Tanja Jungmann, Ulrike Morawiak et al.: Überall steckt Sprache drin
Rezensiert von Alexandra Großer, 12.12.2025
Tanja Jungmann, Ulrike Morawiak, Marlene Meindl: Überall steckt Sprache drin. Alltagsintegrierte Sprach- und Literacy-Förderung für 3- bis 6-jährige Kinder. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2024. 3., überarbeitete Auflage. 141 Seiten. ISBN 978-3-497-03281-5. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Thema
Thema des Buchs ist die Alltagsintegrierte Sprach- und Literacyförderung von 3- bis 6-jährigen Kindern in der Kita. Kurz und prägnant führen die Autorinnen in das Basiswissen der Sprach- und Literacyentwicklung ein. Mit vielen praxisnahen Beispielen zeigen sie, wie die Sprach- und Literacykompetenzen der Kinder im Alltag in verschiedenen Alltagssituationen im Dialog gefördert werden können.
Autor:in oder Herausgeber:in
Prof. Dr. Tanja Jungmann ist Direktorin des Instituts für Sonder- und Rehabilitationspädagogik, Fachgruppenleitung „Sprache und Kommunikation“ an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg.
Ulrike Morawiak ist Diplom-Sprechwissenschaftlerin und Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Freien Universität Berlin am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie im Arbeitsbereich Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt „Entwicklung des Lernens“.
Dr. phil. Marlene Meindl ist Dipl.-Rehabilitationspädagogin und akademische Sprachtherapeutin und als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogik im Förderschwerpunkt Sprache tätig. Ihr Lehrgebiet ist Pädagogik im FSP Sprache, Schriftspracherwerb, Master Frühe Hilfen.
Aufbau
Das Buch enthält insgesamt vier Kapitel mit Unterkapiteln. Jedes Kapitel enthält Beispiele, Definitionen, Informationskästen sowie weiterführende Literatur. Die Texte enthalten Tabellen, Grafiken und Fotobeispiele. Das Onlinematerial enthält Zusatzmaterial für einige beschriebene Spiele im vierten Kapitel. Dieses kann per Download auf der Seite des Verlags heruntergeladen werden.
Inhalt
Im ersten Kapitel „Sprachliche und frühe literale Kompetenzen“ beschreiben die Autorinnen die einzelnen Komponenten des Spracherwerbs und die Spracherwerbsaufgaben von Kindern. Die Autorinnen verwenden in ihrem Buch den Begriff Spracherwerb, „da er das unbewusste Sprachlernen in Alltagssituationen mit Gleichaltrigen und sprachkompetenten Erwachsenen sowie die aktive Rolle des Kindes im Erwerbsprozess in den Vordergrund stellt“ (S. 12). Im Kontext des Spracherwerbs erläutern sie den Unterschied zwischen Meilensteinen und Grenzsteinen im Spracherwerbsprozess sowie literalen Fähigkeiten. Nach den Sprachkomponenten beschreiben sie anhand des „Frith-Günther-Modells“ (S. 24) die literale Entwicklung von Kindern. Im Anschluss erläutern die Autorinnen Auffälligkeiten im Sprach- und Literacyerwerb unter Bezug auf weitere Entwicklungsbereiche.
Mit dem zweiten Kapitel widmen sich Tanja Jungmann, Ulrike Morawiak und Marlene Meindl der Alltagsintegrierten Förderung von Sprache und Literacy. Sie weisen zu Beginn daraufhin, dass die alltagsintegrierte Förderung sich von der additiven Förderung unterscheidet. Die meisten Sprachförderprogramme gehören zur additiven Förderung. Die einen zeitlich festgelegten Ablauf mit „vorgegebenem Material“ (S. 41) haben. Nachdem der Spracherwerb der Kinder im Dialog stattfindet, liegt ein besonderer Fokus auf der pädagogischen Fachkraft als Dialogpartner*in sowie auf der Raumgestaltung. Mit Fotobeispielen erhalten pädagogische Fachkräfte viele praktische Hinweise zur Umsetzung der Literacyförderung in der Kita. Neben der Raumgestaltung thematisieren die Autorinnen den Einsatz von Medien und gehen hier speziell auch auf den Einsatz digitaler Medien in der Kita ein.
Mit dem dritten Kapitel Ein Tag in der Kita beschreiben die Autorinnen verschiedene Alltagssituationen, die sich besonders für sprach- und literacyfördernde Bildung eignen. Die Autorinnen gehen hier besonders auf die Begrüßung, den Morgenkreis, das Freispiel und die Mahlzeiten ein. Ebenso werden Bilderbuchbetrachtungen, kreative und musische Angebote unter „sprach- und literacyförderlichen Potenzialen“ (S. 61) betrachtet. Anhand vieler Beispiele zeigen Tanja Jungmann, Ulrike Morawiak und Marlene Meindl auf, welche Sprachkompetenzen in diesen Situationen gefördert werden.
Das vierte Kapitel enthält eine Spielesammlung mit über 60 Spielen. Jedes Spiel enthält Zeitangaben, Angaben zur Gruppengröße sowie dem Schwierigkeitsgrad und den Förderzielen. Die Spiele sind den jeweiligen Sprachkomponenten zugeordnet. So werden beispielsweise Spiele zur phonologischen Bewusstheit, zur Grammatik, Erzählfertigkeit oder Literacyförderung beschrieben.
Diskussion
Die Autorinnen verwenden in ihrem Buch den Begriff ‚Spracherwerb‘, damit verweisen sie auf drei wichtige Aspekte: Kinder lernen unbewusst Sprache, es braucht sprachkompetente Erwachsene und Kinder sind aktive Lerner*innen. Die Autorinnen benennen in den verschiedenen Entwicklungsbereichen – Sprach- und Literacyerwerb – die Grenz- und Meilensteine der Entwicklung. Die Leser*innen bekommen damit in jedem Kompetenzbereich eine Einschätzung, welche Meilensteine Kinder erreichen und ab wann erhöhte Aufmerksamkeit gefordert ist, wenn Grenzsteine nicht erreicht werden.
Kurz, prägnant und gut verständlich führen die Autorinnen in die Grundlagen des Sprach- und Literacyerwerbs und Grammatikentwicklung ein.
Indem die Autorinnen den Kitaalltag mit seinen sprach- und literacyförderlichen Potenzialen in den Fokus nehmen, erfahren pädagogische Fachkräfte durch die vielen Praxisbeispiele, wie sie den Spracherwerb der Kinder in den verschiedenen Sprachbereichen unterstützen können. Damit richten die Autorinnen die Aufmerksamkeit pädagogischer Fachkräfte auf die vielen Aspekte der alltagsintegrierten Sprachförderung. Pädagogische Fachkräfte können dadurch erkennen, wie sie im Alltag, im Dialog mit den Kindern, beispielsweise bestimmte grammatikalische Strukturen als auch den Wortschatz und die Wortbedeutung fördern können.
Die Autorinnen nehmen beim Einsatz von Medien auch den Einsatz digitaler Medien mit auf. Der Einsatz von digitalen Medien in der Kita stellt einen weiteren wichtigen Bildungsbereich dar, der neben der Medienkompetenz der Kinder auch ihre Sprach- und Erzählfertigkeiten fördert. Wohlwissend, dass es sich bei digitalen Medien, wie dem Einsatz eines Tablets und den verschiedenen Möglichkeiten, die Apps bieten, eigene Hör- und Filmgeschichten zu kreieren, um ein Werkzeug handelt, welches ebenso seinen Platz in der Kita haben sollte, wie Bücher oder Malsachen. Die Autorinnen führen hier nur kurz in die verschiedenen Möglichkeiten ein. Ebenfalls erwähnt wird der Einsatz von Audiostiften. In der Spielesammlung taucht der Einsatz von digitalen Medien gar nicht auf, außer einmal, um bei einem Spiel Musik über Tablet oder Smartphone abzuspielen. Hier wird ein wenig die Chance vertan, digitale Medien als auch den Audiostift für die Herstellung von Sprachmaterialien zu nutzen. Es bleibt den pädagogischen Fachkräften überlassen, sich diesen Bildungsbereich zu erobern. Dabei bieten gerade auch die digitalen Medien viele Sprachmöglichkeiten für den Alltag. Zum Beispiel bei der Bestimmung eines Käfers oder der Erstellung eines Erklärfilms. Ein weiterer Einsatz wäre die Fotokamera des Tablets, um für einige Spiele, die in der Spielesammlung zu finden sind, Fotos zu erstellen, beispielsweise für verschiedene Memoryvarianten. Zudem sind sie auch gut für den Zweitspracherwerb einsetzbar.
Etwas Besonderes ist die Spielesammlung, welche den verschiedenen Sprachkomponenten zugeordnet ist. Damit erhalten pädagogische Fachkräfte vielfältige kreative Möglichkeiten, die Sprach- und Literacykompetenzen der Kinder spielerisch zu fördern. Die nötigen Spielmaterialien finden sich im Online-Bereich.
Viel zu selten wird, wenn es um den Spracherwerb von Kindern geht, bei der alltagsintegrierten Sprachbildung die Literacy-Entwicklung mitberücksichtigt. Für die Rezensentin gehört beides zusammen. Kinder wachsen in einer Welt auf, in der sie von Beginn an von Sprache und Schriftsprache umgeben sind. Beides, wie andere Entwicklungsbereiche auch, entwickelt sich mit der Geburt. Den Autorinnen gelingt es, die Literacyförderung wie auch die Sprachförderung praxisnah und ganz selbstverständlich in den Alltag einzubauen. Den Blick der pädagogischen Fachkräfte für die verschiedenen sprachlichen Feinheiten zu öffnen und zu schärfen.
Fazit
Den Autorinnen gelingt es, alltagsintegrierte Sprach- und Literacyförderung praxisorientiert, verständlich und leicht umsetzbar zu vermitteln. Gleichzeitig lenken sie den Fokus auf die verschiedenen sprachlichen Komponenten und grammatikalischen Strukturen, die im Dialog vermittelt werden.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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