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Steffen Mau: Ungleich vereint

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 02.07.2024

Cover Steffen Mau: Ungleich vereint ISBN 978-3-518-02989-3

Steffen Mau: Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt | Das Buch zu den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2024. 168 Seiten. ISBN 978-3-518-02989-3. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
Reihe: edition suhrkamp.

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Thema

Die Diskussion über Ostdeutschland und das Verhältnis zwischen Ost und West flammt immer wieder auf. Sei es anlässlich runder Jubiläen, sei es nach Protesten. Und dennoch gibt es in dieser Debatte keine Verständnisfortschritte. Sie dreht sich im Kreis, auf Vorwürfe folgen Gegenvorwürfe: „Ihr seid diktatursozialisiert!“ – „Ihr habt uns ökonomisch und symbolisch kleingemacht!“

Autor

Steffen Mau, geboren 1968, ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Buch Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft stand auf Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste von ZDF, Zeit und Deutschlandfunk Kultur. 2021 erhielt er den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Aufbau und Inhalt

Im November jährt sich der Mauerfall zum 35. Mal. Bereits zuvor könnte die AfD aus drei Landtagswahlen als stärkste Partei hervorgehen. In dieser Lage meldet sich der Steffen Mau mit einer differenzierten Intervention zu Wort und setzt sich mit prominenten Beiträgen auseinander und widerspricht der Angleichungsthese, laut der Ostdeutschland im Laufe der Zeit so sein werde wie der Westen. Aufgrund der Erfahrungen in der DDR und in den Wendejahren wird der Osten anders bleiben – ökonomisch, politisch, aber auch, was Mentalität und Identität betrifft. Angesichts der schwachen Verwurzelung der Parteien plädiert Steffen Mau dafür, alternative Formen der Demokratie zu erproben und die Menschen etwa über Bürgerräte stärker zu beteiligen. Die sehr präsente Erzählung seit der Wiedervereinigung besagt, dass die neuen Bundesländer zeitnah aufholen werden und sich dem Westen angleichen in den diversen Bereichen. Im Klartext: Die Transformation ist abgeschlossen, wenn die Unterschiede bei Gehältern, Mieten, Lebensweisen und auf anderen Sektoren nahezu nicht mehr vorhanden oder zumindest nur noch marginal sind. Dass diese Idee offensichtlich falsch ist, zeigt der Autor an vielen Stellen auf. Die Dynamik der Annäherung oder Angleichung ist zum Stillstand gekommen.

Steffen Mau erklärt auf rund 170 Seiten, dass sich die Situation eher verfestigt und so dauerhafte Strukturen entstehen. Die Unterschiede manifestieren sich. Das wird an vielen Beispielen deutlich, so zum Beispiel am Engagement der Zivilgesellschaft – nicht nur aber auch in den Parteien. Das ist, so wird es im Buch deutlich, nicht ansatzweise so ausgeprägt wie in den alten Bundesländern, was sicherlich auch daran liegt, dass nach der Wiedervereinigung viele Spitzenposten an Menschen aus dem Westen gingen, die aufgrund der nicht vorhandenen Strukturen in diesem Bereich ihre Chancen für Macht und Ansehen witterten. Und damit letztlich die Basis dafür legten, dass die Menschen aus den neuen Bundesländern wenig Möglichkeiten hatten, ihre eigene Zukunft selbst aktiv mitzugestalten.

Anhand einfacher Zahlen zeigt der Autor im weiteren Verlauf auf, dass alleine die Demografie einer kompletten Angleichung zwischen Ost und West entgegensteht: Während die alte Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung um zehn Prozent gewachsen ist, schrumpft die Bevölkerung im Osten. Aktuell leben dort nur noch so viele Menschen wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Geburtenrate brach Anfang der 1990er-Jahre um 55 Prozent ein. Eine Entwicklung, die laut Steffen Mau, ohne Vorbild ist in der Geschichte. Der Osten dagegen ist eine Schrumpfgesellschaft.

Diskussion

Der Verlag wirbt mit dem Satz „Ein Buch, das aus Sackgassen herausführt – und für Gesprächsstoff sorgen wird“ für dieses Buch. Und damit ist auch schon genau beschrieben, was Steffen Mau erreichen will. Ja, die Thesen mögen bisweilen etwas provokativ sein, erst recht dann, wenn er andere Autoren offensiv kritisiert. Aber dafür gelingt es dem Soziologen, mit vielen Fakten untermauert genau aufzuzeigen, warum die Situation zwischen Ost und West so ist, wie sie ist. Dabei zeigt er deutlich auf, dass über die Generationen hinweg bei den Menschen im Osten ein Konflikt zwischen den alten und neuen Bundesländern wesentlich präsenter ist als im Westen. Auch wenn man sich von alten Träumen vom Zusammenwachsen dessen, was zusammengehört, verabschieden muss, gelingt es Steffen Mau am Ende, mit seiner Idee vom Labor der Partizipation Hoffnung zu wecken, aber auch sehr deutlich zu zeigen, dass ein ‚Weiter so‘ keine Option ist.

Fazit

Es geht nicht um Schuld in der Debatte um die Probleme zwischen Ost und West – das steht nicht nur sehr präsent auf dem Rücken dieses Büchleins, sondern zeigt sich auch auf jeder Seite. Steffen Mau gelingt es, von klaren Fakten untermauert zu zeigen, dass es wahrscheinlich eine Utopie ist – und wohl auch von Anfang an war –, dass sich Ost und West auf die Dauer angleichen. Ein wichtiges Buch!

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Zitiervorschlag
Wolfgang Schneider. Rezension vom 02.07.2024 zu: Steffen Mau: Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt | Das Buch zu den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2024. ISBN 978-3-518-02989-3. Reihe: edition suhrkamp. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/32349.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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