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Margit Rodrian-Pfennig, Holger Oppenhäuser et al. (Hrsg.): Dirty Capitalism

Rezensiert von Johannes Schillo, 30.05.2024

Cover Margit Rodrian-Pfennig, Holger Oppenhäuser et al. (Hrsg.): Dirty Capitalism ISBN 978-3-89691-092-9

Margit Rodrian-Pfennig, Holger Oppenhäuser, Udo Dannemann, Georg Gläser (Hrsg.): Dirty Capitalism. Politisch Ökonomie (in) der politischen Bildung. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2024. 224 Seiten. ISBN 978-3-89691-092-9. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.

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Thema

Das Buch stützt sich auf die politökonomische Neukonzeption eines „Dirty Capitalism“, die die Juristin und Politikwissenschaftlerin Sonja Buckel vorgeschlagen und auf einer Tagung zur Diskussion gestellt hat. Es nimmt dies als „Ansatzpunkt für eine kritische politisch-ökonomische oder sozioökonomische Bildung“ (S. 8), wobei auch der Status der politischen Bildungspraxis in Deutschland thematisiert wird.

Herausgeber/​innen

Der Sammelband wurde im Auftrag der vor 20 Jahren gegründeten Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (https://akg-online.org/) von einem Team aus Politikwissenschaft und politischer Bildung herausgegeben. Die 19 beteiligten Autor/​innen kommen vorwiegend aus der universitären Sozialwissenschaft und sind mit pädagogischen Fragen im schulischen oder außerschulischen Rahmen befasst.

Entstehungshintergrund

Die AkG als offener Zusammenschluss von Sozialwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen aus dem deutschsprachigen Raum diskutierte 2021 auf einer Online-Tagung darüber, wie der Kapitalismus als Wirtschaftssystem in vielfältige Herrschaftsverhältnisse verstrickt ist und was dies für eine zeitgemäße kritische politische Bildung bedeutet. Daraus ist der vorliegende Sammelband hervorgegangen.

Aufbau und Inhalt

Die kurze Einleitung gibt einen Überblick über die Beiträge des Bandes und umreißt dessen Themenstellung, die einen weiten Bedeutungshorizont eröffnet: Sie spielt auf die kapitalistische Umweltverschmutzung, aufs modische Diskurswesen (Dirty talk), auf die Verabschiedung eines (moralischen) Sauberkeitsfetischs und vor allem auf die Erweiterung des Analyserahmen an, der nicht im rein Ökonomischen verbleibt, sondern „über ein enges Verständnis von Ökonomie hinausgeht“ (S. 8) und so Relevanz im Kontext einer kritischen politischen Bildung gewinnen soll. Gleichzeitig wird jedoch der Zweifel artikuliert, „ob im Dirty wirklich ein analytischer Wert liegt oder ob wir beim Aufgreifen des Ansatzes nicht doch nur unserem persönlichen Lustgewinn gefolgt sind, eine ironisch angehauchte Kapitalismuskritik vorzunehmen“ (S. 7f).

Die beiden Hochschullehrerinnen Sonja Buckel und Ruth Sonderegger stellen in ihrem Eröffnungsbeitrag „Dirty Capitalism“ als ein Programm vor, das vielfältiger Unterstützung in Theorie und Praxis sowie diverser Anleihen bei modernen Forschungsrichtungen bedarf. Im Kern geht es darum, die Kritische Theorie von Adorno und Horkheimer zu aktualisieren und den kategorischen Imperativ des jungen Marx, alle gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse umzuwerfen, in der Hinsicht zu erweitern, dass die „Vielfachkrisen, mit denen die Weltgesellschaft heute konfrontiert ist“ (S. 17) adäquat in den Blick kommen. Das soll „mit und gegen Marx“ (S. 18) erfolgen, wobei vor allem an die übers Ökonomische hinausgehende Verschränkung von Herrschaftsstrukturen, die etwa die Natur- oder Geschlechterverhältnisse betreffen, gedacht ist. Gegen Konzepte eines regulierenden Staatsinterventionismus halten die beiden Autorinnen allerdings im Marx‘schen Sinne an der grundsätzlichen Widersprüchlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise fest und schließen sich den Warnungen Adornos vor „der kapitalistischen Katastrophe“ (S. 20) an.

Der zweite Beitrag von Rodrian-Pfennig erläutert dies an der Klimakatastrophe, die nicht als düstere Zukunftsprognose, sondern als real stattfindende „große Transformation“ (S. 33) mit gravierenden Verschärfungen sozialer und politischer Problemlagen zu nehmen sei. Dabei kommt die Autorin auch auf die seit dem Ukraine-Krieg in Deutschland verkündete „Zeitenwende“ zu sprechen, die die weltweiten Verheerungen durch einen Kurs von Militarisierung und Hochrüstung weiter zuspitze. Die theoretische Grundlage sieht Rodrian-Pfennig in der Kritik der politischen Ökonomie von Marx, die um Ökologie zu erweitern sei. Insofern stimmt sie dem Konzept von Buckel zu, das sie im ersten Teil ihres Beitrags resümiert. Sie befürwortet es als analytischen Imperativ, der darauf zielt, die Verschränkung von Herrschaftsverhältnissen ins Visier zu nehmen, hält jedoch den Begriff einer „geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung“ (S. 40) für unzureichend. Stattdessen stellt sie in einem zweiten Teil den Vergesellschaftungsbegriff in den Vordergrund. Dabei führt ihr Rundgang durch kritische feministische Theoriebildung zu dem – freilich kontrovers diskutierten – Resultat, dass das „Kollektivsubjekt Frauen“ (S. 46), die früher klar definierte Berufungsinstanz des Feminismus, eine Schimäre ist.

Als dritter Beitrag folgt ein Interview, das der Politikwissenschaftler Georg Gläser mit Bettina Lösch (Politikwissenschaft) und Jan Niggemann (Erziehungswissenschaft) geführt hat. Es geht um die Frage, welche Rolle der Klassenbegriff, der in der Öffentlichkeit eher tabu ist, in der Bildungsarbeit spielt. Niggeman konstatiert eine Tendenz, „stärker wieder politische Bildung in Bezug auf soziale Ungleichheit zu definieren“ ( S. 54), um damit die Klassenstruktur der Gesellschaft herauszustellen. Lösch bestätigt das im Blick auf Forschungsrichtungen in Frankreich (P. Bourdieu) oder Deutschland (K. Dörre). Insofern sei Klassenanalyse ein entscheidendes Erfordernis eines kritischen Bildungsansatzes; das gelte speziell für Deutschland, wo es, so Lösch, „nach wie vor einen strukturellen Konservatismus einer bürgerlichen Gesellschaft“ (S. 67) gebe, in dem die Tradition der Arbeiterbewegung und deren Klassenpolitik ausgeblendet würden. Ob die neueren Debatten z.B. über „Klassismus“ bei der theoretischen Klärung und Umsetzung in die Bildungsarbeit einen Fortschritt bedeuten, bleibt allerdings offen. „Dirty Capitalism“ wird jedenfalls als „sehr schöner theoretischer Aufschlag“ (S. 63) oder „catchy Einstiegsbegriff“ (S. 65) eingestuft.

Im vierten Beitrag bringen die Hochschullehrerin für Kunstvermittlung Leila Haghighat und die Sozialwissenschaftlerin Anna Steenblock eine Fallstudie über die „soziale Polarisierung“ (S. 69) in der Hafenstadt Marseille. Konkret geht es um Kämpfe in der Reinigungsbranche, wo – wie auch in anderen Ländern – prekäre Beschäftigungsverhältnisse vorherrschen, und um bezahlbare Wohnungen, die im Zuge von Gentrifizierung und neoliberaler Stadtentwicklung immer mehr zur Mangelware werden. Im Blick auf diese Stadt, in der das „koloniale Erbe“ (S. 82) nicht nur als Gedankengut, sondern auch als soziale Praxis massiv nachwirke, sei der Ansatz des „Dirty Capitalism“ produktiv. Es sei jedoch wichtig, ihn „um die Kategorie des Raums zu erweitern“ (S. 69), also die spezielle soziale Geographie einer Metropole der Globalisierungsära zu berücksichtigen.

Mit dem fünften Beitrag des Politikwissenschaftlers Holger Oppenhäuser, der für das Netzwerk Attac tätig ist, wird gewissermaßen der erste Teil der Veröffentlichung abgeschlossen, der sich mit der Explizierung des ‚schmutzigen‘ Zentralbegriffs befasst. Oppenhäuser nimmt dies jetzt als „Ausgangspunkt kritischer politisch-ökonomischer Bildung“ und wirft grundsätzliche „Fragen der Operationalisierung für die Bildungsarbeit“ (S. 88) auf, trägt aber auch noch Ergänzendes zum Analyserahmen nach (der gesellschaftliche Zusammenhang sei als Kopplung von Reproduktionszyklen zu verstehen). Im „Blick auf das Kontroversitätsgebot der schulischen Politikdidaktik“ (S. 95) sieht der Autor kein pädagogisches Konfliktpotenzial, was er abschließend an Attac-Bildungsmaterialien erläutert.

Aus der politischen Bildung kommen Udo Dannemann (Universität Potsdam) und die Pädagogin Anna Haucke, die im sechsten Beitrag danach fragen, wie für den „sozialwissenschaftlichen Unterricht“ die „Analysefolie“ (S. 104) des „Dirty Capitalism“ nutzbar gemacht werden kann. Sie resümieren ältere und neuere politikdidaktische Überlegungen zu einer kritischen Bildung (R. Schmiederer, B. Lösch), die auf „Selbstbestimmung“ fokussieren, also darauf, dass „das Subjekt über gesellschaftliche Abhängigkeiten und Machtverhältnisse sowie über die Strukturen, die seine Autonomie beschränken, aufgeklärt wird“ (S. 106). Buckels Ansatz wird als möglicher Anstoß aufgenommen, um mit der Komplexität einer Gesellschaftsanalyse angesichts der heutigen „multiplen Krisen“ (S. 104) im Unterricht angemessen umzugehen.

Der siebte Beitrag bringt noch einmal eine Ergänzung bzw. Konkretisierung des vorgeschlagenen Analyserahmens, indem er auf das Konzept „Imperiale Lebens- und Produktionsweise (ILW)“ von U. Brand und M. Wissen aufmerksam macht. Verfasst haben den Beitrag Nilda Inkermann, Jannis Eicker und Thomas Kopp, die aus der ILA-Initiative (https://www.ilakollektiv.org/) kommen. In ihr engagieren sich junge Wissenschaftler/​innen und Aktivist/​innen, die sich mit den Problemen der imperialen Lebensweise und den Möglichkeiten solidarischer Alternativen auseinandersetzen. Sie wenden sich auch gegen einen Bildungsoptimismus, der mit dem „Slogan ‚mehr Bildung für Alle‘ als Lösungsansatz“ (S. 128) unterwegs ist und der dabei übersehe, dass das staatlich dirigierte Bildungswesen auf die Aufrechterhaltung des imperialen way of life ausgerichtet ist.

Thomas Stornig, Hochschullehrer für politische Bildung, führt im achten Beitrag die multiple Krisenlage wieder auf den Klimawandel als das „zentrale Problem des 21. Jahrhunderts“ (S. 139) zurück und untersucht dessen Rolle im Bildungsbereich. Die Zentralität werde nicht mehr ignoriert, doch steht der Autor dem von der UN initiierten Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) kritisch gegenüber. Denn „anstelle einer dringend nötigen kritischen Wirtschafts- und Gesellschaftsanalyse setze BNE auf individuelles Handeln von Konsumbürger*innen“ (S. 144). Gegen solche Tendenzen einer Individualisierung könne in der Bildungspraxis „die Anwendung des Konzepts Dirty Capitalism komplexe Verknotungen sichtbar machen“ (S. 151).

Als neunten Beitrag bringen die Herausgeber ein Interview mit Nadine Kaufmann vom Konzeptwerk Neue Ökonomie (https://konzeptwerk-neue-oekonomie.org/). Die Initiative versucht, „sozial-ökologisches und demokratisches Wirtschaften greifbar zu machen – und dabei die vermeintliche Normalität des aktuell vorherrschenden Wirtschaftssystems zu hinterfragen“ (S. 155). Kaufmann sieht sich in Übereinstimmung mit Buckels Ansatz, der darauf setze, „die oft unsichtbar gemachten bzw. normalisierten Ausbeutungsverhältnisse im Kapitalismus sichtbar“ (S. 165) werden zu lassen. Abschließend gibt sie Hinweise auf Bildungsmaterialien des Konzeptwerks, wobei es auch (was sonst in dem Sammelband keine große Rolle spielt) um das Thema Digitalisierung geht.

Der zehnte Beitrag von dem Sozialwissenschaftler Malte Suhr bringt in den Analyseansatz einen weiteren Aspekt ein, der vor allem das pädagogische Verhältnis betrifft: „Adultismus als Herrschaftsverhältnis“ (S. 170). Adultismus bezeichnet dabei „das generationale Herrschaftsverhältnis zwischen jungen Menschen und Erwachsenen und baut auf die Form der generationalen Arbeitsteilung auf“ (S. 170). Dieses noch wenig bekannte Theorem erläutert der Autor und geht auch auf konkrete Initiativen wie „Lernfabriken … meutern!“ oder „Fridays for Furture“ ein. In diesen Störungen des laufenden Betriebs zeigten sich produktive kritische Impulse, Lernprozesse würde ohne oder gegen adultistische Kontrolle vollzogen. Eine solche Chance gebe es aber auch für die gesellschaftswissenschaftlichen Schulfächer, wo „curriculare Vorgaben Spielräume“ (S. 178) eröffneten.

„Die breite, staatlich geförderte Infrastruktur politischer Bildung ist ein historisch bedingtes Alleinstellungsmerkmal Deutschlands, das auf die Reeducation zurückgeht.“ (S. 188) Das schreibt Mitherausgeber Gläser einleitend im elften Beitrag, der ähnlich wie der Schlussbeitrag den Anspruch des Buchuntertitels einlöst, auch den politökonomischen Status der Bildungsarbeit selber in den Blick zu nehmen. Er gibt einen Überblick über den Werdegang der (schulischen wie außerschulischen) politischen Bildung in der BRD, thematisiert das Fördersystem und die Entwicklung bis hin zum gegenwärtig diskutierten Demokratiefördergesetz und weist – aus kritischem Blickwinkel, der sich an Buckels Ansatz orientiert – auf die entscheidende Schwachstelle hin: auf die in der Feuerwehr-Metapher zum Ausdruck gebrachte Vorstellung, mit einem punktuellen Einsatz bei politisch-sozialen Notfällen könne demokratische Normalität aufrecht erhalten werden. Die am Staatsschutz orientierte Fortentwicklung zum Präventionsansatz stelle demgegenüber keinen Fortschritt dar, weil er sich auf die problematischen Einzelnen konzentriere, die kapitalistischen Strukturzusammenhänge aber ignoriere. Gläser erwägt daher als neue Metapher die „Stadtreinigung“, wobei ihm jedoch klar ist, dass diese „ebenso wie die Feuerwehr in ihrer Funktion, Ordnung herzustellen, klar bestimmt“ (S. 199) und damit begrenzt ist.

Der Abschlussbeitrag von Benedikt Widmaier, der als Akademiedirektor in der außerschulischen politischen Bildung tätig war, gibt ebenfalls einen Überblick über das pädagogische Arbeitsfeld und dessen prekäre Lage angesichts neuer Sparbeschlüsse. Prekarität hat also auch hier ihre Brisanz, sonst spielt das „Dirty“-Moment in dem Problemaufrisskeine Rolle. Widmaier spricht von einer „sich verschärfenden Schieflage“ bei der Förderung, ja von einem „Paradigmenwechsel der allgemeinen politischen Bildung hin zu einer extremismuspräventiven Demokratieförderung“ (S 203). Mündigkeit und Aufklärung als Ziele blieben so tendenziell auf der Strecke, Bildung werde marginalisiert und darauf verkürzt, als Lieferant von Entradikalisierungsprozessen zu fungieren. Der Autor schlüsselt das im Folgenden anhand von Bundesprogrammen des Jugendministeriums (BMFSFJ) bzw. des Kinder- und Jugendplans, an der Bundeszentrale für politische Bildung und diversen Sonderprogramme sowie der Förderung von Forschung, Lehre und Evaluation auf. Als Letztes kommen „sicherheitspolitische Institutionen“ (S. 215) wie der Verfassungsschutz in den Blick, wobei die jüngsten Ansagen, politische Bildung müsste in Deutschland bei der Neujustierung des zivil-militärischen Verhältnisses ihren Beitrag leisten, noch nicht erfasst sind. Aber auch so wird deutlich, welche Gefahr der früher hochgelobten Landschaft „freier“ Träger der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung durch das Projekt eines Demokratiefördergesetz drohen könnte: noch mehr Verstaatlichung und politische Instrumentalisierung.

Diskussion

Das Buch liefert keine konsistente, ausgearbeitete Kritik des globalisierten Kapitalismus und hat dies – wie Bemerkungen der beteiligten Autoren und Autorinnen zu erkennen geben – auch nicht vor. Es ist vielmehr ein Programm, eine Ankündigung wissenschaftlicher Bemühungen, passend zur Herausgabe durch einen offener Zusammenschluss aus der Sozialwissenschaft. Es beruft sich auf einen Konsens in der kritischen politökonomischen Forschung, der sich von „orthodoxen“ Ansätzen etwa marxistisch-leninistischer Bauart distanziert, der aber auch selber schon gewisse Bruchstellen aufweist – also Differenzen enthält, die sich seit der „Zeitenwende“ und der neuen Ära der Weltordnungskriege zugespitzt haben dürften. (Vereinzelt werden zwar Vorgänge aus der jüngsten Zeit angesprochen, in der Hauptsache geht es aber um einen Sachstand, wie er bis 2020 gegeben war; aktuell sind dagegen die Angaben zur Förderpolitik im Schlussteil.)

Durch diesen Ankündigungsstil unterbleibt natürlich die Austragung von Kontroversen, die hinsichtlich ihres sachlichen Gehalts meist nur angedeutet werden. Zustimmung verdient das grundsätzliche Anliegen, unterm Schlagwort eines „Dirty Capitalism“ gegen einen theoretischen Ökonomismus vorzugehen, der in der Arbeiterbewegung eine gewisse Rolle gespielt und sich gelegentlich als die „reine Lehre“ in Szene gesetzt hat. Er war ein Missverständnis der Marx‘schen Analyse. Denn die Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, wie sie im „Kapital“ vorliegt, verweist ja immer wieder darauf, dass – von den ersten Tatbeständen der Warenanalyse über die Kämpfe um den Normalarbeitstag oder die Fabrikgesetzgebung bis zur „ursprünglichen Akkumulation“ – diese Art zu Wirtschaften nicht rein ökonomisch zu erklären ist. Vorausgesetzt ist stets eine staatliche Gewalt, die das Privateigentum garantiert, das Konfliktpotenzial konkurrierender Akteure betreut und materielle wie personelle Bedingungen einer erfolgreichen Akkumulation erst herstellt. Kapitalismus ist demnach, wie es auch die (frühe) Kritische Theorie von Horkheimer und Adorno betont, eine Gesellschaftsformation und nicht nur der ökonomische Unterbau einer sozialen Welt, die noch nach ganz anderen Prinzipien verfährt oder verfahren könnte.

Erstaunlich ist dabei, dass in dem AkG-Sammelband an keiner Stelle – außer einer kurzen Erwähnung der „ursprünglichen Akkumulation“ (S. 21) sowie allgemeinen Bemerkungen zum Ausbeutungsverhältnis – Bezug auf den Argumentationsgang des „Kapital“ genommen wird und stattdessen nur der Marx‘sche kategorische Imperativ aus der frühen Hegelkritik zitiert wird; also auf eine Phase rekurriert wird, in der die eigentliche wissenschaftliche Leistung von Marx, die Kritik der politischen Ökonomie, noch gar nicht existierte. Erstaunlich ist in dem Zusammenhang auch eine andere Leerstelle. Die in mehreren Beiträgen zitierte Absage an die idealistischen Philosophie (in gewisser Weise eine Abwandlung der elften Feuerbach-These) erfolgte seinerzeit vom Standpunkt einer materialistischen Religionskritik aus und machte damit eine weit reichende theoretische Vorgabe, die bei der kleinen Marx-Renaissance des Jubiläums-Jahres 2018 auch eine Rolle spielte, ja bis in konservative Kreise (Stichwort: Islamkritik) auf Zustimmung stieß. Religionskritik ist im „Dirty Capitalism“ jedoch an keiner Stelle Thema, auch nicht die Kritik der Philosophie. Von Letzterer wird Marx im akademischen Raum jetzt wieder als einer der Ihren betrachtet, sodass seine „Rephilosophierung“ eigentlich ein größeres Problem darstellt als der angesprochene Ökonomismus.

Fazit

Der Sammelband führt – theoretisch anspruchsvoll und unter Berücksichtigung vielfältiger Kontexte – in Grundfragen einer Kapitalismuskritik ein, die sich der gegenwärtigen multiplen Krisenlage auf dem Globus stellt. Dabei leistet er ein Doppeltes: Erstens erweitert er im Rückgriff auf die Marx‘sche Kritik der politischen Ökonomie und die Frankfurter Schule den analytischen Rahmen, und zwar vor allem im Blick auf Rassismen, Umweltzerstörung und (post-)koloniale Tendenzen. Zweitens diskutiert und operationalisiert er eine solche theoretische Selbstvergewisserung als Ansatzpunkt für die politische Bildung, deren prekärer Status in der Publikation ebenfalls Thema ist.

Rezension von
Johannes Schillo
Sozialwissenschaftler und Autor
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Es gibt 16 Rezensionen von Johannes Schillo.

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Zitiervorschlag
Johannes Schillo. Rezension vom 30.05.2024 zu: Margit Rodrian-Pfennig, Holger Oppenhäuser, Udo Dannemann, Georg Gläser (Hrsg.): Dirty Capitalism. Politisch Ökonomie (in) der politischen Bildung. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2024. ISBN 978-3-89691-092-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32240.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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