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Ralf Gerlach, Heino Stöver: Vom Tabu zur Normalität. 20 Jahre Substitution in Deutschland

Cover Ralf Gerlach, Heino Stöver: Vom Tabu zur Normalität. 20 Jahre Substitution in Deutschland. Zwischenbilanz und Aufgaben für die Zukunft. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2005. 400 Seiten. ISBN 978-3-7841-1605-1. 25,00 EUR, CH: 43,80 sFr.
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Einführung

Ein mit der Materie nicht vertrauter interessierter Laie kann sich zu Recht fragen, weshalb die Substitutionsbehandlung zu langjährigen Kontroversen Anlass gegeben hat. Im von Ralf Gerlach und Heino Stöver herausgegebenen Werk wird ihr Weg vom Tabu zur Normalität als langsamer Sieg von Humanität und Pragmatismus über Ideologie und Engstirnigkeit beschrieben. Es wird darin aber auch eine Geschichte des allmählichen Ausräumens von Missverständnissen, die dieser Behandlungsform ihren Durchbruch erschwert haben, nachgezeichnet. Lange und hartnäckig hielt sich nämlich der Irrglaube, der Arzt verschaffe dem Abhängigen durch das Opiat ein Genussmittel. Mit diesem Argument wurde bereits in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA die Verschreibung von Morphin und Heroin an Abhängige verboten. Auch das in den 50er und 60er Jahren eingeführte synthetische Methadon musste sich gegen ähnliche Vorurteile durchsetzen. Heute ist auch die Substitution mit Heroin unter bestimmten restriktiven Bedingungen in der Schweiz und in den Niederlanden als anerkannte Behandlungsmethode  zugelassen.

Hintergrund und Entstehung des Buchs

Die beiden Herausgeber, der Diplompädagoge Ralf Gerlach, stv. Leiter INDRO e.V. in Münster und der Sozialwissenschaftler Dr. Heino Stöver, Privatdozent an der Universität Bremen, sind ausgewiesene Fachleute im drogenpublizistischen Umfeld. Beide haben sich unter anderem als Verfechter der akzeptierenden Drogenarbeit in zahlreichen Publikationen und Vorträgen einen Namen gemacht.

Das Buch vereint 36 Aufsätze von 40 Autoren/-innen zu einem beeindruckenden Sammelband, in dem Entwicklung, aktueller Stand und künftige Perspektiven aus den Blickwinkeln der beteiligten Professionen und Disziplinen beleuchtet werden. Es versteht sich nicht als Analyse aus neutraler Distanz, sondern vielmehr als Hommage an die Pioniere, "... mutige, querdenkende Ärzte, Sozialarbeiter, Betroffene, Eltern, Sozial- und Gesundheitspolitiker - die trotz aller Ängste weitermachten, sich nicht beirren liessen und an Standards zur Verbesserung und Ausdehnung dieser Behandlungsform arbeiteten." (S. 13)

Aufbau

Die Aufsatzsammlung ist in acht Kapitel unterteilt.

  1. Unter der Überschrift "Grundlagen" finden sich Beiträge zur neueren Geschichte der Substitutionsbehandlung, zum Forschungsstand und zur Versorgungslage.
  2. Kapitel zwei enthält eine Abhandlung zur Pharmakologie und Pharmakokinetik von Substitutionsmitteln.
  3. In Kapitel drei wird der Darstellung von verschiedenen Behandlungssettings ein breiter Raum gewährt.
  4. Danach folgen Betrachtungen zur Behandlungsqualität, worunter auch frauen-, jugend- und migrationsspezifische Aspekte sowie die psychosoziale Betreuung subsumiert werden.
  5. In Kapitel fünf geht es um ausgewählte Behandlungs- und Praxisprobleme wie den Beigebrauch und Todesfälle während der Therapie.
  6. Danach kommen die Sichtweisen Betroffenerin zwei Beiträgen aus Patienten- und aus Angehörigensicht zur Sprache.
  7. Die rechtlichen und formalen Grundlagensind - im Umfang von vier Aufsätzen - Gegenstand von Kapitel sieben.
  8. Den Schlusspunkt bilden die Perspektiven, die unter Seitenblicken auf die europäischen Staaten - und hier unter besonderer Berücksichtigung Österreichs und der Schweiz - erörtert werden.

Beispielhaft ausgewählte Inhalte

  • Heinrich Küfner und Susanne Rösner geben in Ihrem Beitrag "Forschungsstand 2005 zur Substitutionsbehandlung: Ergebnisse zur Evaluation und Indikation" einen Überblick über die Ergebnisse von 40 Jahren weltweiter Substitutionsforschung. Die Wirksamkeit der Behandlung ist sattsam erwiesen. Offene, in der neueren Literatur behandelte Fragestellungen betreffen die Indikation für unterschiedliche Substanzen und den Einsatz psycho-sozialer Therapien. Der allgemeine Trend geht auch in der Suchtforschung in Richtung Meta-Analysen als quantitative Zusammenfassung von Einzelstudien. Diese dienen als Grundlage für die Erstellung evidenz-basierter Behandlungsempfehlungen.
  • Substitutionstherapien werden zumeist in Hausarztpraxen, spezialisierten Schwerpunktpraxen oder integrierten Substitutionsambulanzen durchgeführt. Heinrich Elsner schlägt in seinem Beitrag zu den "Überregionalen Aspekten der Funktion von Substitutionsambulanzen" vor, die „unkomplizierten und behandlungswilligen“ Betroffenen ohne regelmässigen Beikonsum beim Hausarzt, "schwierige und behandlungswillige" Betroffene eher in Schwerpunktpraxen und die exzessiv beikonsumierenden Betroffenen mit oft desolaten sozialen Rahmenbedingungen in integrierten Substitutionsambulanzen zu behandeln. Gerade für die letzte Gruppe müssen genügend ärztliche und sozialarbeiterische Ressourcen zur Verfügung stehen. Mit Blick auf die real existierende Substitutionspraxis, im Rahmen derer für einen Grossteil der Betroffenen in den Praxen nur sehr wenig Behandlungszeit pro Patient zur Verfügung steht, fragt der Autor, der selbst Arzt ist, in einem zweiten Artikel über "Zahlen zur Substitutionsepidemiologie – Kritische Anmerkungen zur Ökonomie der Substitutionsbehandlungen“ provokativ, ob es sich in diesen Fällen wirklich um Suchttherapien oder nicht eher um „institutionalisierte Koabhängigkeit" (S. 225) handle.
  • In seiner Standortbestimmung "Substitutionsbehandlungen in Deutschland – vom Tal der Tränen in die Mühen der Ebene" erläutert Ingo Ilja Michels aus der Sicht des Geschäftstellenleiters der Drogenbeauftragten Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung die aktuelle Situation. Sein einleitendes Zitat, das Robert Lembke zugeschrieben wird, fasst die Schwierigkeiten ebenso wie den Mut und den langen Atem der Befürworter zusammen: "Mit etwas Geschick kann man aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, ein Treppe bauen" (359).

Zielgruppen

Das Buch ist sowohl für alle mit der Substitutionsbehandlung befasste Personen wie Sozialarbeitende, Arztpersonen, Pflegende, Psychologen/-innen als auch für an der Drogenproblematik interessierte Laien geeignet.

Diskussion

Im Rahmen dieser Rezension ist es nicht möglich, jedem Beitrag gerecht zu werden. Hervorzuheben ist der sehr erhellende Artikel von Jörg Gölz zur therapeutischen Beziehung (S. 160ff.). Mit erfrischender Sachlichkeit und treffenden Worten positioniert er diese Beziehung einleuchtend als Balanceakt zwischen Nähe und Distanz.

Der Versuch einer umfassenden Gesamtschau ist insgesamt recht gut gelungen. Vor dem Hintergrund neuerer Studien, die belegen, dass Drogenabhängigkeit in vielen Fällen mit einer zusätzlichen psychischen Erkrankung verzahnt ist, wäre ein Artikel zur psychischen Komorbidität zu begrüssen gewesen, obschon dieses Thema in verschiedenen Beiträgen Erwähnung findet. Auch ist zu bedauern, dass die Diskussion um die Rolle der psychosozialen Betreuung zur Substitutionsbehandlung von der gesetzlich verankerten Verpflichtung zu derselben dominiert wird, was eine kritische Würdigung von Nutzen und Nachteilen erschwert.

Stellenweise würde man sich eine sorgfältigere redaktionelle Überarbeitung der Texte wünschen (Grammatik, Darstellung, Schreibfehler).

Fazit

Der Aufsatzband bietet eine Gesamtschau der zwanzigjährigen Geschichte der Substitutionsbehandlungen in Deutschland. Es ist die Geschichte einer Bewegung, die sich der vorurteilsfreien Hilfe an Heroinabhängige verschrieben hat. Die Polarisierung zwischen Gegnern und Befürwortern in der Anfangsphase ist einer rationalen und pragmatischen Auseinandersetzung gewichen. Die künftigen Ziele sind die Entwicklung von diversifizierten Angeboten der Suchtkrankenhilfe, welche den individuellen Ressourcen und Suchtverlaufsformen der Heroinabhängigen Rechnung tragen, sowie die bessere Nutzung von Synergieeffekten zwischen diesen Hilfsangeboten.


Rezensent
Dr. Martin Hošek
Bundesamt für Gesundheit, Abteilung Nationale Präventionsprogramme, Sektion Drogen
Homepage www.bag.admin.ch


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Zitiervorschlag
Martin Hošek. Rezension vom 14.03.2006 zu: Ralf Gerlach, Heino Stöver: Vom Tabu zur Normalität. 20 Jahre Substitution in Deutschland. Zwischenbilanz und Aufgaben für die Zukunft. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2005. ISBN 978-3-7841-1605-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3219.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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