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Hans Förstl, Martin Hautzinger u.a. (Hrsg.): Neurobiologie psychischer Störungen

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 15.08.2006

Cover Hans Förstl, Martin Hautzinger u.a. (Hrsg.): Neurobiologie psychischer Störungen ISBN 978-3-540-25694-6

Hans Förstl, Martin Hautzinger, Gerhard Roth (Hrsg.): Neurobiologie psychischer Störungen. Springer (Berlin) 2006. 873 Seiten. ISBN 978-3-540-25694-6. 149,95 EUR.
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Zur Thematik des Buches

Durch eine Vielzahl von neuen Methoden und Vorgehensweisen, besonders den so genannten "Bildgebenden Verfahren" wie z. B. der Computer-Tomografie (CT) und der Positronen-Emissions-Tomografie (PET), ist ein dramatischer Zuwachs an neurobiologischen Erkenntnissen über die Wirkungsweise des Gehirns zu verzeichnen. Die Hirnforschung erweitert ständig ihren Wissensstand, fast täglich werden neue Forschungsergebnisse publiziert. Auf der anderen Seite ist jedoch auch der Sachverhalt bekannt, dass die Erkenntniszuwächse überwiegend in den Makro- und Mikrobereichen des Gehirns lokalisiert werden können. In ihrem Manifest aus dem Jahr 2004 gestehen denn auch führende Neurowissenschaftler ein, dass ihr Wissen über die "mittlere Ebene", das Geschehen innerhalb kleinerer und größerer Zellverbände, gegenwärtig noch recht spärlich ist. U. a. ist auch noch ungeklärt, wie die Kommunikation der Nervenzellen untereinander abläuft, mit welchen "Codes" sie in Verbindung treten und noch einiges mehr.

Es kann nun leicht in diesem Zusammenhang spekuliert werden, ob wir jemals das Wissen über unser Gehirn und seine Gesetzmäßigkeiten bis ins Detail uns aneignen werden können. Ob nicht vielleicht auch hier artspezifische Schranken der Erkenntnisgewinnung und letztlich auch des Verstehens vorliegen. All diese Fragen werden in den nächsten Jahrzehnten vielleicht beantwort werden können, gegenwärtig sind sie jedoch noch eine "Terra incognita".

Im Mittelpunkt dieses Buches stehen jedoch nicht die grundlegenden Fragen des Zusammenhanges von Geist und Körper und die entsprechenden hirnphysiologischen Korrelate, es geht hier vielmehr um die Beziehungen zwischen erkennbaren neurobiologischen Veränderungen und den psychischen Störungen aus der Sicht eines klinischen Standpunktes.

Die vorliegende Arbeit ist das Produkt von 49 Vertretern überwiegend medizinischer und auch psychologischer Disziplinen aus den klinischen universitären Forschungsbereichen.

Aufbau

Das Sammelwerk ist in zwei Teile (Grundlagen und Neurobiologie und Neuropsychologie klinischer Störungen) und insgesamt 17 Kapitel untergliedert, wobei viele Kapitel wiederum in ein neurobiologisches und neuropsychologisches Unterkapitel unterteilt sind.

Teil 1 Grundlagen

  1. Der Teil Grundlagen beginnt mit Kapitel 1 (Funktionelle Neuroanatomie des limbischen Systems, Seite 1 - 74), in dem Gerhard Roth und Ursula Dicke die Hirnareale des limbischen Systems wie u. a. die Amygdala, Basalganglien, limbischer Thalamus und die Hippocampusformation beschreiben. Beim limbischen System handelt es sich um "ein Gebilde, das kein genau abgrenzbares Gebiet einnimmt, sondern sich praktisch durch alle Teile des Gehirns zieht."(Seite 4).
  2. In Kapitel 2 (Architektonik und funktionelle Neuroanatomie der Hirnrinde des Menschen, Seite 75 - 140) erläutert Karl Zilles die verschiedenen Regionen der Hirnrinde, die Verbindungen der verschiedenen Faserbahnen und die Lateralisierung der Großhirnrinde.
  3. In Kapitel 3 (Neurophysiologische Grundlagen, Seite 141 - 175)  werden von Heinz Beck die verschiedenen Funktionsweisen der Nervenzellen im intra- und interzellulären Bereich beschrieben: Zellmembran und das Gleichgewichtspotential, das Aktionspotential, die Familien der Ionenkanäle und der funktionelle Aufbau von Nervenzellen.
  4. Kapitel 4 (Neuropharmakologie, Seite 177 - 219) enthält von Michael Koch die Beschreibung der Grundlagen der Signalübertragung in Gestalt der chemischen Synapsen und das gesamte System der Transmitter, Neuromodulatoren und Neuropeptide.

Teil 2 Neurobiologie und Neuropsychologie klinischer Störungen

Der zweite Teil des Buches "Neurobiologie und Neuropsychologie klinischer Störungen" umfasst die Kapitel 5 - 17 (Seite 221 - 851). Folgende Erkrankungen werden hierbei von der physiologischen und psychischen Seite hinsichtlich Grundlagen, Stand der Forschung und den Aspekten therapeutischer Interventionen (medikamentös und psychotherapeutisch) anschaulich mittels vieler Abbildungen dargestellt:

  • Kapitel 5: Kognitive Störungen: Koma, Delir, Demenz (Hans Förstl, Seite 221 - 295)
  • Kapitel 6: Sucht und Folgestörungen (Lutz G. Schmidt und Fred Rist, Seite 297 - 342)
  • Kapitel 7: Schizophrenie und verwandte Störungen (Neurobiologie: Volker Arolt, Patricia Ohrmann, Matthias Rothermund, Neuropsychologie: Thomas Jahn, Brigitte Rockstroh, 343 - 419)
  • Kapitel 8: Affektive Störungen (Neurobiologie: Ulrich Hegerl, Rainer Rupprecht Neuropsychologie: Martin Hautzinger, 421 - 480)
  • Kapitel 9: Angst (Neurobiologie: Borwin Bandelow, Dirk Wedekind Neuropsychologie: Georg W. Alpers, Andreas Mühlberger, Paul Pauli, Seite 481 - 544)
  • Kapitel 10: Zwangsstörungen (Andreas Kordon, Bernd Leplow, Fritz Hohagen, Seite 545 - 575)
  • Kapitel 11: Schmerz (Thomas Tölle, Herta Flor, Seite 577 - 618)
  • Kapitel 12: Persönlichkeits- und Impulskontrollstörungen (Neuropsychologie: Christian Schmahl, Martin Bohaus Neuropsychologie: Babette Renneberg, Katja Friemel, Seite 619 - 648)
  • Kapitel 13: Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (Neurobiologie: Gunther H. Moll, Gerald Hüther Neuropsychologie: Manfred Döpfner, Gerd Lehmkuhl, Seite 649 - 689)
  • Kapitel 14: Essstörungen (Reinhold G. Laessle, Karl Martin Pirke, Seite 691 - 707)
  • Kapitel 15: Schlafstörungen (Michael H. Wiegand, Göran Hajak, Seite 709 - 736)
  • Kapitel 16: Somatoforme Störungen (Winfried Rief, Harald J. Freiberger, Seite 737 - 753
  • Kapitel 17: Sexualstörungen (Götz Kockott, Uwe Hartmann, Armin J. Becker, Stefan Ückert, Christian Stief, Hartmut A. g. Bosinski, Peer Briken, Andreas Hill, Wolfgang Berner, Seite 755- 851)

Kritische Würdigung und Fazit

Das vorliegende Sammelwerk enthält eine Fülle von Forschungsergebnissen aus dem Bereich der Grundlagenforschung und den klinischen Sphären, die sich an der Thematik abarbeiten, Erklärungszusammenhänge für die Vielzahl psychischer Leiden aufzuzeigen. In Teilbereichen sind bereits tiefgehende Funktionsprinzipien und damit implizit auch effektive Interventionsformen ermittelt worden. Es fehlen jedoch die großen Zusammenhänge, so sind z. B. noch nicht die Krankheitsursachen der Alzheimerdemenz, der Schizophrenie und der Depression bekannt. Es kann vermutet werden, dass erst umfassende Erkenntnisse über das Hirn im Sinne von Gesetzmäßigkeiten vorliegen müssen, bevor die Ätiologie verschiedener psychischer Störungen ausreichend erfasst werden kann.

Abschließend kann konstatiert werden, dass das vorliegende Gemeinschaftswerk dem Anspruch gerecht wird, sowohl Einführung als zugleich auch Referenzwerk für den Gegenstandsbereich Neurobiologie psychischer Störungen darzustellen.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 15.08.2006 zu: Hans Förstl, Martin Hautzinger, Gerhard Roth (Hrsg.): Neurobiologie psychischer Störungen. Springer (Berlin) 2006. ISBN 978-3-540-25694-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3244.php, Datum des Zugriffs 27.11.2022.


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