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Udo Sierck: Körperkult und Behinderung

Rezensiert von Prof. Stefan Müller-Teusler, 05.06.2024

Cover Udo Sierck: Körperkult und Behinderung ISBN 978-3-945959-71-8

Udo Sierck: Körperkult und Behinderung. Eine Geschichte zwischen Erniedrigung und Faszination. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2023. 177 Seiten. ISBN 978-3-945959-71-8. D: 16,00 EUR, A: 16,00 EUR, CH: 16,00 sFr.
Reihe: Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise: Materialien der AG SPAK - M 368.

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Hinführung

In den persönlichen Bemerkungen am Ende des Buches finden sich einige Sätze, die gut charakterisieren, worum es geht. „Ich frage mich, wo sind die Menschen mit schwer beeinträchtigten Körpern? Nach wie vor unsichtbar. Sie verschwinden im Sondersystem und tauchen höchstens gruppenweise bei Ausflügen der Wohngruppe oder einer Heimabteilung auf. Die Diskussion um Vielfalt und Anerkennung geht an ihnen vorbei. Sind sie überhaupt mitgedacht?“

Die akademisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzungen darüber, wie ‚Behinderung‘ jenseits des medizinischen Modells einzuordnen sei, gehen vermutlich an der großen Mehrheit derjenigen, um die es geht, vorbei. „Ich denke dabei manchmal an den Wandspruch, den ich Anfang der 1980er Jahre in Berlin las: ‚Solange wir nicht gelernt haben, das zu fordern, was uns zusteht und das zu tun, was uns gut tut, wird uns auch keine Revolution befreien. Und wenn wir das gelernt haben, dann wird keine Revolution mehr nötig sein‘“ (S. 166f).

Autor

Udo Sierck, ist als Schreibender seit vielen Jahren in der emanzipatorischen Behindertenpolitik aktiv. Außerdem war er als Dozent an der Evangelischen Hochschule Darmstadt tätig. Zum Thema Behinderung gibt es eine Reihe von Büchern von ihm wie auch zahlreiche Aufsätze.

Aufbau und Inhalt

Neben einer Einleitung und den persönlichen Anmerkungen wie auch einen Anhang mit Literaturverweisen und Internetquellen gibt es 4 inhaltliche Kapitel. Bereits die Einleitung ist schon Programm für das Buch, weil Dichotomien (schön-hässlich, gesund-krank, stark-schwach) charakterisieren, wie der Köper inszeniert und gesehen wird Dabei bleibt Wohlbefinden völlig außen vor.

Das 2. Kapitel ist betitelt mit ‚Philosophische Gedankenspiele‘ und greift einige Gedanken und Ideen von Philosophen auf. Das beginnt bei David Hume und setzt sich fort mit Karl Rosenkranz. Ebenso wird Äsop als Beispiel für Hässlichkeit angeführt wie auch Platon mit seinen Gedanken zu Schönheit. Plotin verweist auf die inneren Werte. Johann Caspar Lavater versucht durch die Physiognomik zu begründen, welcher Rückschluss von einem körperlichen Aussehen auf den vermeintlichen Charakter möglich wäre. Auch Balzac hat sich als Schriftsteller Gedanken zu Schönheit gemacht und eine Theorie des Gehens aufgestellt. Dennoch gab es auch Schriftsteller und Schriftstellerinnen wie auch philosophisch tätige Menschen, die den Blick auch wendeten und eine Schönheit des Hinkenden betonten. Dazu gehören Michel de Montaigne, Margherita Costa, Christian Fürchtegott Gellert und Friedrich Hölderlin. Natürlich darf hier Victor Hugo mit dem Glöckner von Notre-Dame nicht fehlen. Von diesen Gedanken aus, bei denen es um die Frage von Schönheit, deren Maßstäbe und Betrachtungsweisen geht, macht das Buch einen Sprung in die Neuzeit zu Werbung, Film, Idealfiguren und Schönheitschirurgie. Der Körper wird zur Botschaft und zur Ware.

Im 3. Kapitel (relativ umfangreichen Kapitel) geht es um die Darstellung des Andersartigen als Faszinosum. Anhand zahlreicher Beispiele belegt der Autor, wie Menschen mit herausragenden körperlichen Merkmalen betrachtet, vorgeführt, bestaunt und als Attraktion durch die Lande reisten. Dabei wurden die Fähigkeiten der Menschen völlig ignoriert und sie ausschließlich auf ihr Erscheinungsbild reduziert. Der Gedanke von Schönheit als ästhetisch wertvoll hält sich bis in die Gegenwart, während hingegen jede Form von Andersartigkeit als Mahnung oder Fehlentwicklung gesehen wird. So gab es aus der Anti-Atom-Bewegung und aus der Friedenbewegung heraus Plakate, auf denen gegen radioaktive Technologien protestiert wurde mit dem Hinweis auf die Fehlbildung von Föten.

Die Faszination für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen hält bis in die Gegenwart an, wie Udo Sierck im 4. Kapitel anhand vieler Beispiele aus dem Sport, aus der Modewelt und aus Zeitungsberichten verdeutlicht. Auch in der Kunst finden sich nach wie vor solche Momente. Was mal als gute Idee galt, nämlich den Blick auch einmal anders zu richten, wird aus dieser Perspektive zur Karikatur der Andersartigkeit.

Um die Denkweisen aus einer idealisierten Normalität heraus zu sprengen, hat sich die Behindertenbewegung emanzipiert (Kapitel 5) und auch vom Wissenschaftsbetrieb losgesagt. „Ein wichtiger Schritt zur Emanzipation war der erfahrungsbedingte Grundsatz: Behinderte Menschen wissen am besten, was behinderte Menschen benötigen. Sie lehnten die Definitionsmacht der Orthopäden, Chirurgen oder Pädagogen über sich und ihre Körper ab. Gleichzeitig verstanden sie sich als eigensinnige Subjekte“ (S. 145).

Aber trotz aller Betonung der Eigensinnigkeit gehört auch dazu, dass behinderte Körper eine Belastung sein können, Schmerzen verursachen, übermäßige Abnutzungserscheinungen haben – daran ändern auch Disability Studies nichts. Anhand des eigenen Körpers bzw. dem daraus resultierenden Auftreten und den Reaktionen in der Öffentlichkeit beschreibt Udo Sierck im 6. Kapitel die Macht der Normalität.

Diskussion

Alle Ideen zu Inklusion sind hinfällig, solange solche Gedanken wie Idealvorstellungen von Körperlichkeit, Schönheit (und damit auch Ausschluss im Umkehrverfahren) existieren und als Maßstab herangezogen werden. Anhand der vielen, schon historisch begründeten Beispiele wird deutlich, wie tief verwurzelt ein solches Denken ist. Das Buch ist fragmentarisch angelegt, denn die Beispiele enthalten viele Zeitsprünge und sind einzelne Passagen aus ganzen Werken, sodass eigentlich der jeweilige Kontext noch herangezogen werden müsste. Dennoch sind sie Beleg genug, wie weit verbreitet ein solches Denken war und ist. Auf jeden Fall konnte Udo Sierck belegen, dass der Körper in verschiedenen Funktionen und Rollen bis in die Gegenwart eine immens hohe Bedeutung hat.

Fazit

Der Körper bleibt im Fokus – als Ideal, als mahnendes Beispiel und als Faszinosum. Damit wird er zum Maßstab, aber auch zum Ausschlusskriterium. Das Buch zeigt anhand der Beispiele auf, wie tief ein solches Denken verwurzelt ist und wie schwer es ist, sich davon zu lösen. Schon von daher lohnt sich die Lektüre als Befragung der eigenen Positionen und Sichtweisen.

Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 05.06.2024 zu: Udo Sierck: Körperkult und Behinderung. Eine Geschichte zwischen Erniedrigung und Faszination. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2023. ISBN 978-3-945959-71-8. Reihe: Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise: Materialien der AG SPAK - M 368. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32165.php, Datum des Zugriffs 14.06.2024.


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