Matthias Quent, Fabian Virchow (Hrsg.): Rechtsextrem, das neue Normal?
Rezensiert von Ronny Noak, 17.02.2026
Matthias Quent, Fabian Virchow (Hrsg.): Rechtsextrem, das neue Normal? Die AfD zwischen Verbot und Machtübernahme. Piper Verlag GmbH (München) 2024. 288 Seiten. ISBN 978-3-492-07317-2. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 29,90 sFr.
Thema
„Deutschland. Aber normal.“ So war das Wahlprogramm der Alternative für Deutschland (AfD) für die Wahl des 20. Deutschen Bundestages überschrieben. Damit postulierte die Partei, in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein und für das „normale“ (was auch immer das bedeutet) Deutschland zu stehen. Der hier rezensierte Band untersucht, inwiefern diese Normalisierung wirklich stattgefunden hat und welche programmatischen Inhalte die AfD seit 2021 vertritt.
Herausgeber:in
Herausgegeben wird der Band von Matthias Quent, Professor für Soziologie und Vorstandsvorsitzender des Instituts für demokratische Kultur an der Hochschule Magdeburg-Stendal und Fabian Virchow, Professor für Theorien der Gesellschaft und Theorien politischen Handelns an der Hochschule Düsseldorf. Neben den Herausgebern haben 23 weitere Autor*innen am Band mitgewirkt. Dazu gehören Wissenschaftler*innen wie Pia Lamberty und Klaus Dörre oder Journalist*innen wie Andreas Speit. Mit Marco Wanderwitz zählt auch ein Politiker und ehemaliger Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Länder zu den Autor*innen.
Aufbau
Der Sammelband beinhaltet 24 einzelne Aufsätze, die ohne Zwischenüberschriften aneinandergereiht werden. Das mag den Überblick erschweren, zeigt aber wie umfassend sich dem Analysegegenstand gewidmet werden. Da die 24 Aufsätze auf nur 266 Seiten versammelt sind, ergibt sich, dass die Beiträge jeweils relativ knapp und gebündelt ins Thema einführen. Im Schnitt kommt man damit auf elf Seiten pro Beitrag.
Inhalt
Der Sammelband analysiert die zunehmende gesellschaftliche Sichtbarkeit und Normalisierung rechtsextremer Positionen in Deutschland und legt seinen Schwerpunkt dabei auf die Alternative für Deutschland.. Die Autoren untersuchen, wie sich rechte Ideologien sprachlich, kulturell und politisch verbreiten und welche Rolle dabei Akteure aus Politik, Medien und sozialen Netzwerken spielen. Dabei zeigen sie auf, dass rechtsextreme Einstellungen nicht isoliert am Rand der Gesellschaft existieren, sondern in Teilen bis in die gesellschaftliche Mitte hineinwirken.
Beispielsweise räumt Kai Arzheimer in seinem Beitrag mit dem Vorurteil auf, dass die AfD vor allem eine Partei der Protestwähler*innen ist. Er kann anhand seiner Untersuchung sowohl der Inhalte als auch der Wähler*innen feststellen: „Die AfD inszeniert sich erfolgreich als Protestakteur, ist aber keine reine Anti- oder Ein-Themen-Partei.“ (S. 46)
Erhellend ist auch der Beitrag von Jannis Niedick und Marc Grimm zum Thema Antisemitismus in der rechtsextremen Partei. Die Autoren beschreiben das Spannungsfeld, indem sich die Partei befindet, indem sie untersuchen, wie „völkischer Antisemitismus und antisemitische Schuldabwehr“ als zentrale Position der Partei mit „einer instrumentellen Israel-Solidarität“ (S. 97) einhergehen. Dabei zeigt sich, wie die vermeintliche Israel-Solidarität als Feigenblatt genutzt wird, um migrationsfeindliche Positionen zu begründen. Außerdem werden immer wieder Positionen der AfD bezüglich der Historie untersucht.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Strategien der Neuen Rechten, die bewusst Provokationen, Tabubrüche und Begriffsverschiebungen einsetzen, um demokratische Diskurse zu verschieben. Die Autoren erläutern, wie sich Feindbilder – etwa gegenüber Migrantinnen und Migranten, politischen Gegnern oder Medien – verfestigen und zur gesellschaftlichen Spaltung beitragen. Zudem werden historische Kontinuitäten und aktuelle Erscheinungsformen des Rechtsextremismus miteinander verknüpft. Zudem werden Akteure aus dem Umfeld der Partei in die Untersuchung einbezogen, wie beispielsweise das österreichische Pendant, die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) oder Akteure in den Gewerkschaften.
Letzteres untersucht Klaus Dörre in seinem Aufsatz. Er betrachtet die Wirkmacht von Afd-Anhänger*innen im Umfeld von Arbeiter*innen und Gewerkschaften. Dies gelingt ihm unter anderem anhand eines Interviews mit einem Opel-Mitarbeiter in Eisenach. Dörre bleibt jedoch nicht bei der Zustandsbeschreibung. Er liefert auch Gegenstrategien wie eine „radikale Demokratisierung von Produktionsentscheidungen“ (S: 71) mit.
Abschließend diskutieren die Autoren die Folgen der skizzierten Entwicklungen für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie plädieren für eine klare Abgrenzung gegenüber menschenfeindlichen Ideologien und betonen die Verantwortung von Politik, Zivilgesellschaft und Medien, demokratische Werte aktiv zu verteidigen.
Diskussion
Seit mehr als einer Dekade existiert die AfD. Dabei hat sie einen radikalen Wandel von einer Anti-Euro-Partei hin zur rechtsextremen Bewegung durchgemacht. Der Sammelband unternimmt nun erstmals den Versuch, diesen Wandel aus ganz verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Dabei kann festgehalten werden, dass dieser Versuch sehr gelungen ist.
Es muss hervorgehoben werden, dass es sich hierbei wohl aktuell um den umfassendsten sowie vielseitigsten Versuch handelt, die Erfolgsbedingungen und Gefahren der AfD zu beschreiben. Dabei bleiben die Beiträge in der Regel aber nicht stehen, sondern geben auch Gegenstrategien an die Hand, um ein Ausbreiten des Rechtsextremismus nicht nur an der Wahlurne zu verhindern. Gerade für jene Leser*innen, die sich entweder erstmals mit dem Phänomen AfD befassen wollen oder Personen, die sich auf den aktuellen Forschungsstand bringen wollen, ist der Band eine sehr zu empfehlende Anlaufstelle.
Aufgrund der Tatsache, dass sich so viele unterschiedliche Autor*innen im Band wiederfinden, gelingt es auch komplexe Phänomene allgemein verständlich zu erläutern. Zielpublikum sind hier nicht Wissenschaftler*innen, die sich an Zahlen und Statistiken erfreuen, sondern der oder die allgemein interessierte Leser*in. Verständlichkeit und Allgemeingültigkeit ohne zu umfassende Simplifizierung steht bei den Untersuchungen im Vordergrund.
Einziges Manko des Bandes ist, dass er sich für eine tiefergehende Analyse zu den betrachteten Feldern nicht eignet. Häufig haben die Beiträge einen Überblickscharakter und sollen in das Themenfeld einführen. Das ist aber nicht tragisch, denn die Autor*innen sind ausgewiesene Expert*innen, deren weitere Publikationen immer hilfreich sind und die in der Regel in den Anmerkungen verzeichnet sind.
Fazit
Das Buch „Rechtsextrem, das neue Normal?“ von Matthias Quent und Fabian Virchow überzeugt durch seine klare Analyse und verständliche Darstellung komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen. Die Autoren schaffen es, wissenschaftliche Erkenntnisse fundiert und zugleich zugänglich aufzubereiten, ohne dabei an Tiefgang zu verlieren. Insgesamt ist das Werk ein wichtiger, aufklärender Beitrag zur aktuellen Debatte und eine Anlaufstelle für alle, die noch unsicher sind, was sie der AfD entgegensetzen können.
Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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