Sabrina Schenk (Hrsg.): Populismus und Protest
Rezensiert von Ronny Noak, 06.05.2025
Sabrina Schenk (Hrsg.): Populismus und Protest. Demokratische Öffentlichkeiten und Medienbildung in Zeiten von Rechtsextremismus und Digitalisierung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2024. 245 Seiten. ISBN 978-3-8474-3033-9. D: 60,00 EUR, A: 61,70 EUR.
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Sabrina Schenk (Hrsg.): Populismus und Protest. Demokratische Öffentlichkeiten und Medienbildung in Zeiten von Rechtsextremismus und Digitalisierung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2024. ISBN 978-3-8474-3033-9.
Rezensent:in Ronny Noak, Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Thema
Nicht erst seit der Bundestagswahl 2025 ist klar, dass die extreme Rechte vor allem im Internet erfolgreich ist. Gerade unter jüngeren Wähler*innen hat sie viele Follower*innen. Der vorliegende Band befasst sich unter anderem mit der Bedeutung des digitalen Raumes für die demokratische Öffentlichkeit und fragt, wie Kampagnen, Interventionen und politische Bildung unter den veränderten Rahmenbedingungen erfolgen kann.
Autor:in oder Herausgeber:in
Die Herausgeberin Sabrina Schenk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Braunschweig. Ihre thematischen Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf Bildungsprozessen und Subjektformation sowie Konstitutions- und Ordnungsfragen.
Zu den Autor*innen des Sammelbandes zählen unter anderem der ehemalige Professor für Systemische Erziehungswissenschaft in Halle Alfred Schäfer oder die Leiterin des Zentrums für Geschlechterforschung der Universität Hildesheim Britta Hoffarth.
Entstehungshintergrund
Der Band geht zurück auf Arbeitsgemeinschaft, die während des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) 2018 ausgerichtet wurde. Die AG befasste sich dabei mit „Populismus, Protest – und politische Bildung. Soziale Bewegung(en) in Spannungsfeldern von Affekt, Rationalität und Praktiken der Kritik im öffentlichen Raum.“ Der eigentliche Anstoß des Bandes liegt also einige Zeit zurück, es kann aber konstatiert werden, dass die Inhalte seitdem nicht an Relevanz verloren haben – ganz im Gegenteil.
Aufbau
Der Sammelband beinhaltet neben der Einleitung der Herausgeberin neun Aufsätze. Diese Aufsätze sind nicht durch zusätzliche Unterkapitel eingeteilt, sondern reihen sich nahtlos aneinander.
Inhalt
Selten fiel es dem Rezensenten so schwer einen Sammelband unter einem Begriff zu subsumieren. Es werden wahrlich viele Felder angesprochen – und dies auch noch die einzelnen Beiträge übergreifend. Es geht um Affekte, politische Bildung, Medieneinfluss, Protest, Empörung, Emotionen, Populismus, Demokratiepotenzial- und gefahr, aber auch um Theoriebildung und Beteiligung. Wer sich bei diesem umfassenden Themenfeld angesprochen fühlt, wird nicht darum herum kommen einen Blick in den auch im Open Acces zur Verfügung stehenden Band zu werfen.
Bereits die Einleitung der Herausgeberin umreißt das Themenfeld sehr differenziert, zeigt Sie doch, welche Entwicklungen es im sogenannten postdemokratischen Zeitalter sowohl digital als auch analog gab. Der Die anschließenden Beiträge untersuchen dann, wie digitale Technologien neue Formen politischer Partizipation ermöglichen und gleichzeitig Herausforderungen für demokratische Öffentlichkeiten darstellen. Dabei wird insbesondere beleuchtet, wie veränderte Aufmerksamkeitsökonomien und Affektpolitiken von rechtspopulistischen Akteur*innen genutzt werden und welche Auswirkungen dies auf politische Bildung und Medienpädagogik hat.​
Die Beiträge des Bandes stammen vorrangig aus der Allgemeinen Erziehungswissenschaft und der Medienpädagogik und bieten vielfältige Perspektiven auf die Transformation demokratischer Öffentlichkeiten im digitalen Zeitalter.
So berichten Anke Engemann und Christiane Thompson über Kritik an der Pädagogik und die (angebliche) Politisierung der Universitäten durch rechtspopulistische online-Medien. Dabei untersuchen sie beispielsweise Diskurse und Äußerungen in den Medien Junge Freiheit, Tichys Einblick oder der Achse des Guten. Sie können dabei feststellen, dass die Autor*innen dabei an bestehende Kritiken anschließen, sie aber im Sinne des Rechtspopulismus umdeuten. So werden Vorwürfe der „forcierten Vermittlung“ zu „Konformismus“ und betreutem Denken umgedeutet (S. 62). Dass damit die Wissenschaftsfreiheit einem Frontalangriff unterzogen wird, können die beiden Autorinnen des Beitrags verständlich darlegen.
Noch stärker wird der Angriff von rechtsextremer und faschistischer Seite auf Errungenschaften der Demokratie im Beitrag von Valentin Dander mit dem Titel „Medienbildung und der digitale Faschismus. Normative Anfragen an medienpädagogische Kernkonzepte.“ Hier vermittelt der Autor, dass es schon länger eine digitalaffine rechte Bewegung gibt, die unter anderem durch Kanäle wie 4chan oder Social-Media einer steten Radikalisierung unterliegt. Anschließend zeigt der Autor – unter Rückgriff auf verschiedene medienpädagogische Konzepte, wie diesen Herausforderungen begegnet werden kann. Ihm geht es dabei, die Kernelemente „Wissensbezug“, „Handlungsbezug“, „Biografiebezug“ und „Grenzbezug“ (S. 156 f.) zu verdeutlichen und als wirksame Ansätze einer kritischen Medienbildung anzubieten, um den Herausforderungen zu begegnen. Immer wieder zeigt Dander dabei, dass wir es aber hier mit wechselseitigen Prozessen zu tun haben, sodass eine stete Anpassung und ein Neu-Denken der Formate notwendig ist.
Diskussion
Den Band umklammert damit eine große Frage: Welche Effekte haben Digitalisierung und Technologisierung auf demokratische Prozesse? Während auf der einen Seite neue Möglichkeiten der politischen Partizipation stehen (hier sei nur auf die Möglichkeit von Petitionen verwiesen, die digital wesentlich einfacher durchzuführen sind als analog auf der Straße), lauern auf der anderen Seite die Gefahren der Fake News, Manipulation und der Beeinflussung. Es ist dem Band hoch anzurechnen, dass er genau versucht den Spagat zwischen Gefahrenadressierung und Potenzialen darzustellen. So gelingt es Ralf Meyer und Julia Sperschneider in ihrem Beitrag beispielsweise eine Ideengeschichte des Bildungsbegriffs und seine Fokussierung auf den Topos der Empörung darzustellen, wobei sie als Dreh- und Angelpunkt die Gedanken Hegels aufgreifen und so eine Kontinuitätsthese bis in die Gegenwart aufbauen. Dies zeigt wiederum, dass die Beschäftigung mit für uns neuen Themen vielleicht gar nicht so neu ist.
Positiv anzurechnen ist dem Band, dass er auch der Bedeutung von Emotionen und Affekten auf den Grund geht. Gerade hier scheinen vor allem rechtspopulistische und -extreme Akteure auf dem Vormarsch zu sein. Während Liberalismus und Demokratie häufig mit positiven Gegenwarts- und Zukunftsbildern agieren, sind es gerade die rechten Protagonist*innen, die immer wieder Angst schüren und Schreckensszenarien zeichnen. Der Band geht diesen Methoden in verschiedenen Beiträgen auf den Grund und Valentin Dander kann zeigen, warum diese Methoden, die vor allem in den USA unter „digital fascism“ bekannt sind, auch eine Gefahr für unsere Ordnung darstellen.
Der dritte Aspekt, den der Band übergreifend ausleuchtet, ist nun die Frage wie es darauf zu reagieren gilt. Hier rücken die Themen Medienbildung, die mit verschiedenen Konzepten aufgegriffen und erläutert werden, sowie politische Bildung in das Zentrum. Dabei kann immer wieder gezeigt werden, dass es einer umfassenden inhaltlichen und methodischen Ausbildung bei Lehrkräften bedarf, um diesem Phänomen begegnen zu können. Wiederum Mayer und Sperschneider können in ihrem Beitrag zeigen, dass beispielsweise Gedenkstättenbesuche längst nicht mehr ausreichend sind um affektiv Schüler*innen einzubeziehen. Andere Beiträge knüpfen an diese Erkenntnisse an und zeigen alternative Wege, die die Digitalisierung positiv einbeziehen.
Fazit
Der Band richtet sich vor allem an ein Fachpublikum aus Medienbildung, Erziehungswissenschaft und politischer Bildung, da nicht alle einbezogenen Theorien und Debatten aus dem Fachdiskurs voraussetzungslos implementiert werden. Wer sich aber darüber hinaus für die Auswirkungen digitaler Technologien auf demokratische Prozesse interessiert, dem kann der Band wichtige Gedankenanregungen liefern und auf den Stand der Forschung bringen.
Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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