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Sandro Napolitano: Straßenkinder in Deutschland [...]

Cover Sandro Napolitano: Straßenkinder in Deutschland – eine Lebenssituation. Erklärungsversuche und Handlungsstrategien für ein soziales Phänomen. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. 127 Seiten. ISBN 978-3-86585-216-8. 21,90 EUR.
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"Jugendliche Wegläufer" - auch in Deutschland?

Das Phänomen "Straßenkinder" wird in der gesellschaftlichen Diktion erst einmal nicht als ein Problem der "Wohlstandsgesellschaft" angesehen. Im Bewusstsein der Menschen finden wir Straßenkinder in den lateinamerikanischen, asiatischen und afrikanischen Großstädten; als Müllsammler, Zeitungsverkäufer, in Bergwerken, als Fixer, Plastikschniefer oder Teppichknüpferinnen, unter Brücken, in Slums vegetierend. Sie unterliegen körperlichen Misshandlungen, leiden unter gesundheitsschädlicher, ausbeuterischer Arbeit und sexuellem Missbrauch. Von Amnesty International wissen wir, dass etwa in Kolumbien im Jahr 1991 rund 2.800 Straßenkinder ermordet wurden. UNICEF schätzt, dass in der Welt rund 80 bis 100 Millionen Kinder auf den Straßen der Städte um ihr Überleben kämpfen. Und die Zahlen in den Ländern des Südens der Erde sind steigend, wie neuere Schätzungen ergeben.

Kinder und Jugendliche, die in den westlichen, so genannten "wohlhabenden" Industrieländern auf der Straße leben, werden in der Diskussion über die Aufgaben in der Sozialen Arbeit mit den oben genannten "Straßenkindern" nicht im Zusammenhang gebracht. Das Institut für Soziale Arbeit (ISA) in Münster sieht in der Situation, dass Minderjährige nicht in den traditionellen gesellschaftlichen Sozialisationsinstanzen, wie etwa der Familie, sondern auf der Straße leben, zwar ein aktuelles, aber kein neues Phänomen. In der Fachdiskussion wird dabei von einem sozial auffälligen, unangepassten Verhalten oder von Kindern und Jugendlichen, die in besonderen Lebenslagen leben, gesprochen. Die zahlreiche, vorfindbare Literatur zur Thematik über "Straßenkids" in Deutschland signalisiert in etwa das Problem: "Reiches Land und arme Kinder", "Dann hau` ich eben ab", "Suchen tut mich keiner", "Zu Hause auf der Straße", "Straßenkinder gibt es doch", "Straßenkinder gibt es nicht", "Straßenkarrieren", "Lebensort Straße", "Die vergessenen Kinder", "Am Rande leben", u.a. Die Schätzungen, wie viel "Kinder und Jugendliche in besonderen Lebenslagen" in Deutschland auf der Straße leben, sind ungenau; je nach Definition der Ursachen eines abweichenden Verhaltens werden in der Literatur zwischen 5.000 und 50.000 Minderjährige genannt, die ohne feste Bleibe entweder dauernd oder zeitweise auf der Straße leben.

Inhalt

Sandro Napolitano arbeitet in seiner Untersuchung die aktuelle Literatur zur Thematik auf. Er beginnt damit, dass er Begriffe wie "Abweichung" und "Verwahrlosung", die in der Diskussion benutzt werden, nach verschiedenen Seiten hin hinterfragt; etwa auch dahingehend, dass "abweichendes Verhalten" nicht immer gesellschaftlicher Normbruch bedeuten muss, sondern etwa auch Ausdruck eines Normwandels in der Gesellschaft sein kann; freilich auch Hinweis auf soziale Unsicherheit, Angst und subjektives Bewältigungsverhalten eines Individuums. Im sozialpädagogischen Diskurs und im Diskurs über die Aufgaben in der Sozialen Arbeit wird der Umgang mit "Straßenkindern" immer als pädagogische Intervention verstanden, als erzieherischer, gesellschaftlicher Auftrag. Grundlagen sind dabei die allgemein akzeptierte Orientierung an der Norm, der gesellschaftlichen Erwartung und den für das abweichende Verhalten vorgesehenen Sanktionen. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass der Begriff der "Verwahrlosung" im 1990 geänderten Sozialgesetzbuch (SGB), VIII: Kinder- und Jugendhilfe, nicht mehr vorkommt. Im Rahmen der pädagogischen und therapeutischen Leistungen wird von "Inobhutnahme" gesprochen (§ 2 Abs. 3,1).

Die wissenschaftstheoretischen Zugänge zur Auseinandersetzung mit dem Phänomen werden durch unterschiedliche Theorien erklärt:

  • Neben der klassischen Schule der Kriminologie, die sich seit der Aufklärung entwickelt hat und bei der die Sanktion im Vordergrund stand, wird in der Praxis der Sozialarbeit der medizinisch-psychiatrische Erklärungsansatz angewandt. In diesem Erklärungsmodell geht es darum, abweichendes Verhalten mit "organpathologischen" Gründen, also durch hormonale, Reife- oder zerebrale Störungen zu erklären.
  • Beim psychologisch orientierten Modell wird die Sozialgeschichte des Betroffenen berücksichtigt und abweichende Verhaltensweisen als "Ausdruck biographisch bestimmter, deformierter und unzureichender Lernerfahrung" betrachtet. Hier wird von psychopathologischer und neurotischer Verwahrlosung gesprochen.
  • Beim Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene diskrepanztheoretischen Ansatz werden die wesentlichen, individuellen Faktoren beim abweichenden Verhalten heran gezogen. Dadurch gelangen die Sozialisationsinstanzen, wie Familie, Schule und Gesellschaft, in den Blick.
  • Im Subkulturkonzept wird die Frage nach der Bedeutung der Normen und Verhaltensweisen von Subsystemen, wie etwa von City- und Bahnhofsszenen, Ravern und Punkern, gestellt. Während die Übernahme von deren Normen in der Szene als konform gilt, wird sie von der Gesamtgesellschaft als abweichend wahrgenommen.
  • Bei der Theorie des differentiellen Lernens wird angenommen, dass alle Verhaltensweisen, ob konform oder abweichend, erst einmal erlernt werden müssen; etwa in der Familie, im Wohnumfeld und in der Freizeit. Abweichendes Verhalten wird demnach im sozialen Umfeld aufgenommen.
  • Bei dem in den 60er Jahren aus den USA übernommenem Erklärungsmodell der Labeling-Perspektive (labeling approach) fragen die Vertreter dieser Richtung nicht danach, ob ein deviantes Verhalten objektiv eine Norm verletzt, sondern danach, ob abweichendes Verhalten ein Handeln darstellt, das als eine Norm verletzend wahrgenommen wird.
  • Beim integrativen Ansatz schließlich wird nach den Gründen von primärer und sekundärer Abweichung gefragt. Erstere sind etwa ein defizitärer Familien- und Lernumfeld, Vernachlässigung, Gewalterfahrung oder kulturelle, materielle und soziale Benachteiligung. Bei der sekundären Devianz geht es um Stigmatisierungs-, Etikettierungs-, Definitions- und Zuschreibungsprozesse durch die offiziellen Instanzen der sozialen Kontrolle. Diesen ganzheitlichen Betrachtungs-, Analyse- und Therapie-Ansätzen spricht der Autor die größten Chancen zur sozialpädagogischen Bewältigung des Problem zu. Die verschiedenen Problemfelder - Familie, Schule, Jugendhilfeeinrichtungen - werden in diesem Zusammenhang analysiert; ebenso die durch das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in der Moderne sich darstellenden, strukturellen Wandlungsprozesse.

Im fünften Kapitel der Arbeit geht es um den "(Über-) Lebensort Straße" und die Annäherung an die Lebenswelt von Straßenkindern. Gewalt, Konkurrenzkampf und außergewöhnliche Überlebensstrategien sind ständige Begleiter von auf der Straße lebenden Kindern und Jugendlichen; ebenso Drogenkonsum, Beschaffungskriminalität, Prostitution, Missbrauchserfahrungen und die permanente Konfrontation mit Polizei und anderen Ordnungskräften. Der Gesundheitszustand von Straßenkindern nimmt mit der Dauer und den Bedingungen des Auf-der-Straße-Lebens rapide ab.

"Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit". Mit dem in § 1 (1) im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) postulierten Menschenrecht sind alle gesellschaftlichen Instanzen aufgefordert, ihren Beitrag zur Erfüllung dieser Norm zu leisten. Die Interventionsmöglichkeiten, Strategien und Konzepte der Sozialarbeit seien durch die traditionelle "Komm"-Erwartung, etwa bei Jugendhäusern und -clubs, bei der Arbeit mit Straßenkindern kaum realisierbar. Streetwork-Projekte, Empowerment, Einrichtung von Anlauf- und Notschlafstellen und Erprobung von alternativen Wohnformen, erlebnispädagogische Initiativen sind Formen für sozialpädagogische Präventionen und Interventionen und für die Soziale Arbeit. Als positives Beispiel stellt der Autor das in den Niederlanden erprobte INSTAP-Modell vor, das für deutsche Verhältnisse und Bedingungen als "Ambulante Intensive Begleitung" (AIB) entwickelt wurde. Das Modell basiert auf der Grundlage der Netzwerkbildung auf institutioneller und individueller Ebene. Es erfordert von allen Beteiligten, den anzusprechenden Betroffenen genau so wie von den im Netzwerk zusammen arbeitenden Fachkräften und ihren Einrichtungen eine hohe Flexibilität, die in der "versäulten" Strukturbildung der Kinder- und Jugendhilfe nicht immer gegeben ist: "Voraussetzung dafür ist, die Jugendhilfeeinrichtungen lern- und wandlungsfähig zu organisieren". Als eine der wichtigsten Aufgaben bei der Prävention und Betreuung der Kinderstraßen-Situation ist deshalb, allen gesellschaftlich Beteiligten bewusst zu machen, dass es weder das "Straßenkind", noch die "Straßenkarriere" als Typus gibt: "Vielmehr scheint das Zusammenwirken ungünstiger Sozialisationsfaktoren, die Lebensbedingungen in einer individualisierten Gesellschaft zusammen mit einem zunehmend brüchiger werdenden sozialen Absicherungssystem sowie die Maßnahmen und Reaktionsweisen der Kontrollinstanzen... ausschlaggebend zu sein für die Entwicklung hin zu einer Straßenkarriere".

Fazit

Sandro Napolitano hat eine Arbeit abgeliefert, die den theoretischen Diskurs und die in der Sozialen Arbeit entwickelten Konzepte zur Betreuung von "Straßenkindern" zusammenfassend darstellt und ansatzweise einige Hinweise auf die Umsetzung in die sozialpädagogische Praxis gibt; zu letzterem wäre die Darstellung einiger exemplarischer Beispiele hilfreich gewesen. Das Buch ist nützlich für Studierende der Sozialpädagogik und der Sozialen Arbeit, aber auch für die interdisziplinäre Diskussion in der Allgemeinen und Schulpädagogik, und im Sinne einer notwendigen Vernetzung der verschiedenen, gesellschaftlichen Bildungs- und Erziehungsinstanzen, ein Beitrag für den "ganzheitlichen Blick" - weil anzunehmen ist, dass auch in Deutschland die Zahl derjenigen Kinder und Jugendlichen steigt, die ihren Lebens- und Handlungsort auf der Straße finden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.11.2005 zu: Sandro Napolitano: Straßenkinder in Deutschland – eine Lebenssituation. Erklärungsversuche und Handlungsstrategien für ein soziales Phänomen. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. ISBN 978-3-86585-216-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3223.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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