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Tanja Endrass, Andrea S. Hartmann: Zwangsstörung

Rezensiert von apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting, 22.08.2025

Cover Tanja Endrass, Andrea S. Hartmann: Zwangsstörung ISBN 978-3-8017-3132-8

Tanja Endrass, Andrea S. Hartmann:Zwangsstörung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2024. 96 Seiten. ISBN 978-3-8017-3132-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,22 sFr.
Reihe: Fortschritte der Psychotherapie - Band 92.

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Thema

Laut dem „MSD-Manual für Diagnostik und Therapie“ charakterisieren sich Zwangsstörungen „durch wiederkehrende, anhaltende, unerwünschte und aufdringliche Gedanken, Triebe oder Bilder (Obsessionen) und/oder durch sich wiederholende Verhaltensweisen oder geistige Handlungen, zu denen sich die Patienten getrieben fühlen (Zwänge, Rituale), um zu versuchen, die durch die Obsessionen verursachten Ängste zu verringern oder zu vermeiden“ (Phillips, K. A. [2023]. Obsessiv zwanghafte und verwandte Störungen. https://www.msdmanuals.com/de/profi/​psychiatrische-erkrankungen/​obsessiv-zwanghafte-und-verwandte-störungen/​zwangsstörung-ocd [11.07.2025]).

Zwänge bzw. repetitive Verhaltensmuster sind in allen Altersgruppen anzutreffen. Wie hoch der Leidensdruck sein kann, wie herausfordernd es ist, mit den täglich präsenten Zwängen umzugehen, davon zeugen exemplarisch die Texte, die Ina Jahn in dem Band „Zwangsland“ versammelt hat (https://www.socialnet.de/rezensionen/​33424.php?key=OWNhODcxMj).

Dass es manchen Betroffenen nicht mehr gelingt, aufgrund der auszuführenden Rituale das Haus zu verlassen, zeigt „Zuhause gegen den Zwang“ von Katarina Stengler und Ina Jahn (https://www.socialnet.de/rezensionen/​32646.php [21.07.2025]). Und nicht zuletzt: Auch Kinder können in ihrem Alltag bereits von Zwängen beeinträchtigt sein, wie das Bilderbuch „Zita zähmt das Zwangsmonster“ nahelegt (https://www.socialnet.de/rezensionen/​28343.php [21.07.2025]).

In der hier vorliegenden Publikation, „Zwangsstörung“, beschreiben Tanja Endrass und Andrea S. Hartmann, welche diagnostischen und therapeutischen Verfahren bei Zwangsstörungen herangezogen werden können.

Autorinnen

Prof. Dr. Tanja Endrass, geb. 1975, ist seit 2016 Professorin für Suchtforschung an der Technischen Universität Dresden.

Prof. Dr. Andrea S. Hartmann, geb. 1982, ist seit 2021 Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Konstanz.

Aufbau und Inhalt

„Zwangsstörung“, Band 92 der Reihe „Fortschritte der Psychotherapie“, gliedert sich in fünf Hauptkapitel, die mit einem Fallbeispiel, weiterführender Literatur, der Darstellung von Kompetenzzielen und mit Lernkontrollfragen ergänzt werden. Hinzu kommt ein Anhang mit umfangreichen Materialien, die unter anderem Informationen für Betroffene und Angehörige enthalten.

Kapitel 1, Beschreibung der Zwangsstörung, widmet sich den Symptombereichen „Zwangsgedanken und Zwangshandlungen“ (S. 1). Die Autorinnen erstellen eine Tabelle mit Symptombereichen (S. 2 f.), bevor sie „Diagnosekriterien für die Zwangsstörung nach ICD-11 (WHO, 2019)“ und nach „DSM-5 (APA, 2018)“ (S. 3 ff.) auflisten. Zwänge, Zwangshandlungen und Zwangsvorstellungen bilden in beiden Systemen die Grundlage für die Diagnosestellung, außerdem der Versuch der Betroffenen, diese Vorstellungen zu ignorieren, zu unterdrücken oder mit meist zwanghaften Gedanken zu neutralisieren. Die zwanghaften Verhaltensweisen, z.B. permanentes Händewaschen, Kontrollieren von Haushaltsgeräten oder die „mentalen Handlungen“, erfüllen meist den Zweck, Ängste zu minimieren. Sie „stehen jedoch in keinem realistischen Bezug zu dem, was sie zu neutralisieren oder zu verhindern versuchen“ (S. 4). Zwangshandlungen nehmen viel Zeit in Anspruch, sind weder auf den Abusus von Substanzen noch auf eine andere psychische Störung zurückzuführen. Eine bedeutende Änderung in der jüngsten Überarbeitung der Diagnose- und Klassifikationskriterien richtet sich auf eine neue „Störungsklasse“ mit dem Titel „Zwangsstörung oder verwandte Störungen“. Dazu gehören „die Körperdysmorphe Störung, Pathologisches Horten, Trichotillomanie, Dermatillomanie“ sowie „die Krankheitsangststörung“ (S. 5). In beiden Diagnosesystemen kann man nun auch „den Grad der Störungseinsicht bei der Zwangsstörung“ (ebd.) kodieren. Viele Menschen seien im Laufe ihres Lebens von Zwängen betroffen (28 % laut epidemiologischer Studie), das durchschnittliche Ersterkrankungsalter liege bei 19,5 Jahren, die Komorbidität mit anderen psychischen Störungen bei 90 %. Im Rahmen einer Differenzialdiagnostik müsse geprüft werden, ob weitere Störungen aus dem Zwangsspektrum oder eine Angststörung, Depression oder Schizophrenie vorhanden seien.

In Kapitel 2, Ätiologie und Störungsmodelle, unterscheiden Endrass und Hartmann zwischen „genetischen Faktoren und neurobiologischen Modellen“ einerseits und „behavioralen und kognitiven Modellen“ andererseits. Eine familiäre Häufung sei bei Zwangsstörungen zu beobachten, die Erblichkeit betrage ca. 40 %. Offenbar erhöhten perinatale Ereignisse das Risiko für eine Zwangsstörung. Bei einem spontanen Beginn der Störung könne eine auf eine Entzündung der Basalganglien zurückgehende Autoimmunreaktion ein möglicher Auslöser sein. Im Kontext neurobiologischer Modelle der Zwangsstörung vermute man „eine Veränderung der Signalübertragung in kortiko-striato-thalamo-kortikalen Schaltkreisen“ (S. 11). Daraus resultiere eine „frontostriale Hyperaktivität“ (ebd.). Die Ergebnisse vieler Studien legten nahe, „dass es Veränderungen in Lern- und Entscheidungsprozessen bei Menschen mit einer Zwangsstörung gibt, an denen verschiedene Neurotransmittersysteme (Serotonin, Glutamat, Dopamin, GABA) beteiligt sind“ (S. 11). Kognitiv-behaviorale Modelle fußten auf dem „Lernprinzip der negativen Verstärkung“. Da Zwangshandlungen die Ängste, die durch Zwangsgedanken ausbrechen, minderten, bestehe die Dynamik einer negativen Verstärkung. Endrass und Hartmann propagieren ein Modell, das vom „Auftreten eines aufdringlichen Gedankens oder einer Intrusion“ (S. 12) ausgeht. Bei fortschreitender Belastung durch diese Gedanken setze ihre dysfunktionale Interpretation ein, ihre Markierung als Besonderheit. Es folge die Bewertung der Gedanken und die mit ihnen assoziierten Folgen als gefährlich. Die aufkommenden negativen Gefühle lösten Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken aus, dazu dienend, die Gefühle zu neutralisieren, was allerdings nur von kurzer Dauer sei, denn es dominiere schnell die negative Verstärkung der Zwangsgedanken, was den Kreislauf von vorn beginnen lasse (vgl. S. 12).

Kapitel 3, Diagnostik und Indikation, setzt ein mit dem Hinweis, dass es vielen Betroffenen schwerfalle, ihre Störung zu thematisieren. Das Sprechen darüber sei für viele angst- oder schambesetzt. Die Autorinnen referieren einige Fragen, die sich initial stellen lassen und sie erwähnen, dass sich oftmals Symptome der Störung direkt in der Therapie manifestierten (z.B. Hände vor oder nach der Sitzung waschen wollen). Für die kategoriale Diagnostik könne das Strukturierte Klinische Interview für DSM-5-Störungen oder das Diagnostische Interview bei psychischen Störungen (vgl. S. 15) herangezogen werden. Demgegenüber erfolge die dimensionale Diagnostik unter anderem mit der Yale-Brown-Obsessive Compulsive Scale(Y-BOCS). Sie gelte als „Goldstandard für die Einschätzung des Schweregrads der Zwangsstörung“ (ebd.). Das Hamburger Zwangsinventar und der Obsessive Beliefs Questionnaire stellten weitere Verfahren zur Diagnose dar, letzteres insbesondere für dysfunktionale Überzeugungen, die Zwangsstörungen zugrunde liegen. Indiziert sei in erster Linie Kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Sie weise den höchsten Evidenzgrad auf und lasse sich evtl. pharmakologisch mit selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmern erweitern.

Im zentralen Kapitel 4, Behandlung, schlagen die Autorinnen einen großen thematischen Bogen vom Beginn der Behandlung und möglichen Herausforderungen über allgemeine Aspekte, Exposition, kognitive Interventionen und Psychopharmaka bis hin zu weiteren psychotherapeutischen Behandlungsansätzen.

Oft seien zuerst viele Hürden zu überwinden (4.1 Schwierigkeiten zu Behandlungsbeginn) – so etwa, weil es für Patient:innen herausfordernd sei, über ihre Zwänge zu reden und/oder weil bei manchen bereits negative Erfahrungen mit Psychotherapien vorlägen. Es sei entlastend, wenn Therapeut:innen die Symptome direkt ansprächen.

Ziele der Behandlung (4.2.1 [4.2 Allgemeine Aspekte der Behandlung]) gemeinsam mit den Patient:innen zu formulieren erweise sich nicht selten als mühsam, weil viele ihre Wünsche und Bedürfnisse kaum wahrnehmen könnten. Außerdem seien Ziele, die Patient:innen mitunter vorbrächten, so etwa die Elimination von Zwangsgedanken, nur bedingt mit einer KVT kompatibel, denn in ihrem Rahmen sei man eher darauf bedacht, „eine Akzeptanz intrusiver Gedanken“ (S. 19) zu erreichen. Der:die Patient:in solle lernen, Unsicherheiten zu tolerieren und es zukünftig unterlassen, neutralisierende Verhaltensweisen anzuwenden.

In der Regel finde die Therapie wöchentlich im Einzelsetting statt (4.2.3 Therapeutisches Setting und therapeutische Beziehung). Eine „ausführliche Etablierung einer therapeutischen Beziehung“ (S. 21) sei anzuraten. Im Verlauf der Therapie könnten immer wieder Beziehungstests auftreten – eventuelle ambivalente Gefühle der Patient:innen äußerten sich auf divergente Weisen, etwa durch Ablenken, allzu detailliertes und ausführliches Erzählen oder mehrfaches Zuspätkommen. Dieses Austesten müsse genauso transparent gemacht werden wie „das Rückversicherungsverhalten“ (S. 22) der Patient:innen. Dabei sei grundsätzlich besondere Vorsicht geboten.

Mit dem:der Patienten:in werde ein individuelles Störungsmodell entworfen (4.3 Behandlungsrational und Erarbeiten des Modells), das auf dem kognitiv-behavioralen Modell der Zwangsstörung beruhe. Am Anfang erarbeite man eine Liste aufdringlicher Gedanken und erkläre den Patient:innen, dass jede:r diese haben könne und es auf die Bedeutung ankomme, mit denen man diese belege. Die Schwere der Bedeutung sei im Allgemeinen abhängig vom „Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle, einem hohen Streben nach Perfektionismus und einem erhöhten (moralischen) Verantwortungsbewusstsein“ (S. 23). Im Zuge der Erstellung des Modells sei es ebenfalls wichtig, zu erörtern, dass zwischen bewusster gedanklicher Vermeidung und bewusster gedanklicher Auseinandersetzung unterschieden werden müsse.

Es sei essenziell, in die Therapie eine „Exposition mit Reaktionsverhinderung“ (4.4) einzubeziehen. „Das Rational für“ eine Exposition, für die sich der:die Patient:in immer frei entscheiden müsse, basiere auf „der Theorie des inhibitorischen Lernens“ (S. 26). Vor allem dann, wenn bisherige Maßnahmen nicht erfolgreich waren, bestehe die Notwendigkeit, mit dem:der Patienten:in für das Verfahren zu argumentieren und ihm:ihr nahezulegen, dass er:sie nur auf diese Weise erfahren könne, dass eine Situation mit Zwangsgedanken ohne neutralisierendes Verhalten zu ertragen sei und er:sie sich nur dann an seine:ihre negativen Gedanken gewöhnen könne, wenn Zwangshandlungen unterlassen werden würden.

Eine Exposition müsse sehr akribisch vorbereitet werden, u.a. mit „Angstkurven“, mit denen der Anstieg der Angst skizziert werde, oder mit einer Hierarchisierung der Situationen, in denen Zwangsgedanken und das nachfolgende Bedürfnis, diese zu neutralisieren, auftreten. Ein Imperativ sei es ebenso, die Dauer der eigentlichen Exposition festzulegen und das Verhalten von Patient:in und Therapeut:in genau zu besprechen, beispielsweise hervorzuheben, dass man während der Exposition keine Rückversicherungsfragen beantworte.

Für die Durchführung der Exposition sei es unabdingbar, dass Therapeut:innen den:die Patienten:in explizit für seinen:ihren Mut lobten, jeden Fortschritt im Verlauf der Exposition pointierten, zum Weitermachen ermutigten und den:die Patienten:in immer wieder aufforderten, „sich bewusst auf die auftretenden Emotionen zu fokussieren und diese wahrzunehmen, ohne jedoch mit Ritualen auf sie zu reagieren“ (S. 35). Für den:die Patienten:in könne man ein Arbeitsblatt zugrunde legen, das „Dos und Don‘ts“ für ihn:sie zusammenfasse, das „Selbstinstruktionen“ beinhalte, z.B. einen Satz wie „Es kommt darauf an, mit der Angst umzugehen, und nicht, sie zu vermeiden“ (S. 36).

In der Nachbereitung der Exposition seien die Anstrengungen des:der Patienten:in erneut zu loben und zu verstärken. Mit einer Analyse der Erfahrungen solle zudem die Übertragung auf andere Situationen gefördert werden.

Um inhibitorisches Lernen während der Exposition zu intensivieren, sei die Exposition so zu organisieren, „dass eine maximale Erwartungsverletzung zwischen Vorhersage und tatsächlichem Ergebnis hergestellt werden kann“ (S. 39). Vorab müsse man genau explorieren, was erwartet werde. Weitere Strategien umfassten eine „vertiefte Extinktion“ (Gefahrenreize werden miteinander kombiniert), eine „Extinktion mit gelegentlicher Verstärkung“ (Provokation des befürchteten Ereignisses) und das „Entfernen von Sicherheitssignalen“ (S. 40).

„Mögliche Schwierigkeiten bei der Exposition mit Reaktionsverhinderung“ (S. 41) bestünden im Versuch des:der Patienten:in, sich mit wortreichen Diskussionen von seinen:ihren Emotionen abzulenken. Der:Die Therapeut:in müsse dann die Aufmerksamkeit auf die Angst zurückdirigieren. Jede kognitive Vermeidung, das gedankliche Abschweifen, und die Sicherheit durch die Anwesenheit des:der Therapeuten:in bedingten für viele Patient:innen, dass der Angstpegel nicht so hoch steige wie sonst.

Last but not least müsse jede Exposition an den individuellen Zwang angepasst werden.

Während der kognitiven Interventionen (4.5) gelte es, Zwangsgedanken umzustrukturieren, nicht die Intrusionen zu unterdrücken. Für Patient:innen sei es ein primäres Learning, dass nicht der Gedanke selbst eliminiert werden solle, sondern allein die Bedeutungsschwere, die auf ihm laste. Die Art und Weise, wie man Interpretationen der Zwangsgedanken bearbeite, sei nicht konkret auf Zwangsstörungen abgestimmt (vgl. S. 46): Der:Die Patient:in werde aufgefordert, in einem Tagebuch zwangsauslösende Situationen, Emotionen und intrusive Gedanken sowie die nachfolgenden dysfunktionalen Interpretationen zu notieren. Nach der Identifikation und Sammlung gehe es im therapeutischen Setting darum, in einem sokratischen Dialog die Punkte zu enthüllen, die für und gegen die Interpretation sprächen. So lasse sich aufzeigen, dass die Interpretation unrealistisch sei.

Einige gedankliche Distorsionen seien typisch für die Zwangsstörung: „Gefahrenüberschätzung, übertriebene Verantwortlichkeitsüberzeugungen, Perfektionismus, Notwendigkeit der Gedankenkontrolle, mangelnde Unsicherheitstoleranz, Überschätzung der Bedeutung von Gedanken“ (S. 50).

Eine passende Intervention für die Gefahrenüberschätzung könne eine Wahrscheinlichkeitsrechnung sein, um die irrationale Überzeugung vollumfänglich zu entlarven. Für die Illustration der Überschätzung der eigenen Verantwortung und der Konsequenzen der Verantwortlichkeit (S. 53) biete sich ein Tortendiagramm an. Um das Bedürfnis nach Perfektion aufzudecken, sei es zielführend, eine „Kosten-Nutzen-Analyse“ durchzuführen, bei der man „Vor- und Nachteile des Perfektionismusstrebens“ (S. 54) diskutiere.

Kognitive Therapien verliefen nicht immer problemlos: für manche Patient:innen sei es nicht einfach, die „Interpretation der Intrusionen zu identifizieren“ (S. 55); bei anderen beginne mit der Korrektur der Interpretation ein neues Sicherheitsverhalten.

Die letzte Phase der Therapie (4.6 Abschluss der Behandlung und Auffrischungssitzungen) müsse genau mit den Patient:innen abgestimmt werden. Es sei günstig, die letzten Sitzungen einmal monatlich stattfinden zu lassen, um zu besprechen, inwieweit das Gelernte in alltäglichen Situationen angewandt werden konnte.

Bei einigen Patient:innen sei es indiziert, die KVT mit dem Einsatz von Psychopharmaka (4.7) zu unterstützen. Eine pharmakologische Monotherapie könne z.B. bei Ablehnung von KVT und/oder bei starken Symptomen in Erwägung gezogen werden. Die erste Wahl bei Psychopharmaka, egal ob adjuvant oder exklusiv, seien Serotoninwiederaufnahmehemmer.

Als Abschluss von Kapitel 4 gehen die Autorinnen auf „weitere psychotherapeutische Behandlungsansätze“ (4.8) ein: Im Zuge einer „Metakognitiven Therapie“ (4.8.1) sollen Patient:innen ihre eigenen Gedanken genau beobachten und auf der Grundlage eines individuellen Fallkonzepts sich „gezielte Fragen zu den Auswirkungen der Zwangsgedanken“ stellen, „um die Metakognitionen zu erfragen“ (S. 60). Des Weiteren seien „Achtsamkeitsbasierte Ansätze“ (4.8.2) möglicherweise hilfreich. So könne eine ACT („Acceptance and Commitment Therapy“) mit der Fokussierung auf den aktuellen Moment bei Zwangsstörungen als Gruppenangebot in Betracht kommen, wenn eine vorhergehende KVT nicht den erhofften Erfolg gezeitigt habe.

Für den Einsatz analytischer und tiefenpsychologischer Psychotherapien (4.8.3 Weitere therapeutische Ansätze und Verfahren), die bei Zwangsstörungen an sich auch infrage kommen, liege „keine Evidenz aus randomisiert-kontrollierten Studien“ (S. 62) vor.

„Weitere biologische, nicht pharmakologische Behandlungsansätze“ (4.9) seien bei schweren Zwangsstörungen und bei Nicht-Respons auf KVT und pharmakologische Behandlung nicht auszuschließen. Eine „repetitive transkranielle Magnetstimulation“ etwa könne „zu einer kurzfristigen Symptomreduktion führen“ (S. 63); eine „beidseitige tiefe Hirnstimulation“ könne „unter kritischer Nutzen-/​Risikoabwägung bei schwerstbetroffenen Patienten mit fehlendem Ansprechen auf mehrere leitliniengerechte Therapien“ (ebd.) zur Besserung beitragen.

In Kapitel 5, Effektivität, zeigen Endrass und Hartmann auf, wie wirksam die unterschiedlichen Interventionen sind: Einige Metaanalysen verdeutlichten die Wirksamkeit der KVT. Bis zu einem Jahr nach Therapieende sei ihr Erfolg nachzuweisen; für längerfristige Effektivität sei die Evidenzlage indessen noch unsicher. Einige Befunde zur Acceptance and Commitment Therapy seien ermutigend, obgleich noch eingeschränkt. Zu medikamentösen Therapien sei festzuhalten, dass sie mit KVT wirksamer seien als ohne. „Zukünftige Foki der Behandlungsforschung“ bestünden in der „Integration von digitaler Technologie in die Behandlungsunterstützung oder dem Monitoring“ (S. 69) und auf dem „Feld der Immunomodulierenden Therapie“, beruhend auf der „Idee, dass genetisch und immunologische Profile zu einer präzisen individualisierenden Therapie für die Zwangsstörung“ (ebd.) hinzugezogen werden könnten. Schwerpunktmäßig werde man zu den weiteren Entwicklungen der Verhaltenstherapie und zu „Pharmakogenetik und -genomik“ (ebd.) forschen.

Das Fallbeispiel (Kapitel 6) resümiert die Behandlung einer 43-jährigen Frau, die es aus Angst vor Ansteckung vermied, Dinge anzufassen, die andere Personen berührt hatten. Sie litt an Wasch-, Reinigungs- und Ordnungszwängen, außerdem an rezidivierenden depressiven Episoden, konnte ihre Zwänge aber in therapiegeleiteten Expositionen fast zum Verschwinden bringen. Bei einer psychometrischen Diagnostik am Ende der Behandlung befanden sich die Werte im Normbereich.

Diskussion

Wie die Integration des Bandes in die Reihe „Fortschritte der Psychotherapie“ nahelegt, soll den Leser:innen in knapper Form forschungsaktuelles Wissen über Zwangsstörungen vermittelt werden. Hauptsächlich aber erhalten sie in einem pragmatischen Vademekum so etwas wie „Handwerkszeug“ für den Einsatz in Kognitiven Verhaltenstherapien.

Konsequenterweise und nachvollziehbar vor diesem Hintergrund kommen die ersten drei Kapitel in komprimierter Form daher. Dennoch sind sie sehr gut dazu geeignet, auch nicht medizinischen und/oder nicht psychotherapeutisch geschulten Leser:innen einen adäquaten Überblick über die Symptomatik und den Wesenskern von Zwangsstörungen und ihrer Diagnostik zu geben.

Es kristallisiert sich schnell heraus, dass die Autor:innen für die Behandlung von Zwangsstörungen kognitiv-behaviorale Verfahren favorisieren und demzufolge propagieren. Sehr einprägsam ist das „kognitiv-behaviorale Modell der Zwangsstörung“ (S. 12), das alle weiteren Ausführungen begleitet und dem Buch als Karte, auf Glanzpappe im DIN-A-5-Format gedruckt, beigefügt ist – somit als Gedankenstütze für Therapeut:innen und Patient:innen gleichermaßen.

Sehr zu begrüßen ist, dass nicht nur dieses kognitiv-behaviorale Modell in Kapitel 3, sondern alle anderen Arbeitsblätter aus dem Anhang im Verlauf des Kapitels 4 beispielhaft ausgefüllt werden, so z.B. das „Arbeitsblatt zur Vorbereitung der Exposition mit Reaktionsverhinderung“ (S. 33). Dass im Hinblick auf diese konkrete Exposition eine vielleicht eher seltene Befürchtung zum Tragen kommt (Schreien von blasphemischen Äußerungen in einem Bus), ist zumindest eine willkommene Abwechslung zu den eher üblichen Wasch- und Kontrollzwängen.

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass die Autorinnen mehrfach betonen, wie bedeutend die Etablierung einer tragfähigen therapeutischen Beziehung ist. Gesprächsprotokolle können als wertvolle Tools genutzt werden (u.a. das „Erstellen eines individuellen Störungsmodells“, S. 25, oder die „Nachbereitung einer nicht erfolgreichen Exposition“, S. 41 f.). Aus den Dialogen erhellen sowohl angewandte therapeutische Techniken, z.B. der sokratische Dialog bei der „Erarbeitung eines Gedankenprotokolls“ (S. 47 f.), als auch Hürden, die zu nehmen sind. Sie werden in den Beispieldialogen elegant überwunden. Allerdings hätten sie inhaltlich nachgeschärft werden können, zumal es sich bei Expositionen und kognitiven Interventionen um die Bereiche handelt, in denen Sozialarbeiter:innen, Pädagog:innen, sozialpädagogische Fachkräfte im Allgemeinen oder sogar entsprechend vorgebildete und geschulte Laien mit dem nötigen Maß an Empathie, Wertschätzung und Kongruenz (um Carl Rogers zu zitieren) tätig werden könnten.

Obwohl das Führen eines Tagebuchs und die Technik des sokratischen Dialogs nicht spezifisch für KVT bei Zwangsstörungen sind und obwohl die Autorinnen auf allgemeine Darstellungen dazu verweisen, hätte man sich in diesem Kontext eine weitere Dimensionierung wünschen dürfen, geht es doch um Instrumentarien, die in jedem therapeutischen und/oder pädagogischen Setting von Vorteil sind und die Reflexion sowie Selbstwirksamkeit aller Beteiligten fördern.

Dasselbe gilt für die Ausführungen zum inhibitorischen Lernen und für das Fallbeispiel. Es hätte ihm gutgetan, länger und dichter auszufallen, denn es bleibt reduziert und ergebnisorientiert. Leider verliert sich in dieser Ökonomie die zuvor als wesentlich apostrophierte Beziehungsgestaltung, die Qualität der Interaktion. Einzuräumen ist, dass die Autorinnen, von der Seite des Verlags aus, sicherlich ein Maximum an Seiten nicht überschreiten durften. Damit und mit einem nicht hermeneutisch geprägten Wissenschaftsverständnis lässt sich die Neigung zu einem gewissen Ergebnisfetischismus erklären: das, was nicht gezählt und gemessen werden kann, was sich nicht in Tabellen und/oder Diagrammen kondensieren lässt, knapp gesagt alles, was nicht in randomisiert-kontrollierten Studien nachgewiesen werden kann, erscheint kaum wichtig.

Ein Quäntchen mehr an Hypotaxe, Formulierungen im Abseits von gleichförmigen S-P-O-Sätzen und etwas mehr Redeschmuck, vielleicht der sparsame Einsatz von Konnektoren, hätten die Lesefreundlichkeit optimiert. Dass die Autorinnen sich beim Gendern für das Alternieren zwischen generischem Femininum und generischem Maskulinum entscheiden, ist schon allein deshalb lobenswert, weil dieses Procedere im deutschsprachigen Raum nicht allzu oft Verwendung findet.

Ohne eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen zu wollen und zu können, ohne die Vorzüge der Publikation in irgendeiner Weise mindern zu wollen, ist nichtsdestoweniger die prononcierte Verabsolutierung eines naturwissenschaftlichen Diskurses zu beklagen, in dem aussortiert wird, was nicht evidenzbasiert ist.

Passgenau dazu bleibt die Erforschung der Ursachen sehr vage – als maßgeblich für Zwangsstörungen werden z.B. Schuldgefühle und/oder mangelndes Selbstwertgefühl genannt. Warum kehrt eine Patientin ausgerechnet auf dem Weg zur Arbeit um, weil sie unbedingt kontrollieren muss, ob sie den Herd ausgeschaltet und die Haustür abgeschlossen hat? (vgl. S. 25 f.). Tut sie das auch, wenn sie zu anderen Destinationen unterwegs ist? Schade, dass dies im Buch keine Rolle spielt. Wie dem auch sei: um solche Fragen auszuklammern bzw. nur marginal zu stellen, muss man ein:e Hardliner:in wissenschaftlich fundierter KVT sein. Es ist hier nicht der Ort, die sich dahinter verbergende politisch-gesellschaftliche Multidimensionalität zu diskutieren.

Fazit

„Zwangsstörung“ ist ein auf Effizienz und Leitlinientreue ausgerichtetes Buch für die therapeutische Praxis. Es besticht durch Überlegungen zur KVT bei Zwangsstörungen und stellt dafür einen Leitfaden und gute Materialien zur Verfügung. Von der Lektüre profitieren auch (sozial-)pädagogische Fachkräfte und andere Personen, die im Bereich Lehre und/oder Coaching aktiv sind.

Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
Literaturwissenschaftlerin (Venia legendi für Romanische Literaturwissenschaft, Französisch und Italienisch) sowie Dozentin an einer Fachschule für Sozialpädagogik.
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ISSN 2190-9245