Beate Antonie Tröster: Von fremd zu bekannt
Rezensiert von Prof. Dr. Isolde Heintze, 11.03.2026
Beate Antonie Tröster: Von fremd zu bekannt - Aufbau interkultureller Kompetenz in der Verwaltung. Unterschiede verstehen, Fehleinschätzungen und Missverständnisse vermeiden - so gelingt ein wertschätzender Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen.
WALHALLA Fachverlag /metropolitan Verlag
(Regensburg) 2023.
345 Seiten.
ISBN 978-3-8029-1699-1.
54,95 EUR.
Reihe: Wissen für die Praxis.
Thema
Das vorliegende Werk widmet sich zentral dem Aufbau interkultureller Kompetenz innerhalb der öffentlichen Verwaltung. Es verfolgt das Ziel, den Leser:innen ein tieferes Verständnis für kulturelle Unterschiede zu vermitteln, um Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen, sie beim Ankommen in unserer Gesellschaft zu begleiten und ihnen den Zugang zu Behörden und Institutionen zu erleichtern. Gleichzeitig trägt das Werk dazu bei, im Arbeitsalltag Fehleinschätzungen und Missverständnisse zu vermeiden sowie als Verwaltungsmitarbeiter:in eigene Wahrnehmungen, Eindrücke und Stereotype bewusst zu reflektieren und daran zu arbeiten. Im Kern geht es darum, einen respektvollen und professionellen Umgang mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu etablieren, was besonders in der heutigen Zeit als unerlässlich für ein produktives Arbeitsumfeld sowie für das gesellschaftliche Miteinander angesehen wird.
Autorin
Beate Antonie Tröster arbeitet als Dozentin und Lehrbeauftragte für Interkulturelle Kompetenz, sie ist zertifizierte interkulturelle Trainerin, früher Geschäftsleiterin des Zentrums für Integration und Migration und des Netzwerkes für Integration der Landeshauptstadt Erfurt. Sie beschäftigt sich als Kulturwissenschaftlerin seit zwei Jahrzehnten mit dem Umgang von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen.
Aufbau
Das Buch ist systematisch in neun Kapitel gegliedert, die den Weg „von fremd zu bekannt“ detailliert nachzeichnen. Jedes Kapitel folgt einer klaren Struktur: sie beginnen stets mit einer Einführung in die zu erwartenden Lerninhalte und werden durch praxisnahe Fallbeispiele aus verschiedenen Verwaltungsbereichen, wie dem Jugendamt, dem Sozialamt oder der Ausländerbehörde ergänzt. Darauf aufbauend werden fachliche und wissenschaftliche Grundlagen zum jeweiligen Thema des Kapitels – etwa kulturelle Prägung, Xenologie oder die Diskussion über den Begriff der Normalität – verständlich erläutert. Wesentlicher Teil eines jeden Kapitels ist die Darstellung von praktischen Hilfsmitteln und Methoden, wie dem
„Kulturdreieck“, dem „Perspektivwechsel“ oder dem „Kulturellen Rucksack“, die zur Selbstreflexion und zum besseren Verständnis der eigenen kulturellen Prägung anleiten. Danach werden daraus jeweils konkrete Handlungsempfehlungen mit Bezug zum eingangs geschilderten Praxisfall abgeleitet. Der Abschluss eines jeden Kapitels bildet eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse sowie einen Ausblick auf die folgenden Themen, was den roten Faden der Wissensvermittlung unterstützt.
Inhalte
Das erste Kapitel bietet eine grundlegende Einführung in die vier Elemente der interkulturellen Kompetenz und nutzt das Praxisbeispiel der Amtsleiterin Dorothea Hindemann-Meise, um Herausforderungen interkultureller Begegnungen im Jugendamt zu verdeutlichen. Es wird aufgezeigt, dass Interaktionen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft in öffentlichen und beruflichen Kontexten oft mit bestimmten Zielen verbunden sind und ein professionelles Arbeitsumfeld erfordern.
Im zweiten Kapitel wird Kultur als ein lebendiges und vielschichtiges Mosaik beschrieben, das sich ständig wandelt. Am Beispiel von Susanne Schneider aus dem Sozialamt lernt die Leserschaft, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur ist, wobei Tools wie das „Kulturdreieck“ helfen, kulturelle Bezüge in herausfordernden Situationen mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu klären.
Das dritte Kapitel widmet sich anschaulich dem Thema Einwanderung, den gesetzlichen Grundlagen für den Aufenthalt sowie den Gründen für Migration. Anhand der Erlebnisse von Daniel Schmidt in der Ausländerbehörde wird erläutert, wie kulturelle Unterschiede in Sprache, Religion oder Bräuchen zu Missverständnissen führen können und wie das Tool „Perspektivwechsel“ dabei hilft, eine klarere Kommunikation zu entwickeln.
Im vierten Kapitel steht die eigene kulturelle Prägung und Identität im Mittelpunkt, während am Beispiel einer ukrainischen Kundin im Jobcenter spezifische kulturelle Unterschiede beleuchtet werden. Durch praktische Methoden wie der des „Kulturellen Rucksacks“ oder das Tool „Werte“ werden Leser:innen befähigt, ihre eigenen Standpunkte zu hinterfragen, um interkulturelle Fehlbeurteilungen zu vermeiden.
Das fünfte Kapitel führt in die Xenologie ein und untersucht, was es bedeutet, fremd zu sein und wie das Unbekannte unsere Gefühle und Entscheidungen beeinflusst. Der Bürgerbeauftragte Gerhard Fleischer dient hier als Beispiel, um zu zeigen, wie man durch eine „Kulturexploration“ verschiedene Lebensrealitäten besser begreifen und dem Fremden achtsam und offen begegnen kann.
Der sechste Abschnitt befasst sich mit der Wahrnehmung von Normalität und den verschiedenen Anpassungsstrategien zugewanderter Personen. Am Beispiel von Ronny Schwan vom Personalamt wird diskutiert, wie Vorurteile abgebaut werden können und wie man durch die Überprüfung der eigenen Empathie und Sensibilität eine zugewandte und aufmerksame Beziehung zu Menschen aus fremden Kulturen aufbauen kann.
Im siebten Kapitel geht es in erster Linie um die interkulturelle Kommunikation und das Aushandeln von Lösungen in der Verwaltung. Es werden praktische Tipps für Gespräche mit und ohne Dolmetscher:in gegeben, wobei eine spezielle Checkliste zur Gesprächsvorbereitung dabei unterstützt, auch unter hoher Arbeitsbelastung professionell mit verschiedenen kulturellen Typen umzugehen.
Das achte Kapitel behandelt die Entwicklung interkultureller Leitlinien für Verwaltungen und nutzt dafür die sogenannte Kopfstandmethode. Zudem werden Kennzeichen und Charakteristika von Rassismus thematisiert und das sechsphasige Modell von Bennett zur Einschätzung der interkulturellen Sensibilität vorgestellt, um die eigenen kulturellen Grenzen zu identifizieren und zu reflektieren.
Das neunte und abschließende Kapitel beleuchtet die Bedeutung interkultureller Kompetenz für die Verwaltung in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft. Es werden konkrete Maßnahmen wie Diversity-Management-Strategien oder interkulturelle Trainings vorgeschlagen und das Buch schließt mit einem persönlichen Rückblick auf die positiven Veränderungen im Jugendamt mit der Amtsleiterin Dorothea Hindemann-Meise aus Kapitel zwei ab.
Diskussion
Hervorzuheben ist der starke Praxisbezug des Buches, der durch die Begleitung und Unterstützung realistischer Charaktere, wie einer Jugendamtsleiterin, einem Sachbearbeiter der Ausländerbehörde oder einem Bürgerbeauftragten erreicht wird. Diese Fallbeispiele machen die dargelegten theoretischen Konzepte, wie z.B. der interkulturellen Kompetenz greifbar und zeigen auf, wie konstruktive Lösungen für alltägliche Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturkreisen in der Verwaltung gefunden werden können. Die Diskussion u.a. über den Begriff der Normalität verdeutlicht zudem, dass viele Einschätzungen stark von der eigenen kulturellen Sichtweise geprägt sind, was die Notwendigkeit einer hohen Empathie und Sensibilität unterstreicht. Das Buch bietet somit nicht nur reines Wissen, sondern fordert die Leserschaft aktiv dazu auf, Vorurteile zu hinterfragen und sich mit der eigenen kulturellen Identität auseinanderzusetzen. Dafür beschreibt die Autorin praktische Tools, die der/die Leser:in je nach individueller Problemstellung und Arbeitskontext entweder vollständig oder teilweise ausprobieren und evaluieren kann. Im Buch werden zahlreiche fachlich-inhaltliche Informationen und praktische Hinweise in Schaukästen und Informationsboxen hervorgehoben. Ergänzend dazu veranschaulichen Schaubilder und Übersichten zentrale inhaltliche Zusammenhänge. Die Fülle dieser zusätzlichen Elemente bietet zwar viele Anknüpfungspunkte für die Praxis, lässt die Darstellung insgesamt jedoch stellenweise etwas unübersichtlich wirken.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Werk ein ausgezeichneter Leitfaden für Beschäftigte im öffentlichen Dienst ist, um interkulturelle Begegnungen erfolgreich, wertschätzend, tolerant und respektvoll zu gestalten. Durch die Kombination aus Fachwissen, praktischen Beispielen und Reflexionstools wird ein fundiertes Fundament geschaffen, um die Herausforderungen einer diversen Gesellschaft in der Verwaltung als Chance zu nutzen. Das Buch vermittelt überzeugend, dass interkulturelle Kompetenz bereits bei den Kleinigkeiten des Lebens beginnt und eine wesentliche Basis für eine gelungene Integration darstellt, nicht nur für Mitarbeitende in der Verwaltung und im öffentlichen Dienst.
Rezension von
Prof. Dr. Isolde Heintze
Professur für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Hochschule Mittweida, Fakultät Soziale Arbeit
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