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Günther Deegener: Kindesmissbrauch. Erkennen, helfen, vorbeugen

Cover Günther Deegener: Kindesmissbrauch. Erkennen, helfen, vorbeugen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. 290 Seiten. ISBN 978-3-407-22884-0. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 23,70 sFr.

Reihe: Beltz-Taschenbuch - 884.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-407-85917-4 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Themen und Anliegen

"Wie schütze ich mein Kind vor sexuellem Missbrauch?" ist eine nicht nur von Eltern häufig gestellte Frage. Insbesondere nach entsprechenden Berichten in den Medien wächst die Sorge, das eigene oder das anvertraute Kind könnte Opfer eines sexuellen Übergriffs werden. Günther Deegener greift diese Fragen und Sorgen in der vorliegenden Veröffentlichung auf. Neben vielfältigen Informationen über die Hintergründe, das Ausmaß, unterschiedliche Formen und die Folgen sexuellen Missbrauchs sowie der Darstellung von Täterstrategien wird die Problematik in einen größeren gesellschaftlichen und historischen Zusammenhang gesetzt. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Gewalt wird dabei als mitverursachend für die sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen begriffen. Anhand vieler kurzer Beispiele wird die Situation der Mädchen und Jungen, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden und/oder sind, dargestellt. Der Tatsache, dass viele Täterkarrieren bereits im jugendlichen Alter beginnen und somit ein frühzeitiges Eingriffen notwendig ist, wird entsprechender Raum gegeben. Auch die Situation der Mütter bei familiärem Missbrauch wird berücksichtigt. Umfassend wird der Bereich der Prävention behandelt, der in eine grundlegende Erziehungshaltung eingebunden wird und sich sowohl auf die Familie wie auf öffentliche Einrichtungen bezieht. Die Ausführungen werden mit sozialpolitischen Forderungen verknüpft. Dabei wird das Recht auf gewaltfreie Erziehung als grundlegende Norm und Orientierung für den Umgang mit Kindern herausgestellt.

Da sich bezüglich möglicher Hilfen nach einem sexuellen Missbrauch neben Beratung und Therapie auch die Frage der Strafverfolgung stellt, wird hierauf ebenfalls dezidiert eingegangen und das Für und Wider erwogen. Die Ausführungen sollen Hilfestellungen für diesbezügliche Entscheidungen geben. Das Buch schließt mit einem Adressenteil ab, in dem spezialisierte Anlauf- und Beratungsstellen in Deutschland aufgelistet sind und einem ausführlichen Literatur- und Materialteil, insbesondere für die Präventionsarbeit, gegliedert nach Altersgruppen.

Den Ausführungen in den einzelnen Kapiteln sind jeweils Fragen bzw. Aussagen vorangestellt, die von Müttern und Vätern und anderen Bezugspersonen häufig gestellt werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 24 Kapitel, begleitet von einem Vorwort des Präsidenten des Deutschen Kinderschutzbundes Heinz Hilgers.

  • Das 1. Kapitel stimmt unter der Überschrift "Ich mag mir gar nicht vorstellen, was diesen Kindern alles geschieht!" mit Beispielen aus dem klinischen Alltag in die Missbrauchsthematik ein und greift die emotionale Betroffenheit, die Fälle von sexuellem Missbrauch auslösen, auf.
  • In Kapitel 2 werden mit der Ausgangsfrage "Was versteht man eigentlich genau unter sexuellem Missbrauch" Definitionen und Formen dargestellt.
  • Kapitel 3 geht der Frage nach, ob es "eigentlich auch harmlosen Erwachsenen-Kind-Sex" gibt und zeigt auf, dass auch Pädosexuelle bzw. Pädophile Gewalt ausüben, wenn auch sehr viel subtiler.
  • In Kapitel 4 mit dem Titel "Das mit dem Missbrauch - stimmen die hohen Zahlen wirklich?" werden Häufigkeitsangaben zum sexuellen Missbrauch gemacht.
  • Unter der Überschrift "Gab es sexuellen Missbrauch schon immer? Oder hat er zugenommen?" wird in Kapitel 5 die Geschichte des sexuellen Missbrauchs skizziert.  
  • Kapitel 6 mit dem Titel "Wird das heute nicht alles übertrieben? Einige Monster, nun ja, aber …" bettet das Phänomen in die heutige gesellschaftliche Wirklichkeit ein.
  • Kapitel 7 beschäftigt sich unter der These "So wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen." mit einem mittlerweile sehr zentralen Aspekt des sexuellen Missbrauchs, dem Missbrauch durch Kinder, Jugendliche und Heranwachsende.
  • Kapitel 8 schließt hier mit der Beantwortung der Frage "Sind erwachsene Täter auch schon im Jugendalter auffällig?" an und zeigt auf, dass erste sexuelle Übergriffe in den meisten Fällen bereits in jungen Jahren erfolgen.
  • Kapitel 9 setzt sich mit der Situation betroffener Kinder unter der Überschrift "Warum schweigen so viele sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche?" auseinander und beschreibt die Konflikte, welche die Opfer verstummen lassen.
  • In Kapitel 10 beschreibt bezogen auf das Vorurteil "So ein Kind muss ja für sein Leben geschädigt sein!" die Folgen sexuellen Missbrauchs.
  • "Ich hab Angst, was falsches zu sagen!" ist die Überschrift für Hinweise für die Gesprächsführung mit missbrauchten Kindern und Jugendlichen in Kapitel 11.
  • In Kapitel 12 werden die Strategien sexueller Missbraucher unter Voranstellung der grundlegenden Erkenntnis "Ich dachte, die überkommt es plötzlich - aber er plante alles genau!" dargestellt.
  • Kapitel 13 setzt sich mit der Situation der Mütter bei familiärem Missbrauch unter dem Titel "Aber die Mutter, sie muss doch was bemerkt haben - ihr eigener Mann!" auseinander.
  • Kapitel 14 greift die Verunsicherung insbesondere von Vätern mit der Frage "Darf ich jetzt nicht mehr mit den Kindern baden und schmusen?" auf und verdeutlicht, dass nicht nur Väter Täter sind.
  • Eine Klarstellung der Verantwortung für einen sexuellen Missbrauch und die Abwehr derselben durch sexuelle Missbraucher erfolgt in Kapitel 15 mit der Überschrift "Er lügt, dass sich die Balken biegen - und manchmal frage ich mich, ob meine Tochter nicht doch gelogen hat!".
  • Kapitel 16 fordert auf zu einem Blick in das "Spieglein, Spieglein an der Wand …"  zum Zweck der Selbsterkenntnis als eine Grundlage für die Vorbeugung.
  • Kapitel 17 geht der Einschätzung "Was kann ich allein denn schon tun? - Da müssten sich doch alle ändern!" auf den Grund und zeigt auf, dass Vorbeugung nicht nur individuell zu begreifen, sondern als sozialpolitische Aufgabe zu verstehen ist.
  • Die Wirksamkeit von Präventionsprogrammen wird in Kapitel 18 mit der Fragestellung "Und welche Vorbeugungsmaßnahmen wurden bisher zusammen mit den Kinder ergriffen?" dargestellt.
  • Wie Vorbeugung im Erziehungsalltag aussehen kann, wird unter der Frage "Jetzt weiß ich die allgemeinen Ziele - aber was kann ich konkret tun?" in Kapitel 19 behandelt.
  • Die Vorbeugung in Kindergarten und Schule unter der Frage "Ich erziehe mein Kind doch nicht allein, es ist doch den halben Tag weg!" wird in Kapitel 20 beantwortet.
  • Mit dem Titel "Ich weiß nicht, ob ich eine Anzeige erstatten soll?" wird in Kapitel 21 das Für und wider einer Anzeige sowie der Verlauf der Strafverfolgung behandelt.
  • Kapitel 22 greift die Wahrnehmung "Paragraphen, Juristendeutsch - verschonen Sie mich!" auf und geht auf die Rechte und Pflichten von Kindern und Erwachsenen/Eltern ein.
  • Adressen von Anlauf- und Beratungsstellen finden sich in Kapitel 23 unter "Bei welchen Stellen finde ich weitere Hilfe und Beratung?".
  • Das Buch schließt mit Kapitel 24, das reichhaltige Literaturempfehlungen und Präventionsmaterialien auflistet.

Diskussion

Berichte über den sexuellen Missbrauch von Mädchen oder Jungen werden oft von Empörung und Aufregung begleitet. So nachvollziehbar und verständlich diese Reaktionen angesichts des Leidens betroffener Kinder sind, bleiben doch umfassende Informationen zur Thematik, besonnenes Handeln statt blindem Aktionismus und eine individuelle fachliche Abwägung in jedem einzelnen Fall für wirksamen Schutz und angemessene Hilfen unumgänglich. Hierzu bietet das Buch von Günther Deegener eine gute Grundlage, da alle relevanten Aspekte der Missbrauchsthematik aufgriffen werden. Es wendet sich an all diejenigen, die als Eltern oder in beruflichen Kontexten mit Kindern zu tun haben und somit potentiell mit der Missbrauchsthematik in Berührung kommen könnten oder präventiv handeln wollen. Trotz der zahlreichen Informationen und wissenschaftlichen Erkenntnisse ist der Stil des Buches nicht akademisch. Im Gegenteil: Die den Kapiteln vorangestellten Fragen und Aussagen werden im Alltag von besorgten Müttern und Vätern häufig vernommen. Insofern ist die Verschränkung von Fakten- und Handlungswissen gerade auch für diejenigen, die keine berufliche Spezialisierung im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern haben, gelungen. Die in die Informationen eingeschobenen vielen kleinen Beispiele und Zitate verdeutlichen die Situation betroffener Mädchen und Jungen der Leserin/dem Leser sehr eindrücklich. Günther Deegener fühlt sich bei seinen Ausführungen jedoch nicht nur der sachlichen Darstellung der Fakten verpflichtet, sondern bezieht zu verschiedenen Aspekten der Missbrauchsthematik klar Stellung. So positioniert er sich gegen vermeintlich "gewaltfreie" Pädophile und führt aus, dass es keine einvernehmlichen sexuellen Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern geben kann. Die Bedeutung des Rechts des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung als juristischer Norm und als Orientierung für die Kindererziehung wird ebenfalls deutlich vertreten.

Fazit

Ein Grundlagenbuch, das Müttern und Vätern, Erzieher/-innen, Lehrer/-innen, Ärzten und Ärztinnen und allen, die beruflich mit Kindern zu tun haben, zu empfehlen ist.


Rezension von
Martina Huxoll-von Ahn
Stellv. Geschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Homepage www.dksb.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 28.02.2006 zu: Günther Deegener: Kindesmissbrauch. Erkennen, helfen, vorbeugen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-407-22884-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3228.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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