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Hans-Werner Wahl: Positive Alternspsychologie

Rezensiert von Alisa Hemberger, 31.10.2024

Cover Hans-Werner Wahl: Positive Alternspsychologie ISBN 978-3-7799-8017-9

Hans-Werner Wahl: Positive Alternspsychologie. Die Stärken der zweiten Lebenshälfte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 162 Seiten. ISBN 978-3-7799-8017-9. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
Reihe: Edition Sozial.

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Thema

In unserer Gesellschaft ist das Thema des Älterwerdens oft negativ besetzt. Ein häufiger Fokus liegt dabei auf die vermeintlich fast ausschließlich negativen Aspekte dieser Lebensphase, insbesondere in Hinblick auf zunehmende körperliche und geistige Defizite. Diese einseitige Betrachtungsweise führt dazu, dass die positiven Seiten des Alterns häufig übersehen oder unterschätzt werden. Doch genau hier setzt Hans-Werner Wahl an und wagt einen Perspektivwechsel. Basierend auf fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen, präsentiert er einen umfassenden Gesamtüberblick über die menschlichen Stärken, die sich im Alter entfalten oder sogar erst entwickeln.

Autor

Hans-Werner Wahl ist Seniorprofessor am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg Netzwerk Alternsforschung.

Entstehungshintergrund

Die gesellschaftliche Wahrnehmung des Alterns bzw. Älterwerdens ist oft von negativen Vorstellungen geprägt. Allerdings wird dabei häufig übersehen, dass der Alterungsprozess auch zahlreiche positive Aspekte und Stärken mit sich bringt. Angesichts dieser einseitigen Betrachtungsweise wird es zunehmend wichtig, sich wissenschaftlich mit den positiven Facetten des Älterwerdens auseinanderzusetzen. Dies Fachpublikation soll dazu beitragen, ein ausgewogeneres und realistischeres Bild des Alterns zu entwickeln und die Potenziale dieser Lebensphase durch die Betrachtung der positiven Alternspsychologie stärker in den Fokus zu rücken.

Aufbau

Die Publikation beginnt mit einem kurzen geschichtlichen Exkurs in die Antike, bevor eine Sammlung von Stärken präsentiert wird, die sich im Laufe des Alterungsprozesses entwickeln oder sogar verbessern. Der Autor identifiziert dabei sechs zentrale Stärken, die zunächst im Kontext der Lebensspanne analysiert und eingehend beschrieben werden. Zur Untermauerung dieser Erkenntnisse werden diverse wissenschaftliche Untersuchungen herangezogen. Im weiteren Verlauf widmet sich die Publikation einer kritischen Auseinandersetzung und Selbstreflexion, welche auch potenzielle Limitationen oder Gegenargumente beleuchten. Anschließend werden Herausforderungen genannt, die mit den altersbedingten Stärken einhergehen, und Vorschläge zur Förderung und Unterstützung dieser Fähigkeiten unterbreitet. Zum Abschluss werden den Lesenden die Kernaussagen in Form von Forschungshighlights präsentiert, wobei jede der sechs Stärken durch prägnante Statements zusammengefasst wird. Die Publikation schließt mit einem Literaturverzeichnis.

Inhalt

Stärken der zweiten Lebenshälfte: Die Suche beginnt

In dem drei Seiten umfassenden ersten Kapitel legt der Autor überzeugend dar, warum eine positive Sichtweise auf das Altern nicht nur wünschenswert, sondern geradezu notwendig ist, und begründet damit die Wahl seines Forschungsthemas.

Menschliche Stärken und Älterwerden: Wie uns die Antike bei der Suche helfen kann

Das zweite Kapitel bietet ebenfalls auf knapp drei Seiten einen Einblick in die philosophiegeschichtliche Betrachtung der Stärken des Alters. Der Autor zeigt auf, dass diese Thematik bereits in der Antike kontrovers diskutiert wurde, wobei sich die Ansichten je nach Gelehrtem deutlich unterschieden Als Beispiele werden die Anschauungen von Aristoteles und Platon sowie Cicero und Seneca genannt.

Gesucht und gefunden: Menschliche Stärken in der Positiven (Alterns-)Psychologie

Im dritten Kapitel des Buches wendet sich der Autor mit der Identifikation menschlicher Stärken im Kontext des Alters einem zentralen Aspekt der positiven Alterspsychologie zu. In einer Tabelle werden übersichtlich sechs wesentliche Stärken aufzeigt, die sich an den Arbeiten von Martin Seligman orientieren. Diese systematische Darstellung ermöglicht es den Lesenden, die verschiedenen Aspekte menschlicher Stärken im Alter schnell zu erfassen und zu verstehen. Zudem erfolgt die Begründung der Notwendigkeit einer positiven Alterspsychologie.

Stärken der zweiten Lebenshälfte zu einer Wissenschaft machen: Die positive Alternspsychologie

Das vierte Kapitel liefert anhand von sieben Argumenten die Begründung, welche dem Autor zu der Annahme dieser sechs Stärken gebracht haben. Anschließend wird die in Kapitel 3 vorgestellte Tabelle um zentrale Aspekte und einer Kurzbeschreibung erweitert. Im Anschluss daran werden drei Hypothesen aufgestellt, die in den folgenden Kapiteln einer empirischen Prüfung unterzogen werden. Die „vorsichtige“ Hypothese geht von einer Stabilität zentraler menschlicher Stärken bis in die zweite Lebenshälfte aus, ohne Verluste anzunehmen. Einen Schritt weiter geht die „proaktive Hypothese“, die in einigen Bereichen sogar einen Anstieg der Stärken vermutet. Am optimistischsten ist die „euphorische“ Hypothese, die einen überwiegend ansteigenden Trend in zentralen menschlichen Stärken über den gesamten Lebensverlauf bis in die zweite Lebenshälfte postuliert.

Stärken der zweiten Lebenshälfte: Realitätscheck anhand vorliegender Daten

Das fünfte Kapitel bildet das zentrale Element der Publikation. Um die Forschungsergebnisse zu den sechs Stärken im Alter gegenüber den Lesenden übersichtlich darzustellen, bedient sich der Autor einer Visualisierung mittels eines „Forschungshauses“. Jedes Forschungshaus beinhaltet jeweils einer der sechs Stärken und definiert diese zunächst. Es ist in zwei Stockwerke unterteilt, die spezifische Forschungsthemen darstellen und mittels konkreten Studienhighlights in jeweils vier Forschungszimmern empirisch untersucht werden. Nach der Beschreibung jedes Forschungshauses (inklusive Stockwerke und Forschungszimmern) werden die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst. Die Forschungshäuser setzen sich dabei wie folgt zusammen

Forschungshaus 1: Selbstregulation und Mäßigung

  • Erstes Stockwerk: Lebensziele realistisch halten und stetig im Lebensverlauf anpassen
  • Zweites Stockwerk: Sich vor Verlust und Stress schützen und psychische Ressourcen aufrechterhalten

Forschungshaus 2: Humanität und Sorge für die Mitwelt

  • Stockwerk 1: Beziehungen zu anderen Menschen hegen und pflegen
  • Stockwerk 2: Sich für die Mitwelt und den Erhalt der Schöpfung engagieren

Forschungshaus 3: Lebenswissen und Lebensklugheit

  • Stockwerk 1: Wissen, wie das Leben geht, einbringen
  • Stockwerk 2: Kluges und umsichtiges Handeln einsetzen

Forschungshaus 4: Mut in herausfordernden Situationen

  • Stockwerk 1: Widerstandsfähigkeit gegenüber den Widrigkeiten des Älterwerdens entwickeln
  • Stockwerk 2: Unerwarteten Situationen mit Bedacht begegnen – Das Beispiel COVID-19

Forschungshaus 5: Gerechtigkeit, gutes Urteilen und Interessensausgleich

  • Stockwerk 1: Gerechtigkeitsempfinden und wohlüberlegt ein Urteil anbieten
  • Stockwerk 2: Positivität, Nachgiebigkeit und Frieden anstreben

Forschungshaus 6: Generativität und Transzendenz

  • Stockwerk 1: Wissen und Erfahrung an Jüngere und die Nachwelt weitergeben: Generativität
  • Stockwerk 2: Spiritualität, Distanz zum Materiellen und Dankbarkeit leben 

Diskussion und Selbstkritik

Im sechsten Kapitel wird die zuvor vorgestellten Tabelle der Stärken und ihrer zentralen Aspekte um eine zusätzliche Spalte ergänzt, die den Trend im Lebensverlauf bzw. über Altersgruppen hinweg auf Basis der empirischen Befunde darstellt. Diese Ergänzung bietet einen umfassenden Überblick über die Entwicklung der identifizierten Stärken im Alterungsprozess. Im Anschluss werden die drei zu Beginn des Kapitels 4 vorgestellten Hypothesen einer kritischen Prüfung unterzogen. Danach erfolgt eine kritische Selbstreflexion, indem zehn potenzielle Kritikpunkte aufgeführt werden. Jeder dieser Kritikpunkte wird sorgfältig geprüft und entweder bestätigt oder mit einer fundierten Begründung zurückgewiesen.

Herausforderungen: Hohes Alter, Geschlecht, materielle Lage

Das siebte Kapitel zeigt verschiedene Herausforderungen menschlicher Stärken auf, beginnend mit dem Erreichen eines hohen Alterns. Ein weiterer Fokus liegt auf der geschlechtsspezifischen Betrachtung von Stärken, welche basierend auf empirischen Erkenntnissen sowohl in Vorteilen für Frauen und Nachteilen für Männer als auch vice versa münden können. Abschließend wird der Einfluss der materiellen Lage auf die Ausprägung und Entwicklung von Stärken hervorgehoben.

Stärken der zweiten Lebenshälfte stark machen

Im letzten achten Kapitel betrachtet der Autor die Bedeutung menschlicher Stärken nicht nur für alternde Menschen, sondern auch für die Gesellschaft. Dabei bedient er sich verschiedenen Thesen, die er jeweils näher beleuchtet. So wird beispielsweise in Hinblick auf alternde Menschen die These aufgestellt, dass menschliche Stärken hilfreich sind, das Älterwerden selbst zu gestalten, zu bewältigen und einen Sinn zu generieren. Am Ende werden die menschlichen Stärken in Studienhighlights kompakt und übersichtlich mittels kurzer Aussagen übersichtlich dargestellt.

Diskussion

Basierend auf fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen zeigt der Autor, dass das Alter bzw. das Älterwerden nicht nur Verluste, sondern auch wertvolle Gewinne mit sich bringt. Dazu zählen unter anderem gewachsene Lebenserfahrung, emotionale Reife und eine differenzierte Sichtweise auf komplexe Situationen. Mit seinem ausgewogenen Ansatz werden die Lesenden dazu aufgefordert, ihre Einstellung zum Altern zu überdenken und die Chancen dieser Lebensphase zu erkennen.

Fazit

Durch diesen Ansatz gelingt es dem Autor, ein vollständigeres und realistischeres Bild des Älterwerdens zu zeichnen. Somit leistet die Publikation einen wichtigen Beitrag zur Entstigmatisierung des Alters und fördert ein positiveres gesellschaftliches Verständnis für die späten Lebensjahre. Stärken im Alter zu fokussieren, ohne dabei auftretende Schwächen bzw. Defizite zu ignorieren dienen als tragendes Fundament für eine gelungene Alterspsychologie.

Rezension von
Alisa Hemberger
M. Sc. Gesundheitsförderung
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Es gibt 18 Rezensionen von Alisa Hemberger.

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ISSN 2190-9245