Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Wohnungsnothilfe zwischen Ordnungsrecht und Housing First
Rezensiert von Moritz Niklas Frietzsche, 01.04.2026
Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Wohnungsnothilfe zwischen Ordnungsrecht und Housing First. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. - DV (Berlin) 2024. 96 Seiten. ISBN 978-3-7841-3747-6.
Thema
Mit dem Themenheft 2/24 „Wohnungsnotfallhilfe zwischen Ordnungsrecht und Housing First“ widmet sich die Zeitschrift „Archiv für Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit“ (kurz: Archiv) aktuellen Entwicklungen im Feld der Wohnungsnotfallhilfe und diskutiert neuere, breit rezipierte präventive Ansätze, wie dem des Housing First. Bereits der Untertitel, „zwischen Ordnungsrecht und Housing First“, verweist auf die Spannungsfelder, in denen sich die Wohnungsnotfallhilfe in Deutschland bewegt.
Aufbau und Inhalt
In 11 Beitragen werden auf 96 Seiten diese Spannungsfelder entfaltet.
Eingeleitet wird das Heft von einem Editorial von Sabine Bösing (Geschäftsführung BAG Wohnungslosenhilfe). Das Spektrum reicht von Überblicken (Beitrag von Volker Busch-Geertsema) über die Diskussion verschiedener präventiver Ansätze (Beiträge von Jutta Henke; Wilfried Fenner & Susanne Hahmann; Rolf Jordan; Susanne Gerull) sowie besonderer Adressat:innengruppen und Entwicklungen im Feld (z.B. Regine Nowack & Kathrin Kläschen zu geflüchteten Familien oder Susanne Dern & Nikolaus Meyer zur berufsbegleitenden Weiterbildung für die Wohnungsnotfallhilfe).
Im Folgenden werden die Beiträge von Jutta Henke, Rolf Jordan und Susanne Gerull vorgestellt.
Jutta Henke diskutiert in ihrem Beitrag „Präventive Ansätze in der Wohnungslosenhilfe“ die Bandbreite der präventiven Hilfen und wie diese effektiver gestaltet werden können. Anhand von drei Fallkonstellationen, dem Regelfall des Wohnungsverlusts durch Mietschulden, dem Wohnungsverlust durch Haft und die Wohnungslosigkeit nach dem leaving care, zeigt sie praxisnah und inhaltlich kenntnisreich Lücken im bestehenden Hilfesystem auf. In der Diskussion des Regelfalls zeigt Jutta Henke eindrücklich, wie die föderale Organisation der Fachstellen für Wohnungsnotfälle die Verantwortung für Hilfe bei (drohendem) Wohnungsverlust den Kommunen überlässt. Gepaart mit dem Abbau sozialrechtlicher Leistungen in den letzten 20 Jahren, der Orientierung an dem Primat eines privatwirtschaftlich rentablen Wohnungsmarkt und der Individualisierung der Verantwortung in besonderen Lebenslagen im Kontext des aktivierenden Sozialstaats, kann sie so einen umfassenden sozialpolitischen Reformbedarf begründen, der die Prävention von Wohnungsnotfällen wieder effektiver machen könnte. In Bezug auf die Fallkonstellation des Wohnungsverlustes durch Haft und leaving care kommt die Autorin zu dem wichtigen Hinweis, dass geregelte Verfahren und die Ausweitung und Nutzung von Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren viele Wohnungsnotfälle verhindern könnten. Hierfür benötigt es neben dem Willen der verantwortlichen Akteure zur Wahrnehmung ihrer gesetzlichen Aufgaben und Möglichkeiten auch strukturelle Unterstützung durch die Institutionen, wie etwa ein Abbau der Überlastung im Sozialdienst der Justiz. So kommt Jutta Henke in ihrem Fazit dann auch zu ihrer zentralen These, dass die Prävention von Wohnungsnotfällen sehr wohl möglich ist, wenn die entsprechenden Reformen umgesetzt und die Handlungsmöglichkeiten von allen Akteuren im Netzwerk voll ausgeschöpft werden: „Wohnungslosigkeit zu verhindern, ist das wichtigste Ziel einer präventiv ausgerichteten Wohnungsnotfallhilfe. Aufgabe aller öffentlichen Träger und ihrer Kooperationspartner ist es zu beweisen, dass das möglich ist“ (Henke 2024: 22).
Rolf Jordans Beitrag „Der Housing-First-Ansatz in den Wohnungsnotfallhilfen: Zur Notwendigkeit einer strategischen Einbettung von Housing First in bestehende Hilfestrukturen“ stellt auf der Grundlage der Empfehlungen des Deutschen Vereins zum Housing-First-Ansatz diesen vor und erörtert Potenziale, Entwicklungsbedarfe und aktuelle Diskussionen. Einleitend stellt Rolf Jordan den Ansatz in seinen Grundzügen vor. Er betont den bedarfsorientierten und partizipativen Charakter. Besondere Würdigung erfährt die Grundprämisse, dass Menschen im akuten Wohnungsnotfall zunächst Wohnraum benötigen, um andere krisenhafte Momente ihrer Lebenswelt bewältigen zu können. So kann der Autor mit der Zuspitzung „Housing First bedeutet nicht Housing Only“ (Jordan 2024: 32, Hervorhebung im Original) verdeutlichen, dass der innovative Ansatz in der Kombination von Stabilisierung durch Wohnraumversorgung und „wohnbegleitender Hilfen“ (ebd.: 31) eine bedarfsgerechte und wichtige Ergänzung des existierenden Wohnungsnotfallsystems darstellt. Im Folgenden widmet sich der Beitrag besonderen Herausforderungen der Einführung dieses in Deutschland noch recht jungen Hilfeansatzes. Zunächst betont Rolf Jordan, dass Housing First eine Ergänzung bedeutet und nicht in Konkurrenz zu bestehenden Angeboten gedacht werden kann. Spezifische Angebote für z.B. Frauen* sind weiterhin gerechtfertigt und nötig. Housing First schließt eine Lücke für jene Nutzende, die von den existierenden Angeboten nicht oder unzureichend erreicht bzw. angesprochen werden. Eine besondere Hürde stellt die Bereitstellung von Wohnraum für Housing First dar. Hier sieht der Autor insbesondere die Kommunen gefordert nicht bloß quantitativ günstigen Wohnraum zu fördern sondern auch die spezifische Exklusion, die Menschen in (langjähriger) Wohnungslosigkeit auf dem Wohnungsmarkt erfahren, zu beheben. Ein weiteres wichtiges Feld in der flächendeckenden Etablierung von Housing First ist der Übergang vom Projekt zum Regelangebot. Rolf Jordan verweist hier auf die positiven Begleitevaluationen in Deutschland und international, die die Wirksamkeit von Housing First unterstreichen und damit eine wichtige Grundlage bilden, Housing First aus dem Projektstatus in ein langfristig gesichertes Regelangebot im Hilfesystem zu überführen. Abschließend verweist der Autor auf das sich dynamisch entwickelnde Diskursfeld zu Housing First, in dem er große Potenziale sieht den Ansatz weiter auszudifferenzieren im Sinne der Diversität der Bedarfe der Nutzenden.
Susanne Gerull untersucht in ihrem Beitrag die Frage „Unterstützungsprozesse im Housing-First-Ansatz – ein Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit?“ Die Autorin geht von der These aus, dass, analog zur Rede von einem Paradigmenwechsel in der Politik, auch die Soziale Arbeit angesichts von Housing First einen Paradigmenwechsel zu vollziehen habe. Ausgehend von der Pluralität der Professionsverständnisse Sozialer Arbeit plädiert Susanne Gerull zunächst für ein Professionsverständnis, das sich im Theorie-Praxis‑ und Praxis-Theorie-Transfer ständig weiter entwickelt. Im Anschluss an Silvia Staub-Bernasconi sieht sie Soziale Arbeit als eine inhärent politische Profession, die den Menschenrechten zur Geltung verhilft. In Bezug auf die Wohnungslosenhilfe hebt sie mit Carole Zufferey zudem die Bedeutung von Intersektionalität hervor. Diese Überlegungen bilden den Übergang, zu Housing First. An den Prinzipien von Housing First kann sie zeigen, dass dieser Ansatz auf einer fragenden Grundhaltung der Sozialarbeitenden beruht: „How can I help?“ (Tsemberis 2010:45, zit. n. Gerull 2024: 45). Diese fragende Grundhaltung ist es auch, die für Gerull den Paradigmenwechsel begründet, den die Soziale Arbeit in Ansätzen des Housing First und sodann auch in der Wohnungslosenhilfe überhaupt, zu vollziehen hat. Housing First stellt in seiner Nutzendenorientierung und Multiprofessionalität ständig die Machtfrage für die Sozialarbeitenden. Sie müssen sich gefallen lassen von den Nutzenden angefragt zu werden – oder auch nicht, sollte die Versorgung mit Wohnraum zunächst ausreichend sein. Der Paternalismus der Fürsorge, der der Profession Sozialer Arbeit inhärent ist, wird hier offensiv in Frage gestellt. Susanne Gerull sieht hier auf der Grundlage eigener sowie dritter Studien jedoch eine Chance für die Soziale Arbeit. So kann der Paradigmenwechsel zur fragenden Grundhaltung organisatorische Erleichterung, adäquate Hilfen und gelingende Beziehungsarbeit bringen.
Diskussion
Die drei besprochenen Beiträge zeigen exemplarisch die Vielfalt der Perspektiven, die diese Ausgabe des Archivs versammelt. Während Susanne Henke allgemeine Fragen von Prävention und Sozialpolitik bespricht, untersucht Rolf Jordan die Umsetzung des Housing-First-Ansatzes als ein Fall von Prävention. Susanne Gerull ergänzt diese Überlegungen mit einer empirisch fundierten Kritik an den verbreiteten Professionsverständnissen, die mit dem Gedanken der Fürsorge die Chancen von Housing First bezweifeln. Die Beiträge zeigen, mit welchen vielfältigen Herausforderungen es die Wohnungsnotfallhilfe zu tun bekommt. Ökonomistische Sozialpolitik, Erneuerung des Hilfesystems, Überzeugungen von Fachkräften und immer auch, wie eine große Klammer, die drängende Frage der Versorgung mit bezahlbaren Wohnraum angesichts explodierender Mietpreise als der Dreh‑ und Angelpunkt gelingender Wohnungsnotfallhilfe. Diese und andere wichtige Fragen greifen auch die anderen Beiträge des Themenheftes auf und vermitteln so der Fachöffentlichkeit Praxisbeispiele, Studien und theoretische Überlegungen zur aktuellen Wohnungsnotfallhilfe.
Fazit
Das Themenheft verdeutlicht, dass die Wohnungsnotfallhilfe in Deutschland vor komplexen sozialpolitischen, organisatorischen und professionellen Herausforderungen steht. Die diskutierten Beiträge zeigen zugleich, dass wirkungsvolle Prävention, eine strategisch eingebettete Umsetzung von Housing First und ein reflexiver Wandel professioneller Haltungen zentrale Ansatzpunkte für Verbesserungen sind. Insgesamt liefert das Heft somit wertvolle Impulse für eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung der Wohnungsnotfallhilfe.
Rezension von
Moritz Niklas Frietzsche
M.A. Soziale Arbeit. Integrativer Lerntherapeut für Dyskalkulie. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg, Fakultät für Erziehungswissenschaft, Arbeitsbereich Sozialpädagogik. Freier Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen in Deutschland
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