Franziska Egert, Anke Buschmann et al.: Sprachliche Bildung und Förderung
Rezensiert von Michaela Kemper, 13.08.2025
Franziska Egert, Anke Buschmann, Anne-Kristin Cordes, Steffi Sachse, Marina Jahn u.a.: Sprachliche Bildung und Förderung. Kommunikation, Sprache und Mehrsprachigkeit in Kindertageseinrichtungen.
Wochenschau Verlag
(Frankfurt am Main) 2024.
294 Seiten.
ISBN 978-3-8252-5837-5.
D: 17,90 EUR,
A: 17,40 EUR,
CH: 24,50 sFr.
Reihe: Kindheitspädagogik und Familienbildung - Band 6. UTB - 5837.
Thema
Neben Bayern sind in einigen Bundesländern Sprachstandserhebungen für Vorschulkinder inzwischen Pflicht. Auch die OECD fordert die bundesweite Einführung von Sprachtests, mit dem Ziel, dass Kinder, insbesondere die mit Migrationshintergrund, zum Schulbeginn ausreichend gut Deutsch können. Sprachliche Bildung und Förderung soll mehr in den Vordergrund rücken – Kindertageseinrichtungen gelten als Schlüssel zur Lösung. Die Autorinnen des Werks zeichnen eindrucksvoll nach, was häufig nicht vor Augen ist: Das Credo Bildungschancen durch Sprachförderung insbesondere für Kinder sozial benachteiligter Familien zu erhöhen, gilt seit dem sogenannten „Pisa-Schock“ im Jahr 2001. Seitdem investiert Deutschland in den institutionellen Bildungsort Kindertagesstätte, bislang mit augenscheinlich geringem Erfolg. Genau hier setzen die Autorinnen an.
Entstehungshintergrund
Das vorliegende Buch ist in der von Rita Braches et al. herausgegebenen Reihe „Kindheitspädagogik und Familienbildung“ des Wochenschau-Verlags erschienen. Ziel ist es, für die Profession relevante Wissensbestände praxisnah aufzubereiten.
Dieser Band setzt sich mit dem Themenkomplex Kommunikation, Interaktion, Sprache und Mehrsprachigkeit in der Praxis der Kindheitspädagogik und Familienbildung auseinander.
Anhand von nationalen und internationalen Forschungsergebnissen wird Kapitel für Kapitel aufgezeigt, wie Sprachförderung in Kindertagesstätten gelingen kann, welche Rahmenbedingungen es dafür braucht, wie eine gute Praxis aussehen sollte. Das Lehr- und Arbeitsbuch soll pädagogischen Fachkräften, Studierenden und Lehrenden konkret, handlungsfokussiert und praxisnah die Möglichkeit bieten, auf wissenschaftlicher Basis Wissen und Kompetenzen zu erwerben und somit die Praxis durch (Selbst-)Lernprozesse im Sinne der Kinder zu verändern.
Autor:innen
- Dr. Egert, Franziska: Erziehungswissenschaftlerin, Professorin für Pädagogik an der Katholischen Stiftungshochschule München
- Dr. Sachse, Steffi: Dipl. Psychologin, Professorin für Entwicklungspsychologie mit Schwerpunkt Sprachentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg
- Dr. Buschmann, Anke: Dipl. Psychologin, Professorin für Frühförderung und Frühe Hilfen an der Hochschule Nordhausen
- Dr. Cordes, Anne-Kristin: Linguistin und Bildungspsychologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsinstitut für Frühpädagogik
Aufbau
Nach der Einleitung (Kapitel 1), in der Ziele, Intention und Aufbau des Bandes beschrieben werden, gliedert sich das Buch zwei Haupteile.
Teil I widmet sich dem Thema „Sprache und Mehrsprachigkeit“, indem es Lesenden die Grundlagen der aktuellen Entwicklungen des Themas Sprachbildung und -förderung, auch hinsichtlich der aktuellen Qualitätsdebatte vermittelt. Darauf aufbauend versucht Teil II alle praktischen Bedingungen von Kommunikation und Interaktion und deren Bedeutung für den Kita-Alltag bzw. den Umgang mit Eltern in den Blick zu nehmen.
Um den Lesenden Kompetenzerwerb und Praxistransfer zu vereinfachen, ist jedes einzelne Kapitel des Bandes einem wiederkehrenden Schema unterworfen: Zunächst wird das Wesentliche optisch hervorgehoben zusammengefasst und dessen Bedeutung für die Arbeiten mit Kindern bzw. deren Familien skizziert. Anschließende Reflexionsfragen ermöglichen die Überprüfung des eigenen Kompetenzgewinns. Im Text eingebettete Praxisbeispiele, Transfer- und Reflexionsaufgaben sowie Literaturverweise am Ende jeden Kapitels treiben den Gedanken des Arbeits- und Lehrbuchs voran.
Inhalt
Das Werk umfasst insgesamt zwölf Kapitel:
- Kapitel 1: Einleitung: Präsentiert den Hintergrund und den Aufbau bzw. Inhalt des vorliegenden Bandes.
Teil I:
- Kapitel 2: Ein erster Überblick zur sprachlichen Bildung und Sprachförderung (Egert, Jahn, Titze): Die Autorinnen zeichnen ausgehend vom „Pisa-Schock“ im Jahr 2001 (S. 21) initiale (Sprach-)Bildungsdebatte historisch nach und beschreiben die daraus entstandenen deutschlandweiten Bemühungen der Bundesländer Sprachförderung systematisch in Kindertagesstätten zu verankern. Zudem werden die sich über die inzwischen Jahrzehnte veränderten Ansätze, deren dahinterliegende Paradigmen sowie die Ergebnisse der begleitenden Forschung skizziert.
- Kapitel 3: Qualität und Quantität sprachlicher Bildung und Förderung (Egert): Egert beschreibt hier nationale und internationale Befunde zur Qualität und Quantität der sprachlichen Anregungen in Kindertagesstätten. Dabei wird deutlich, dass – aktuell trotz aller im vorherigen Kapitel beschriebenen Qualitätsoffensiven und Qualitätsdebatten – Kindergartenkinder in Deutschland kaum sprachliche Förderung erleben. Mehr noch: Vor allem benachteiligte Kinder mit und ohne Migrationshintergrund profitieren am Wenigsten. Auf dieser Basis führt sie empirisch begründet aus, wie die fachliche Weiterentwicklung von Fachkräften bzw. -teams und Kindertagesstätten erfolgen sollte, welche Weiterbildungskomponenten Effekte erzielen und welche nicht.
- Kapitel 4: Sprachentwicklung und die Bedeutung der sprachlichen Umwelt (Sachse): Sachse erläutert in diesem Kapitel die Grundlagen des gelingenden Spracherwerbs von Kindern. Sie definiert Grundbegriffe, stellt die notwendigen Voraussetzungen beim Kind aber auch hinsichtlich der Umwelt dar, geht auf Meilensteine der Sprachentwicklung ein.
- Kapitel 5: Sprachliche Auffälligkeit und Störungen (Sachse): Ergänzend zum vorherigen Kapitel wird in diesem Abschnitt eine Systematik vermittelt, die es Fachkräften ermöglichen soll Probleme und Störungen beim Spracherwerb zu erkennen und einzuschätzen. Es wird verdeutlicht, was zur ‚Varianz der normalen Sprachentwicklung‘ gehört und was als ‚Risiko‘ definiert werden sollte, da damit eine ungünstige Prognose für das Kind einhergeht. Ergänzend werden Schwierigkeiten im Umgang mit sprachlich auffälligen Kindern und Fördernotwendigkeiten bzw. -möglichkeiten definiert.
- Kapitel 6: Mehrsprachigkeit (Sachse): Sachse setzt sich in diesem Kapitel grundlegend mit Mehrsprachigkeit auseinander: sie erläutert herrschende Begrifflichkeiten, erklärt Schwierigkeiten und Chancen beim Mehrsprachenerwerb, klärt über Mythen auf und beschreibt notwendige Rahmenbedingungen, um Kinder im Mehrsprachenerwerb zu unterstützen.
- Kapitel 7: Erfassung sprachlicher Leistungen im Alltag einer Kindertagesstätte (Sachse): Sachse beschreibt hier grundlegende Methoden, mit deren Hilfen pädagogische Fachkräfte zu einer verlässlichen Einschätzung von Sprachförderbedarfen bei Kindern kommen können.
- Kapitel 8: Sprachförderung (Egert): Egert definiert in diesem Abschnitt zunächst den Unterschied zwischen Sprachförderung und Sprachbildung, um anschließend wesentliche Präventions- bzw. Interventionskonzepte fachlich zu kategorisieren, einzuordnen und anhand von Forschungsergebnissen deren Wirksamkeit zu beschreiben.
Teil II:
- Kapitel 9: Kommunikation und Interaktion (Buschmann, Egert): Die Autorinnen widmen dieses Kapitel der Reflexion und dem Transfer von bereits im ersten Teil theoretisch vorgestellten Kommunikations- und Interaktionsbedingungen. Beispielsweise werden Beobachtungsschemata für Fachkräfte vermittelt, mit deren Hilfe das Kommunikations- und Interaktionsverhalten von Kindern kategorisiert und deren Bedarfe besser ermittelt werden können, um feinfühliger und individuell passender sprachlich zu fördern. Fokus des Kapitels ist sprachliche Qualitätssteigerung durch die Fachkraft-Kind-Interaktion.
- Kapitel 10: Räumlich-materielle Umgebung und Situationsgestaltung (Egert): Aufbauend beschäftigt sich Egert mit notwendigen Rahmenbedingungen in Kindertagesstätten um hochwertige Sprachanregung und -förderung von Kindern zu ermöglichen. Dabei reflektiert sie anhand von Forschungsergebnissen konkrete förderliche Bedingungen wie notwendige räumliche bzw. materielle Voraussetzungen von Kindertagesgruppen bzw. -einrichtungen, und erarbeitet Vorschläge zu konkreter Raumgestaltung, Checklisten zur Unterstützung von Sprachverstehen, Materiallisten und Leitlinien für pädagogisches Handeln etc.
- Kapitel 11: Unterstützung sprachlichen Lernens mit digitalen Medien (Cordes; Fegert): Dieses Kapitel setzt sich auf wissenschaftlicher Basis mit den Chancen und Möglichkeiten digitaler Medien in Kindertageseinrichtungen auseinander. In Kürze werden gängige Widerstände und Diskussionen aus der Praxis aufgegriffen, um Unterschiede zwischen passivem Medienkonsum und aktiver Mediennutzung zu reflektieren und aufzuzeigen, wie in der Frühpädagogik nutzbringend digital gelehrt und gelernt werden kann. Beispielhaft wird anhand des dialogischen Lesens mit digitalen Bilderbüchern und der Aufbereitung von Stop-Motion-Filmen sowohl die Professionalisierung der Fachkräfte als auch die Sprach- und Medienkompetenzentwicklung von Kinderkleingruppen beschrieben.
- Kapitel 12: Zusammenarbeit mit den Eltern: Sprachliche Bildung über Bildungsorte hinweg gestalten (Buschmann): Buschmann zeigt anhand von typischen Strukturen in Kindertagesstätten – Aufnahmegesprächen, Eingewöhnungen, Entwicklungsgesprächen oder auch Elternabenden – auf, wie es gelingen kann, Eltern in die Sprachbildung einzubeziehen und sie zu einem sprachförderlichen Umgang mit ihren Kindern zu befähigen. Sie verweist zudem auf drei Modellprojekte, die auch das Thema Mehrsprachigkeit in den Fokus rücken.
Diskussion
Der vorliegende Band ist eine wahre Schatzkiste voller Wissen für all jene, die sich mit dem Thema Sprache, Sprachbildung und Mehrsprachigkeit überhaupt, aber insbesondere für das Handlungsfeld der Kindertagesstätten auseinandersetzen wollen. Die Autorinnen führen verständlich und ohne zu langweilen in den wirklich breiten Stand der aktuellen Forschung ein.
Dabei vermitteln sie komprimiert und alltagsbezogen Bedingungen und Faktoren wirksamer bzw. nicht-wirksamer Sprachförderung an der sich eine engagierte Praxis ausrichten kann und sollte: Mithilfe von Transferfragen, -aufgaben und Material- bzw. Literaturverweisen verhelfen sie interessierten Lesenden dabei Kompetenzen aufzubauen und das gewonnene Wissen in den professionellen Alltag zu transferieren. Statt auf Nachbardisziplinen wie Logopäden, Sprachheilpädagogen oder Linguisten zu verweisen, schaffen sie einen deutlichen Mehrwert zur notwendigen Professionalisierung früh-pädagogischer Fachkräfte.
Einziger Wehrmutstropfen: So konsequent die Idee des Lehr- und Arbeitsbuches gedacht und umgesetzt wird, so fraglich bleibt, ob die einzelne Fachkraft die individuellen und strukturellen Hürden damit überwinden kann. Für Dozierende an Fach- und Hochschulen, Fachberatungen, Leitungen von Kindertagesstätten ist der Band jedoch uneingeschränkt zu empfehlen!
Fazit
Ein kompaktes Lehr- und Arbeitsbuch, das trotz des hohen Praxisgehalts an Wissenschaftlichkeit und Fachlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Für die einzelne engagierte Fachkraft in der Kindertagesstätte bietet es eine gute Reflexions- und Handlungsgrundlage für eine gelingendere Praxis. Ein wirklicher Schatz ist es jedoch vor allem für diejenigen im Handlungsfeld der Kindertagesstätten, die in Personal- und Organisationsverantwortung stehen, Fachkräfte unterrichten, weiterbilden und supervidieren.
Rezension von
Michaela Kemper
staatl.-anerk. Sozialarbeiterin (B.A., M.A.), Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (VT)
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