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Beat Schmocker: Paula Lotmar und die Profession­alisierung

Rezensiert von Farina Eggert, 30.12.2025

Cover Beat Schmocker: Paula Lotmar und die Profession­alisierung ISBN 978-3-8474-3075-9

Beat Schmocker: Paula Lotmar und die Professionalisierung der Sozialen Arbeit. Zur Aktualität einer Wegbereiterin für Ausbildung und Theorieentwicklung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2024. 121 Seiten. ISBN 978-3-8474-3075-9. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR.

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Thema

Das vorliegende Werk bietet eine umfassende wissenschaftliche Analyse des Lebenswerks und der theoretischen Beiträge von Paula Lotmar zur Entwicklung der Sozialen Arbeit als Profession. In der deutschsprachigen Fachdiskussion wird die Professionalisierung der Sozialen Arbeit häufig aus historischen oder gegenwartsbezogenen Perspektiven betrachtet. Das Buch von Beat Schmocker schließt eine wichtige Lücke, indem es gezielt eine Schlüsselfigur dieser Professionalisierungsbewegung in den Fokus nimmt, deren Ideen und Konzepte bis heute orientierungsgebend wirken. Der Autor zeigt, dass Lotmars Denken nicht nur historisch relevant ist, sondern in einer Zeit von Ökonomisierung und Professionalisierungsdruck eine irritierende Aktualität besitzt.

Autor

Beat Schmocker, Autor und Herausgeber dieser Monografie, verfügt über langjährige Expertise in der Ausbildung und Theorieentwicklung der Sozialen Arbeit im deutschsprachigen Raum. Er ist Sozialarbeiter und Sozialarbeitswissenschaftler Professor für Geschichte, Theorie und Ethik Sozialer Arbeit.

Hinsichtlich des vorliegenden Titels versteht er sich nicht als Historiker im engeren Sinn, sondern ausdrücklich als Fachvertreter der Theoriegeschichte der Sozialen Arbeit. Im Prolog schreibt er über seine Motivation: Ihn interessiere „die theorie‑geschichtliche Entwicklung der Sozialen Arbeit“ und „in diesem Zusammenhang […] das Wissen und Schaffen von Paula Lotmar“; er wolle mit seiner Arbeit lediglich „eine Sammlung meiner fachlichen Reflexionen und subjektiven Gedanken“ vorlegen und die Leser:innen einladen, ihm bei der Spurensuche „gleichsam über die Schultern zu schauen“ (Prolog, S. 9 f.). Damit positioniert er sich klar als Theoretiker und Reflexionsinstanz innerhalb der Profession, nicht als externe Geschichtswissenschaft.

Entstehungshintergrund

Im Prolog beschreibt Beat Schmocker, dass der erste Impuls aus seinem Seminar zur Geschichte der Sozialen Arbeit stammte, als Studierende bereits 2002 nach „schweizerischen Pionierinnen“ fragten und dabei eine erste „vage Spur“ zu Paula Lotmar entdeckten (Prolog, S. 7 f.). Trotzdem vergingen „gut zwanzig Jahre“, in denen er dieser Spur – trotz weiterer Hinweise, etwa auf Lotmars Studie zur internationalen Definition Sozialer Arbeit – zunächst nicht systematisch nachging (Prolog, S. 8). Erst 2016 begann er mit einer gezielten Spurensuche im von Paula Lotmar selbst stark selektierten Nachlass, erkannte dabei einen Fundus, der sich problemlos in den aktuellen Fachdiskurs einfügen lasse und publik gemacht gehöre (Prolog, S. 9). Im Epilog fasst Schmocker das Ergebnis dieser rund „viertel Jahrhundert“ währenden Wegstrecke als „kleinen“ und „bescheidenen“ Beitrag gegen das Unsichtbar‑Machen einer Pionierin zusammen und versteht das Buch ausdrücklich als Einladung an „studierende Kolleginnen oder Kollegen“, das Werk Paula Lotmars weiter zu erforschen (Epilog, S. 109 f.).

Aufbau und Struktur

Der Band gliedert sich in vier Hauptkapitel sowie Prolog und Epilog. Nach einer biografischen Annäherung folgt die systematische Rekonstruktion zentraler fachlicher Standpunkte Lotmars sowie eine vertiefte Analyse ihrer konzeptionellen Beiträge zur Sozialen Arbeit. Den Abschluss bildet eine explizite Würdigung ihrer Bedeutung für die Bereichsethik der Sozialen Arbeit. Diese Struktur ermöglicht es Lesenden, sukzessive in die Tiefe von Lotmars Gedankenwelt einzudringen.

Ergänzt wird das Buch durch ein Werk- und Personenverzeichnis sowie ein umfangreiches Literaturverzeichnis.

Inhalt

Prolog

Im Prolog stellt Schmocker die leitende Frage nach den schweizerischen Pionierinnen der Sozialen Arbeit und positioniert Paula Lotmar bewusst neben international bekannten Figuren wie Jane Addams, Mary Richmond oder Alice Salomon (S. 7 f.)

Kapitel 1: Annäherung an die Person Paula Lotmar

Das Buch beginnt mit einer biografischen Einordnung und zeigt, dass Lotmars theoretische Positionen nicht abstrakt aus dem Nichts entstanden sei, sondern tief in ihren persönlichen Erfahrungen und dem historischen Kontext verankert seien. Schmocker dokumentiert, dass Lotmar als drittes Kind in einer wissenschaftlich und kulturell geprägten Familie aufwächst. Ihre Kindheit und Jugend sind geprägt von politischen Umbrüchen und gesellschaftlichen Transformationen, die ihr Weltverständnis grundlegend prägen. Eine zentrale Erkenntnis dieses Kapitels ist: Große Professionsdenkerinnen verbinden ihre wissenschaftliche Arbeit mit persönlichem Engagement und ethischem Einsatz. Lotmars biografischer Hintergrund erkläre die Authentizität ihres späteren Handelns für soziale Gerechtigkeit und professionelle Hilfe.

Kapitel 2: Standpunkte und Perspektiven zur Sozialen Arbeit von Paula Lotmar

In diesem zentralen Kapitel werden Lotmars grundlegende Überzeugungen und ihr Verständnis von Sozialer Arbeit elaboriert. Schmocker arbeitet hier folgende Kernpunkte heraus:

Das Verständnis von Sozialer Arbeit wird von Lotmar klar definiert. Sie bestimmt Soziale Arbeit im dritten Kapitel gebündelt als:

„ein helfender Beruf, der sich mit der Hilfe bei der gegenseitigen Anpassung zwischen Einzelnen/​Familien/​Gruppen/​Gemeinschaften und deren Umwelt befasst, indem sie in organisierter und sachkundiger Weise die individuellen Kräfte von Hilfsbedürftigen und Helfern, die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Hilfsquellen der Gesellschaft einsetzt und fördert.“ (S. 62)

Dies sei ein relationaler, nicht-pathologisierender Ansatz, der sich fundamental von einer defizitorientierten Sicht unterscheide.

Zentral sei Lotmars Verständnis Sozialer Arbeit als menschenbezogene Tätigkeit: Im Mittelpunkt würden stets die Menschen in ihren sozialen Bezügen stehen, nicht institutionelle oder verwaltungstechnische Logiken (S. 32–33). Das Menschenbild sei dabei zentral. Lotmar formuliert, dass Hilfsbedürftige für sie in erster Linie Menschen seien, bei denen ein Bedarf an ‚Hilfe' bestehe. Diese ‚Hilfe' sei eine Form des gemeinschaftlichen Handelns der Menschen, womit sie ihre ‚Strukturen' bilden (S. 32). Dies zeige laut Schmocker, dass sie Hilfebedarf nicht als individuales Stigma, sondern als Möglichkeit zur gemeinschaftlichen Gestaltung versteht.

Ein revolutionärer Aspekt sei Lotmars Betonung soziowissenschaftlichen Wissens und die Reflexivität professionellen Handelns (S. 37–44). Sie sei überzeugt, dass Soziale Arbeit sich auf solide wissenschaftliche Grundlagen stützen müsse. Empirie und theoretische Reflexion seien nicht optional, sondern unverzichtbar für professionelle Praxis. Menschenrechte und Bedürfnisansätze würden dabei tragende Pfeiler ihres Professionsverständnisses bilden (S. 39–41). Dies unterscheide ihren Ansatz fundamental von einer Sicht, die Soziale Arbeit als künstlerisches Improvisieren oder bloße Nächstenhilfe verstehe.

Die professionelle Verantwortung sei ein weiterer Schwerpunkt. Lotmar unterstreiche die zentrale Rolle ausgebildeter Fachpersonen in der Sozialen Arbeit und deren Zusammenarbeit mit freiwilligen Helfern bei bestimmten Aufgaben (S. 28). Dies verdeutliche, dass Fachpersonen eine explizite Verantwortung gegenüber ihren Klientinnen und Klienten tragen würden, die über alltägliche Hilfe hinausgehe. Sie müssten sich ihrer Macht und ihres Einflusses bewusst sein und diesen reflektieren.

Kapitel 3: Annäherung an die Konzeptionistin Paula Lotmar

Dieses umfangreiche Kapitel elaboriert Lotmars theoretische Konzepte im Detail. Schmocker entwickelt vier zentrale Dimensionen:

  • Menschenbild der Sozialen Arbeit
  • Gegenstandsbereich der Sozialen Arbeit
  • Zuständigkeits- und Funktionsbereich der Sozialen Arbeit
  • Normative Handlungstheorie der Sozialen Arbeit
  • Berufs- und ausbildungspolitische Themen

Zunächst wird ihr Menschenbild entfaltet, das von einer untrennbaren Verbindung individueller Bedürfnisse und gesellschaftlicher Verantwortung ausgehe (S. 54–57). Sie gehe von einem humanistischen Verständnis aus, das jedem Menschen Würde, Potenzial und Autonomie zuschreibt (S. 54–57). Dies sei nicht abstrakt-philosophisch, sondern präge konkret die Gestaltung von Hilfebeziehungen. Menschen würden nicht als „Probleme“ oder als passive Objekte von Intervention verstanden werden, sondern als Subjekte ihrer eigenen Entwicklung, die aktiv an Prozessen der Problemlösung beteiligt seien.

Darauf aufbauend analysiert Schmocker Lotmars Bestimmung des Gegenstandsbereichs Sozialer Arbeit. Lotmars zentrale Idee sei, dass Soziale Arbeit sich mit der gegenseitigen Anpassung zwischen Individuen und ihrer sozialen Umwelt befasse (S. 58–76). Dies sei ein relationaler, nicht-pathologisierender Ansatz. Es gehe nicht darum, Individuen anzupassen oder zu „reparieren“, sondern um einen Prozess der gegenseitigen Verständigung und der Gestaltung besserer Lebensbedingungen. Probleme würden als Interaktionsprobleme zwischen Person und Umwelt verstanden werden, nicht als individuelle Defizite. Dabei spanne sich der Verantwortungsbereich über drei Ebenen: die Mikroebene des Individuums, die Mesoebene von Gruppen und Gemeinschaften sowie die Makroebene gesellschaftlicher Strukturen (S. 62).

Es folgen Ausführungen zum Verständnis von Zuständigkeits- und Funktionsbereichen Sozialer Arbeit, das weit über eine rein technische Aufgabenbeschreibung hinausgeht. Sie verstehe die primäre Mission der Sozialen Arbeit als eine Hilfe zur wechselseitigen Anpassung innerhalb der Gesellschaft, wobei sie besonderes Gewicht auf zwischenmenschliche Beziehungen, soziale Strukturen und die Befähigung von Individuen läge (S. 63–76).

In Lotmars Konzeption richte sich die Soziale Arbeit auf die Bearbeitung sozialer Bedürfnisse und Probleme aus, wobei sie bewusst strukturelle Ursachen in den Blick nehme. Ihr Ziel sei es, Kompetenzen zu entwickeln und soziale Integration zu fördern (S. 65). Ziel der Sozialen Arbeit sei es außerdem „das Unabhängig-Machen der Klientinnen und Klienten von jeglicher Hilfe und Abhängigkeit (…)“ zu fördern (S. 65).

Der Funktionsbereich Sozialer Arbeit bestehe nach Lotmar also darin, Menschen bei der Bewältigung sozialer Schwierigkeiten zu unterstützen, soziale Anpassungsprozesse zu fördern und gesellschaftliche Hilfsressourcen zugänglich zu machen. Dabei betont sie, dass Soziale Arbeit nicht nur reagierend, sondern auch vorbeugend und strukturverändernd tätig sein müsse (S. 69–72). Fachliches Handeln richte sich somit sowohl auf individuelle Lebenslagen als auch auf soziale Rahmenbedingungen.

Besonderes Gewicht legt Lotmar auf die professionelle Verantwortung, die sich aus diesem Zuständigkeits- und Funktionsverständnis ergäbe. Da Fachpersonen im Auftrag der Gesellschaft handeln würden (S. 63–66) und zugleich den Interessen der Adressatinnen und Adressaten verpflichtet seien (S. 66–69), bewege sich Soziale Arbeit stets in einem Spannungsfeld unterschiedlicher Erwartungen (S. 69–72). Schmocker macht deutlich, dass Lotmar dieses Spannungsfeld nicht als Defizit, sondern als konstitutives Merkmal professioneller Sozialer Arbeit begreife (S. 72–74).

Die Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit lasse sich nach Paula Lotmar – wie Beat Schmocker herausarbeitet – analytisch im Modell der drei Mandate Sozialer Arbeit fassen, das Lotmar ihren Konzeptionen implizit zugrunde legt und das Silvia Staub-Bernasconi später explizit und anschlussfähig an den internationalen Fachdiskurs ausformuliere (Staub-Bernasconi 2018).

Demnach stehe Soziale Arbeit erstens im gesellschaftlichen Mandat, das von Sozialpolitik, Sozialwesen und Anstellungsträgern ausgehe und historisch häufig als Doppelmandat von Hilfe und Kontrolle wirksam sei. Zweitens sei sie dem Mandat der Adressatinnen und Adressaten verpflichtet, das sich aus deren – impliziten oder expliziten – Bedarfen und menschenrechtlichen Ansprüchen ableite. Drittens verfügt Soziale Arbeit über ein eigenständiges fachliches Mandat, das professionstheoretisch als vorrangig gelte. Dieses gründet auf wissenschaftlich fundiertem Professionswissen, einer spezifischen Bereichsethik Sozialer Arbeit sowie einer übergreifenden Menschenrechtsorientierung, die als zentrale Legitimation professionellen Handelns fungiere (S. 75).

Abschließend thematisiert Lotmar die Notwendigkeit, professionelles Handeln auch im Hinblick auf seine Wirksamkeit und Angemessenheit zu reflektieren. Die Frage nach dem Verhältnis von Aufwand und Ertrag würde dabei erstmals explizit in den Kontext professioneller Zuständigkeit gestellt und bereite die anschließenden Überlegungen zur normativen Handlungstheorie vor (S. 74–75).

Ein weiteres zentrales Element von Lotmars konzeptionellem Denken bilde ihre normative Handlungstheorie der Sozialen Arbeit, die Beat Schmocker ausführlich herausarbeitet. Lotmar verstehe professionelles Handeln nicht als rein technisches oder methodisches Tun, sondern als ethisch gebundene Praxis, die sich stets an normativen Maßstäben orientieren müsse. Soziale Arbeit sei für sie untrennbar mit Verantwortung verbunden, da Fachpersonen aufgrund ihres Wissens- und Machtvorsprungs in asymmetrischen Beziehungen handeln würden (S. 76–80). Fachliches Handeln müsse daher nicht nur analytisch begründet, sondern auch ethisch reflektiert werden. Schmocker arbeitet heraus, dass Lotmar früh vor Risiken wie Manipulation, Willkür und paternalistischem Handeln warne und dem die Forderung nach einer verbindlichen professionsethischen Orientierung entgegensetze (S. 78–80).

Paula Lotmar beantworte die Frage nach fachlich, ethisch und methodisch korrektem Handeln in der Sozialen Arbeit bereits 1970 in einer Weise, die heutigen handlungswissenschaftlichen Modellen bemerkenswert nahekommt. Korrektes professionelles Handeln läge demnach dann vor, wenn es auf wissenschaftlich fundiertem Fachwissen basiere, dieses Wissen in einer fachlichen und normativen Beurteilung zu einer Zielsetzung verdichtet werde, daraus begründete Handlungspläne entwickelt werden würden und das Handeln kontrolliert sowie fachlich, ethisch und methodisch reflektiert umgesetzt werde (S. 84). Wesentlich ist zudem die systematische Evaluation der Ergebnisse, deren Erkenntnisse wiederum in die Weiterentwicklung von Theorie und Methoden einfließe (S. 85).

Dieses Vorgehen entspricht dem handlungstheoretischen Prinzip professioneller Sozialer Arbeit, das sich als Theorie mittlerer Reichweite beschreiben lässt. Fachpersonen analysieren soziale Handlungssituationen, beurteilen sie prognostisch, normativ und zielorientiert, entwerfen präskriptive Umsetzungspläne, setzen diese um und evaluieren fortlaufend ihre Wirksamkeit. Darüber hinaus gehöre zur Professionalität auch die kritische Reflexion des Sozialwesens, das Soziale Arbeit beauftragt und ihre fachliche Handlungsmacht fördert oder begrenzt (vgl. Schmocker, in: Portmann & Wyrsch 2019:210–228).

Die berufs- und ausbildungspolitischen Überlegungen Paula Lotmars werden von Beat Schmocker erst im weiteren Verlauf des Kapitels explizit entfaltet. Zentrale These ist, dass die Professionalisierung Sozialer Arbeit untrennbar mit der Qualität der Ausbildung verbunden sei. Ausbildung sei für Lotmar nicht bloß Qualifikation für bestehende Praxis, sondern ein strategischer Ort der Theorieentwicklung, normativen Klärung und professionspolitischen Positionierung (S. 86–88).

Lotmar begreife Soziale Arbeit als gesellschaftlich notwendige, jedoch nicht selbstverständlich legitimierte Dienstleistung. Fragen von Qualität, Wirksamkeit und verantwortlichem Ressourceneinsatz verknüpft Lotmar in diesem Kontext mit der Verpflichtung der Profession, ihre gesellschaftliche Legitimation kontinuierlich zu sichern. Zugleich betone Lotmar die berufspolitische Verantwortung der Ausbildung. Diese solle Fachpersonen befähigen, sich kritisch mit den Rahmenbedingungen des Sozialwesens auseinanderzusetzen und fachliche Standards selbstbewusst zu vertreten. Soziale Arbeit würde damit nicht als ausführendes Organ, sondern als mitgestaltende Profession verstanden werden (S. 92–95)

Schmocker zeigt, dass sie damit früh auf Anforderungen reagiert, die heute unter Stichworten wie Wirkungsorientierung und Professionalisierungsdebatte verhandelt werden, ohne diese auf ökonomische Steuerungslogiken zu verkürzen (S. 86–97).

Kapitel 4: Die Bereichs-Ethik der Sozialen Arbeit – Eine Reverenz vor Paula Lotmar

Das fünfte Kapitel behandelt Lotmars ethische Grundlegungen. Schmocker zeigt, dass Ethik nicht ein add-on zu ihrer Theorie sei, sondern ihr Kern. Er würdigt Lotmar als eine Denkerin, die Soziale Arbeit früh als normativ gebundene Profession verstanden hat, deren Handeln nicht allein fachlich, sondern stets auch ethisch zu verantworten ist. Lotmars Überlegungen zur Machtposition von Fachpersonen, zur Verantwortung gegenüber den Adressatinnen und Adressaten sowie zur Qualität professionellen Handelns würden dabei als zentrale Bausteine einer Bereichsethik Sozialer Arbeit herausgestellt werden.

Schmocker zeigt, dass Lotmars Denken auf eine ethische Selbstbindung der Profession zielt, die Machtmissbrauch vorbeuge, Transparenz fördere und fachliche Willkür begrenze. Ethische Orientierung erscheine nicht als Zusatz, sondern als integraler Bestandteil professioneller Fachlichkeit. Besonders betont wird, dass Lotmar Qualität, Verantwortung und Wirksamkeit Sozialer Arbeit eng miteinander verknüpfe und damit ethische, fachliche und organisatorische Anforderungen zusammendenke.

Insgesamt versteht Schmocker diesen Abschnitt als bewusste Reverenz: Lotmars Werk wird nicht nur historisch gewürdigt, sondern als wichtiger Referenzrahmen für gegenwärtige und zukünftige professionsethische Debatten der Sozialen Arbeit ausgewiesen (S. 108).

Epilog

Der Epilog zieht die Fäden zusammen und reflektiert die Gegenwartsbedeutung von Lotmars Werk. Schmocker arbeitet heraus, dass Lotmars Ansatz nicht historisch überwunden ist. Vielmehr gewinnt sein Ansatz in einer Zeit von Professionalisierungsdruck und Ökonomisierung der sozialen Dienste an Dringlichkeit. Seine zentrale These: Wir brauchen Lotmars theoretische Klarheit und ihre ethische Unerschütterlichkeit heute mehr denn je.

Diskussion

Das Werk besticht durch seine wissenschaftliche Gründlichkeit und quellengestützte Herangehensweise. Schmocker gelingt es, Lotmars Denken nicht nur darzustellen, sondern es in seinen historischen Kontext einzuordnen und zugleich seine Aktualität zu bewahren. Besonders beeindruckend ist die Verbindung zwischen Biografischem, Konzeptionellem und Ethischem – diese drei Dimensionen werden nicht isoliert behandelt, sondern in ihrer gegenseitigen Bedingtheit gezeigt. Erstaunlich ist dabei, wie viel theoretisches, normatives und professionspolitisches Fundament Schmocker auf vergleichsweise wenigen Seiten entfaltet und wie anschlussfähig diese Überlegungen trotz ihres historischen Entstehungskontexts bis heute geblieben sind.

Ein großer Vorzug liegt darin, dass das Werk nicht rein historisch orientiert ist. Schmocker reflektiert kontinuierlich, welche von Lotmars Konzepten in der gegenwärtigen Fachdiskussion noch präsent sind und wo Weiterentwicklungen stattgefunden haben. Dies macht das Buch zu einer reflexiven Auseinandersetzung mit Professionsgründung und -legitimation.

Besonders überzeugend ist die Darstellung von Lotmars Verständnis fachlich, ethisch und methodisch korrekten Handelns. Lange bevor handlungswissenschaftliche Modelle in der Sozialen Arbeit etabliert wurden, formuliert Lotmar ein Vorgehen, das auf analytischem Fachwissen, normativer Beurteilung, begründeter Zielsetzung, planvoller Intervention und systematischer Evaluation basiert. Dieses Vorgehen entspricht in seiner Struktur dem, was heute als handlungstheoretisches Prinzip professioneller Sozialer Arbeit gilt, und lässt sich als Theorie mittlerer Reichweite einordnen (vgl. Schmocker, in: Portmann & Wyrsch 2019:210–228). Die Aktualität dieses Ansatzes wird im Buch überzeugend herausgearbeitet.

Auch Lotmars Bestimmung der Zuständigkeits- und Funktionsbereiche Sozialer Arbeit erweist sich als anschlussfähig an heutige Professionsdebatten. Soziale Arbeit wird nicht als eindeutig abgegrenztes Tätigkeitsfeld verstanden, sondern als professionelles Handeln im Spannungsfeld gesellschaftlicher Aufträge, institutioneller Rahmenbedingungen und der Bedürfnisse der Adressatinnen und Adressaten. Schmocker zeigt, dass Lotmar diese Mehrdimensionalität nicht als Defizit, sondern als konstitutives Merkmal professioneller Sozialer Arbeit begreift, das reflexive, normativ gebundene Fachlichkeit erforderlich macht (S. 63–75)

Besondere Aufmerksamkeit verdient Lotmars frühe Auseinandersetzung mit der Community Organization. Ihr Verständnis von Gemeinwesenarbeit als Aktivierung sozialer Beziehungen, Förderung von Partizipation und Ermöglichung kollektiver Selbsthilfe hebt sich deutlich von einem rein methodentechnischen Zugriff ab. Die Rolle der Fachpersonen liegt nach Lotmar primär in der Befähigung von Menschen, ihre sozialen Beziehungen so zu gestalten, dass kooperative und nachhaltige Lösungen möglich werden. Damit antizipiert sie Konzepte, die erst später unter Stichworten wie Empowerment oder Sozialraumorientierung breitere Rezeption erfahren.

Kritisch anzumerken ist, dass der diskursive Zugang des Autors stellenweise eine hohe Konzentration erfordert. Wiederholungen sind konzeptionell begründet, erschweren jedoch mitunter den schnellen Zugriff. Gleichzeitig ist gerade diese Vorgehensweise Voraussetzung dafür, die feinen Entwicklungslinien in Lotmars Denken sichtbar zu machen.

Die detaillierten Seitenangaben und die Integration direkter Zitate von Lotmar ermöglichen es Lesenden, die Argumente nachzuvollziehen und ggfs. im Original nachzulesen. Dies entspricht hohen Ansprüchen wissenschaftlicher Redlichkeit und erlaubt es, Lotmars Gedanken in ihrer Originalgestalt kennenzulernen.

Als Besonderheit ist hervorzuheben, dass Schmocker keine Hagiografie schreibt. Er würdigt Lotmars Werk, ohne es zu verklären. Dies macht das Buch auch für kritisch-reflektierende Leserinnen und Leser interessant.

Fazit

Schmocker legt mit diesem Werk eine unverzichtbare Einführung in das Lebenswerk von Paula Lotmar vor, die zeigt, wie ihre Ideen zu Menschenbild, Professionalität und Ethik auch heute noch Orientierung für eine reflektierte Praxis bieten. Das Buch besticht durch wissenschaftliche Gründlichkeit und ist besonders wertvoll für Studierende, Lehrende und Supervisorinnen und Supervisoren der Sozialen Arbeit.

Rezension von
Farina Eggert
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (B.A; M.A), Systemische Beraterin (DGSF)
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Es gibt 18 Rezensionen von Farina Eggert.

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ISSN 2190-9245