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Reinhold Sackmann, Peter Dirksmeier et al. (Hrsg.): Sozialer Zusammenhalt vor Ort

Rezensiert von Arnold Schmieder, 11.07.2024

Cover Reinhold Sackmann, Peter Dirksmeier et al. (Hrsg.): Sozialer Zusammenhalt vor Ort ISBN 978-3-593-51817-6

Reinhold Sackmann, Peter Dirksmeier, Jonas H. Rees, Berthold Vogel (Hrsg.): Sozialer Zusammenhalt vor Ort. Analysen regionaler Mechanismen. Campus Verlag (Frankfurt) 2024. 233 Seiten. ISBN 978-3-593-51817-6. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
Reihe: Gesellschaftlicher Zusammenhalt - Band 5.

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Thema

Im letzten Beitrag des Bandes mit dem Titel „Sozialer Zusammenhalt vor Ort“ heben Dieter Rink und Annegret Haase die Relevanz des Themas mit ihrem abschließenden Satz hervor, „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ sei „unbestreitbar (…) ein Langzeitthema, dessen sorgfältige wissenschaftliche Begleitung und Diskussion gesellschaftlich wie politisch unabdingbar sind“ (S. 228). Im gesamten Band kommt zum einen die Vielfalt empirischer Erklärungsansätze im Hinblick auf gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zu kurz, ganz wesentlich aber werden in den insgesamt elf Beiträgen zum anderen auf der Grundlage einer eigenen Panelstudie Fragen und Vorschläge diskutiert, wie sozialer Zusammenhalt auf lokaler Ebene (bzw. lokalen resp. regionalen Ebenen) etabliert und aufrechterhalten werden kann, weil hier die Mechanismen der Genese gesellschaftlichen Zusammenhalts liegen. Um diese Mechanismen kreisen die Beiträge des Bandes im Wesentlichen und auch darum, wie „sie sich hervorbringen lassen“ (so die Formulierung im Klappentext), was für politische Interventionen belangvoll ist bzw. werden kann oder sollte.

Herausgeber

Reinhold Sackmann ist Professor für Soziologie an der Universität Halle-Wittenberg und Forschungsdirektor des Zentrums für Sozialforschung Halle. Peter Dirksmeier ist Professor für Kulturgeografie am Institut für Wirtschafts- und Kulturgeografie der Leibnitz Universität Hannover. Jonas Rees ist Professor für Politische Psychologie an der Universität Bielefeld. Berthold Vogel ist geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) an der Georg-August-Universität Göttingen.

Inhalt

Gleich im ersten Beitrag (von Dirksmeier et al.) wird betont, dass aus geografischer Sicht im Hinblick auf die Mechanismen des Zusammenhalts alles mit allem zusammenhänge, also auch ‚ferne‘ Dinge mit ‚nahen‘, wobei solche Mechanismen von „weitaus größerer Bedeutung“ sind, „die auf Nähe oder Nahbarkeit in sozialer wie räumlicher Sicht abstellen“, womit dem „Lokalen“ eine „besondere Relevanz für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ zukomme (S. 7). Dabei sei es eine „offene und bedeutsame Frage für die Sozialwissenschaft“, welchen „Einfluss das Lokale auf die Etablierung des gesellschaftlichen Zusammenhalts nimmt“ (S. 18).

Im nächsten Beitrag (von Sackmann et al.) werden die methodischen Grundlagen des Regionalpanels ausgelotet, auf das sich die Beiträger:innen beziehen. Erst einmal zeige sich in Teilen der Gesellschaft eine „Irritation“, wenn „direkt nach gesellschaftlichem Zusammenhalt und dessen möglichen Determinanten gefragt wird“ (S. 11). Der folgende Beitrag von Sackmann und Mayer zeigt, dass sich den Datenanalysen mit dem Regionalpanel entnehmen lässt, „dass es in ostdeutschen Kommunen weniger Zusammenhalt als in westdeutschen gibt, sowie dass der Zusammenhalt in Dörfern und Kleinstädten größer ist als in Mittel- und Großstädten“, was Anlass gibt, Lücken in der gegenwärtigen Raumausgleichspolitik zu monieren (S. 37). Insofern sei eine wichtige Erkenntnis, „dass sich der soziale Zusammenhalt lokaler Gesellschaften nicht auf Raumeinheiten beschränkt, die durch politische Grenzen erzeugt wurden, wie dies in notorischen Raumrankings suggeriert wird“ (S. 53).

Göb und Dirksmeier stellen „Nachbarschaften als Kohäsionskapital“ in den Vordergrund. Mit Blick auf vier Großstädte und zwei Stadtteile Hannovers setzen sie sich mit der Frage auseinander, „welche Bedeutung Nachbarschaften für das Zusammenleben und -halten“ haben (S. 57), wobei einzubeziehen sei, dass eine faktische Bedeutung von Nachbarschaft auch „von der gesellschaftlich wie subjektiv verankerten Wertehierarchie abhängig (ist) und (…) in Normen zum Ausdruck (kommt), die unterschiedlich verpflichtend sind“ (S. 61). Es bleibe, dass Gesellschaften „Zentren zur Orientierung“ brauchen und solche „zur politischen Auseinandersetzung und Beteiligung“, wofür Nachbarschaften ‚abstrakte Zentren‘, ein „Kohäsionskapital“ sein können (S. 85 f.).

Auf der Basis einer Mixed-Methods-Studie gehen Windzio et al. unter dem Titel „Wechselseitige Bewertung sozialer Milieus“ (u.a.) davon aus, „dass Differenzen in moralischen Grundorientierungen nur schwerlich durch Diskurse oder Kompromisse überwunden werden können“ (S. 90), und die Verfasser:innen werfen zudem die Frage auf: „Wenn soziale Klassen und Schichten die Ordnung gesellschaftlicher Gruppen nicht mehr herstellen – nach welchen Prinzipien organisieren sich individualisierte Gesellschaften stattdessen?“ (S. 91). Ihren Forschungsansatz und ihren Befunden „über die wechselseitigen Wahrnehmungen sozialer Milieus“ finden sie – in aller Vorsicht – bestätigt und sie kehren die „Bedeutung unterschiedlicher Moralvorstellungen“ hervor, die sich daraus ergebe, „dass liberale, pluralistische Gesellschaften zwar die Realisierung unterschiedlicher Werte ermöglichen, unterschiedliche Moralvorstellungen jedoch schwerlich nebeneinander existieren können und aufgrund der kognitiv schwer steuerbaren emotionalen Reaktionen zur Unvereinbarkeit tendieren“ (S. 106 f.).

Gesellschaftlicher Zusammenhalt sei an eine „Gesprächsbereitschaft und Öffentlichkeit gekoppelt, die durch Fragebögen, das heißt durch eine Aufforderung zum routinierten Ankreuzen beziehungsweise Anklicken, nicht gewährleistet werden kann, weshalb eigene Wege der Ausdrucksverleihung von Kritik und Autonomisierung gefunden und umgesetzt werden müssen“ (S. 132). Das stellt Göb schließlich unter der Frage im Titel „Was hält uns zusammen?“ vor. Die Autorin avisiert ebenfalls im Titel, „Das Regionalpanel als Ausgangspunkt einer Krisen- und Selbstbestimmung“ zu diskutieren. Es geht kurzum darum, „inwiefern ein Fragebogen mit dem Titel ‚Was hält uns zusammen?‘ krisenhaft erfahren wird und wie sich Befragte des Regionalpanels aus Hannover hierzu positionieren“ (S. 117). Mit ihrer Analyse von Zuschriften öffnet die Autorin ein Fenster für Einblicke, die quantitativen Forschungen in aller Regel verschlossen bleiben.

Unter dem Titel „Wahlverhalten und Zusammenhalt in Magdeburg 2021“ (von Hartl et al.) geht es um den Zuspruch für die AfD in vorgeblich hauptsächlich „‚sozial schwachen‘ Stadtteilen“, was allerdings „kontrastiert“ werde durch die „Befunde zur anomischen Provinzialisierung, wonach es vielmehr die mittelklassigen Suburbs mit ihrer Kombination aus hoher Homogenität und geringer Integration sind, die den Aufstieg rechtsradikaler Politiken tragen“ (S. 135). Die Autor:innen prüfen diese These und kommen zu (u.a.) dem Fazit, dass „Marginalisierungsängste“ und „Abstiegsangst“ von Relevanz sind, ihre Ergebnisse jedoch auch die „Kontakthypothese“ bestätigen, „wonach der persönliche Kontakt mit Ausländer:innen zum Abbau von Ressentiments führe, was wiederum die Zustimmung zu rassistischen Politiken und Parteien schmälert“ (S. 153).

Die „Zufriedenheit mit wohnungsbezogener Infrastruktur im regionalen Vergleich“ wird von Hesse et al. in den Blick genommen. Das Erkenntnisinteresse signalisiert der Titel des Beitrags: „Wie viel Mittelstadt braucht der sozialräumliche Zusammenhalt?“ Was im Hinblick auf Großstädte hinlänglich bekannt ist, scheint auch für die Mittelstädte zu gelten, dass die Bezahlbarkeit von Wohnraum eine wesentliche Rolle spielt, d.h. eine daraus resultierende – gemessene – Unzufriedenheit an Bedeutsamkeit gewinnt. Zu erkennen sei, dass „durch eine mangelhafte Wohnraumversorgung mit weiter steigenden sozialen Ungleichheiten zu rechnen ist“, was wiederum auf „Veränderungen in der Raumstruktur“ verweise und auch darauf, dass „Mittelstädte“ ihre „Funktion als Ankerstädte“, die ihnen in „vorherrschenden Raumordnungskonzepten“ zugesprochen werde, zunehmend zu verlieren scheinen. Das wiederum stelle den „sozialräumliche(n) Zusammenhalt immer weiter in Frage“. Um „gleichwertige Lebensverhältnisse“ herzustellen, sei die „Wohnraumversorgung daher stets mitzudenken“ (S. 157). Da das Problem überteuerten Wohnraums in urbanen Zentren auch in Mittelstädten spürbar werde, plädieren die Autor:innen, und zwar für den Zweck „sozialräumliche(n) Zusammenhalts“, für „leistungsfähige und attraktive Städte mittlerer Größe“ (S. 175).

Für das „Verständnis von gesellschaftlichem Zusammenhalt“ sei es „hilfreich (…), die Mediennutzung mit einzubeziehen“ (S. 202), kommen Schmidt und Immler zum Schluss auf der Folie ihrer Analyse unter dem Titel: „Lokalbezogene Medienrepertoires und zusammenhaltsbezogene Einstellungen“. Ihre Ergebnisse werfen ab, dass „Menschen mit einem breit-intensiven oder einem schmal-klassischen Medienrepertoire (…) stärker ausgeprägte Zusammenhaltserfahrungen (haben) als Menschen, die ein eher schmales Medienrepertoire mit sozialen Medien als hervorstechender Quelle für lokale und regionale Informationen haben“ (S. 179). Allerdings sei der Unterschied zwischen den Gruppen im Hinblick auf Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts nur gering.

Um „lokale Erinnerungskulturen“ und um deren Zusammenhang mit „Indikatoren gesellschaftlichen Zusammenhalts“ geht es in dem Beitrag „Geteilte Erinnerungen: Zur Bedeutung historischer Bezugspunkte für den lokalen Zusammenhalt“ von Papendick et al., die zu dem Schluss kommen: „Befragte, die Ereignisse als Ausdruck starken Zusammenhalts erinnern, fühlen sich stärker mit ihrem Wohnort verbunden und schätzen den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland insgesamt stärker ein“ (S. 205.). Dies gelte nicht nur für „emotional positiv besetzte Ereignisse“, sondern auch für „Negativereignisse, denen Menschen mit starkem Zusammenhalt getrotzt haben“, was möglicherweise auf einen „gesamtgesellschaftlichen“ Zusammenhalt generalisiert werde, was aber nicht schlüssig beantwortet werden könne (S. 216).

Rink und Haase beschäftigen sich mit „Sozialer Zusammenhalt vor Ort. Analysen regionaler Mechanismen. Ein Kommentar aus stadtsoziologischer Perspektive“. Ihr Kommentar testiert dem Regionalpanel, „eine relevante, neue Primärquelle für die Untersuchung von gesellschaftlichem Zusammenhalt auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen“ zu sein. Die vorliegenden Beiträge des Bandes seien „Ausgangspunkt für eine systematische und langzeitorientierte Vertiefung der Themen in der Zukunft“, was „gesellschaftlich wie politisch unabdingbar“ sei (S. 219). „Kohäsion auf lokaler Ebene“, halten die Autor:innen fest, sei „keineswegs von selbst gegeben“, werde „übrigens durchaus auch in Konflikten und Auseinandersetzungen“ gestiftet. Gerade hier böte sich ein Forschungsfeld zum gesellschaftlichen Zusammenhalt (zumal angesichts der sich häufenden Krisen), weil „Potenziale“ abgelesen werden könnten, „inwieweit Konflikt auch Zusammenhalt befördern beziehungsweise auf neuer Basis herstellen kann“ (S. 225).

Diskussion

Die berühmte Frage „Wie ist Gesellschaft möglich?“ (Simmel) nächst der Problematik, was Gesellschaft überhaupt ist, verweist in annähernden Beantwortungen auf einen ‚Zusammenhalt‘, der (u.a.) durch geteilte oder zu teilende Werte und Normen, durchaus wandelbare, zusammengeleimt ist. Dieses Problem des gesellschaftlichen Zusammenhalts findet sich bereits beim Begründer der deutschen Soziologie, als der Tönnies gilt, in „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (1887) gleich eingangs ansatzweise benannt. Das Werk blieb nicht unumstritten. Das „Wesen der Gemeinschaft“, so Tönnies, sei zu begreifen als „reales und organisches Leben“, und der „Begriff der Gesellschaft“ ist als „ideelle und mechanische Bildung“ definiert. „Alles vertraute“, erklärt Tönnies, „heimliche, ausschließliche Zusammenleben (so finden wir) wird als Leben in Gemeinschaft verstanden, Gesellschaft ist die Öffentlichkeit, ist die Welt“, um dann zu befinden: „Man geht in die Gesellschaft wie in die Fremde.“ In den so qualifizierten gesellschaftlichen Verhältnissen dominiert der „Kürwille“, der die geeigneten Mittel bestimmt, die für die gesellschaftlichen Verhältnisse opportun sind, bei Tönnies die bürgerlichen Tausch- und Vertragsverhältnisse, was dem „Wesenwillen“ durchaus widersprechen kann. Der nämlich ist die Form des Willens, die dem „Wesen“ des Menschen entspringt, und zwar als eben natürlich-organische Einheit von Gefühlen und Neigungen und auch Intellekt. Prototypen sind Nachbarschaft, Verwandtschaft und Freundschaft. Der „Wesenwille“ ist onto- und phylogenetisch vorgeordnet und der „Kürwille“ ist in nahezu allen Fällen auf Reintegration in dessen Desideraten und Zusammenhänge angewiesen.

Auf dieser Schnittstelle sind die Beiträge des Buches je aspektisch angesiedelt, was auch heißt, dass ohne expliziten theoretischen Rückbezug dessen Befund auf empirische Belastbarkeit hin geprüft wird. Offenkundig ist schon (und nicht nur) bei Tönnies die Frage aufgeworfen, nicht nur wie viel Gemeinschaft die Gesellschaft braucht, sondern zugleich damit, ob und wie gesellschaftlicher Zusammenhalt eine gewisse Rückkopplung in Gemeinschaft braucht oder Anforderungen aus gemeinschaftlichem Zusammenhalt an Gesellschaft ergehen. – Tönnies ist kein Muss und für die Beiträger:innen des Bandes auch keine Referenz, wiewohl von dieser frühen Theorie ausgehend das Lokale, das Nachbarschaftliche, das Sozialräumliche gerade in Bezug auf den heutigen – auch gesellschaftlichen – Zustand näher hätte eingekreist werden können. (Die Nationalsozialisten haben sich interessiert bedient, indem sie den Begriff „Volksgemeinschaft“ prägten, einen ideologischen Beschleuniger für ein gesellschaftlich allgemeines ‚Wir-Gefühl‘. Lars Clausen nennt treffend „Volksgemeinschaft einen schwarzen Schimmel.“)

Wo kann er sich, darf man fragen, noch konsolidieren und artikulieren, jener „Wesenwille“, um zumindest und erst einmal auf lokaler, sozialräumlich überschaubarer Ebene einem Zusammenhalt eine Basis zu schaffen. An bierseligem geselligem Zusammenhalt, wie er zumal auf dem Lande periodisch zelebriert wird, oftmals uniformiert und mit Heimat-Tümelei überzuckert, kann man nicht vorbeisehen. Fragt sich, ob in dieser stereotypisierten ‚Geselligkeit‘ nicht doch auf lokaler Ebene ein vitales Bedürfnis nach authentischem Zusammenhalt in verkümmernder Form fortwirkt; und weiter, ob hier nicht nur ein aufgehübschtes Zerrbild oder gar janusköpfiges Gegenstück zum ehedem so charakterisierten ‚blasierten Großstädter‘ vorliegt, der – so Simmel in „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903) – auf die „Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht“, letztendlich mit Indifferenz reagiert, wobei die dynamisierende Taktung des urbanen Alltags eine dissoziierende Wirkung bei den Individuen einschreibe und zu einer wachsenden Distanz zwischen ihnen und den Dingen führe. Sie werden von „Unzähligem schockiert“, schreibt Simmel, und ließe die Menschen tendenziell zu jenem gleichgültigen Massenwesen schrumpfen, was an Adornos Sentenz in einer Filmdokumentation des Hessischen Rundfunks erinnert, in der er von „Stümpfen von Menschen“ spricht, „die ihr Ich verloren haben“ (1989). Das klingt so barsch wie apodiktisch und ist dem Kerngehalt nach nicht von der Hand zu weisen. Gleichwohl gibt oder gab es in Großstädten, auch das wird im Band untersucht, noch Viertel oder Quartiere, die sozialräumlich affin zum Lokalen sind und in denen ebenso Formen des Zusammenhalts aufgespürt werden können – oder nur noch rudimentär vorhanden oder in Auflösung befindlich. Dann sieht es schlecht aus auch mit der „Omnipräsenz des Lokalen“ (S. 18).

An Tönniesʼ Begriffen erst einmal hangelnd ist soziologisch eine weitere Anschlussfrage aufzuwerfen, nämlich was hat jenen Einfluss des „Wesenwillen“ auf den „Kürwillen“ schwächeln lassen und eine Rückkopplung, wenn nicht unterbrochen, so doch labilisiert. Der Raum spielt eine Rolle. Ein kurzer Blick auf Mitscherlichs „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ (1965) und Bourdieus „Der Einzige und sein Eigenheim“ (dt. 1998) eröffnet Annäherung. Der subventionierte Wohnungsbau nach 1945 habe die „Ausgliederung des Bürgers aus den städtischen Traditionen“ gefördert, was „asozial“ gemacht habe, befand Mitscherlich. Als „Vorbote des Unheils“ sah er das Einfamilienhaus, als „Inbegriff städtischer Verantwortungslosigkeit und der Manifestation des privaten Egoismus.“ Bourdieu indizierte (für Frankreich) die neoliberal inspirierte Förderpolitik der siebziger Jahre und sieht als Folge die von „kleinbürgerlichen Eigenheimbesitzern verlassenen Wohnblöcke“, was neue Konflikte aufgeworfen habe. Längst schon sind (nicht nur) die Banlieues ins Gerede gekommen. Die Rede vom „privaten Egoismus“ und „neoliberal inspirierte(r) Förderpolitik“ regt an, nach Ursachen dessen zu suchen, was der Philosoph Nancy in seiner Schrift „Die undarstellbare Gemeinschaft“ (dt. 1988) gleich eingangs beklagte: „Das Bedeutendste und wohl Schmerzlichste, wovon die moderne Welt Zeugnis ablegt (…), ist das Zeugnis der Auflösung, des Zerfalls oder der Erschütterung der Gemeinschaft.“

Auch diese Armut an Gemeinschaft, der sich ein Mangel an übergreifender, struktureller Solidarität beigesellt, sie quillt auch aus – drastischen – sozialräumlichen Veränderungen, die dem ökonomischen Kalkül unter dem Diktat von Wachstum und Profitmaximierung geschuldet sind, dem Gentrifizierung u.a. m. folgen, was auch zu Protesten und Widerstandaktionen führt, die an Politik adressiert werden. – Auf seiner Suche nach Initiationen zur Stärkung gesellschaftlichen Zusammenhalts aus möglichen Quellen dessen, was in Zentren wie Nachbarschaften und anderen Gemeinschaften auszumachen ist, kommt das „Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“, dem das vorliegende Buch als Beitrag zuzuordnen ist, zu Ergebnissen, die Politik nach Anspruch der Verfasser:innen aufgreifen und womöglich umsetzen sollte. Hier nun kommt das Recht ins Spiel, von dem Bourdieu in „Die Kraft des Rechts“ (2019) sagt, dass es „die soziale Welt macht – wobei es natürlich zunächst von ihr gemacht wird“, was Analyse der sozialen Welt abnötigt, vor allem, wie sie im Hinblick auf die Verteilung durchsetzungsfähiger Interessen- und Machtpositionen strukturiert ist und welches rechtliche und ökonomische Instrumentarium jeweiligen Akteuren der ‚sozialen Welt‘ zur Verfügung steht.

Abschließend steht insofern (im Sinne ‚empirischer Belastbarkeit‘) zunächst zweierlei zur Diskussion, und zwar gerade auf der Folie dessen, was seit einiger Zeit zu beobachten ist: Auf dem Lande resp. im nicht urbanen Bereich, wo sozialräumlich gesehen ‚Nähe‘ und Zusammenhalt aus Gemeinschaft zu erwarten ist, lässt sich beobachten, dass in ‚Dörfern‘, sofern sie nicht bereits zu ‚Schlafdörfern‘ durch Zuzug und Neubesiedlung geworden sind, die klassischen Häuslebauer häufig infolge finanzieller Belastungen, aus Altersgründen oder durch Wegsterben ihre meist Siedlungshäuser aufgeben, diese dann verkauft oder vermietet werden, die neuen Bewohner sich isoliert halten und mangels Anlass nicht etwas aufbauen, was Basis dafür wäre, Zusammenhalt erwachsen zu lassen. Nicht einmal Geselligkeit als „Spielform der Vergesellschaftung“ (Simmel) ist Platzhalter (so problematisch es auch ist, den Gegenstand der Soziologie in den sozialen Interaktionen der Gesellschaft zu sehen). Noch fragwürdiger wird es im urbanen Bereich, insbesondere in Großstädten. Das Wirken von Immobilienkonzernen trägt wesentlich dazu bei, dass Städte ‚unwirtlich‘ werden, Mietpreise trotz versuchter ‚Deckelung‘ immer mehr die Einkommen privater Haushalte belasten oder aber nicht mehr tragbar sind und zwischenmenschliche Bezüge aus sozialräumlicher Nähe ausgedünnt bis aufgelöst werden. Doch man muss innehalten, will man die massenhaften Proteste und Widerstandaktionen (s.o.) deuten, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung etc. in Schulterschluss gehen und gar die Enteignung von Investoren fordern, für die Wohnraum ein Renditeobjekt ist. Man könnte (in Absehung von den diesbezüglichen Theoriedebatten) hier Webers, an Tönnies orientierten Begriff der Vergesellschaftung heranziehen: „‚Vergesellschaftung‘ soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns auf rational (wert- oder zweckrational) motiviertem Interessenausgleich oder auf ebenso motivierter Interessenverbindung beruht.“ Im genannten Falle der (u.a.) ‚Mietrebellen‘ scheint eine Interessenverbindung deutlich gegeben, da mag ein zumindest partieller gesellschaftlicher Zusammenhalt vorliegen; ein Ausgleich wird an Politik adressiert und ein solcher mit Immobilienkonzernen scheint illusorisch. – Hier dann ist rechtssoziologisch wie bei Bourdieu aufgeworfen, dass die ‚soziale Welt Recht macht‘ oder andersherum, wie und womit sie im Falle des Opponierens daran gehindert wird.

Es wäre sicherlich interessant, wenn mit dem im Buch vorgestellten methodischen Instrumentarium untersucht würde, ob und wie ein solcher Zusammenhalt aus eben ‚Vergesellschaftung‘ andere Gruppierungen und auch lokalen resp. regionalen gesellschaftlichen Zusammenhalt affiziert, ob und wie – gleichsam rückbezüglich – soziale Kohäsion auf lokalen Ebenen initiiert, etabliert und schließlich aufrechterhalten werden kann. Auf der Theorieebene, darum hier der knappe Exkurs, ist diese Problematik schon implizit in der frühen deutschen Soziologie präsent. Wohl nach wie vor gilt der kritische Einwand, dass diese Wissenschaft des Begriffes der Totalität bedarf, dessen sie sich – zumindest in ihrem Mainstream – entschlägt auch da, wo sie sich auf gesellschaftliche Problemzonen kapriziert. ‚Wie Gesellschaft möglich ist‘ (s.o.), was sie zusammenhält oder auch nicht, was ihre Stabilität unterminiert oder zu garantieren versucht, dazu müssen Machtstrukturen decouvriert werden, muss gezeigt werden, was Herrschaft ist und wie sie sich durchsetzt. Im Konsolidierungsprozess der bürgerlichen Gesellschaft, in der die Soziologie aufkam und Probleme um gesellschaftliche Ordnung aufwarf, wurde Herrschaft anonymisiert und ging auf im „stumme(n) Zwang der ökonomischen Verhältnisse“, in denen die „Personen nur die Personifikationen“ dieser Verhältnisse sind (Marx). Worin Systemzwänge begründet sind und was sie bewirken, ist für Wissenschaft wie Soziologie, die mit dem Anspruch auf Erklärung auftritt, unhintergehbar. Was „Menschenwissenschaften“ (Elias) und Soziologie beschreiben, wie es Sackmann et al. mit ihren „Analysen regionaler Mechanismen“ für das Phänomen sozialen Zusammenhalts detailliert gelingt, erhielte so Substanz, ohne die ‚Aufklärung‘ (durchaus im Kantischen Sinne) zahnlos bleibt.

Fazit

Die Frage nach Sozialem Zusammenhalt vor Ort zu stellen und auszuloten, was dieser im Hinblick auf gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutet, heißt zugleich, eine merkliche Problematik zu benennen. Dass die Beiträger:innen dabei eine Vielfalt in der Hauptsache empirischer Erklärungsansätze vorstellen und darauf zurückgreifen, auf der Folie ihres Panels den konkreten Mechanismen der Genese gesellschaftlichen Zusammenhalts nachspüren, ist ein verdienstvoller Schritt auf dem Weg zu weiterer Forschung.

Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 11.07.2024 zu: Reinhold Sackmann, Peter Dirksmeier, Jonas H. Rees, Berthold Vogel (Hrsg.): Sozialer Zusammenhalt vor Ort. Analysen regionaler Mechanismen. Campus Verlag (Frankfurt) 2024. ISBN 978-3-593-51817-6. Reihe: Gesellschaftlicher Zusammenhalt - Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32256.php, Datum des Zugriffs 20.07.2024.


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