Beate Blättner (Hrsg.): Praxishandbuch Interpersonelle Gewalt und Public Health
Rezensiert von Dr. Peter Michael Hoffmann, 17.07.2025
Beate Blättner (Hrsg.): Praxishandbuch Interpersonelle Gewalt und Public Health. Mit E-Book inside. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 412 Seiten. ISBN 978-3-7799-3868-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
Thema
Interpersonelle Gewalt ist eines der aktuellen und bedeutenden Public-Health-Themen auf nationaler und internationaler Ebene in der Praxis und Wissenschaft zur Krankheitsverhütung, Lebensverlängerung und Gesundheitsförderung. Das Handbuch nimmt die alltäglichen Formen von Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen in den Fokus, die auf Macht und Kontrolle einer Person über eine andere zielen. Wirkungsbereiche dieser Forschung und Praxis haben u.a. hohe Relevanz für das Aufgabenspektrums des öffentlichen Gesundheitswesens und insbesondere auch des kommunalen öffentlichen Gesundheitsdienstes.
Bei den von deutschen Hochschulen und Universitäten priorisierten Themensetzungen für Studium und Forschung in den verschiedenen sozial- und geisteswissenschaftlichen Fachbereichen spielen Public-Health-Themen – nach jahrzehntelanger Enthaltsamkeit – inzwischen eine sichtbarere Rolle. Dies hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Bedeutung der Wirk- und Handlungsfelder, die dem öffentlichen Gesundheitswesen in der öffentlichen Wahrnehmung zukommen – also beispielhaft in den Diensten des kommunalen Bereichs – in jüngster Zeit neu justiert wurden. Davon profitiert nicht nur das „ÖGW“ (Öffentliches Gesundheitswesen), sondern eben auch die Wahrnehmung des Bedeutungszuwaches und des Stellenwertes von Public-Health-Themen in Forschung und Lehre. Anlass oder Ursache dieser neuen Perspektiven ergaben sich ganz augenfällig aus den Ereignissen um die Corona – Epidemie und der Präsenz bzw. den Folgen einer Eingriffsverwaltung von unterschiedlichen Institutionen – vor allem, aber nicht nur, des öffentlichen Gesundheitswesens bzw. des kommunalen Gesundheitsdienstes. Alle Medien im öffentlichen Raum berichteten hierzu umfassend kritisch und wirkstark. Naheliegend, dass Politiker mit Zuständigkeiten auf allen Ebenen des öffentlichen Gesundheitswesens, für die unterschiedlichsten Handlungsfelder wissenschaftliche Expertisen und Forschungsergebnisse forderten, um Ausgangslagen empirisch beschreibbar zu machen, sie sachgerecht zu deuten und schließlich die erforderliche Unterstützung und Hilfen effektiv und effizient organisieren zu können. Das sonst eher marginale Interesse gegenüber Public-Health-Themen, die als – oft zu unrecht – zu wenig praxisbezogen und akademisch abgehoben eingestuft wurden, erfahren neue Bewertungen.
Das Thema interpersonelle Gewalt wurde zwar im Hochschulbereich und also auch bei den Herausgeberinnen bzw. Autoren des vorliegenden Sammenlbandes sowie bei der WHO und anderen internationalen Organisationen bereits lange vor Covid 19 zu einem wichtigen Public- Health-Thema erklärt. Es gab und gibt auch eine Reihe von Projekten mit Themen zur interpersonellen Gewalt, die in Deutschland durchgeführt wurden oder noch werden. Dennoch hat – nach Auffassung der Herausgeberinnen des vorliegenden Bandes – bislang keine strukturelle Verankerung von Interventionsmaßnahmen oder Präventionskonzepten im Zusammenhang mit interpersoneller Gewalt in der alltäglichen Praxis der Gesundheitsversorgung stattgefunden. Die Autorinnen und Autoren des Buches verstehen interpersonelle Gewalt als eine soziale Determinante und damit als ein maßgeblichen Einflussfaktor auf die personale Gesundheit, der die gleiche Aufmerksamkeit verdient und den gleichen Handlungsbedarf erfordert wie andere Faktoren in den Gesundheitswissenschaften.
Herausgeberinnen
Petra Johanna Brzank lehrte und forschte als Professorin an verschiedenen Hochschulen in Deutschland. Seit 2016 ist sie als Professorin an der Hochschule Nordhausen tätig. Ihre wissenschaftliche Tätigkeiten im Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sind mit den Forschungsschwerpunkten soziale Gesundheitsderteminanten wie Gewalt gegen Frauen, Migration, Gender und interpersonelle Gewalt zu beschreiben.
Beate Blättner war Gesundheitswissenschaftlerin und lehrte als Professorin an der Hochschule Fulda. Sie verstarb im September 2021. Ihr besonderes wissenschaftliches Engagement galt dem Themenfeld der Gesundheitsförderung.
Daphne Hahn arbeitet als Professorin für Gesundheitswissenschaften und empirischer Sozialforschung an der Hochschule Fulda. Sie war u.a. Leiterin des Projektverbundes „ELSA“. In diesem Projekt wurden durch wissenschaftliche Erhebungen an mehreren Hochschulen Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer, deren Beratung und Versorgung untersucht und Wirkungen evaluiert.
Im vorliegenden Praxishandbuch – oder Reader – geben die Herausgeberinnen des Buches einer Gruppe von 26 weiteren Fachautorinnen und Autoren Gelegenheit, ihre gesundheitswissenschaftlichen Analysen und Forschungsergebnisse in Fachbeiträgen vorzustellen. Die sich hieraus ergebenden Schlussfolgerungen zum Rahmenthema „Interpersonelle Gewalt und Public Health“ sollen dabei helfen, die Entwicklung von Konzepten, Handlungsoptionen und Strategien im Umgang mit den Problemen interpersoneller Gewalt aus der Perspektive des Public Health in den Gesundheitswissenschaften und dem Gesundheitswesen sichtbar zu positionieren.
Nähere Angaben zum fachlichen Hintergrund dieser Autorinnen finden sich am Schluss des Buches.
Aufbau
Aufbau und Inhalt des Buches ist als ein Reader mit Nachschlagecharakter konzipiert. Die Zusammenstellung von wissenschaftlichen Texten erfolgt nach Zuordnung unter fünf gemeinsame Oberthemen. Diese sind:
- Gewalt gegen Kinder
- Gewalt in Paarbeziehungen
- Gewalt am Arbeits- und Ausbildungsplatz
- Gewalt in besonderen Situationen
- Konzepte zum Gewaltschutz nachhaltig implementieren
Das Editorial zur Vorstellung des Buches nutzen die Herausgeberinnen im Wesentlichen dazu, die Themenblöcke des Bandes inhaltlich attraktiv vorzustellen, um auch Leser zu interessieren, die das Thema für sich erst neu entdecken müssen.
Inhalt
Einleitung
Um insbesondere Leser:innen, die sich in dieser speziellen Thematik (interpersonelle Gewalt) dieses Forschungsgebietes von Public Health wenig auskennen, in die Problematik und zentrale Definitionen zum Thema des Sammelbandes einzuführen, werden eingangs wichtige Grundlagen zum Verständnis der Entwicklung und den Zielsetzungen des Public-Health-Ansatzes bei interpersoneller Gewalt von Petra Johanna Brzank vorgestellt und erläutert.
1. Gewalt gegen Kinder
In zwei Themenschwerpunkten beschäftigen sich Kerstin Kremer mit der „Sexualisierter Gewalt an Mädchen“ und Thomas Schlingmann mit „Sexualisierte Gewalt gegen Jungen“.Die Notwenigkeit differenzierter Darstellung des Themenschwerpunktes nach Geschlechtergruppen ergibt sich aus dem Unterschied der hohen Betroffenheit von Mädchen im Bereich „sexueller Kindesmissbrauch“: nach Daten der Kriminalstatistik sind für das Jahr 2022 15.520 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch registriert. Davon waren 74 % der Betroffenen weiblich und 26 % männlich. Zentrale Erkenntnis aus der geschlechterbezogenen Forschung zu dieser Thematik ist es, dass der Missbrauch gegen Mädchen sich nicht aus psychologischen oder biologischen Faktoren der meist männlichenTäter ergibt, sondern im Wesentlichen mit gesellschaftlichen Strukturen und Sozialisationsaspekten zusammenhängt (z.B. Akzeptanz patriarchalischer Orientierung des männlichen Täters). Entsprechend dieser Einordung gestaltet sich notwendige Präventionarbeit bei Mädchen mit anderen Schwerpunkten und Zielsetzungen als bei Jungen. Präventive Konzepte um Mißbrauch schutzbefohlener Mädchen vorzubeugen, so beschreibt es die Autorin des Beitrags, ist z.B. das Lernen von Widerstand und das Erleben von Eigenmächtigkeit und Mitbestimmung. Mädchen müssen lernen, dass Konflikte sich nicht durch Stillschweigen von sich selbst erledigen oder auf diese Weise gelöst werden.
Untersuchungen zur Prävalenz sexualisierter Gewalt gegen Jungen, männliche Jugendliche und Heranwachsende gibt es fast nicht, berichtet T. Schlingmann und vermutet, das auch die polizeilichen Daten nicht annähernd tatsächliches Geschehen widerspiegeln.Die spezifische Entstehungsgeschichte sexualisierter Gewalt gegen Jungen markiert zunächst – nach bestehender Meinung – keine großen Unterschiede zwischen Gewalt gegen Mädchen und Jungen: „Das patriarchalische Besitzrecht von Männern“ schließt „Frauen und Kinder“, also auch Jungen ein. Das heißt aber nicht, dass der Autor zwischen sexualisierter Gewalt gegen Mädchen und Jungen keine Unterschiede sieht. Er verweist darauf, dass künftige Forschung diese Problematik noch genauer erfassen muss. So implizieren Faktoren von sozialer „Herabsetzung von Frauen“ oder eine maskuline „Anspruchshaltung gegenüber Frauen“ Unterschiede, die aufzeigen, dass männliche Täter eher über Mädchen „verfügen“, als über Jungen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Beitrags von T. Schlingmann beschäftigt sich mit dem Forschungsprojekt „Sexueller Missbrauch an Minderjähigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der deutschen Bischofskonferenz“ (MHG-Studie).
2. Gewalt in Paarbeziehungen
Auch zu diesem Thema ergaben sich zwei Schwerpunkte: „Partnergewalt in heterosexuellen Paarbeziehungen“ mit dem sich Hildegard Hellbernd auseinandersetzt und „Interpersonale Gewalt und geschlechtliche Vielfalt – Strategien für Public Health“ für das die Autorin Constance Ohms verantwortlich zeichnet.
Zum ersten Thema: In der Fachliteratur, aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung gibt es schon lange Debatten darüber, ob Männer und Frauen in gleichem Ausmaß von Gewalt in heterosexuellen Beziehungen betroffen sind. Die Autorin beschreibt die deutlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern und die vielen Facetten der Prozesse, durch die eine Person zum Opfer einer Straftat oder anderer schädigenden Handlungen wird. Bei der Schwere und Häufigkeit häuslicher Gewalt, liegt der Anteil von Frauen signifikant höher als bei den Männern. Alters-und Lebenslagen bezogene Vulnerabilität und individuelle Risikofaktoren erhöhen die Gefahren und Risiken zur Gewalterfahrung. H. Hellbernd benennt und erläutert in ihrem Beitrag ausführlich, Interventionsstandards und – konzepte um bei Gewalt in Paarbeziehungen Geschädigten, vor allem in der Ersthilfe, gezielt und spontan helfen zu können. In diesem Kontext stellen sich Fragen zu Art und Umfang erforderlicher Qualifizierungsmaßnahmen für eine sachgerechte Schulung des Gesundheitspersonal, um den von häuslicher Gewalt betroffenen Personen adäquat und wirksam helfen zu können. Wer organisiert und finanziert solche Hilfen, und welche Instanzen kümmern sich darum, diese Aus-, Weiter – und Fortbildungsmaßnahmen strukturell zu implementieren. Die Autorinnen stellen zu einigen Themenkomplexen Modellprojekte vor.
Im zweiten Beitrag zum Schwerpunktthema dieses Abschnitts fokussiert die Autorin Constance Ohms u.a. den Diskurs und die Folgen um Biopolitiken. Die Naturalisierung des Geschlechts, die nur zwei Geschlechter kennt (männlich oder weiblich) und deren alleinige biologische Existenz postuliert, sind weit verbreitete und populäre Konstruktionen. Diese Konstrukte haben sich allerdings in ihrer sozialen, psyschologischen und sexuellen Dimensionen inzwischen ausdifferenziert und verlieren zunehmend ihre ordnungspolitische Macht. In der Biologie wird heute von einer Vielzahl geschlechtlicher Varianten ausgegangen und eine größere Vielfalt sexueller Orientierungen (lesbisch, schwul, pan, aromantisch, asexuell, sepiasexuell usw. ). Die geschlechtliche Selbstbeschreibung von wenigen bei der Geburt zugewiesener biologischer Kriterien, macht Menschen, die von einer tradierten heteronormativen Geschlechterordnung abweichen (z.B. Lesben, Bisexuelle,Trans*, Inter* und queere Menschen), zu Personen, denen der Zugang zu einer angemessenen bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung oftmals erschwert oder gar verwehrt wird. Die Autorin berichtet über Ergebnisse von empirischen Studien, über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und daraus folgende Gewaltpotenziale gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*Personen. Im Fokus dieser strukturell benachteiligenden Rahmenbedingungen ergeben sich eine Vielzahl von Anforderungen an Wissenschaft, Forschung und Politik. Zur Unterstützung einer besseren Gesundheitspraxis für Lesben,Schwule, Bisexuellen, Trans*, Inter* und queere Menschen werden Public Health Konzepte eingefordert. Sie sollen unterstützend dabei helfen, die strukturellen Rahmenbedingungen zu beschreiben, um benachteiligten und marginalisierten Gruppen gleichwertigen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.
3. Gewalt am Arbeits-und Ausbildungsplatz
Die Autoren Norman Krause, Sebastian Wachs, und Wilfried Schubarth beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit einem immer wieder aktuellem Thema: „Mobbing in der Schule“ und im zweiten Abschnitt zum Leitthema dieses 3. Kapitels stellen Anette Diehl und Sibylle Ruschmeier ein gravierendes gesellschaftliches Thema vor: „Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt am Arbeitsplatz – ein lang vernachlässigtes Thema öffentlicher Gesundheit“.
Mobbing in der Schule ist für viele Schüler:innen eigentlich ein fast alltägliches Problem. Die Autoren des Beitrags beschäftigen sich ausführlich mit den Formen, Verbreitung und den Folgen von Mobbing in der Schule. Es hat natürlich Auswirkungen auf das körperliche und psychische Wohlbefinden der Opfer und stellt auch eine Gefahr für eine positive Entwicklung des Kindes dar. Negative Auswirkungen der Opfer wie z. B mögliche psychische Erkrankungen, sind empirisch vielfach belegt. Aber auch für die Täterinnen und Täter kann es, wie einige Studien zeigen, gravierende Beeinträchtigungen geben. Mobbingtäterinnen und -täter neigen u.a. häufiger zu Depressionen und zeigen ein geringeres Selbstbewusstsein.
Formen und Verbreitung von Mobbing zielen in destruktiver Weise auf soziale Beziehungen bzw. die soziale Akzeptanz einer Zielperson. Die Autoren beschreiben auch neue Formen des Mobbings (Cybermobbing) und deren Wirkungen.Überraschend die Aussage, dass – aussgehend von einer WHO- Studie - 2017/2018 der Anteil der Schüler die angaben gemobbt worden zu sein von 9,5 % im Jahr 2002 auf 8,3 % im Jahr 2018 gefallen ist. Im Kommentar zu diesen Daten wird daher die populäre und dramatisierende Einschätzung über einen steten Anstieg von Mobbing an Schulen eher für unzutreffend gehalten.
Die im Beitrag dargestellten Zusammenhänge zwischen Mobbing und Wohlbefinden in der Schule unterstreichen nach Ansicht der Autoren die Relevanz von Interventions- und Präventionsmaßnahmen. Zum Thema Intervention wird ein Konzept für eine effiziente Mobbingintervention in einem zehn Schritte-Schema vorgestellt. Neben diesen Interventionsstrategien bei Mobbing gilt es auch als dringlich, Maßnahmen zur Implementierung wirksamer Präventionskonzepte einzufordern. Zielsetzungen dieser Konzepte sollten sein, an den Schulen primär gewaltpräventive und gesundheitsfördernde Kompetenzen zu fördern.
Das Thema des zweiten Abschnitts des Kapitels ist sicher in vielen Arbeitsbereichen des Erwerbslebens aber auch in Ausbildungseinrichtungen, Schulen und Hochschulen aktuell und virulent. Studien zu diesen Problemen belegen deutlich, dass es sich bei sexualisierter Gewalt überwiegend um ein geschlechtsbezogenes Geschehen handelt: überwiegend Frauen werden belästigt und überwiegend Männer belästigen.Die Autorinnen gehen den Fragen nach, was sind die Ursachen und welche Folgen haben diese Verhaltensweisen. Dass dieses Verhalten schädlich ist, wissen eigentlich alle und dennoch, so ist das Resumee: „geschehen diese Übergriffe weiterhin und wenig wird dagegen unternommen“. Wichtig ist auch, dass die gesamte Problembetrachtung insbesondere den Bereich der Ausbildung in den Blick zu nehmen hat – also junge Menschen und vor allem junge Frauen sind von Diskriminierung und Gewalt betroffen. Während diese jungen Leute eigentlich besonders geschützt sein sollten werden sie oft mit sexueller Belästigung, Gewalt und Nötigung konfrontiert. Die Autoren sehen die Gründe darin, dass die übergriffigen Personen zu selten Sanktionen zu erwarten haben und Handlungsverantwortliche aufgrund von unterlassener Hilfleistung oder Unterstützung kaum zur Rechenschaft gezogen werden.
Mit Fragen, wie die Erfahrung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz sich für die Betroffenen jeweils auswirkt, versucht der Beitrag auch Antworten zu finden was individuell dabei hilft, wirksame Maßnahmen zu etablieren: Es sind wohl gesetzliche Rahmenbedingungen und „Bewusstseinsschärfungen“ um verkrustete Strukturen aufzubrechen. Die Autorinnen sind sich jedenfalls einig, dass sexualisierte Belästigung und Diskriminierung ein gesellschaftliches Problem ist, dass auch heute noch, zumeist bagatellisiert, tabuisiert und negiert wird. Es ist ein Problem für die öffentliche Gesundheit. Vielleicht zeigen aktuelle gesellschaftliche Bewegungen wie „MeToo“, dass es möglich ist die Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren.
4. Gewalt in besonderen Situationen
Dieses Kapitel beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Gewalt in besonderern Situationen verschiedener Gruppen in vulnerablen Kontexten und Settings:
- Gewalt in der Pflege alter Menschen: Beate Blättner und Henry Annette Grewe
Nicht nur in der stationären Pflege alter Menschen sondern auch in der häufiger anzutreffenden Pflege durch Angehörige gibt es Gewalthandlungen gegen ältere Menschen. Die Autoren stellen Projekte vor wie man Gewalt gegen ältere Menschen erkennen und vermeiden kann. Im Resümee ihres Beitrags werben die Autorinnen für eine Einschätzung, dass das Thema Gewalt in der Pflege alter Menschen ein für Public Health relevantes und wichtiges Interventionsfeld sein muss.
- Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen: Monika Schröttle
Menschen mit Behinderungen sind häufiger und schwerer von Gewalt betroffen als Menschen ohne Behinderungen. Im Beitrag stellt Monika Schröttle empirische Untersuchungen vor, die das Ausmaß und die Risikofaktoren in Bezug auf Gewalt gegen Menschen mit Behinderung in verschiedenen Lebensphasen dokumentieren. Es werden Ansätze für eine notwendige, verbesserte und wirksame Prävention und Intervention vorgestellt.
- Gewalt auf der Flucht: Jenny Jesuthasan, Zara-Vivianne Witte und Sabine Oertelt-Prigione
Ein zentrales Anliegen der Autorinnen dieses Beitrags ist die Beschreibung der Komplexität des Umgangs mit Gewalt bei geflüchteten Frauen. So ist jede fünfte Geflüchtete oder Binnenvertriebene von sexueller Gewalt betroffen. Eine besondere Vulnerabiliät von Frauen ergibt sich durch den erschwerten Zugang zu den begrenzten Unterstützungssystemen – insbesondere im Gesundheitsbereich. Dramatisch gestalten sich für die Frauen, die durch die Flucht oft völlig veränderten familialen Strukturen auf die sich Geflüchtete ad hoc einzurichten haben und die Gewöhnung bzw. Anpassung an andere ungewohnte Genderrollen.Das aktuelle Hilfesystem in den Zufluchtsländern kann sich oft nur sehr begrenzt auf diese individuellen Bedarfe vorbereiten.
- Gewalt gegenüber Prostituierten: Yvette Völschow, Mascha Körner, Wiebke Janßen und Silke Gahleitner
Im folgenden Beitrag liefern die Autorinnen eine Situations – und Datenanalyse zu Gewalt gegen Menschen, die sich prostituieren. In ausführlichen Konzepten werden sozialpädagogische Ansätze zur universellen Prävention für alle und selektive Prävention für Risikogruppen vorgeschlagen. Als sozialpädagogische Interventionsmaßnahme sehen die Autoren eine eng mit der Tätigkeitsanmeldung verknüpfte Gesundheitsberatung.
- Gewalt im Justizvollzug: Thomas Görgen und Christian Knirsch
Über eine mögliche Rolle des Strafvollzugs als „Brutstätte“ späterer Gewalthandlungen in wiedererlangter Freiheit wurde immer wieder diskutiert. Die Autoren gehen von der Feststellung aus, dass Gewalt vielfach alltägliche Vollzugsrealität im Gefängnis ist. Verurteilungen wegen Gewaltanwendung führt überdies oft erst in den Vollzug. Überdies entwickeln und ereignen sich Gewalthandlungen auch zwischen den Strafgefangenen. So ist Gewalt im Vollzug also auch ein strukturelles Merkmal. Die Autoren stellen allerdings fest und bedauern, dass es gegenwärtig an kontrollierten Studien zur Evaluation gewaltpräventiver Maßnahmen im Vollzug mangelt.
5. Konzepte zum Gewaltschutz nachhaltig implementieren
Den Abschluss des Handbuches bilden im 5. Kapitel des Buches Berichte aus der Praxis, die zur Planung konkreter Präventions- und Interventionsmaßnahmen inspirieren sollen.
- Rosemarie Horcher-Metzger: Von institutionellen Einzelkämpferinnen zur (hilfe)systemübergreifenden Koperation. Frühe Hilfen vernetzen Gesundheitssystem und Jugendhilfe
- Sabine Stövesand: „StoP“ – Stadtteile ohne Partnergewalt. Gesundheitsförderung durch Gemeinwesenarbeit
- Petra Antoniewski: „GeSA (Gewalt-Sucht-Ausweg )“ – Emfehlungen aus einem vierjährigen Bundesmodellprojekt zur Verbesserung der Versorgung gewaltbetroffener Frauen mit einer Suchtproblematik
- Marion Winterholler und Dorothea Sautter: Intervention im Gesundheitswesen bei häuslicher Gewalt – Empfehlungen von S.I.G.N.A.I.
Diskussion
Die Autoren und Autorinnen beleuchten ihre Standpunkte aus sehr verschiedenen und – wie man erwarten kann – deutlich wissenschaftsbezogenen Positionierungen. Hervorragend die gründlichen und analytischen Recherchen und der stete Blick auf Meinungen, die abweichen von eigenen Forschungsergebnissen oder auf Ergänzungen zu den behandelten Themenkomplexen hinweisen. Zu allen Themenstellungen gibt es ein umfassendes Literaturverzeichnis und/oder Quellenangaben. Um den Transfer empirischer und analytischer Darstellungen verschiedenster Themen zur interpersonellen Gewalt und Public Health für die Praxisnutzung zu erleichtern, wünscht man sich allerdings gelegentlich – es ist ja auch ein Praxishandbuch – einen etwas deutlicheren Anwendungsbezug. Es gibt viele Stellen (Institutionen), die eine praxisorientierte Unterstützung und Hilfe gut gebrauchen könnten: gemeint ist u.a. das Öffentliche Gesundheitswesen und der kommunale öffentliche Gesundheitsdienst.
Fazit
Es lohnt sich dieses Praxishandbuch anzuschaffen. Das Buch „Interpersonelle Gewalt und Public-Health“ führt ein in ein großes Themenfeld, das mit viel Gründlichkeit, Wissenschaftlichkeit und Fachkompetenz den Wissenstand zu einem Fachbereich wiedergibt, der so umfassend nur selten publiziert wird. Die Anschaffung ist ein „Muss“ für alle Studierende in entsprechenden Fachgebieten sowie Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen im Gesundheitswesen.
Rezension von
Dr. Peter Michael Hoffmann
Dipl. Sozialwissenschaftler, Sozialarbeiter, freier Autor
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