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Katrin Böttcher, Alexandra Merkert (Hrsg.): Kommunikation und Beratung digital

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf, 17.03.2026

Cover Katrin Böttcher, Alexandra Merkert (Hrsg.): Kommunikation und Beratung digital ISBN 978-3-98542-051-3

Katrin Böttcher, Alexandra Merkert (Hrsg.): Kommunikation und Beratung digital. Ansätze und Entwicklungen im Bildungs- und Arbeitskontext. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2024. 267 Seiten. ISBN 978-3-98542-051-3. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.
Reihe: Managementkonzepte - 40.

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Herausgeberinnen

Katrin Böttcher ist Professur für Internationales Personalmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

Alexandra Merkert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau und an der Leuphana Universität Lüneburg.

Thema

Der Sammelband „Kommunikation und Beratung digital“ bündelt Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis zur Frage, wie digitale Medien Kommunikations‑ und Beratungsprozesse in Bildung, Jugendarbeit, Unternehmen und Organisationsentwicklung verändern. Die Texte machen deutlich, dass Digitalisierung weder bloß technischer Fortschritt noch reines Effizienzprojekt ist, sondern Beziehung, Teilhabe, Professionalität und Organisationskultur grundlegend neu strukturiert. Der Band zeigt Chancen wie Flexibilisierung, Reichweite und niedrigschwelligen Zugang, betont aber ebenso Anforderungen an Medienkompetenz, Datenschutz, Inklusion und Qualitätsstandards. Die Autor:innen plädieren für eine reflektierte, hybride Praxis, die digitale Formate sinnvoll integriert, ohne den menschlichen Kern von Kommunikation und Beratung zu verlieren.

Aufbau und Inhalt

Der 2024 bei Nomos erschienene, von Katrin Böttcher & Alexandra Merkert (herausgegebene Sammelband umfasst 267 Seiten und ist als Band 40 in der Reihe Managementkonzepte erschienen. Er versammelt 14 Beiträge aus Wissenschaft und Praxis zu digitaler Kommunikation und Beratung in Schule, Jugendarbeit, Unternehmen und Organisationsentwicklung.

Das Vorwort von Josef Strasser setzt zunächst einen theoretischen Rahmen. Der Autor verortet darin den digitalen Wandel in einer längeren Mediengeschichte menschlicher Kommunikation und macht plausibel, dass Beratung als anthropologisch tief verankerte Form zwischenmenschlichen Austauschs zwar immer an personale Begegnung gebunden bleibe, aber zugleich historisch stets von medialen Innovationen mitgeprägt würde – vom Telefon bis zur Onlineberatung. Strasser argumentiert nicht kulturpessimistisch, sondern differenziert. Neue Medien erweiterten Reichweite, ermöglichten Anonymität, erschlössen neue Zielgruppen und trieben Professionalisierung voran. Gleichzeitig verweist er auf den Umstand, dass Qualitätsdiskussionen, Fragen nach Kompetenzen und Standards sowie jüngst auch Debatten um KI-basierte Kommunikation den Kern professioneller Beratung neu herausfordern. Der Autor spitzt zu, dass menschliche Beratung in Zeiten knapper Ressourcen perspektivisch zum „Luxusgut“ werden könne, wenn kostengünstige KI-Systeme zunehmend Beratungsfunktionen übernehmen. Er liefert damit nicht nur eine Einleitung, sondern eine professionspolitische Problematisierung, die den Band prägt.

Die innere Struktur des Buches ist übersichtlich und sinnvoll organisiert. Nach einem einführenden Grundlagenbeitrag von Böttcher & Merkert gliedert sich der Sammelband in drei große Themenblöcke. Das sind (1) digitale Kommunikation in Schule und Jugendarbeit, (2) digitale Kommunikation in Unternehmen und betrieblicher Bildung sowie (3) digitale Beratung als eigener Schwerpunkt. Im Inhaltsverzeichnis wird diese Dreiteilung klar sichtbar und zeigt die editorische Stärke des Bandes. Er beschränkt sich nicht auf ein einziges Anwendungsfeld, sondern verbindet pädagogische, organisationale und beraterische Perspektiven. Die einzelnen Kapitel sind keine zufällige Sammlung, sondern greifen wie Module ineinander. Bildung, Arbeit und Beratung werden als drei Bereiche verstanden, in denen Digitalisierung nicht nur Mittel verändert, sondern Interaktionsordnungen, Rollen, Kompetenzen und Teilhabechancen neu strukturiert.

Der einleitende Beitrag von Böttcher & Merkert entfaltet diese Logik besonders klar. Er skizziert, dass digitale Kommunikation heute kein Spezialfall mehr ist, sondern in Bildungsinstitutionen wie in Unternehmen einen Bestandteil des Alltags darstellt. In Schulen werden Lernprozesse zunehmend digital unterstützt und in der Arbeitswelt haben Homeoffice, hybride Teams, Kollaborationsplattformen sowie Videokonferenzen die Kommunikationskultur tiefgreifend verändert. Die Autor:innen arbeiten heraus, dass Digitalisierung Chancen für Individualisierung, Flexibilisierung und niedrigschwelligen Zugang eröffne, gleichzeitig aber hohe Anforderungen an Infrastruktur, didaktische Konzepte, Datenschutz, Medienkompetenz und organisationale Unterstützung stelle.

Im Themenblock zur digitalen Kommunikation in Schule und Jugendarbeit zeigt sich, dass Digitalisierung in pädagogischen Kontexten nicht nur eine Frage von Tools, sondern vor allem eine Frage von Beziehung, Teilhabe und professioneller Gestaltung ist. Der Beitrag von Alexandra Merkert & Gerlinde Lenske ist hier exemplarisch. Er richtet den Blick auf die Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule und damit auf einen Bereich, der im Digitalisierungsdiskurs oft als Randthema erscheint, tatsächlich aber für Bildungsprozesse zentral ist. Dass die Autorinnen die Kommunikation zwischen Lehrkräften und Eltern als Teil einer „tragfähigen und vertrauensvollen Arbeitsbeziehung“ rahmen, ist theoretisch wie praktisch klug.

Digitalisierung wird von ihnen nicht als Ersatz persönlicher Begegnung gedacht, sondern als Erweiterung des kommunikativen Repertoires. E-Mails, digitale Sprechstunden, Zuschaltmöglichkeiten, Newsletter und potenziell auch integrierte Übersetzungsfunktionen könnten Elternpartizipation verbessern, sofern infrastrukturelle und datenschutzrechtliche Voraussetzungen gegeben seien, sind die Autor:innen überzeugt. Sie propagieren digitale Kommunikation nicht unkritisch, sondern erläutern, dass diese an Vertrauen, Augenhöhe und Berücksichtigung individueller Voraussetzungen gebunden sei.

Im Beitrag von Max Haberstroh & Daniela Cornelia Stix wird die Rolle von Social Media in der offenen Kinder‑ und Jugendarbeit thematisiert. Hier wird deutlich, dass digitale Kommunikation nicht nur in institutionell formalisierten Settings relevant ist, sondern auch in niedrigschwelligen pädagogischen Beziehungen. Damit wird ein Thema aufgegriffen, das in der Praxis wichtig iat, in Fachpublikationen aber oft unterkomplex behandelt wird. Social-Media-Apps können als lebensweltnahe, niedrigschwellige und in bestimmten Konstellationen sogar schamreduzierende Kanäle genutzt werden, um Beratungsgespräche anzubahnen oder fortzusetzen, sind die Autor:innen überzeugt.

Dass junge Menschen in Chat‑ oder Messengerformaten mehr Kontrolle über Nähe, Distanz und zeitliche Taktung gewinnen, wird nicht idealisiert, sondern als ambivalente Ressource beschrieben. Rückzüge aus digitalen Gesprächen könnten nicht nur als Abbruch, sondern auch als Ausdruck von Ambivalenz, Autonomiebedürfnis oder Beziehungstest gelesen werden, meinen die Autor:innen. Ihr Beitrag verbindet medienpädagogische Einsichten mit einer tiefen Sensibilität für jugendliche Beziehungsdynamiken. Er zeigt zugleich, dass die Nutzung solcher Formate hohe professionelle Reflexivität verlangt, weil Verantwortung, Erreichbarkeit und Grenzziehung stärker ausgehandelt werden müssen.

Der anschließende Beitrag von Jan M. Stegkemper & Manuel Ullrich zur digitalen Kommunikation im Kontext inklusiver Schulbildung erweitert den Band um die Frage nach digitaler Teilhabe unter Bedingungen kognitiver und kommunikativer Beeinträchtigungen. Dass digitale Medien einerseits kommunikative Selbstbestimmung fördern können, andererseits aber auch neue Barrieren erzeugen, wenn Oberflächen, Bedienlogiken oder Angebote nicht adaptiv genug gestaltet sind, wird hier herausgearbeitet. Der Beitrag schärft den Blick dafür, dass Digitalisierung nicht automatisch inklusiv ist. Gerade weil viele Debatten digitale Innovation mit Fortschritt gleichsetzen, ist diese kritische Perspektive zentral. Die Autoren machen deutlich, dass unreflektierter Medieneinsatz mehr ausschließen als ermöglichen könne und dass Partizipation bewusst gestaltet werden müsse.

Im zweiten Themenblock verlagert sich der Fokus stärker auf organisationale Produktivität, Kollaboration und Management. Daniel Stoller-Schais Beitrag zur Kommunikationskompetenz in hybriden Lern‑ und Arbeitssettings ist dafür ein Beispiel. Er benennt Kommunikationsplanung, Moderation, Interaktion, emotionale Kommunikation, Storytelling und technisches Grundverständnis als konkrete Handlungsfelder. Einen weiteren Schwerpunkt setzt der Beitrag zu immersiven Lerntechnologien in der betrieblichen Aus‑ und Weiterbildung. Bereits in der Darstellung des Bandes wird deutlich, dass hier konkrete Erfahrungen aus einem Großunternehmen (Daimler Truck) eingebracht werden und VR-, MR‑ und AR-gestützte Lernumgebungen nicht als Zukunftsmusik, sondern als reale Weiterbildungspraxis diskutiert werden. Damit gewinnt der Sammelband an Aktualität und Relevanz für Leser:innen, die nach belastbaren Praxisbeispielen suchen.

Dass immersive Technologien sowohl Individualisierung und erfahrungsorientiertes Lernen fördern als auch Kosten und Personaleinsatz reduzieren können, wird benannt. Diese Mischung aus technologischer Innovationslogik und arbeitsorganisatorischem Nutzen macht den Beitrag anschlussfähig für Unternehmenskontexte. Zugleich wäre an manchen Stellen eine stärkere kritische Reflexion über Zugänglichkeit, Kosten und mögliche Überhöhungen des Immersionsdiskurses wünschenswert. Besonders interessant ist der Text zu entwicklungsorientierten Remote Assessments. Dass diagnostische Verfahren inzwischen virtuell und entwicklungsbezogen gedacht werden, verweist auf eine Verschiebung im Personalentwicklungsbereich. Der Beitrag zeigt, soweit aus den erschlossenen Passagen erkennbar, dass digitale Diagnostik nicht einfach ein technischer Transfer klassischer Assessment-Logiken ist, sondern neue Qualitätsfragen, Validitätsanforderungen und Settings mit sich bringt.

Einen analytischen Beitrag bietet der Text von Katrin Böttcher & Laura Venz zum Wissensaustausch im digitalen Arbeitsumfeld. Der Beitrag nimmt nicht nur den positiven Diskurs um Knowledge Sharing auf, sondern thematisiert auch das bewusste Zurückhalten von Wissen. Statt den digitalen Arbeitsplatz als neutralen Ort des Austauschs zu idealisieren, machen die beiden Autor:innen sichtbar, dass Wissensarbeit konflikthaft und durch organisationale Kulturen geprägt ist. Interessant ist ihre Unterscheidung verschiedener Formen des Verbergens: Rationales Verbergen, verschleierndes Verbergen und Sich-dumm-Stellen. Dieses „Knowledge Hiding“ sei keineswegs ein Randphänomen, sondern komme regelmäßig vor. Technische Plattformen allein erzeugten schließlich keine Kultur des Teilens. Entscheidend dafür seien Vertrauen, psychologische Sicherheit, Führungsverhalten und organisationale Anreizstrukturen.

Auch Elisabeth Wierczochs Beitrag zur Organisationskultur nach der Pandemie fügt sich in diese Linie ein. Schon in der editorischen Darstellung wird deutlich, dass hier nicht nur technische Anpassung, sondern die „Wiederbelebung“ von Organisationskultur im Fokus steht. Die Verbindung von postpandemischer Arbeitswelt, Inklusionsfragen, Diversität und organisationaler Kultur ist zeitgemäß. Dass der Band dafür Praxiswissen aus einem Unternehmenskontext (Zalando) aufnimmt, stärkt seine Anschlussfähigkeit. Gleichzeitig illustriert dies eine editorische Entscheidung: Der Sammelband will kein rein akademisches Theoriebuch sein, sondern ein Transferband zwischen Forschung, Beratung und organisationaler Praxis. Das zu erreichen geling den Herausgeber:innen insgesamt wirklich gut.

Der dritte Themenblock, „Beratung digital – Gestaltung und Herausforderungen“, ist der konzeptionelle Kern des Bandes. Hier tritt besonders deutlich hervor, dass digitale Kommunikation und digitale Beratung zwar zusammenhängen, aber nicht identisch sind. Beratung verlangt mehr als Informationsaustausch. Sie ist beziehungsgebunden, vertrauenssensibel, methodisch strukturiert und professionsethisch gerahmt. Die Herausgeberinnen heben ausdrücklich hervor, dass mit digitaler Beratung nicht nur technische Fragen verbunden seien, sondern ebenso Themen wie Prozessanpassung, neue Geschäftsmodelle, Kompetenzentwicklung und Beziehungsgestaltung mit Kund:innen. Das ist ein sehr starker Punkt des Buches, weil es Beratung nicht technologisch verkürzt, sondern als komplexe soziale Praxis ernst nimmt.

Der Beitrag von Till Thörner & Benjamin Szer zur Unternehmensberatung in digitalen und hybriden Formaten rahmt diese Entwicklung als disruptive Transformation. Das wirkt nach klassischer Beratersprache, doch in der Zusammenfassung zeigt sich, dass der Beitrag konkret mit Phasenmodellen, Prozessveränderungen und neu entwickelten Interaktionsformen arbeitet. Interessant ist vor allem die These, dass die Pandemie nicht nur als Zwang zur Digitalisierung wirkte, sondern ein krisenresistenteres und facettenreicheres Beratungsmodell hervorgebracht habe. Diese Beobachtung dürfte für viele Leser:innen aus Beratungs‑ und Projektkontexten plausibel sein. Gleichzeitig spiegelt der Beitrag exemplarisch eine editorische Stärke und Schwäche des Bandes zugleich: Er gewinnt einerseits an Praxisrelevanz durch unmittelbare Erfahrungsnähe, bleibt dadurch aber teils auch stärker anwendungs‑ als grundlagentheoretisch orientiert.

Zentral ist der Beitrag von Emily Engelhardt zu Potenzialen und Anforderungen digitaler Beratungssettings. Er bietet einen Überblick über die über 25-jährige Geschichte der Onlineberatung im deutschsprachigen Raum, benennt notwendige beraterische Kompetenzen, technische Voraussetzungen und Datenschutzaspekte und fragt nach geeigneten methodischen Interventionen in unterschiedlichen Onlinesettings. Die Autorin verbindet historische Verortung, Professionalitätsdiskurs sowie Zukunftsperspektive und plädiert dafür, Online‑ und Präsenzsettings nicht gegeneinander auszuspielen, sondern konstruktiv aufeinander zu beziehen, um zielgruppenspezifische Formate zu entwickeln.

Sandra Mihailović & Marlene Freitag ergänzen dies um eine praxisorientierte Perspektive auf digitale Organisationsberatung. Sie thematisieren Remote-Angebote in Personal‑ und Unternehmensentwicklung, verweist auf Vor‑ und Nachteile von Online-Meetings und greifen Phänomene wie Zoom-Fatigue auf. Das ist insofern wichtig, als der Band damit nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Erschöpfungs‑ und Belastungsdimensionen digitaler Interaktion adressiert. Dass die Autorinnen konkrete Spielregeln, Fallbeispiele und Methoden aus der Positiven Psychologie einbringen, stärkt den Praxischarakter des Sammelbands. Wer konkrete Orientierungen für virtuelle Beratungssettings sucht, findet hier mehr als in rein theoretisch ausgerichteten Publikationen. Zugleich bleibt die Frage, inwieweit die Praxisorientierung zulasten systematischer Vergleichbarkeit oder empirischer Tiefenschärfe geht. Das ist kein gravierender Einwand, aber ein Punkt, der für die wissenschaftliche Einordnung des Bandes relevant bleibt.

Der abschließende Beitrag von Ariane Schulze-Zachau & Marian Felkel zur IT-Transition aus Sicht des Veränderungsmanagements rundet den Band mit einer organisationsberaterischen Perspektive ab. Interessant ist hier vor allem die Verbindung von Theorie und Praxis: Kotters 8-Stufen-Modell wird nicht nur referiert, sondern an einem realen Kundenbeispiel auf seine praktische Anwendbarkeit hin geprüft. Dass dabei ausdrücklich auch die Differenz zwischen theoretischem Modell und gelebter Praxis reflektiert wird, spricht für einen gewissen methodischen Realismus. Der Band endet damit nicht in allgemeiner Digitalrhetorik, sondern in der konkreten Frage, wie Veränderung in Organisationen begleitet werden kann – also dort, wo digitale Kommunikation und Beratung besonders handfest aufeinandertreffen.

Diskussion

Insgesamt überzeugt der Sammelband durch vier große Stärken. Erstens ist die thematische Breite bemerkenswert, ohne beliebig zu wirken. Schule, Jugendarbeit, inklusive Bildung, hybride Arbeitswelten, Wissensmanagement, Onlineberatung und Change Management erscheinen nicht als zufällige Teilthemen, sondern als unterschiedliche Brennpunkte derselben Grundfrage, die da lautet: Wie verändern digitale Medien Kommunikations‑ und Beratungsprozesse in professionellen Kontexten? Zweitens schafft der Band eine gelungene Balance zwischen wissenschaftlicher Fundierung und Praxisnähe. Die Beiträge verweisen auf aktuelle Forschung, Strategiepapiere und Fachdiskurse, bleiben aber zugleich an konkreten Handlungsproblemen orientiert.

Drittens fällt die editorische Rahmung positiv auf: Die Einführung von Böttcher & Merkert bietet eine klare Landkarte, die einzelnen Kapitel werden sinnvoll angekündigt, und auch das Vorwort von Strasser verleiht dem Band eine übergeordnete medien‑ und professionsgeschichtliche Perspektive. Viertens nimmt der Band nicht nur Effizienz‑ und Innovationsversprechen auf, sondern auch Risiken, Barrieren, Datenschutzfragen, Exklusionsdynamiken und professionelle Entgrenzung. Diese Ambivalenzsensibilität macht ihn fachlich ernst zu nehmen. Trotz dieser Stärken ist der Band nicht frei von Grenzen. Die erste ergibt sich aus seinem Charakter als Sammelband. Die Beiträge sind unterschiedlich theoretisch verdichtet, unterschiedlich praxisnah und nicht alle gleichermaßen tief in empirische Forschung eingebettet.

Das ist bei Herausgeberwerken normal, führt aber dazu, dass der Band eher als strukturierter Überblicks‑ und Impulsgeber funktioniert statt als systematisch durchkomponierte Monografie. Die zweite Grenze liegt in der Schwerpunktsetzung. Obwohl der Untertitel „Bildungs‑ und Arbeitskontext“ verspricht, dominiert doch ein organisations‑ und managementnaher Zugriff. Für Leser:innen aus klassischer Sozialer Arbeit, psychosozialer Beratung oder Gemeinwesenarbeit wäre eine breitere Einbeziehung sozialer Handlungsfelder wünschenswert gewesen. Immerhin wird dies durch den Beitrag zur Jugendarbeit und durch Engelhardts Text zur Onlineberatung teilweise aufgefangen.

Die dritte Grenze betrifft die theoretische Integration. Der Band stellt viele Einzelperspektiven bereit, formuliert aber kein gemeinsames Begriffsmodell von digitaler Beratung. Das muss kein Mangel sein, hätte aber die konzeptionelle Geschlossenheit noch erhöht. Diese Offenheit lässt sich allerdings auch als produktiv lesen. Denn der Band will offenbar weniger ein endgültiges Theoriegebäude liefern als eine orientierende Kartierung eines dynamischen Feldes. In diesem Sinne erfüllt er seinen Zweck und bietet Lehrenden, Berater:innen, Führungskräften, Personalentwickler:innen und organisationsbezogenen Praktiker:innen zahlreiche Anregungen, um eigene Praxis zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

Für Studierende ist das Buch geeignet, weil es zentrale Problemstellungen der Digitalisierung in einer gut gegliederten Form sichtbar macht. Für Forschende ist er interessant, weil er aktuelle Diskurslinien bündelt. Für Praktiker:innen ist er nützlich, weil viele Beiträge mit konkreten Settings, Beispielen und Handlungshinweisen arbeiten. Diese Mehrfachadressierung ist eine beachtliche editorische Leistung. Das vielleicht überzeugendste Merkmal des Buches ist letztlich aber seine Grundhaltung: Digitalisierung wird hier nicht als Selbstzweck verstanden. Immer wieder kehren die Beiträge zu denselben Kernfragen zurück: Wie lässt sich Beziehung unter digitalen Bedingungen gestalten? Wie werden Teilhabe, Vertrauen und Professionalität gesichert? Welche Kompetenzen brauchen Fachkräfte? Welche technischen und organisationalen Voraussetzungen müssen erfüllt sein? Und wie können neue Formate eingeführt werden, ohne den menschlichen Kern von Kommunikation und Beratung preiszugeben?

Dass diese Fragen nicht mit einfachen Antworten abgehandelt werden, sondern in verschiedenen Kontexten immer wieder neu gestellt werden, macht den Band intellektuell redlich und praktisch anschlussfähig, weil die Herausgeberinnen nicht der Versuchung erliegen, Digitalisierung normativ als Fortschritt zu setzen. Stattdessen verweisen sie unaufgeregt und ideologiefrei auf die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betrachtung, die technologische, soziale und didaktische Dimensionen zusammen denkt. Das Buch positioniert sich damit gegen simplifizierende Digitalisierungsrhetorik. Es liefert keine reine Theorie des Digitalen, sondern versammelt reflektierte Verfahrenserfahrungen. Diese Balance zwischen Innovationsoffenheit und Qualitätsbewusstsein ist kennzeichnend für den Sammelband.

Fazit

„Kommunikation und Beratung digital“ ist ein thematisch breiter Sammelband, der durch die Verbindung von wissenschaftlicher Reflexion, Praxisnähe und editorischer Klarheit überzeugt. Die Herausgeber:innen denken Digitalisierung als Transformationsprozess, der technische, organisationale, kommunikative und ethische Ebenen verschränkt. Wer nach pointierten Fallanalysen, theoretischen Impulsen und anwendungsnahen Reflexionen sucht, findet hier reichlich Material.

Rezension von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Case Management-Ausbilder (DGCC), Systemischer Berater (DGSF), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Braunschweig.
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ISSN 2190-9245