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Bundesinstitut für Berufsbildung Bonn, BIBB, Irmgard Frank u.a.: Informelles Lernen

Cover Bundesinstitut für Berufsbildung Bonn, BIBB, Irmgard Frank, Katrin Gutschow, Gesa Münchhausen: Informelles Lernen. Verfahren zur Dokumentation und Anerkennung im Spannungsfeld von individuellen, betrieblichen und gesellschaftlichen Anforderungen. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2005. 219 Seiten. ISBN 978-3-7639-1057-1. 23,90 EUR.

Reihe: Schriftenreihe des Bundesinstituts für Berufsbildung Bonn. Mit Beiträgen von Uta Bendixen, Markus Bretschneider, John Erpenbeck, Irmgard Frank, Gerd Gidion, Julia Gillen, Dieter Gnahs, Katrin Gutschow, Folkmar Kath, Joice McHenry, Chantal Labruyère, Kerstin Mucke, Gesa Münchhausen, Dorothea Schemme, Arno Schmitt & Wolfgang Wittwer.
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Zur Anerkennung informellen Lernens

Jeder hat schon die Erfahrung gemacht, dass man auch außerhalb der Bildungseinrichtungen lernt: zum Beispiel durch Gespräche, beim Zeitungslesen, am Arbeitsplatz, im Haushalt, bei der Ausübung von Hobbys und des Ehrenamts. Obgleich schon immer vorhanden, gewann dieses informelle Lernen in Deutschland in den letzten Jahren immer größere Beachtung. In Studien wird unter anderem versucht aufzuzeigen, wie, wann und unter welchen Umständen Erwachsene informell lernen.

Auch weil es in Deutschland eine lange Tradition eines vergleichsweise erfolgreichen Berufsbildungssystems gibt, hat man sich bislang wenig Gedanken über Verfahren der Dokumentation und Anerkennung informeller Lernleistungen gemacht. Eine Zertifizierung informeller Lernleistungen oder auch ihre Anrechnung im Weiterbildungssystem wäre für viele, die sich außerhalb der Weiterbildungseinrichtungen berufliche Kompetenzen angeeignet haben, eine Chance. Insbesondere Arbeitslose, Berufsrückkehrerinnen, Schul- und Studienabbrecher, mitarbeitende Angehörige oder Ausländer ohne in Deutschland anerkannten Berufsabschluss könnten von solchen Verfahren profitieren.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die Dokumentation einer am 30./31. März 2004 vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn veranstalteten Fachtagung mit dem Titel „Informelles Lernen: Verfahren zur Dokumentation und Anerkennung im Spannungsfeld von individuellen, betrieblichen und gesellschaftlichen Anforderungen“. Experten aus Bildung, Wissenschaft und aus der betrieblichen Praxis informierten dabei über den aktuellen Wissensstand, praktische Erfahrungen und Erkenntnisse in der Anwendung von Instrumenten zur individuellen und betrieblichen Dokumentation von Kompetenzen und zur Integration informellen Lernens ins Berufsbildungssystem (vgl. S. 5f.).

Inhalt

  • Die ersten Beiträge stammen alle von Mitarbeitern des BIBB: Folkmar Kath und Irmgard Frank geben in ihren beiden Eröffnungsreden jeweils kurz Einblick in die Ziele der Tagung. Irmgard Frank, Katrin Gutschow und Gesa Münchhausen nennen in ihrem Beitrag „Modelle aus nationaler Sicht“ grundlegende Strukturierungen und Anforderungen an die Verfahren der Anerkennung informellen Lernens.
  • Im ersten Workshop werden Methoden zur individuellen Dokumentation von Kompetenzen behandelt. Zunächst stellen Dieter Gnahs und Markus Bretschneider (beide DIE Bonn) die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie zum „Weiterbildungspass mit Zertifizierung informellen Lernens“ und einem zum Zeitpunkt des Vortrags noch geplanten Modell (ProfilPASS) vor. Der Psychologe John Erpenbeck stellt vor, wie mit Hilfe des von ihm entwickelten KODE-Verfahrens Kompetenzen gemessen und analysiert werden können. Dabei stellt er zunächst den Begriff der Kompetenzen vor, auch in Abgrenzung zum Begriff der Qualifikation. Wolfgang Wittwer (Universität Bielefeld) referiert anschließend über „übergreifende Aspekte im Kontext der individuellen Dokumentation von Kompetenzen“. Er verweist dazu auf unterschiedliche Interessen bei der Dokumentation individueller Kompetenzen, systematisiert und definiert den Begriff des informellen Lernens und stellt umfangreiche und vielseitige Überlegungen zum Dokumentationsgehalt individueller Kompetenzen.
  • Im zweiten Workshop geht es um die Erfassung und Dokumentation von Kompetenzen in betrieblichen Zusammenhängen. Von Arno Schmitt sind dazu die Folien zu seinem Vortrag „Erfassung und Dokumentation von Kompetenzen aus der Sicht von Großbetrieben“ abgebildet. Er stellt dabei überwiegend vor, welche Formen des informellen Lernens bei seinem Arbeitgeber, der Firma Rexroth (Bosch Gruppe), vorliegen und wie Auszubildende angehalten werden, sich im Kompetenzfeld „Lernen“ zu qualifizieren. Dorothea Schemme (BIBB) stellt in ihrem Beitrag „Erfassung und Dokumentation von Kompetenzen aus Sicht von kleinen und mittleren Unternehmen“ eine vier Modellversuchsreihen und ihre Ergebnisse von insgesamt 40 Vorhaben vor, die sich mit dem informellen Lernen beschäftigen: zu Zusatzqualifikationen in der beruflichen Bildung, zur prozessorientieren Berufsbildung, zum Erfahrungswissen und zum Wissensmanagement. „Gestaltungsansätze in Modellversuchen zur Erfassung und Bewertung von Kompetenzen“ heißt der Beitrag von Julia Gillen (Universität der Bundeswehr), sie diskutiert diese Ansätze auch aus Sicht der betrieblichen Praxis.
  • Thema des dritten Workshops ist die Anerkennung informeller Lernleistungen im Rahmen von summativen Verfahren. Dazu werden die Vortragsfolien von Uta Bendixen (Verband Druck & Medien Nord) zum Thema „Ansätze zur Integration informellen Lernens im Berufsbildungssystem am Beispiel der Anpassungsqualifizierung in der Druck- und Medienindustrie“ vorgestellt. Gerd Gideon (Fraunhofer Institut) präsentiert „Verfahren zur Dokumentation und Anerkennung am Beispiel des Industriemeisters Metall“. Die „Entwicklung eines Leistungspunktsystems am Beispiel der IT-Weiterbildung“ ist schließlich Thema des Vortrags von Kerstin Mucke (BIBB). Irmgard Frank, Katrin Gutschow und Gesa Münchhausen fassen schließlich die wichtigsten Ergebnisse aus den Workshops zusammen.
  • Am zweiten Tag der Veranstaltung stehen Modelle und Verfahren aus anderen europäischen Ländern auf der Agenda. Nach einer Einführung von Katrin Gutschow und Gesa Münchhausen berichten zwei Referentinnen aus Norwegen und Frankreich aus ihren Ländern: Joyce McHenry (OMH Business School, Oslo) trägt zum Thema „Management of knowledge in practice-learning to visualise competence“ vor und Chantal Labruyère (Céreq, Marsaille) zum Thema „La validation des acquis de l„expérience“.
  • In einer Abschlussrunde ziehen einige der Referenten ihr Resümee.

Gestaltung

Das Buch basiert auf einer Tagung. Die Artikel – in zwei Fällen sind es nur Vortragsfolien – sind dabei die verschrifteten Vorträge. Auch die Struktur des Buches wurde dem Tagungsprotokoll unterworfen, so gibt es z. B. die beiden Teile „Dienstag, 30. März” und „Mittwoch, 31. März”. Zwar mögen diese Daten für die Beitragenden interessant sein, für Aussenstehende erscheint dieses Vorgehen manchmal umständlich („Vielen Dank, Herr Dr. Gnahs, ich gebe das Mikrophon direkt an Herrn Prof. Dr. Erpenbeck weiter und bitte auch ihn um ein kurzes Statement”) und manchmal unzureichend (wenn nur Folien abgebildet sind). Aus meiner Sicht würde es die Lesefreude erhöhen, wenn die Herausgeberinnen sich vom Protokollcharakter gelöst hätten. Hinzu kommt: Während ein englischer Beitrag durchaus vom Publikum verstanden werden sollte, reichte zumindest mein Schulfranzösisch nicht für den französischen Beitrag. Für die deutschen Übersetzungen wird der Leser auf die Homepage des BIBB verwiesen.

Fazit

Für das Band des Bundesinstituts für Berufsbildung spricht vor allem seine Aktualität. Für Sozialarbeiter ist es jedoch aus meiner Sicht nur empfehlenswert, wenn sie konkret an den genannten Bereichen der Modellprojekte in der beruflichen Bildung interessiert sind (Workshop 3).

Für die Fachdiskussion der Experten der Bildungsforschung und der Bildungspraxis liegt mit diesem Band eine aktuelle Berichterstattung der „vordersten Front“ der Diskussion am BIBB und den vorgenommenen Einschätzungen der Veranstalterinnen der Tagung bzw. Herausgeberinnen des Buchs und den Beitragenden vor. Trotz der genannten Einschränkungen bei der Darstellung kann das Buch für die deutschsprachige Diskussion über die Anerkennung informellen Lernens daher für das Fachpublikum eine wichtige Quelle sein. Angesichts des Preises lohnt sich allemal ein Blick auf die Homepage des BIBB, wo die meisten der Beiträge (Folien und Übersetzungen) zu finden sind.


Rezensentin
Dr. Sandra Schaffert
Pädagogin. Tätigkeit in Wissenschaft und Weiterbildung


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Zitiervorschlag
Sandra Schaffert. Rezension vom 24.01.2006 zu: Bundesinstitut für Berufsbildung Bonn, BIBB, Irmgard Frank, Katrin Gutschow, Gesa Münchhausen: Informelles Lernen. Verfahren zur Dokumentation und Anerkennung im Spannungsfeld von individuellen, betrieblichen und gesellschaftlichen Anforderungen. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2005. ISBN 978-3-7639-1057-1. Reihe: Schriftenreihe des Bundesinstituts für Berufsbildung Bonn. Mit Beiträgen von Uta Bendixen, Markus Bretschneider, John Erpenbeck, Irmgard Frank, Gerd Gidion, Julia Gillen, Dieter Gnahs, Katrin Gutschow, Folkmar Kath, Joice McHenry, Chantal Labruyère, Kerstin Mucke, Gesa Münchhausen, Dorothea Schemme, Arno Schmitt & Wolfgang Wittwer. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3218.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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