen und Autoren (Liste am Anfang des Buches) an der Entstehung des Buches beteiligt.
Aufbau und Inhalt
Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek.
Das Buch hat einen Umfang von 700 Seiten, die sich in 31 Kapitel gliedern. Der Fließtext ist in Spalten formatiert, das erleichtert das Lesen. Eingestreut und eingeschoben formatiert finden sich Merksätze und Abbildungen. Das Buch ist mittlerweile in 3. erweiterter Auflage mit neuem Konzept im Schattauer Verlag erschienen, es wurde aktualisiert nach ICD-11 (mit neuen Störungsbildern), auch wurde die Entwicklungsperspektive ergänzt. Neu sind auch Kapitel über die stereotype Bewegungsstörung, die Katatonie, dissoziative Störungen, zu sensorischen Störungen und Covid. Neben der Versorgung in Deutschland werden auch die Versorgung in Österreich und der Schweiz besprochen. Das Buch schließt mit einem Fazit und einem Sachverzeichnis Zudem gibt es zusätzliches Material in Form von Checklisten und Fragebögen, die zum Download bereit gestellt sind.
Am oberen linken Seitenrand findet sich die jeweilige Kapitelüberschrift, am rechten oberen Rand der Titel des jeweiligen Unterkapitels. Jedes Kapitel im ersten Teil endet mit einem Fazit. Am Schnitt des Buches sind drei Teile erkennbar, diese sind auch auf den Seitenrand sichtbar:
- Teil I Grundlagen
- Teil II ICD-Störungsbilder
- Teil III Sozialpolitische Aspekte
Die Grundlagen (Kap. 1–3) im ersten Teil behandeln die Themen psychische Gesundheit bei Menschen mit Störungen der Intelligenzentwicklung. Hier gab es einen Paradigmenwechsel in Bezug auf die Definition psychischer Gesundheit. Grundlage bildet dabei das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell, das mit einer entwicklungssensiblen Diagnostik und der entwicklungslogischen Therapie einhergeht. Im zweiten Kapitel zu den Grundlagen der Diagnostik wird neben einer allgemeinen Einführung der Fokus auf die Leistungsdiagnostik nebst Hinweisen zur Gestaltung einer Testsituation gelegt, im Mittelpunkt steht die Erfassung der intellektuellen Leistungsfähigkeit, die Erfassung des adaptiven Verhaltens sowie die Rückmeldung der Ergebnisse. Auch gesetzliche Bestimmungen werden thematisiert. Der Teil schließt mit Grundlagen der Therapie ab. Besprochen werden die Psychopharmakotherapie, die Verordnungshäufigkeit von Psychopharmaka, die psychopharmakologische Verordnungs- und Behandlungspraxis sowie die Besonderheiten in der psychopharmakologischen Behandlung von Menschen mit Störungen der Intelligenzentwicklung. Auch die Gesprächsführung, Beratung und personzentrierte Gesprächstherapie wird in Bezug auf die multiprofessionelle Diagnostik erläutert. Nicht ausgespart wurde die Kommunikation mit Angehörigen, gesetzlichen Betreuenden und Mitarbeitenden der Behindertenhilfe. Im Mittelpunkt stehen der personzentrierte Ansatz sowie die Betrachtung des Beratungsgesprächs und der Gesprächstherapie. Ein weiterer Fokus ist die Psychotherapie und deren Versorgungsstrukturen. Es wird darauf verwiesen, dass es der Anpassung psychotherapeutischer Techniken bedarf. Angesprochen wird auch das Zusammenwirken von Pädagogik und Psychiatrie im praktischen Versorgungsalltag mit Aspekten zur Entwicklung und Diagnostik, der Norm und dem Speziellen, dem entwicklungspädagogischen Arbeiten, der Bedeutung einer resonanten Beziehungsarbeit und Kompetenzförderung sowie in diesem Zusammenhang die UN-Behindertenrechtskonvention. Genannt werden auch die psychische Gesundheitspflege, künstlerische Therapien wie Kunst-, Musik- oder Tanztherapie, auch eklektische Ansätze finden Beachtung. Dieser Teil schließt mit dem Unterkapitel Deeskalation und Wut-Management in Bezug auf der Beschreibung von aggressivem Verhalten, dessen Verlauf sowie zwei therapeutischen Ansätzen. Genannt werden auch Deeskalationstechniken sowie ein Krisenmanagement, zu dem auch individuelle Krisenpläne gehören.
Der zweite Teil ICD-Störungsbilder (Kap. 4–25) vertieft die Störungsbilder, deren Codierung in der ICD 11, die Definition und Schweregradeinteilung, die Prävalenz und Ätiologie sowie Diagnostik. Mit diesem Aufbau werden A:neuronale Entwicklungsstörungen wie z.B. Störungen der Intelligenzentwicklung, Sprech-und Sprachentwicklung, Autismus-Spektrum-Störungen ohne und mit Intelligenzminderung, das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und damit einhergehende Komorbiditäten sowie stereotype Bewegungsstörung mit/ohne Selbstverletzung sowie Ticstörungen angesprochen. Ein zweiter Abschnitt betrachtet B:psychische Störungen und Verhaltensstörungen wie z.B. die Schizophrenie und insbesondere auch die Pharmakotherapie und deren unerwünschten Nebenwirkungen, die Katatonie in Verbindung mit einer anderen psychischen Störung, die Katatonie durch Substanzen oder Medikamente sowie die Katatonie bei neuronalen Entwicklungsstörungen. Besprochen werden Grundprinzipien der Behandlung der Katatonie. Auch affektive Störungen wie bipolare und depressive Störungen sowie Angst- oder furchtbezogene Störungen, die generalisierte Angststörung und Panikstörung werden besprochen. In diesem Teil finden auch der selektive Mutismus, Zwangsstörungen, spezifisch Stress-assoziierte Störungen, Fütter-und Essstörungen sowie Persönlichkeitsstörungen Beachtung.
Der dritte Abschnitt C: Somatische Krankheitsbilder bespricht z.B. neurokognitive Störungen, Schlaf-Wach-Störungen oder Schmerzen. Auch den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Menschen mit Störungen der Intelligenzentwicklung ist ein Kapitel gewidmet.
Das Buch schließt mit dem dritten Teil Sozialpolitsche Aspekte (Kap. 25–31). Inhalte sind die psychiatrische Versorgung in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Aspekten von z.B. demografischen Daten und der kulturellen Wahrnehmung, dem Status der sozialen Eingliederung, der psychosozialen Belastungen und den aktuellen Versorgungsangeboten in Bezug auf Kinder und Heranwachsende und Erwachsene. Platz finden auch rechtliche Aspekte wie grundlegendes zum rechtlichen Handeln und Entscheiden, die UN-Behindertenrechtskonvention sowie die Bedeutung des Grundgesetzes und der Rechtsrahmen einer ärztlichen Behandlung. Den Schluss bilden Ausführungen zu straffälligen Menschen mit Störungen der Intelligenz, insbesondere in Hinblick auf soziomoralische Entwicklung, strafrechtliche Aspekte bei Menschen mit Störungen der Intelligenzentwicklung, die Beurteilung der Schuldfähigkeit, die Beurteilung der Legalprognose sowie der Diagnostik und Therapie einzelner Störungsbilder.
Das letzte Kapitel blickt auf die NS Verbrechen an Menschen mit psychischen Erkrankungen oder geistiger Behinderung unter maßgeblicher ärztlicher Mitverantwortung, insbesondere im Hinblick auf Zwangssterilisationen auf der Grundlage des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933, die Massenmordaktionen an Menschen mit psychischen Erkrankungen oder geistiger Behinderung, die Ermordung von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderung in annektierten und besetzten Gebieten, die Aktion T4 als Vorbereitung des Holocaust und verbrecherische Menschenversuche an unfreiwilligen Opfern sowie die Auseinandersetzungen in der Nachkriegszeit.
Diskussion
Mit diesem Buch ist ein umfangreiches Standardwerk vorgelegt, das das notwendige Rüstzeug und einen umfassenden Überblick in Bezug auf die Arbeit mit Menschen mit Störungen der Intelligenzentwicklung enthält. Der Aufbau ist gut strukturiert, die Formatierung unterstützt die Lesbarkeit.
Es gliedert sich in drei Teile: Grundlagen, ICD-Störungsbilder und sozialpolitische Aspekte.
Herausheben möchte ich zwei Themen. Zum einen Ausführungen zu spezifisch Stress-assoziierten Störungen und zum anderen das Thema Schmerzen. Stress ist ein Thema, das aus meiner Erfahrung in der praktischen Arbeit mit der genannten Zielgruppe bislang zu wenig Beachtung erfährt. Entweder wird das Thema gar nicht in den Blick genommen oder Verhaltensäußerungen werden dem Behinderungsbild zugeordnet. Hier muss ein Paradigmenwechsel stattfinden, denn Stress hat weitreichende gesundheitliche Folgen. Dies ist aus der Burn out Forschung bekannt und betrifft jeden Menschen. Auffällig ist dennoch, dass diese Erkenntnisse noch wenig Beachtung finden. Es ist z.B. mittlerweile bekannt, dass Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, permanent im Stress leben müssen, auch aufgrund ihrer Schwäche in der Reizfilterung. Es bedarf der Aufklärung, Wissensvermittlung und Beratung, um Faktoren zu entlarven, die Stress auslösen. Zudem erhöhen Mitarbeitende nicht selten unwissentlich das Erleben von Stress.
Auch dem Thema Schmerzen in Bezug auf die Zielgruppe des Buches ist eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken und hat im Buch seinen Platz gefunden. Nicht selten können Menschen mit Beeinträchtigungen Schmerzen nicht erkennen und auch nicht benennen, das hängt nicht allein mit der Sprachfähigkeiten zusammen, sondern auch mit einem nicht gut ausgeprägten Körpergefühl wie es bei Menschen aus dem autistischen Spektrum bekannt ist. Es braucht Wissen über diese Zusammenhänge. Im Buch werden mögliche Strategien zur Unterscheidung von Schmerz und alternativen Ursachen einer Verhaltensauffälligkeit vorgestellt. Auch wird darauf verwiesen, dass Mitarbeitende regelhaft die eigene Haltung reflektieren müssen und auch die Intuition kann ein Ratgeber sein. Wichtig ist, in der Lage zu sein, zwischen akutem und chronischem Schmerz zu unterscheiden. Ausgewählte Schmerzsyndrome sind z.B. chronische tumorassoziierte Schmerzen, chronische postoperative oder posttraumatische Schmerzen, Chronische sekundäre muskuloskelettale oder viszerale Schmerzen, neuropathische oder chronische sekundäre Kopfschmerzen.
Ich stimme den Aussagen vollumfänglich zu: Es bedarf eines Schmerzassessments im Team, bei dem auch individuelle Vorerfahrungen mit Schmerzreaktionen der Betroffenen berücksichtigt werden müssen. Dazu gehört die systematische Suche nach möglichen Schmerzauslösern, eine Untersuchung in einer ruhigen Atmosphäre sowie labor-und apparative Untersuchungen der Schmerzdiagnostik.
Kritisch sehe ich, dass ABA, TEACCH und Programme des sozialen Trainings zur Förderung und Therapie im selben Kontext genannt werden (S. 213). Es wird zwar auf die Kritik der Fachwelt und autistischer Selbstvertreterinnen zu ABA verwiesen, für Laien geben diese Aussagen aber zu wenig her. ABA ist eine Therapiemethode, die ethisch fragwürdig, kosten-und zeitaufwändig ist. TEACCH hingegen ist evidenzbasiert, praxisnah, und einfach zu erlernen mit dem Ziel Menschen aus dem autistischen Spektrum und auch Menschen mit Kommunikationshemmnissen zu größtmöglicher Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu befähigen. Entwickelt in den 1970er Jahren in den USA, fortlaufend weiterentwickelt und damit nach wie vor sehr modern!
Fazit
Vermittelt wird ein umfassender und praxisnaher Überblick in Bezug auf sämtliche psychische Erkrankungen bei Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung. Zudem wird in die entwicklungssensible Diagnostik eingeführt. Die vorgestellten medikamentösen und psychotherapeutischen Therapien sind evidenzbasiert, ergänzend finden sich pflegerische, heilpädagogische und kreativtherapeutische Verfahren.
Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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