Josephina Schmidt: Frauen in der Sozialpsychiatrie
Rezensiert von Prof. Dr. Margret Dörr, 15.09.2025
Josephina Schmidt: Frauen in der Sozialpsychiatrie. Fallgeschichten multiperspektivisch verstehen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 419 Seiten. ISBN 978-3-7799-7772-8. D: 68,00 EUR, A: 70,00 EUR.
Thema
Die Verbesserung der Lebenssituation von als chronisch psychisch krank geltende Menschen war eine maßgebende Aufgabenstellung, die sich die sozialpsychiatrische Bewegung der 1960/70er Jahre gegeben hatte. Diese Bewegung hatte sich ausdrücklich als eine gesellschaftspolitische Kraft verstanden und sich zum Ziel gesetzt, die inhuman-barbarischen Bedingungen der Anstaltspsychiatrie der Nachkriegszeit zu überwinden und strebte dabei auch einen Auf- und Ausbau humaner gemeindenaher Versorgungsstrukturen an. So hat sich in Reaktion auf die Psychiatrie-Enquete (Deutscher Bundestag 1975: 65) zwar eine beachtliche gemeindepsychiatrische Landschaft etabliert, die sich durch vielfältige Unterstützungs- und Begleitungsangebote für und mit Krisen- und Psychiatrieerfahrene auszeichnet, doch stellt sich vor dem Hintergrund eines potenziellen Erbes dieses sozialpolitischen Engagements eine Ernüchterung ein. Die Ökonomisierung des Gesundheitswesens, begleitet von einer hegemonialen Teilhabe- und Befähigungsstrategie des deutschen Sozialstaates, trägerspezifische Hemmnisse durch sozialrechtliche Schranken, das Erstarken der weiterhin dominanten biomedizinisch-psychiatrischen Krankheitsmodelle mit einer Fokussierung auf biochemische- und hirnorganische Forschung, stellen eine Gefahr für gemeindepsychiatrischer Denk- und Arbeitsweisen dar.
Der vorliegende Band untersucht „Strukturen und Prozesse von psychiatrieerfahrenen Frauen, deren Biographien von einem langen psychiatrischen Hilfeverlauf und damit verbundenen Institutionen und Helfer*innen geprägt sind und die dauerhaft in einem sozialpsychiatrischen Wohnheim leben“ (S. 11). Im qualitativ-empirischen, rekonstruktiv angelegten Forschungsprozess wird eine interdisziplinäre Analyseperspektive eingenommen, in der feministische Erkenntnispositionen, sozialpsychiatrische Theoreme und sozialarbeiterische Professionstheorien an der Schnittstelle der Differenzkategorien „Geschlecht“ und Behinderung gebündelt werden.
Autorin
Dr. Josephina Schmidt arbeitet im Bereich Grundsatzfragen und Qualität der Sozialen Arbeit beim Sozialamt Stuttgart und hat an der Eberhard Karls Universität Tübingen im Fachbereich Erziehungswissenschaften/Sozialpädagogik promoviert. In Lehre, Forschung und Praxis sind ihre Arbeitsschwerpunkte rekonstruktive Sozialforschung, Professionalisierung Sozialer Arbeit, Geschlechterfragen in Sozialer Arbeit und Sozialpsychiatrie, Partizipation, kommunale Soziale Arbeit sowie Digitalisierung der Hochschulbildung.
Aufbau
Der Band wird nach einer Danksagung und Einleitung durch vier Kapitel gerahmt -
I. Heuristik;
II. Grundlagen der Empirie;
III. Fallanalysen;
IV. Zusammenführung der Ergebnisse
- die durch neun Abschnitte, einschließlich weiterer Unterpunkte, orientierungsleitend gegliedert sind.
Inhalt
I. Heuristik
Im ersten Kapitel (24-106) geht Josephina Schmidt der Frage nach, welche historisch entwickelten Ansätze der drei Diskursbereiche – Sozialpsychiatrie, Feminismen und Sozialer Arbeit – ein fundiertes Verständnis der hier in Rede stehenden Thematik ermöglichen und wie sich aus der Kombination dieser Ansätze (deren Denkfiguren analytisch nicht trennscharf zu unterscheiden sind) „ein fruchtbarer erkenntnistheoretischer Blick auf den Forschungsgegenstand eröffnen lässt.“ (25)
Dazu skizziert die Verfasserin den in der Sozialpsychiatrie geführten Reformdiskurs und erörtert exemplarisch Studien und Texte, die eine Vernachlässigung des Themas „Geschlechterverhältnis in der Psychiatrie“, anschaulich werden lassen. Erkennbar wird eine heteronormative Ausrichtung der Organisation Psychiatrie mit der Tendenz der Reproduktion asymmetrischer Geschlechterverhältnisse sowie fehlende frauenspezifische emanzipatorisch ausgerichtete Angebote, beides mit machtvollen Auswirkungen auf biografische Verläufe von als chronisch psychisch krank diagnostizierten Frauen. Anschließend weist die Autorin die ihrer Studie zugrundeliegenden feministischen Ansätze aus. Für die vorliegende Studie orientierungsleitend werden differenzfeministische und materialistisch-feministische Perspektiven umrissen und Postulate feministischer Forschung herausgearbeitet. Unter Bezug auf den Denkhorizont von Spivak wird auf die Subalternität krisenerfahrener Frauen verwiesen, die auch im eigenen Forschungsproduktionsprozess zu berücksichtigen sein wird. Nachfolgend skizziert die Autorin einige historische Entwicklungslinien der Psychiatrie und thematisiert die Relevanz der Sozialen Arbeit im Denkhorizont von Sozialpsychiatrie, die sie insbesondere im ambulanten Bereich der Gemeindepsychiatrie innehat. Dabei referiert sie sozialwissenschaftliche empirisch-qualitative Studien, die darauf verweisen, dass Fachkräfte der Sozialen Arbeit stark einem „medico-pädagogischen“ Handlungsschema der Normierungs- und Differenzherstellung folgen. Dies verdeutlicht den Bedarf an Perspektiven einer rekonstruktiven Sozialen Arbeit auf den „Fall“, da so ermöglicht wird, Vorgänge der multidimensionalen Beteiligung an der Konstruktion von institutionellen Biografien zu erkennen und reflexiv unter dem Gesichtspunkt einer hinreichend gelingenden Passung des Arbeitsbündnisses zu gestalten. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse formuliert Schmidt ihre Forschungsfrage, mit der sie „den Blick auf die Verschränkung der die Gesellschaft strukturierenden Kategorien „Frau“ und „psychische Erkrankung“ in Bezug auf die Fallkonstitution in Organisation und Profession der Sozialen Arbeit richtet“ (90): Wie werden Frauen zu Fällen dauerhafter Bewohnerinnen in sozialpsychiatrischen Wohnheimen?“ (ebd.) Zur Beantwortung dieser Frage unternimmt die Autorin eine qualitativ empirische Studie, in der Biografie- und Professionsforschung miteinander verschränkt und die Strukturebene fokussiert werden. Anschließend zieht die Autorin ihre methodologischen Schlussfolgerungen, begründet das Erfordernis der Verwendung der Rekonstruktionsmethode der Objektiven Hermeneutik, da dieses Vorgehen gestatte, eine reflexiv-emanzipatorische Forschungspraxis zu komponieren, die nicht nur eine Verständigung zwischen Subjekten über Normen anstrebt, sondern zugleich gesellschaftliche Bedingungen dieser Verständigung in den Blick zu nehmen ermögliche.
II. Grundlagen der Empirie
Im Kapitel „Grundlagen der Empirie“ (108-149) wird das konkrete Untersuchungsfeld „Wohnheim“ (Strukturen, Adressat:innen und Herausforderungen) sowie die konkrete methodische Anlage der Datenerhebung (Feldzugang und Sample) theoretisch begründet beschrieben. Josephina Schmidt befragte (getrennt) in Anlehnung an Prinzipien des narrativen Interviews sowohl langjährige Bewohnerinnen von Wohnheimen, deren weitere Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie Mütter sind als auch deren jeweilige Bezugsmitarbeiterinnen. Weiterhin wurden für die Fallanalysen neben den Interviews auch die jeweils aktuellen, standardisierten Hilfepläne [IBRP] zu den Bewohnerinnen als Protokolle kritisch reflektiert erschlossen. Ebenso informiert ein Unterkapitel über das eigene Vorgehen bezüglich forschungsethischen Standards in sozialwissenschaftlichen Studien (Vertraulichkeitsvereinbarungen/Anonymitäts- und Datenschutzregelungen/Einwilligungen und die Vermeidung von Schädigung), die in der Forschungspraxis mit als besonders vulnerabel bezeichneten Gruppen zu beachten sind. Es folgen die Darstellung der Prinzipien und Auswertungsschritte der Objektiven Hermeneutik.
III. Fallanalysen
In diesem Hauptkapitel (151-352) werden die von der Verfasserin erhobenen Daten der drei Fallstudien entsprechend ihrer Forschungsfrage sequenzanalytisch entlang der Aggregierungsebenen – „Lebensgeschichte und objektivierbare Daten“; „das Interview mit der Bewohnerin“; „das Interview mit der Bezugsmitarbeiterin“ und „der Hilfeplan“ – ausgewertet. Diese Leistung wird in dieser Rezension inhaltlich nicht Einzeln gewürdigt. Die jeweils über Feinanalysen rekonstruierten Fallstrukturhypothesen werden im letzten Abschnitt gebündelt zueinander ins Verhältnis gesetzt, in dem auf Passungen und Nicht-Passungen zwischen Organisation, Hilfeplan, Arbeitsbündnis zwischen Fachkraft und Bewohnerin und biografischem Verlauf geachtet wird.
In der ersten detaillierten Fallanalyse wird ein hohes Maß an Passung zwischen der Protagonistin und der Bezugsmitarbeiterin rekonstruiert, wobei die Arbeitsbeziehung anlassbezogen organisiert ist, und nur ein geringer Spielraum für einen gemeinsamen – eben auch autonomiefördernden konflikthaften – Reflexionsraum sichtbar wird, sodass Anlässe für Transformation aus einer für sie unbefriedigenden Lebenssituation von der Bewohnerin selbst eher außerhalb des Wohnheims initiiert werden. Krisen werden als lebensbedrohliche Transformationsversuche konstruiert und seitens des Wohnheims aktiv zu verhindern versucht. Dies führt zu einem (‚malignen‘ M.D.) Passungsverhältnis, bei dem die Bewohnerin sich den medikalisierten Regeln der Einrichtung unterwirft und ein Leben in Selbstständigkeit in die Zukunft hinein verschoben ist, wobei der aktuelle Unterstützungsrahmen die bisherige heteronome Fallstruktur der Bewohnerin reproduziert.
Die Verdichtungen der rekonstruierten Fallstrukturhypothesen der zweiten Fallanalyse dokumentieren, dass die existenzielle Angewiesenheit der Bewohnerin auf fürsorgende Andere bestätigt wird, womit eine Eignung des Wohnheims bestätigt scheint. Dabei werden insbesondere administrative und pflegerische Unterstützungsleistungen postuliert, die darauf gerichtet sind, die aktuelle körperliche Integrität zu stabilisieren oder zumindest einer Verschlechterung entgegenzuwirken. Dabei dominiert eine klinisch-medizinische Orientierung. Zudem wird eine oberflächliche Verhaltensebene fokussiert und bezüglich der psychosozialen Lebensthemen der Bewohnerin einen Mangel an sozialpädagogisch-sinnverstehendem Interventionspotenzial offenbart. Entsprechend wird seitens der Fachkraft für die Bewohnerin, deren idealer Subjektentwurf das Muttersein ist, ein Leben außerhalb des schützenden, familienähnlich strukturierten Wohnheims nicht einmal mehr gedacht.
Im dritten Fall der vorliegenden Studien verweist die Relationierung der Fallstrukturhypothesen aus den einzelnen Aggregierungsebenen ebenfalls auf eine tendenzielle (maligne, M.D.) Passung zwischen Bewohnerin, Bezugsmitarbeiterin und Organisation. Die Beteiligten sind sich einig, dass das Wohnheim ein Schutz- und Schonraum vor der Welt außerhalb ist und so Überforderung für die Bewohnerin vermieden werden kann. Auch gibt es offenbar aus Sicht der Organisation keine Anlässe, die Situation zu verändern, da die angepasste Bewohnerin eine stabilisierende Funktion in der Einrichtung übernimmt. Ihr Wunsch auszuziehen wird in seinen Sinndimensionen nicht ernst genommen, sondern schlicht mit ihrer leidvollen Vorgeschichte pathologisiert. Erkennbar wird des Weiteren, dass die Einrichtung sich zwar einerseits als expliziten Schonraum versteht, zugleich eine stark verpflichtende Forderung an die Bewohnerin besteht, sich den institutionellen routinemäßigen Angebots-Strukturen des Wohnheims zu unterwerfen.
IV. Zusammenführung der Ergebnisse
In diesem Kapitel (354-402) wird auf einer verallgemeinernden Ebene die Frage nach dem Prozess der Fallkonstruktion „dauerhafte Bewohnerin im sozialpsychiatrischen Wohnheim“ beantwortet, die in Kapitel III entlang der Einzelfälle herausgearbeitet wurden. Entsprechend der Forschungsperspektive geschieht dies mit dem Fokus auf das in unserer Gesellschaft mit Geschlechterfragen zusammenhängende Verhältnis von Autonomie, Verletzlichkeit und Abhängigkeit. Erläutert wird, wie stark sich die Biografien der Bewohnerinnen entlang ihrer (familialen) Care-Beziehungen strukturieren; in welch hohem Maße geschlechtsspezifische Gewalterfahrungen und Opferdiskurse in den Biografien der Bewohnerinnen sowie im jeweiligen Arbeitsbündnis mit den Bezugsmitarbeiterinnen zu einem Schlüsselthema werden. Diese modellieren ein Alltagshandeln der Fachkräfte, die neben einer respektvollen Beachtung der Verletzbarkeit der Anvertrauten auch Kräfte entfalten, die der (Rück)Gewinnung einer relationalen Autonomie im Wege stehen und eher moralisierende und auf Anpassung an institutionelle Strukturen sowie eine möglichst konflikt- und krisenfreie Normalitätsorientierung befördern. Darüber wird in eklatanter Weise eine dichotome Struktur von „drinnen“ = Schutz und „draußen“ = Gefahr reproduziert, die es eigentlich in originär sozialpsychiatrischen Denk- und Handlungsmustern zu durchbrechen gelte. Zudem – so die Rekonstruktionen der Autorin – provozieren auch die gesetzlich vorgeschriebenen Hilfepläne eher eine Orientierung an gesellschaftliche (männliche) Normalitäts- und Autonomievorstellungen und fokussieren, nicht zuletzt zur Sicherstellung der finanziellen Trägerinteressen, klinisch-psychiatrische Denkschablonen. Des Weiteren blickt die Verfasserin auf einen in der gemeindepsychiatrischen Wohnform augenscheinlich halbierten Krisenbegriff, der als schädlicher innerer Zustand von Einzelpersonen verstanden wird, der zu verhindern bzw. rasch zu beheben sei, womit Transformationschancen hin zu einem offenen Veränderungsprozess vertan werden und ein „Verharren im Status quo“ festgeschrieben wird.
Diskussion
Die Autorin Josefina Schmidt lädt die Leser:innen zu einer schmerzlich-anstrengenden Reise durch prekär-leidvolle Fallgeschichten von Frauen ein, die bereits langjährig in sozialpsychiatrische Wohnheime leben. Indem sie sich entsprechend ihrer Forschungsfrage multiperspektivisch insbesondere auf ein (Nicht)Passungsverhältnis zwischen den Bewohnerinnen und ihren Bezugsmitarbeiterinnen, eingebettet in einem gemeindepsychiatrischen Organisationsrahmen, zuwendet, gelingt es ihr anschaulich, sowohl in den besonderen Rekonstruktionen als auch in den Verallgemeinerungen relevante Leerstellen sozialpsychiatrischer Denk- und Handlungsmuster in der Gemeindepsychiatrie offenbar werden zu lassen. Insofern bestätigen leider ihre Ergebnisse jene Arbeiten, die bisher in gemeinde- bzw. sozialpsychiatrischen Studien (u.a. Jehle 2007; May et al 2024; Riemann 1987) veröffentlicht wurden. Dabei soll die in dieser Studie eingenommene feministische Perspektive besonders gewürdigt werden, ist doch gerade diese aufschlussreiche geschlechtersensible Sicht eher ein bisheriges Novum sozialpsychiatrischer Forschung. Darüber kann die Verfasserin einmal mehr darüber aufklären, wie schwierig es in der aktuell-gesellschaftlichen Verfasstheit sozialpsychiatrischer Einrichtungen ist, ein personenzentriertes Recoveryverständnis, mithin dem – wie auch immer verquer zum Ausdruck gebrachten – Emanzipationsbegehren von krisen- und psychiatrieerfahrenen Frauen Rechnung zu tragen.
Als Fachkraft darauf als Andere und doch Gleiche sinnverstehend Antworten zu können, bedarf – so zeigen es die vorliegenden Fall-Rekonstruktionen – bereits im Studium einer sozialarbeiterischen und/oder -pädagogischen (Aus)Bildung, in der ein hermeneutisches Fallverstehen eingeübt wird. Dies verbunden mit der Vermittlung geschlechtersensibler sowie genuin gesellschafts- und institutionskritischer Prämissen der Sozialpsychiatrie sowohl im Studium der Sozialen Arbeit als auch in Weiterbildungen von gemeindepsychiatrischen Fachkräften. Vorbildlich ist zudem die ethische, selbstreflexiv-kritische und wertschätzende Forschungshaltung von Josephina Schmidt, mit der sie es ohne persönliche Entwertungen vermag, auch die latenten, eklatanten Fallstricke einer entsubjektivierenden und/oder fürsorglich-paternalistischen Alltagspraxis Sozialer Arbeit in der Gemeindepsychiatrie aus ihrem Datenmaterial zu rekonstruieren. Dies gelingt ihr, da sie die strukturellen Dilemmata einer zudem emotional belastenden Tätigkeit von sozialpsychiatrisch-sozialarbeiterischen Fachkräften in diesem sozialpolitisch sträflich vernachlässigten Feld konsequent im Blick behält.
In der vorliegenden Monografie wird anschaulich aufgezeigt, wie sozialpsychiatrische Wissensbestände, feministische Perspektiven und sozialpädagogische Professionstheorien als Anknüpfungspunkte für eine rekonstruktive Forschung im Feld der Sozialpsychiatrie fruchtbar gemacht werden können. Leidvolle Lebensgeschichten von langjährig und dauerhaft im gemeindepsychiatrischen Wohnheim lebende Frauen, die Erfahrungsgeschichten ihrer Bezugsmitarbeiterinnen sowie Struktur und Inhalte gesetzlich vorgeschriebener Hilfepläne werden mit der Methode der objektiven Hermeneutik feinanalytisch rekonstruiert. Die so gewonnenen Fallstrukturgesetzlichkeiten verweisen u.a. auf eine fürsorgliche Belagerung der krisenerfahrenen Frauen, die einer Recovery-Orientierung sowie einem möglichen Auszug aus dem Wohnheim entgegen steht.
Fazit
Der Band leistet einen wertvollen Beitrag zum fachlichen Diskurs über von als chronisch psychisch krank diagnostizierten Frauen im fälschlicherweise offiziell als Sozialpsychiatrie bezeichneten Hilfesystem und bietet zudem der interessierten Leserschaft einen illustrativen Einblick in methodologische Grundlagen, die der Komplexität eines Forschungsgegenstandes gerecht werden.
Literatur
Jehle, Manfred, 2007. Psychose und souveräne Lebensgestaltung: Erfahrungen langfristig Betroffener mit Gemeindepsychiatrie und Selbstsorge. Bonn: Psychiatrie Verlag. ISBN 978-3-88414-438-1 [Rezension bei socialnet]
May, Michael; Dörr, Margret; Anderl-Doliwa, Brigitte & Rüppel, Jonas, 2024. Abschlussbericht Partizipativ-forschungsbasierte Entwicklung, Kalibrierung und Implementierung Sozialer Innovationen zur Etablierung recoveryförderlicher Arbeitsbündnisse zwischen Professionellen und Nutzenden der (gemeinde-)psychiatrischen Settings der WPK-Partner (VISION-RA). https://hlbrm.pur.hebis.de/xmlui/handle/123456789/262
Riemann, Gerhard, 1987. Das Fremdwerden der eigenen Biographie: Narrative Interviews mit psychiatrischen Patienten. München: Fink. ISBN 978-3-7705-2396-2
Rezension von
Prof. Dr. Margret Dörr
Professorin (i. R.) für Theorien Sozialer Arbeit, Gesundheitsförderung an der Katholischen Hochschule in Mainz, Fachbereich Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften.
Arbeitsschwerpunkte: Affektabstimmungsprozesse in der Sozialpsychiatrie (BMBF-Projekt)‚ Psychoanalytische (Sozial)Pädagogik, Gesundheitsförderung.
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