Britta Hoffarth, Stina Mentzing et al. (Hrsg.): Geschlechter - Verhältnisse - Widersprüche
Rezensiert von Prof. Dr. Jana Günther, 01.06.2026
Britta Hoffarth, Stina Mentzing, Susanne Richter (Hrsg.): Geschlechter - Verhältnisse - Widersprüche.
Campus Verlag
(Frankfurt) 2023.
184 Seiten.
ISBN 978-3-593-51802-2.
D: 37,00 EUR,
A: 38,10 EUR.
Reihe: Hildesheimer Geschlechterforschung - Band 7.
Thema
Der Sammelband stellt Beiträge vor, die bei der Tagung der Landesarbeitsgemeinschaften der Einrichtung für Frauen‑ und Geschlechterforschung in Niedersachsen (LAGEN) und des Zentrums für Geschlechterforschung der Universität Hildesheim diskutiert wurden. Im Mittelpunkt des Bandes steht die Debatte um aktuelle gesellschaftliche Prozesse, welche durch die „Spannungen zwischen Krise, Restaurierung, Veränderung und Progression“ (7) gezeichnet sind und spezifische Auswirkungen auf Geschlechterverhältnisse hervorbringen.
Autor*innen
Britta Hoffarth, Prof. Dr., lehrt als Professorin für Gender und Bildungskulturen am Institut für Erziehungswissenschaft und leitet das Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Hildesheim. Ihre Schwerpunktthemen liegen u.a. in den Arbeitsfeldern Körperforschung, Bildungstheorie, politische Theorie, Geschlechterforschung sowie Jugend, Medien und Rassismus.
Stina Mentzing, M.A., studierte Gender und Queer Studies an der Universität Köln und arbeitete für die Landesarbeitsgemeinschaft der Einrichtungen für Frauen‑ und Geschlechterforschung in Niedersachsen (LAGEN). Ihre Themenbereiche liegen in dem Bereich Machtkritiken auf der Folie von Subjektivierung und Selbstregierung, Selbsttechniken und ‑optimierungen im Zuge der Postmoderne sowie Psychologisierungsprozesse.
Susanne Richter, Dr., forscht und lehrt als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Paderborn am Zentrum für Geschlechterstudien/Gender Studies und in der Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung. Ihre Forschungsinteressen bewegen sich in den Themenfeldern Geschlechterordnungen und deren Transformation, feministische Digitalisierungsforschung, Gender in Didaktik und qualitative Methoden.
Aufbau
Die Herausgabe versammelt neun Beiträge, die sich mit zeitgenössischen Diskursen rund um die Themen Männlichkeit(en), antirassistische und feministische Kämpfe, queere Bildungsarbeit, Gleichstellungsarbeit, Social Media, Körperpolitik(en), Cancel Culture u.v.m. beschäftigen. Der Band wird zudem dem besonderen Anspruch der Trans‑ und Interdisziplinarität in den Gender Studies gerecht. Neben literaturwissenschaftlichen, philosophischen und soziologischen Beiträgen kommen auch dezidiert Forschungen aus der Diversitätsforschung, der Bildungs‑ und der Erziehungswissenschaft sowie den Media Studies zu Wort.
Inhalt
Der Sammelband wird durch die drei Herausgeberinnen thematisch eingeleitet. Besonders heben Britta Hoffarth, Stina Mentzing und Susanne Richter hervor, dass sich westliche Gesellschaften aus der Perspektive der Gender Studies seit dem 21. Jahrhundert durch die Gleichzeitigkeit von Wandel und Persistenz auszeichnen (7, 9). Diese Gleichzeitigkeit drückt sich einerseits dadurch aus, dass widerständige Bewegungen und Praxen in der Gesellschaft mehr Anerkennung finden, anderseits aber auch neoliberal und von ökonomischen Interessen geprägt umgedeutet und verwertet werden. Diversity, Queer, Bodypositivity uvm. finden sich nun denn als Label in der kapitalistischen Konsumgesellschaft wieder. Weiterhin konstatieren die Autorinnen, dass auf die Ermöglichung progressiver und diverserer Existenzweisen weltweit auch ein autoritärer Backlash folgte, der sich auch in einem ‚Anti-Genderismus‘ äußert, der sich gegen bestimmte Lebensweisen, Emanzipation und Vielfalt der Geschlechterverhältnisse genauso richtet wie gegen Forschungsbereiche und Studiengänge, die sich mit Geschlechterforschung befassen (8).
An den Befund der Gleichzeitigkeit von Wandel und Persistenz in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse schließt Toni Tholen an. In „Männlichkeiten im Spannungsfeld von Transformation, Persistenz und Resouveränisierung“ macht der Autor anschaulich deutlich, dass die allmähliche Transformation gesellschaftlicher Vorstellungen von Männlichkeit „stets behindert“ und derzeit „auf unterschiedlichen Ebenen sogar massiv angefochten“ wird (21). Tholen nimmt für seine Argumentation drei Themenfelder in den Blick: die Debatte um „Caring Masculinity“ (22–24), den state of the art der institutionalisierten, (literatur)wissenschaftlichen Erforschung von Geschlecht und Männlichkeit (24–26) und die kulturellen und politischen Aktivitäten männlicher Resouveränisierung (27). Für letzteres Themenfeld konstatiert der Autor zwei Strategien dieses Prozesses. Erstens die der „Zurückweisung, Schmähung und Zerschlagung“ erzielter geschlechterpolitischer Fortschritte durch „Antifeminismus und Antigenderismus“ und zweitens den Auf‑ und Ausbau patriarchaler Ideologien und Strukturen (28). Das sprachliche Dispositiv bewegt sich zwischen Kampfbegriffen aus kulturellem und politischem Maskulinismus, Frauenverachtung und Gewaltbereitschaft (ebd.).
In „Wut als politische Emotion und ihre Rolle in antirassistischen und feministischen Kämpfen“ erörtern Yoko Arisaka und Mareike Kajewski aus einem philosophischen Blickwinkel Emotionen – und insbesondere Wut – als „zentrale Bestandteile des Politischen“ (33). Sie verweisen dabei dezidiert auf die Widersprüchlichkeit von Wut, die einerseits ein enormes Mobilisierungspotenzial bewirken kann, von dem Protest und Protestaktionen profitieren. Andererseits kann Wut auch stark destruktive Formen und Handlungen hervorbringen (ebd.). Die Autorinnen gehen Wut/Zorn kontrastierend auf der Basis der Erörterungen von Martha Nussbaum und Myisha Cherry auf den Grund. Anschließend plausibilisieren sie,inwiefern Wut in feministischen und antirassistischen Kämpfen eine politisierende Wirkung entfalten kann. Ihr Blick ist dabei vornehmlich ein auf die Subjekte gerichteter, der sich auf feministische Selbstverteidigung richtet (46ff). Die Analyse kann meines Erachtens aus einer Perspektive sozialer Bewegungstheorie und empirischer Protestforschung gestützt werden. In zahlreichen Frauenbewegungen spielten Militanz, Selbstverteidigungsschulungen und Gewalt, wie bei den Suffragetten (Günther 2019) und militanten Frauengruppen in der APO (Karcher 2018) sowie der Black Liberation Movement, z.B. den Militant Deacons (Hill 2004) oder Black Power allgemein, eine oft wenig beachtete Rolle.
Die Beiträgerin Eva Reuter widmet sich diskurstheoretisch informiert in ihrem Artikel den „Herausforderungen und Potenzialen queerer Bildungsarbeit“. Der Rahmen und ihre Argumentation sind dabei klar abgesteckt. Reuter stellt demnach die wichtigsten Ergebnisse einer qualitativen Studie über queere Bildungsprojekte vor. Eine Stärke des hervorragend strukturierten Beitrages ist der klare Theorierahmen (54f) bei gleichzeitiger Einbindung der empirischen Ergebnisse in historische Kontexte (55ff). Der dezidiert kritische Blick auf queere Bildungsarbeit hebt hervor, dass die Institutionen und Projekte im Bildungsbereich, die sich mit Diskriminierung und sozialer Ausschließung auseinandersetzen und sich für soziale Gerechtigkeit engagieren, eben in diese Macht‑ und Herrschaftsverhältnisse eingebunden sind, eine Komplexität, aus der sich auch Widersprüche ergeben (69). Demnach hat sich in bildungspolitischen Kontexten ein „Topos einer geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt“ (ebd.) etabliert, der aber nicht in jedem Fall „identitäts‑ und machtkritisch“ ausgerichtet ist (ebd.).
Der ebenfalls empirisch fundierte Artikel von Aenne Dunker „Die Erhebung des Geschlechterwissens als Grundlage strukturwirksamer Gleichstellungsarbeit“ referiert Befunde einer Studie, die sich mit Geschlechterwissen und Gleichstellungsarbeit an Hochschulen befasste. Die theoretische Ausgangsbasis (75f) sowie die methodische Herangehensweise (78ff) ist nachvollziehbar beschrieben. Ein interessanter Befund ist u.a., dass die befragten Hochschulangehörigen eine Benachteiligung von Frauen gesellschaftlich für wahrscheinlicher wahrnehmen als in der Wissenschaft. Weitergehend sehen die Befragten Benachteiligungen aufgrund von Geschlecht an der Hochschule als unwahrscheinlicher an und für den eigenen Studiengang schließen sie dies sogar mehrheitlich aus (82). Aus den qualitativen Interviews ergab sich überdies, dass die Ausdrucksweise differiert: Die Interviewpartner*innen benutzten im Zusammenhang von Geschlechterbeachteilung in Gesellschaft und Wissenschaft oft Verben wie „wissen“ und „kennen“, während sie bei Aussagen zur eigenen Hochschule und zum Studienbereich eher „glauben“ und „fühlen“ artikulierten (86). Auf der Grundlage der Ergebnisse lassen sich lt. Dunker passende Maßnahmen entwickeln, die Wissensvermittlung und Reflexion konkret ausgestalten (90). Die Befunde der Autorin decken sich mit denen, die Anne-Laure Garcia in ihrer Studie zu Geschlechterordnungen im Bereich des Humanmedizinberufsfeldes vorgestellt hat (Garcia 2023).
In „Körperdissoziationen auf Instagram“ geht Stina Mentzing auf Widersprüchlich‑ und Gleichzeitigkeiten ein, die sich in digitalen (Selbst-)Thematisierungen von Menschen mit u.a. körperdissoziativen Erkrankungen zeigen. Der explorativ angelegte Beitrag nimmt dabei zunächst an, dass digitale Medien sich weitgehend als zentrale Sphäre von Subjektivierungsprozessen und diskursiven Verschiebungen gerieren (96). Auch Diskurse auf Instagram bleiben eingebettet in kapitalistische Verwertungslogiken und neoliberale Lesarten. Neben den Krankheitssymptomen leiden Betroffene besonders unter Mechanismen sozialer Ausschließung wie Marginalisierung und Deklassierung (110).
Auch der folgende Beitrag nimmt mediale Inszenierungsstrategien in den Blick: Jördis Grabow eruiert in „Catcalling und Gegenstrategien“ feministisch-widerständige Praxen im öffentlichen Raum. Die Autorin widmet sich entsprechend Aktionen und Protestmethoden, die sich gegen Street Harassment richten, wie z.B. der Aktion „Ankreiden“/chalk back (116f). Dabei verfolgt Grabow, die These, dass „widerständige Praktiken ein kritisch-transformatives Potenzial“ bieten (117). Innovativ erscheint bei dieser Widerstandspraxis, dass neben dem öffentlichen i.d.R. urbanen Raum auch der öffentliche digitale Raum als Bühne von Gegenwehr genutzt wird.
Für Susanne Richters Analyse stehen die multiplen Verhandlungen rund um „Cancel Culture“ im Mittelpunkt. Aus einer Perspektive feministischer Digitalisierungsforschung legt die Autorin die Widersprüchlichkeiten des Diskurses offen: einerseits als Schlagwort vermeintlich gefährdeter Meinungsfreiheit bei gleichzeitiger Ausdifferenzierung sozialer Praxen und Lebensformen sowie erhöhter Teilhabe und Sichtbarkeit vormals ausgeschlossener Gruppen (135). Richter macht darauf aufmerksam, dass die Rolle der digitalen Plattformen dabei zwar nicht zu unterschätzen sei (141), die Rolle von Affekten aber ebenso in die Forschungsperspektiven rücken muss (145), um soziale Transformationen zu untersuchen.
Im letzten Beitrag sezieren Holger Herma und Tobias Wittchen einen sprachsoziologisch Kolumnentext im ZEITmagazin, der Geschlechterforschung per se diskreditiert und als „Antiwissenschaft“ bezeichnet (173). Durch inszenierte journalistische Autorität und diverse Stilmittel wie u.a. einem „unschuldigen[n] Beobachterblick“ (177), so stellen die Autoren in ihrem Beitrag „Das Urteil des Alltagsmenschen“ fest, wird die Geschlechterforschung eindimensional personalisiert und an schlichten Alltagsgeschichten ausgerichtet, ohne die Diversität und Transdisziplinarität der Forschungsfelder in dem Bereich zu erfassen. Die Autoren zeigen an dem Kolumnenbeispiel exemplarisch plausibel auf, wie durch zentrale Funktionsweisen der Leser*innenlenkung (z.B. downgrading), Polarisierung zwischen Geistes‑ und Naturwissenschaften und gezielt polemischem Post-Intellektualismus „symbolische Gewalt als Verschleierung“ von Autoritätsauseinandersetzungen ausgeübt wird.
Diskussion
Der Sammelband ermöglicht es Leser*innen, einen Blick in vielfältige wissenschaftliche Debatten und aktuelle Forschungen zu werfen, die die widersprüchlichen Dynamiken in gesellschaftlichen Spannungsfeldern sichtbar machen. Die unterschiedlichen Ansätze und Perspektiven der Beiträge tragen auf den ersten Blick nicht gleich dazu bei, einen inneren Gesamtzusammenhang zu erkennen. Dies ist aber meines Erachtens erstens von einem Tagungsband auch nicht unbedingt zu erwarten und zweitens spiegelt genau dies die Vielschichtig‑ und Gegensätzlichkeit sozialer Prozesse im Allgemeinen sowie die Herausforderungen in der aktuellen globalen politischen Gemengelage im Besonderen wider.
Das bedeutet, dass die skizzierten und analysierten Widersprüchlichkeiten in und zwischen den Beiträgen und Ansätzen gleichzeitig als roter Faden der Publikation verstanden werden sollten. Denn sie verdeutlichen die benannte Gleichzeitig von Wandel und Persistenz in Bezug auf Geschlechterverhältnisse.
Fazit
Die Beiträge in „Geschlechter – Verhältnisse – Widersprüche“ leisten mit unterschiedlichen disziplinären und methodischen Herangehensweisen ihren Beitrag zur aktuellen Transformationsforschung.
Neben empirischen Ergebnissen, die anwendungsbezogen dezidiert Persistenzen in konkreten Praxen aufzeigen, verweisen andere Beiträge entschieden auf den digitalen Raum als Reflexionsfläche aber auch Katalysator gesellschaftlicher Diskurs‑ bzw. Machtverhältnisse. Widerständigkeiten, feministische Kämpfe und Proteste gegen bestehende Geschlechterordnungen und Diskriminierungsverhältnisse werden in dem Band genauso expliziert wie Debatten in der Geschlechterforschung selbst.
Quellen
Farmer, Ashley D. (2017): Remaking Black Power. How black women transformed an era. Chapel Hill: University of North Carolina Press.
Garcia, Anne-Laure (2023): Anne-Laure Garcia: Geschlechterordnung zwischen Wandel und Permanenz. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.
Günther, Jana (2019): Fragile Solidaritäten. Hamburg: marta press.
Hill, Lance (2004): The Deacons for Defense. Armed Resistance and the Civil Rights Movement. Chapel Hill: University of North Carolina Press.
Karcher, Katharina (2018): Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968. Berlin assoziation a.
Rezension von
Prof. Dr. Jana Günther
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