Frank Becker, Patricia Plummer (Hrsg.): Ambiguität und Geschlecht in der Neuzeit
Rezensiert von Prof´in Dr´in (em.) Monika Barz, 14.07.2025
Frank Becker, Patricia Plummer (Hrsg.): Ambiguität und Geschlecht in der Neuzeit. Interdisziplinäre Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2024. 240 Seiten. ISBN 978-3-8376-7126-1. D: 45,00 EUR, A: 45,00 EUR, CH: 54,90 sFr.
Reihe: Historische Geschlechterforschung - 14.
Thema
Die Publikation umfasst vielfältige Facetten der historischen Geschlechterforschung, die einst damit begann die vernachlässigten Beiträge von Frauen zur Geschichte zu erforschen und sich heute auf weitere Themen wie die Geschichte des Geschlechterverhältnisse, der Männlichkeitsdiskurse und der Kämpfe von LGBTQI*-Personen ausgeweitet hat. Ausgehend von aktuellen Debatten über Geschlechtseinträge von ‚männlich‘, ‚weiblich‘ und ‚divers‘ wird der Frage nachgegangen in welcher Weise, transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nicht-binäre, also geschlechtlich ambige Figuren auch in anderen geschichtlichen Epochen herrschende Geschlechtermodelle herausforderten.
Herausgebende
Beide Herausgebenden gehören der DFG-Forschungsgruppe 2600 „Ambiguität und Unterscheidung. Historisch-kulturelle Dynamiken“ an, die seit 2019 an der Universität Duisburg-Essen angesiedelt ist.
Frank Becker ist Professor an der Universität Duisburg-Essen und lehrt Geschichtswissenschaft mit dem Schwerpunkt Neuere und Neueste Geschichte. Sein Hauptinteresse gilt der Ideen- und Kulturgeschichte Europas seit dem späten 18. Jahrhundert.
Patricia Plummer ist Professorin an der Universität Duisburg-Essen für englische Literatur und Postcolonial Studies. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Orientalismus, Reiseschriftstellerei und Religion, postkoloniale Literatur und Gender-Studies sowie Populärkultur.
Entstehungshintergrund
Die Publikation basiert auf Beiträgen einer zweiteiligen Ringvorlesung ‚Ambiguität und Gender. Das Dritte Geschlecht in Geschichte und Gegenwart‘, die zwischen 2019 und 2022 an der Universität Duisburg-Essen durchgeführt wurde. Da Genderforschung ein Querschnittsthema ist wurde als Vorlesungsformat ein interdisziplinärer Zugriff gewählt, der geschichtswissenschaftliche, literaturwissenschaftliche, pädagogische und ethnologische Perspektiven umfasst. Ziel der Ringvorlesung war, verschiedene Forschungsrichtungen und Vorgehensweisen miteinander ins Gespräch zu bringen. Diese Pluralität bildet der Band ab.
Aufbau und Inhalt
Die Publikation umfasst neben einer Einleitung der beiden Herausgebenden Fachbeiträge von acht Autorinnen und Autoren zur Ambiguität und Geschlecht aus interdisziplinärer Perspektive. Mehrheitlich sind die Beiträge quellengestützte Untersuchungen von Konflikten, Deutungen und Sachverhalten in der Vergangenheit. Aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Fachperspektiven wird aufgezeigt, wie Ambiguität eine Offenheit generiert und deren Auflösung sich kulturabhängig und epochenübergreifend unterschiedlich gestaltet.
Einige Beiträge analysieren Personengruppen wie Kastratensänger im 18. Und 19. Jahrhundert (Johanna E. Blume), adelige Frauen (Frank Becker, Elke Reinhardt-Becker), (post)moderne Transmänner (Annette Runte) oder die Trans- und Intergeschlechtlichkeit (Max Keilhau). Andere Beiträge beschäftigen sich mit ambigen Geschlechtsidentitäten in der Zeitschrift ‚Quick‘ (Frank Becker), in TV-Serien (Elke Reinhardt-Becker) und in der Regenbogennation Südafrika (Rita Schäfer).
Am Ende des Sammelbandes wird in einem Beitrag von Christel Baltes-Löhr die Gegenwart thematisiert, Begrifflichkeiten reflektiert und der Anschluss an die aktuelle gesellschaftspolitische Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz vorgenommen. Der Blick in die Zukunft wird mit der ‚Figur des Kontinuums‘ in Zusammenhang gebracht und von ihr vorgeschlagen, das gesamte Feld des Geschlechtlichen als ein Kontinuum zu begreifen, um „Räume für Selbstbestimmung und damit auch für Selbstbezeichnung zu öffnen und auch offen zu halten“ (215).
Diskussion
Die Zusammenstellung der Beiträge ermöglicht anhand der unterschiedlichsten Fallanalysen aus dem Zeitraum vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart nachzuvollziehen, wie vielfältig die Antworten sein können, wenn das binäre Geschlechtermodell irritiert wird und die gesellschaftlich etablierte Unterscheidung zwischen Mann und Frau nicht greift.
Die Beiträge spiegeln teilweise die Begriffsverwirrungen wider, die bezüglich sex und gender in sozialwissenschaftlichen Publikationen zu Geschlechterfragen erkennbar werden. Auf dem Hintergrund der in Deutschland neu aufgebrochenen Verwirrung über Fremd- und Selbstbestimmung im Zusammenhang mit der Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen, wäre ein differenzierter Umgang mit Geschlecht und Geschlechtsrolle hilfreich, wenn die Aspekte von Ambiguität, Mehr- und Eindeutigkeit im Mittelpunkt stehen.
Das gesamte Feld des Geschlechtlichen pauschal mit Ambiguität und Kontinuum zu erfassen, birgt die Gefahr Geschlechtszugehörigkeit zu banalisieren und die von Gewalt und sozialer Ungleichheit gekennzeichneten Geschlechterrealitäten und patriarchalen Machtstrukturen aus den Augen zu verlieren. Zur Analyse von Vielfalt, Mehr- und Eindeutigkeit hinsichtlich von Geschlecht bedarf es einer stringenten wissenschaftlichen Klarheit über den Geschlechtsbegriff und der Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen. Die von Christel Baltes-Löhr eingeführte „Figur des Kontinuums“ wirkt wie eine Schöne-Gute-Welt-Utopie der Geschlechtlichkeit des Menschens, wenn sie in den Raum stellt, dass „die Loslösung oder gar Negierung von Geschlecht“, eine „Befreiung“ sein könnte, „die den Menschen sich auf das Menschsein fokussieren ließe“ (229).
Im Gegensatz dazu besteht die gesellschaftliche Realität weltweit aus menschenrechtverletzenden Machtstrukturen zwischen Männern und Frauen. Die in der Publikation zusammengetragen Fallanalysen aus verschiedenen Jahrhunderten bieten wichtige Beispiele, wie Macht und Geschlecht im historischen Kontext dekonstruiert werden kann. Zur Überwindung patriarchaler Gesellschaftsstrukturen bedarf es wissenschaftlicher Klarheit über die Wirkmacht der unveränderbaren Geschlechtszugehörigkeit (sex) und die Bereitschaft geschlechtliche Rollenzuschreibungen (gender) zu lösen und in einen fluiden Zustand zu überführen. In Letzterem kann es nicht nie genug an Vielfalt, Fluidität, Ambiguität und Selbstbestimmung geben.
Fazit
Geschlecht und die Frage der Selbst- und Fremddefinition bei der Geschlechtszugehörigkeit von Individuen hat sich angesichts des Selbstbestimmungsgesetz zum gesellschaftspolitischen Streitpunkt in Deutschland entwickelt. Fragen von Ambiguität und Geschlecht, Vielfalt, Mehrdeutigkeit und Eindeutigkeit spielen dabei eine zunehmend wichtige Rolle. Die vorliegende Publikation bietet dazu interdisziplinäre Einblicke in kulturabhängige und epochenübergreifende Interpretationen und Fallanalysen. In einzelnen Beiträgen ist nicht immer klar differenziert, in welcher Weise Geschlecht und Geschlechtsrolle jeweils mit Ambiguität und Offenheit versehen sind. Die Publikation bietet auf diese Weise eine wichtige Grundlage zur Weiterentwicklung von Ambiguitätsfragen und deren Detail- und Begriffsgenauigkeit im Hinblick auf sex und gender.
Rezension von
Prof´in Dr´in (em.) Monika Barz
Evangelische Hochschule Ludwigsburg, Frauen- und Geschlechterforschung, Praxis- und Politikberatung
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