Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Bernd Ahrbeck, Anne Hamilton (Hrsg.): Basteln am Ich

Rezensiert von Dr. Antje Flade, 11.06.2024

Cover Bernd Ahrbeck, Anne Hamilton (Hrsg.): Basteln am Ich ISBN 978-3-98737-015-1

Bernd Ahrbeck, Anne Hamilton (Hrsg.): Basteln am Ich. Zu Risiken und Nebenwirkungen grenzenloser Selbstbestimmung. zu KLAMPEN! Verlag (Springe) 2024. 152 Seiten. ISBN 978-3-98737-015-1. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

In dem Essay geht es um die gesellschaftlichen Auswirkungen einer weit reichenden Selbstbestimmung, wie sie von identitätspolitisch agierenden Gruppen gefordert wird. Deren persönliches Erleben, ihre Gefühle und ihr Betroffensein gelten als Maßstab, was richtig und falsch ist, und nicht mehr Vernunft und Wissen. Wer anders denkt, wird diffamiert und muss Nachteile in Kauf nehmen.

Autor

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler, Psychologe und Psychoanalytiker und Professor an der IPU (Internationale Psychoanalytische Universität) in Berlin.

Aufbau und Inhalt

Auf die Einleitung folgen fünf inhaltliche Kapitel, die sich mit den Themen Erlösung von gesellschaftlichen Zwängen, Binarität, Tilgung der Vergangenheit, Leihmutterschaft und Wissenschaftsfreiheit befassen. Danach folgt ein mit „Cui bono?“ überschriebenes Schlusskapitel.

In der Einleitung beschreibt der Autor den in westlichen Demokratien sich verschärfenden Konflikt zwischen sich diskriminiert fühlenden Minderheiten und der Mehrheit. Wenn das subjektive Erleben und die persönliche Betroffenheit anstelle der objektiven nachprüfbaren Gegebenheiten zum Maßstab werden, gewinnen die Minderheiten an Macht. Befindlichkeiten dienen dann als Mittel, um sich die kulturelle Deutungsmacht und gesellschaftlichen Einfluss zu sichern. Gefordert wird, dass sich die Gesellschaft wandeln müsse, weg von patriarchalischen Strukturen und Rassismus, dass sie gerechter, offener, toleranter und vielfältiger werden müsse. Der Mensch soll sich seiner biologischen Wurzeln entledigen können und sein Geschlecht frei bestimmen können.

Im Kapitel „Erlösungsphantasien“ verweist Ahrbeck auf die uralte Sehnsucht des Menschen nach einem idealen Leben und einer paradiesähnlichen Gesellschaft. Alle haben ein Recht auf Respekt und Achtung. Doch die Realität sieht anders aus. Immer mehr Menschen fühlen sich diskriminiert und nicht anerkannt. Das darf nicht sein und muss verhindert werden. Der Autor präsentiert dazu anschauliche Beispiele, darunter wie in manchen Verlagen Sensitity Reader Texte daraufhin begutachten, ob sie Klischees wie z.B. von einem rückständigen Afrika bedienen und es an Respekt und Achtung fehlen lassen. Eine gendersensible Sprache wird nicht nur empfohlen, sondern nicht selten auch gefordert. Wer sich nicht daran hält, muss mit Nachteilen rechnen. Die eigene, sich nach außen richtende Aggressivität wird legitimiert, die anderen haben keinen Anspruch auf Schutz. Die Cancel Kultur soll verhindern, dass schädliche Haltungen geäußert werden und falsche Meinungen kursieren.

Im Kapitel Binarität stellt Ahrbeck anhand objektiver körperlicher Fakten klar, dass es zwei biologische Geschlechter gibt. Das Beharren auf Binarität wird als Diskriminierung der Transsexuellen angeprangert. Das Biologische steht dem Streben nach völliger Selbstbestimmung im Wege.

Im Kapitel Offenbarungsverbot wird berichtet, wie mit der Veränderung des Geschlechtseintrags in amtliche Register verfahren wird. Der vorherige Zustand darf nicht benannt werden. Nach Ansicht des Autors bedeutet das eine Verkürzung des Lebenslaufs. Damit der Neuanfang unbelastet ist, bedarf es einer Realitätsverleugnung. Die persönliche Vergangenheit wird gelöscht. Dass Transsexualität überhaupt zu einem großen Thema werden konnte, liegt nach Ahrbeck daran, dass die identitätspolitisch agierenden Gruppen in den Transsexuellen Pioniere der Emanzipation sehen, die die Gebundenheit an das biologische Geschlecht überwunden haben. Dazu passt, dass über Detransitioner, die die Umwandlung bereuen, kaum berichtet wird.

Der Autor ordnet die Leihmutterschaft sehr bewusst dem großen Thema der grenzenlosen Selbstbestimmung zu. Deutlich wird hier, dass es nicht die Leihmütter sind, die über dieses Privileg verfügen. Ihre Aufgabe ist, eine körpergebundene Reproduktionsleistung zu erbringen. Was biologisch mit ihnen geschieht, müssen sie psychisch von sich fernhalten. Der Psychoanalytiker Ahrbeck macht klar, dass dazu erhebliche Abwehrleistungen erforderlich sind, die zu den gesundheitlichen Gefahren dazu kommen. Die Zustände, unter denen Leihmütter in den armen Ländern zu leiden haben, werden zwar verurteilt, das Konzept selbst jedoch nicht infrage gestellt.

Das Kapitel Wissenschaftsfreiheit ist der Frage gewidmet, wie es dazu kommen konnte, dass dieses verfassungsmäßig verbriefte Recht im Begriff ist, abhanden zukommen. „Bedroht ist all das, was der vermeintlichen Politischen Korrektheit widerspricht, die das subjektive Empfinden zur Leitlinie ihres Handelns erhoben hat“ (S. 92). Missliebige Gastredner werden ausgeladen, wissenschaftliche Debatten werden im Keim erstickt, als unpassend empfundene Texte werden nicht publiziert, Arbeitsverträge werden nicht verlängert. Der Autor führt zahlreiche konkrete Vorkommnisse an. Wer „woke“ ist, d.h. aufgewacht ist, kann Diskriminierungen wahrnehmen und entsprechend reagieren.

Im abschließenden Kapitel Cui bono? wirft der Autor die Frage auf, wem eigentlich der offensichtlich erstrebte gesellschaftliche Wandel nützt. Wokesein, d.h. fähig sein, Diskriminierungen zu erkennen, und das gefühlsmäßige Erleben, dass man diskriminiert wird, nützen den Gruppen, die sich als diskriminierte und marginalisierte Opfer empfinden, denn allein davon hängt die Beurteilung ab, ob etwas richtig oder falsch ist. Dabei wird vereinfacht und überspitzt, Einzelfälle werden für das Ganze genommen. Befindlichkeiten werden demonstrativ nach außen gekehrt, sie werden zum Maßstab und damit zu einem politischen Phänomen. Ahrbeck meint, dass die Schuldvorwürfe instrumentell genutzt werden, die eigenen identitätspolitischen Interessen zu legitimieren und sich politisch gegenüber einer schweigenden, in die Defensive geratenen Mehrheit durchzusetzen. Sogar der Begriff „Erziehung“ ist, aufgefasst als autoritär verfügte Unterordnung, in Verruf geraten. Die Kehrseite ist, dass Kindern wichtige Entwicklungsperspektiven verschlossen bleiben. Dadurch werden ihre Bildungschancen verringert.

Diskussion

Das Ziel einer grenzenlosen Selbstbestimmung, auf die der Autor im Untertitel seines Buches „Basteln am Ich“ anspielt, bezieht sich nicht auf das einzelne Individuum, sondern auf Gruppen, mit denen sich der Einzelne identifiziert. Die Identitätspolitik ist ein Gruppenphänomen.

Der Autorist als Erziehungswissenschaftler, Psychologe und Psychoanalytiker hochkompetent, „woke sein“ und Identitätspolitik zu analysieren. So verweist er im Zusammenhang mit dem Offenbarungsverbot auf Erikson, der beschrieben hat, wie sich die Identität eines Menschen aus den aufgeschichteten Lebenserfahrungen zusammensetzt. Werden diese früheren Lebenserfahrungen einfach gestrichen, ist das für die Identitätsbildung und die psychische Gesundheit durchaus problematisch. Als Psychoanalytiker stellt er fest, dass der Realitätsbezug herabgesetzt wird, wenn der alleinige Maßstab Empfindungen und Gefühle sind, und ausgeklammert wird, wie es sich objektiv verhält. Der verminderte Realitätsbezug hat die Identitätspolitik unangreifbar und damit mächtig gemacht.

In dem Essay geht Ahrbeck auf identitätspolitische, zentrale Themen wie Binarität und Wissenschaftsfreiheit ein. Seine Analysen der Phänomene bereichert er mit zahlreichen aktuellen Beispielen, in denen sich die Heftigkeit der Angriffe der identitätspolitisch agierenden, moralisch argumentierenden Gruppen gegen die rational denkende verhasste Mehrheit widerspiegelt, die Minderheiten diskriminieren und an den Rand drängen würde. Nur die Gefühle und Befindlichkeiten der Minderheiten zählen. Leihmütter gehören offensichtlich nicht dazu, auch wenn sie zweifellos eine Minderheit sind, die daran erinnert, dass das Geschlecht auch etwas körperlich Biologisches ist. Solche Widersprüche werden von den identitätspolitisch agierenden Gruppen nicht thematisiert. Dass es sich bei der „woke Bewegung“ mitnichten um ein vorübergehendes Phänomen oder eine Randerscheinung handelt, sondern vielmehr um einen tiefgreifenden und weitreichenden gesellschaftlichen Wandel, ist, wie der Autor meint, keine Frage. Ihr Einfluss wird weiter zunehmen, denn diverse Machtpositionen sind inzwischen von den Anhängern der Bewegung besetzt. Ahrbeck liefert eine fundierte Analyse, er macht keine konkreten Vorschläge, wie der woke Bewegung der Wind aus den Segeln genommen werden könnte. Er weist indessen auf die Bedeutung von Bildung hin, ohne die man nicht versteht, warum die Welt so ist, wie sie ist.

Fazit

Der Essay mit dem harmlos daher kommenden Titel „Basteln am Ich“ liefert eine fundierte Analyse des sich immer deutlicher abzeichnenden kulturellen Konflikts in den westlichen Demokratien, die auf einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel hinweisen. Dieser von identitätspolitisch agierenden Minderheiten ausgelöste Wandel betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche. Ahrbeck gelingt es, dieses komplexe Wirkungsgefüge zu analysieren. Sein Essay ist wichtig, er sollte von allen in den westlichen Demokratien lebenden Menschen gelesen werden. Sie werden dann eher verstehen, warum die Welt so ist, wie sie ist.

Rezension von
Dr. Antje Flade
Autorin und Psychologin
Mailformular

Es gibt 52 Rezensionen von Antje Flade.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 11.06.2024 zu: Bernd Ahrbeck, Anne Hamilton (Hrsg.): Basteln am Ich. Zu Risiken und Nebenwirkungen grenzenloser Selbstbestimmung. zu KLAMPEN! Verlag (Springe) 2024. ISBN 978-3-98737-015-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32232.php, Datum des Zugriffs 14.06.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht