Simon W. Kolbe, Jean-Pol Martin (Hrsg.): Praxishandbuch Lernen durch Lehren
Rezensiert von Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle, 05.05.2026
Simon W. Kolbe, Jean-Pol Martin (Hrsg.): Praxishandbuch Lernen durch Lehren. Kompendium eines didaktischen Prinzips. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 238 Seiten. ISBN 978-3-7799-7596-0. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR.
Einführung in das Thema
In den Bildungssystemen aller deutschsprachigen Länder entwickeln sich die Reformkonzepte seit vielen Jahren mit dem zunehmenden Druck durch PISA‑ und TIMSS-Studien, dem sinkenden Bildungsniveau, das sich in Studien abzeichnet, der allgemeinen Digitalisierung und Mediatisierung von Bildung und nicht zuletzt dem Aufkommen von maschinellem Lernen und KI-Programmen. Dabei stehen reformpädagogische Konzepte, forschendes, problemorientiertes, exploratives und selbstorganisiertes Lernen in einer Reihe weiterer, teils empirisch gut validierter, teils umstrittener Konzepte und Methoden für Schule und Unterricht. Eine große Vielfalt an Konzepten kooperativen Lernens gehört ebenfalls zu den bekannten Innovationen von Schule und Unterricht. Kooperatives Lernen ist seit vielen Jahrzehnten (Huber, 1984) ein anerkanntes didaktisches Prinzip in Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung, in vielen Varianten angewandt, weiterentwickelt und ausdifferenziert: Kooperatives Lernen (Borsch et al., 2023; Huber, 2007; Konrad & Traub, 2019), Wechselseitiges Lehren-Lernen/WELL (Wahl, 2013; Wahl, Meyer, Schlee & Schubiger, 2020), Jigsaw-Methoden (Aronson & Patnoe, 1997), reziprokes Lernen (Hattie, Beywl & Zierer, 2015) oder wie im vorgelegten Buch von Kolbe & Martin genannt «Lernen durch Lehren» (LdL).
Hintergrund des Buches
Das Konzept «Lernen durch Lehren» wurde von J.-P. Martin in den frühen 1980er-Jahren für die Französisch-Didaktik entwickelt. Seit seiner Begründung und trotz zunehmender Verbreitung existierten nur vereinzelte Zeitschriftenbeiträge von Martin (Martin, 1996, 2000) und weiteren Anwender:innen (z.B. Stollhans, 2016). Im Fachportal Pädagogik sind nur wenige Beiträge zu Unterrichtsbeispielen von LdL in Fachzeitschriften auffindbar. Das Buch fasst nun als erste grundständige Publikation das durch Martin entwickelte Konzept theoretisch, konzeptionell und unterrichtspraktisch.
Die Herausgeber
Jean-Pol Martin war Gymnasiallehrer für Französisch in Bayern und von 1980 bis 2008 Dozent für Sprachdidaktik an der Katholischen Universität Eichstätt, ab 2000 als Professor. Er hat Mitte der 1980-er Jahre das LdL-Konzept begründet und verbreitet.
Simon W. Kolbe ist Professor für Soziale Arbeit an der SRH-University (for Applied Sciences), einem privaten Fernfachhochschulverbund. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Internationale Soziale Arbeit, Migration und Inklusion.
Aufbau und Inhalt des Buches
In Teil 1 erläutert Kolbe in drei Beiträgen grundlegende Prinzipien von Lernen durch Lehren. Der erste Beitrag stellt LdL als didaktisches Grundprinzip dar, er macht Bezüge zur Geschichte der Pädagogik und konstatiert deren Eignung, weit über das Fremdsprachenlernen hinaus, für nahezu jede Lernumgebung. Im zweiten Beitrag werden vier Prinzipien und sechs Schritte in der Umsetzung von LdL skizzenhaft umrissen. Der dritte Beitrag will mit einer 2023 erhobenen Online-Umfrage unter 18 Personen, die LdL als Lehrpersonen oder Lernende nutzen, positive Wirkungen von LdL nachweisen. Der Bezug auf die bekannte Hattie-Rangliste (Beywl & Zierer, 2024; Hattie et al., 2015), die reziprokem Lernen eine gute Effektstärke von 0,74 bescheinigt, wird dabei als Referenz genommen, bleibt aber durch die selektive und geringe Teilnehmerzahl der Stichprobe wenig aussagekräftig.
Teil 2 enthält sechs Erfahrungsberichte zu LdL in Schule und Ausbildung: Cau-Akkoç schildert den erstmaligen Einsatz von LdL im Englischunterricht an einer Förderschule und erläutert die nötigen Anpassungen des Ansatzes für die schulische Sonderpädagogik. Schuhladen reflektiert ihre Erfahrungen im Französischunterricht einer 9. Realschulklasse und fokussiert dabei besonders aufgrundbedürfnisse der Lernenden und deren Erfüllung im Unterricht. Ebers berichtet von seinen Versuchen, LdL mit sokratischer Gesprächsführung zu verbinden, dies in einem stark moderations-/​dialogorientierten Unterricht in der tertiären beruflichen Ausbildung in Sozial‑ und Gesundheitsberufen. Leitzgen beschreibt seine Bemühungen, das geringe Interesse einer 11. Gymnasialklasse am traditionellen Französischunterricht mit LdL zu überwinden und schildert positive Erfahrungen, aber auch Grenzen des Ansatzes. Auch Graef und Zirkelbach beschreiben ihre langjährigen positiven Erfahrungen mit LdL, ebenfalls im Französischunterricht. Teil 3 schildert Erfahrungen mit LdL an Hochschulen und in der Erwachsenenbildung. Die fachspezifischen Beiträge erläutern den Einsatz von LdL im Deutschunterricht für Erwachsene (Grzega), im Lehramtsstudium im Fach Deutsch (Guse) und in der hochschulischen Managementlehre (Becker). Anricht diskutiert LdL in Verbindung mit digitalen Lernstrukturen und KI. Den Abschluss bildet ein Beitrag von Ruep und Malihah zum Einsatz von LdL an einer Universität in Indonesien. Im Teil 4 gibt Kolbe einen Einblick ins Leben des Begründers von LdL mit Auszügen aus den von 2009 bis 2020 auf WIKIversity geschriebenen autobiographischen Texten von Martin.
Diskussion
Das Buch ist in der theoretisch-didaktischen Verortung und Beschreibung, der Begründung und kritischen Analyse von LdL von eher bescheidenem Erkenntniswert: Eine fundierte erziehungswissenschaftlich-didaktische Rahmung und Grundlegung in Teil 1 fehlt, die Elemente von Martins heterogenen theoretischen Bezügen wirken an der Oberfläche verarbeitet sowie eklektisch und inkohärent zusammengefügt. Vergleichbare Konzepte reziproken Lehren-Lernens, die in großer Zahl vorliegen, werden ignoriert und das Konzept LdL in der Landschaft aktivierend-partizipativer Didaktik nicht verankert, sondern als didaktisches Solitär präsentiert, das es nicht ist. Die empirische Evidenz des Konzepts wird überhöht und mit der Mikroanalyse eine wenig aussagekräftige Schein-Empirie präsentiert. Die Bezüge zu Hattie sind plausibel, die zu einer konstruktivistischen Pädagogik oder zur VUCA-Welt wenig überzeugend und eher plakativ. Warum ausgerechnet LdL zur Bewältigung volatiler, ungewisser, komplex-ambiguer Lebenswelten beitragen soll, bleibt offen. Martins Idee der «Konzeptualisierung» (Netzwerkdenken durch Erstellung kognitiver Landkarten) wird das Buch so nicht gerecht. Die instruktionalen Teile des Buchs bleiben dürftig, sodass ein eigenständiger Einsatz von LdL aufgrund der Ausführungen erheblicher weiterer Lektüre bedarf – von einem didaktischen Kompendium dürfte man mehr und genauere Instruktion erwarten. Die Praxisbeiträge – vermutlich aus dem engeren Kreis des von Martin begründeten LdL-Netzwerks – sind von hohem pädagogischen Engagement und Begeisterung für das Konzept getragen, teils sehr anregend, teils aber auch sehr affirmativ geschrieben. Kritische Anmerkungen, Grenzen und Herausforderungen zum Konzept finden sich eher selten. Der Anspruch, mit LdL ein allgemeines didaktisches Prinzip konstituiert zu haben, wird in den Beiträgen weder theoretisch-empirischvon Martin begründeten noch praktisch eingelöst. Zum Beispiel Kolbes Anspruch der «educational justice», also Bildungsgerechtigkeit oder Chancengleichheit, nicht belegt, die Überforderung schwächerer Lernenden wird im Buch unterschätzt und die bekannten kritischen Einwände auf kooperatives Lernen, das den Matthäus-Effekt (Kuhn, 2022) begünstigt (Matthäus 13,12: «Denn wer da hat, dem wird gegeben»), werden nicht aufgenommen. Das Konzept LdL wird im Buch sehr optimistisch propagiert, kritische Perspektiven aus der Lernpsychologie, Bildungssoziologie oder vergleichenden Bildungsforschung fehlen. Der vierte Teil mit den Auszügen aus Martins Internetbiografie zeigt einen Pädagogen mit großer Mission, Vision und einem quasi-religiösen Sendungsbewusstsein, leider aber ebenso ein teils befremdliches Ausmaß an Selbstbespiegelung des Gründers.
Das Buch gibt einen ersten Einblick in die theoretisch-methodischen Grundlagen des Konzepts LdL sowie in dessen Praxis durch eine Fülle von Praxisberichten, die durchaus motivierend sind, sich mit reziprokem Lehren-Lernen zu befassen. Dass das Erklären von Inhalten das eigene Verstehen vertieft, ist lernpsychologisch gut belegt und als Teil aktivierender und partizipativer Lernarchitekturen ist reziprokes Lehren-Lernen heute verbreitet und in viele Unterrichtskonzepte als Methode eingebettet. Zwei Probleme bleiben (persönliche Mitteilung von D. Wahl) bei LdL bestehen: Die Gestaltung von Unterricht durch Lernende wird nicht immer die erforderliche pädagogische Qualität erreichen und da das LdL-Setting vor allem die lehrenden Schülerinnen und Schüler aktiviert, sind im Unterricht mit LdL anders als bei WELL-Methoden (Wahl 2013; 2020, Huber 2007) immer noch zu wenige Lernende aktiv.
Fazit
Der im Buch suggerierte solitäre Charakter des Konzepts sowie der affirmative, oft wenig kritische und teils «missions»-getriebene Gestus im Buch lässt eine grundsätzlich anregende Unterrichtsmethode ohne Not in einem fragwürdigen Licht erscheinen. Als universelles didaktisches Prinzip und Unterrichtskonzeption ist LDL ideologisch überhöht und mit einer gesunden Skepsis zu betrachten – in seiner Reichweite, dem behaupteten Anspruch auf Bildungsgerechtigkeit sowie den empirischen Belegen für seine Wirksamkeit. Was guter Unterricht ist und wie sich reziprokes Lehren-Lernen sinnvoll darin einbettet, entnehmen Interessierte besser den Standardwerken moderner Didaktik (Meyer, 2007; Steffens & Höfer, 2016; Wahl, 2013; Wahl et al., 2020).
Literatur
Aronson, E. & Patnoe, S. (1997). The jigsaw classroom: building cooperation in the classroom. New York: Longman. Beywl, W. & Zierer, K. (2024). Reziprokes Lehren, Lernen sichtbar machen – WIKI. Olten: Fachhochschule Nordwestschweiz.
Borsch, F., Borsch, F., Gold, A., Klusmann, U., Rosebrock, C. & Vogel, R. (2023). Kooperatives Lernen: Bookwire GmbH.
Hattie, J., Beywl, W. & Zierer, K. (2015). Lernen sichtbar machen. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren.
Huber, A. A. (2004). Kooperatives Lernen – kein Problem: effektive Methoden der Partner‑ und Gruppenarbeit für Schule und Erwachsenenbildung. Leipzig: Klett.Hohengehren. Huber, A. A. (2004). Kooperatives Lernen – kein Problem: effektive Methoden der Partner‑ und Gruppenarbeit für Schule und Erwachsenenbildung. Leipzig: Klett.
Huber, A. A. (2007). Kooperatives Lernen – kein Problem effektive Methoden der Partner‑ und Gruppenarbeit (für Schule und Erwachsenenbildung). Leipzig: Klett Schulbuchverlag.
Huber, G. L. (1984). Kooperatives Lernen: Grundlagen eines Fernstudienprojekts zum „Lernen in Gruppen“ bei Schüler:innen, Lehrer:innen, Aus‑ und Fortbildner:innen. Weinheim: Beltz.
Konrad, K. & Traub, S. (2019). Kooperatives Lernen: Theorie und Praxis in Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung. Bielefeld: WBV. Kuhn, A. (2022). Der Matthäus-Effekt im Bildungsverlauf. ZEIT für X. URL. https://zeitfuerx.de/bildung/​der-matthaeus-effekt-im-bildungsverlauf/, Zugriff am 01.04.2026. Martin, J.-P. (1996). Das Projekt „Lernen durch Lehren“ – eine vorläufige Bilanz. Fremdsprachen lehren und lernen, S. 70–86.
Martin, J.-P. (2000). Lernen durch Lehren. Ein modernes Unterrichtskonzept. Schulverwaltung. Ausgabe Rheinland-Pfalz und Saarland, 6(6), 124–128.
Meyer, H. L. (2007). Was ist guter Unterricht? Berlin: Cornelsen Scriptor. Steffens, U. & Höfer, D. (2016). Lernen nach Hattie: Wie gelingt guter Unterricht? Weinheim: Beltz.
Stollhans, S. (2016). Learning by teaching. Developing transferable skills. In E. Corradini, K. Borthwick & A. Gallagher-Brett (Hrsg.), Employability for languages. A Handbook. (S. 161–164). Dublin: Research-publishing.net. Wahl, D. (2013). Lernumgebungen erfolgreich gestalten: vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln. Mit Methodensammlung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Wahl, D., Meyer, H., Schlee, J. & Schubiger, A. (2020). Wirkungsvoll unterrichten in Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung: von der Organisation der Vorkenntnisse bis zur Anbahnung professionellen Handelns. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Rezension von
Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle
Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Olten/Schweiz
Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement
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