Monika Alisch, Martina Ritter (Hrsg.): Demokratie und Sozialraum
Rezensiert von Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann, 19.02.2026
Monika Alisch, Martina Ritter (Hrsg.): Demokratie und Sozialraum. Zur Demokratisierung des Alltags als Auftrag Sozialer Arbeit.
Verlag Barbara Budrich GmbH
(Opladen, Berlin, Toronto) 2024.
200 Seiten.
ISBN 978-3-8474-3023-0.
D: 29,90 EUR,
A: 30,80 EUR.
Reihe: Beiträge zur Sozialraumforschung - 28.
Thema
Der Sammelband setzt sich ein ambitioniertes und aktuelles Programm: Demokratie wird nicht allein als politisch‑parlamentarisches System, sondern als alltägliche Praxis („Demokratie als Lebensform“) verstanden – und damit als Auftrag Sozialer Arbeit in sozialräumlichen Kontexten. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass demokratische Teilhabe im Alltag vielerorts weniger selbstverständlich geworden ist und insbesondere vulnerable Gruppen von Beteiligungs‑ und Entscheidungsprozessen häufig nur begrenzt profitieren.
In der Einleitung skizzieren die Herausgeberinnen das – historisch wie gegenwartsbezogen – widersprüchliche Verhältnis von Sozialer Arbeit und Demokratie und heben hervor, dass demokratische Orientierung professionellen Handelns nicht vorausgesetzt werden kann, sondern begründet und in Praxis übersetzt werden muss. Vor diesem Hintergrund bündeln die Beiträge konzeptionelle Perspektiven und empirisch bzw. praxisbezogene Fallstudien, die zeigen, wie Demokratisierung im Sozialraum über die Herstellung von Öffentlichkeiten, über Beteiligungs‑ und Bildungsarrangements, über handlungsforschende Zugänge und über die Bearbeitung konflikthafter Aushandlungen angestoßen werden kann.
Herausgeberinnen
Monika Alisch ist Professorin für sozialraumbezogene Soziale Arbeit sowie Gemeinwesenarbeit und Sozialplanung am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Fulda und lehrt dort seit 2004. Sie ist Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkten in Sozialraumforschung und ‑entwicklung, Partizipation und sozialer Ungleichheit und hat u.a. zu Fragen der Stadt‑ und Sozialentwicklung wissenschaftlich gearbeitet.
Martina Ritter ist Soziologin und seit August 2006 Professorin an der Hochschule Fulda (u.a. im Bereich Soziale Arbeit und Sozialmanagement). Sie war von 2007 bis 2022 Dekanin des Fachbereichs Sozialwesen und wurde im Juni 2024 zur Vizepräsidentin für Forschung und Transfer gewählt. Inhaltlich arbeitet sie u.a. zu Sozialer Arbeit und Demokratie, qualitativer und partizipativer Forschung sowie sozialräumlichen Themen (z.B. Alter, Migration, Gender, Ehrenamt)
Entstehungshintergrund
Der Band ist in der Reihe „Beiträge zur Sozialraumforschung“ (Band 28) erschienen und versammelt in diesem Band Beiträge, die Forschungsperspektiven und Praxiszugänge im Feld sozialräumlicher Demokratiearbeit verbinden. Mehrere Texte arbeiten mit partizipativen bzw. handlungsforschenden Settings und nutzen Formate öffentlicher Sichtbarkeit (z.B. Ausstellung/​Plakataktionen), um Aushandlungen im Sozialraum anzustoßen.
Aufbau
Der Band ist, nach einer durchaus umfangreichen und inhaltlich positionierenden Einleitung der Herausgeberinnen, in drei Teile gegliedert:
- Prozesse und Orte der Demokratisierung des Alltags
- Methoden der Demokratiearbeit
- Narrative des Aushaltens und des Widerstands im demokratischen Rahmen
Diese Dramaturgie ist überzeugend, weil sie zunächst die räumlich-sozialen Voraussetzungen demokratischer Praxis (Öffentlichkeiten, Zugänge, Orte) herausarbeitet, anschließend methodische Zugänge sichtbar macht und schließlich konflikthafte Konstellationen in den Blick nimmt, in denen demokratische Aushandlung nicht planbar, sondern umkämpft ist.
Inhalt
Im ersten Teil „Prozesse und Orte der Demokratisierung des Alltags“ (S. 25–84) werden drei sozialräumliche Kontexte beschrieben, in denen demokratische Praxis im Alltag hergestellt und verhandelt wird. Martina Ritter und Monika Alisch thematisieren in „Die Organisation sozialer Öffentlichkeiten zur Demokratisierung des Alltags“ (S. 25–42), wie soziale Öffentlichkeiten im Sozialraum organisiert werden können, damit Interessen sichtbar werden und Aushandlungsprozesse stattfinden. Christiane Hüseman und Charlotte Persitzky richten den Blick in „‚So wie’s gerade läuft wird’s keine Zukunft haben!‘ Partizipation im Sozialraum aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen“ (S. 43–63) auf Partizipation aus Perspektive junger Menschen und beschreiben, wie Beteiligung in einer ländlichen Gemeinde im Rahmen handlungsforschender Zugänge thematisiert und erprobt wird. Ida Schwerin behandelt in „Jugendverbände als Gestaltungsräume für soziale Gerechtigkeit und Demokratisierung“ (S. 65–83) Jugendverbände als Orte demokratischer Erfahrung und Aushandlung und beschreibt, wie dort Fragen von Mitbestimmung, Gerechtigkeit und politischer Bildung praktisch relevant werden.
Der zweite Teil „Methoden der Demokratiearbeit“ (S. 85–160) bündelt Beiträge, die unterschiedliche methodische Zugänge und Formate der Demokratisierungsarbeit darstellen. Sandra Herbener beschreibt in „Gezieltes Engagement für gesellschaftliche Veränderung – politische Frauen trotz(en) Hürden“ (S. 85–108) Bedingungen, Barrieren und Rahmenfaktoren politischen Engagements von Frauen. Julian Gerigk analysiert in „Das (Nicht-)Erreichen – undemokratische Umsetzung von Gemeinwesenarbeit aufgrund (lebensweltlicher) Distanz in der Stadtteiltreffarbeit“ (S. 109–128) das Problem des Nicht-Erreichens in der Gemeinwesenarbeit und rekonstruiert, wie Distanzverhältnisse zwischen Professionellen und Adressat*innen demokratische Ansprüche in der Praxis berühren. Georgia Rakelmann, Martina Ritter und Monika Alisch stellen in „‚Zusammen:Leben in Osthessen‘ – Eine Ausstellung mit speziellen Eigenschaften“ (S. 129–143) eine mobile Ausstellung als sozialräumliches Format vor und beschreiben deren Entstehung, Ziele und Wirkungen im Kontext des Projekts DIWAN. Vanessa Münker behandelt in „Rassistische Alltagsrealitäten junger Menschen in Frankfurt – Handlungsforschung als Möglichkeit der Diskussion und Aushandlung in der Postmigrantischen Gesellschaft“ (S. 145–160) rassismuskritische Perspektiven junger Menschen und beschreibt Handlungsforschung als Zugang, um Erfahrungen im Sozialraum sichtbar zu machen und Diskussionen anzustoßen.
Der dritte Teil „Narrative des Aushaltens und des Widerstands im demokratischen Rahmen“ (S. 161–198) richtet den Fokus auf Formen des Protests, des Widerstands und auf konflikthafte lokale Deutungskämpfe. Areeg Mulhi rekonstruiert in „Transformationspotenziale aus dem zivilgesellschaftlichen, klimapolitischen Widerstand am Beispiel des Dannenröder Forstes“ (S. 161–182) Perspektiven und Handlungsweisen klimapolitischer Protestpraxis und ordnet diese als zivilgesellschaftliche Ausdrucksform ein. Astrid Heck und Katrin Großmann untersuchen in „Narrative des lokalen Umgangs mit der politischen Rechten in einer erzgebirgischen Kleinstadt“ (S. 183–198) lokale Deutungsmuster und Umgangsweisen im Kontext rechter Präsenz und beschreiben, wie sich solche Narrative auf demokratische Aushandlungen im Ort beziehen.
Wenngleich alle Beiträge für sich mit ihren vielfältigen Praxis‑ bzw. Forschungsprojektperspektiven durchweg lesenswert sind, lässt sich im zweiten Teil des Bandes („Methoden der Demokratiearbeit“) der Beitrag von Vanessa Münker („Rassistische Alltagsrealitäten junger Menschen in Frankfurt – Handlungsforschung als Möglichkeit der Diskussion und Aushandlung in der Postmigrantischen Gesellschaft“, S. 145–160) als exemplarische Darstellung einer sozialräumlich angelegten Demokratiearbeit lesen, die über Handlungsforschung und öffentliche Sichtbarkeit Aushandlungsprozesse initiiert. Münker eröffnet den Text mit einer gesellschaftlichen Rahmung (u.a. mit Verweisen auf Hanau 2020, Halle 2019 und den NSU-Komplex) und verortet Rassismus als fortwährend relevantes Thema, das in öffentlichen Debatten häufig mit Migration verknüpft wird. Aus dieser Ausgangslage formuliert der Beitrag eine sozialräumliche Perspektive: Im Zentrum steht, wie junge Menschen in Frankfurt rassistische Alltagserfahrungen machen, wie diese Erfahrungen im Stadtraum thematisierbar werden und welche Reaktionen und Positionierungen in der Stadtgesellschaft sichtbar werden.
Die Projektdarstellung ist in zwei Phasen gegliedert. In Projektphase I („Stadtteil ohne Rassismus?! #tell your story“) wird das Vorgehen im Stadtteil Frankfurt-Bockenheim beschrieben; als Ergebnis entstehen Plakate mit Zitaten, die Perspektiven junger Menschen in den öffentlichen Raum tragen. Dabei werden Anforderungen an die Forschungspraxis mitgeführt (z.B. Fragen von Schutz, Vertrauen sowie Reflexion von Privilegien und Kategorisierungen). Projektphase II („Handlungsforschung #telling my story“) knüpft daran an und beschreibt die Ausstellung der Plakate als Anlassstruktur für Gespräche, ergänzt durch Interviews, Beobachtungen und weitere Rückmeldungen, um Reaktionen im Stadtraum zu erfassen.
Zentral ist die theoretische Rahmung, die die spätere Auswertung vorbereitet. Erstens greift Münker die postmigrantische Gesellschaftsanalyse (u.a. nach Foroutan) auf und beschreibt postmigrantische Gesellschaften als Spannungsräume, in denen Ambivalenzen und Ambiguitäten entstehen und in denen Zugehörigkeit, Anerkennung und Rechte in pluralen Demokratien fortlaufend ausgehandelt werden; dabei werden Mechanismen wie Othering, Privilegien und Marginalisierung ebenso berücksichtigt wie Möglichkeiten von Solidarität und Allianzen. Zweitens wird eine demokratietheoretische Perspektive entfaltet, die das Projekt als Erzeugung von Aushandlungsräumen versteht: Über offene Gesprächsanlässe, „Open Space“ und Storytelling sollen kognitive und emotionale Zugänge zusammenkommen und Positionen im öffentlichen Diskurs sichtbar und diskutierbar werden.
Die Auswertung bündelt diese Anlage in „Positionen in der Stadtgesellschaft“ und rekonstruiert Muster von Anerkennung, Abwehr und Ambivalenz (einschließlich Externalisierung und Leugnung) sowie Linien von Solidarität und Allianzen; „Aushandlung als politische Praxis“ rahmt die durch Ausstellung und Gespräche entstehende Situation als politisch, „Handlungsforschung als Raumaneignung“ als Herstellung von Sichtbarkeit und Anerkennungsräumen.
Diskussion
Im Kontext des Sammelbandes ist der Beitrag besonders anschlussfähig, weil er den leitenden Zusammenhang von Demokratie und Sozialraum nicht nur behauptet, sondern methodisch durchdekliniert: Demokratie erscheint hier als etwas, das im Stadtteil über Sichtbarkeit, Gesprächsanlässe und die Aushandlung konkurrierender Deutungen praktisch hergestellt wird. Die Verbindung von handlungsforschender Anlage und öffentlichem Format (Ausstellung/​Plakate) veranschaulicht zudem prägnant, wie Soziale Arbeit bzw. sozialraumbezogene Projekte Öffentlichkeiten erzeugen können, in denen marginalisierte Erfahrungen nicht nur dokumentiert, sondern als politisch relevante Perspektiven in den Diskurs eingespeist werden. Für den Bandgewinn ist außerdem zentral, dass Münker nicht bei einer Gegenüberstellung von „richtig“ und „falsch“ stehen bleibt, sondern die Ambivalenzen der Stadtgesellschaft (Anerkennung, Abwehr, Unsicherheit, Solidarität) als empirisch beobachtbare Alltagspraxis sichtbar macht und damit genau jene Reibungen aufnimmt, an denen demokratische Alltagskultur sich entscheidet. So ergänzt der Beitrag die verschiedenen thematischen Zugänge des Bandes um eine dichte Fallperspektive, in der Demokratiearbeit als Konfliktbearbeitung, Anerkennungsarbeit und Raumproduktion im Sozialraum erfahrbar wird. Schließlich zeigt der Text exemplarisch, wie sich normative Ziele (Demokratisierung, Gleichheit, Teilhabe) in eine konkrete, nachvollziehbare Praxis übersetzen lassen, ohne die Komplexität sozialer Positionierungen und die Grenzen von Verständigung auszublenden.
Der Sammelband Demokratie und Sozialraum gewinnt seine Überzeugungskraft vor allem dadurch, dass er Demokratie konsequent als sozialräumlich gebundene Praxis behandelt – nicht als bloß normatives Leitbild. Die Beiträge zeigen, dass „Demokratisierung des Alltags“ dort ansetzt, wo Soziale Arbeit tatsächlich handelt: in der Organisation von Zugängen und Öffentlichkeiten, in Beteiligungs‑ und Bildungsarrangements, in der Bearbeitung von Konflikten und in der Frage, wer im Sozialraum hörbar wird und wer strukturell unsichtbar bleibt. Gerade diese Verschiebung von normativen Appellen hin zu Bedingungen, Verfahren und konkreten Settings macht den Band für Praxis und Forschung gleichermaßen anschlussfähig.
Dabei vermeidet der Band eine harmonisierende Demokratieerzählung. Die Texte arbeiten – je nach Gegenstand – heraus, dass demokratische Praxis nicht nur durch Zustimmung, sondern ebenso durch Ambivalenzen, Abwehr und Distanzverhältnisse geprägt ist: etwa wenn Gemeinwesenarbeit Menschen nicht erreicht, wenn Jugendpartizipation an adultistischen Routinen hängt oder wenn in lokalen Öffentlichkeiten rassistische oder rechtsextreme Deutungen verhandelt werden. In dieser Perspektive erscheint Demokratie nicht als Konsensmaschine, sondern als Aushandlung unter ungleichen Bedingungen, die Ressourcen, Reflexivität und eine klare Haltung zur eigenen Machtposition erfordert.
Stark ist außerdem die methodische Seite: Der Band macht sichtbar, dass Demokratiearbeit nicht allein über „Beteiligung anbieten“ funktioniert, sondern über Formate, die Öffentlichkeit herstellen, Erfahrungen in verhandelbare Anliegen übersetzen und Konflikte bearbeitbar machen. Besonders produktiv ist die Spannweite der Fälle – von alltäglichen Beteiligungs‑ und Verbandskontexten über Ausstellungs‑ und Handlungsforschungsformate bis hin zu Protest‑ und Widerstandsnarrativen. Dadurch entsteht weniger ein geschlossenes Theoriegebäude als ein Repertoire an Perspektiven, mit denen die Lesenden ihre eigene Praxis prüfen können: Wo entstehen Öffentlichkeiten? Wer wird erreicht? Welche Formen von Anerkennung, Solidarität oder Abwehr produziert unser Handeln?
Insgesamt lässt sich der Band als ein Beitrag würdigen, der Demokratie im Sozialraum weder überhöht noch verkürzt, sondern als fragile, herstellungsbedürftige Alltagspraxis ernst nimmt – und der Sozialer Arbeit konkrete, reflektierte Anschlüsse bietet, um diese Praxis zu ermöglichen. Für Studium und Lehre sowie für Praxisfelder wie Gemeinwesenarbeit, Jugendarbeit, politische Jugendbildung, Quartiers‑ und Demokratiearbeit bietet er ein instruktives Repertoire an Konzepten und Fallperspektiven. Wer allerdings eine geschlossene Gesamttheorie erwartet, findet eher Impulse und Werkstücke als ein fertiges Modell.
Fazit
Ein durchaus anspruchsvolles und zugleich rundum lesenswertes sowie sprachlich zugänglich gestaltetes Fachbuch, dass zumindest in den Studiengängen Sozialer Arbeit nutzbar gemacht werden sollte und zugleich die Praxis bereichern wird. Der Band macht an vielfältigen, teils handlungsforschenden und öffentlichkeitsorientierten Beispielen nachvollziehbar, wie Demokratisierung im Sozialraum als Herstellung von Zugängen, Öffentlichkeiten und konfliktfähiger Aushandlung gedacht werden kann.
Rezension von
Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann
Professor für Soziale Arbeit im Fernstudium an der IU Internationale Hochschule und Studiengangleiter sowie seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig.
Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Inklusion, Partizipation, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, partizipative Praxisforschungen und Evaluationen.
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