Anne Lisa Carstensen, Peter Birke et al. (Hrsg.): Geteilte Arbeitswelten
Rezensiert von Dr. Olga Frik, 22.04.2026
Anne Lisa Carstensen, Peter Birke, Nikolai Huke, Lisa Riedner (Hrsg.): Geteilte Arbeitswelten. Konflikte um Migration und Arbeit.
Beltz Juventa
(Weinheim und Basel) 2024.
309 Seiten.
ISBN 978-3-7799-7914-2.
D: 38,00 EUR,
A: 39,10 EUR.
Reihe: Arbeitsgesellschaft im Wandel.
Thema und Entstehungshintergrund
Spätestens seit dem „Sommer der Migration“ 2015 ist der Zusammenhang von Arbeit und Migration in den Fokus öffentlicher und wissenschaftlicher Debatten gerückt. Während die öffentliche Diskussion oft über „Integration“ oder „Fachkräftemangel“ verhandelt wird, fragt die kritische Arbeits‑ und Migrationsforschung tiefer. Sie untersucht, wie sich gesellschaftliche Transformationen auf das Verhältnis von Migration und Arbeit auswirken. Sie klärt, wer legal Grenzen überqueren darf, um zu arbeiten, und wer dabei illegalisiert wird. Zudem analysiert sie, wie sich Rassismus und Sexismus in Arbeitsverhältnissen und Arbeitsmarktpolitiken artikulieren.
Der vorliegende Sammelband „Geteilte Arbeitswelten“ greift diese Fragen auf und bietet eine breit angelegte, empirisch fundierte Analyse der Konflikte um Migration und Arbeit in der Gegenwart. Die Herausgeberinnen und Herausgeber verfolgen das Ziel, eine Brücke zwischen verschiedenen, oft isoliert geführten Debatten zu schlagen und die Bedeutung von Migration für das Verständnis der heutigen Arbeitsgesellschaft in den Mittelpunkt zu rücken.
Herausgeber:innen
Anne Lisa Carstensen ist Professorin für Globale Politische Ökonomie der Arbeit an der Universität Kassel.
Peter Birke arbeitet am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) und ist Privatdozent an der Universität Göttingen.
Nikolai Huke ist Gastwissenschaftler an der Universität Hamburg.
Lisa Riedner leitet eine DFG-Emmy-Noether-Forschungsgruppe an der Universität München. Alle vier forschen zu den Schnittstellen von Arbeit, Migration, Rassismus und sozialen Kämpfen.
Aufbau und Inhalt
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung konzentriert sich auf folgende Kernfragen:
- Wie wirken sich aktuelle gesellschaftliche Transformationen auf den Zusammenhang von Migration und Arbeit aus – und vice versa?
- Wer kann legal Grenzen überqueren, um eine Beschäftigung aufzunehmen, und wer wird hierbei illegalisiert?
- Wie wird der Zugang zum Arbeitsmarkt konkret ausgeformt, sprich: Wer darf legal arbeiten und wer ist auf informelle Beschäftigungsverhältnisse zurückgeworfen?
- Warum arbeiten in einigen Branchen und Betrieben fast nur Menschen ohne sicheren Aufenthaltstitel?
- Wer macht welche Arbeit – sowohl bezahlte wie auch unbezahlte – zu welchen Bedingungen? Wie artikuliert sich Rassismus in Arbeitsverhältnissen, in Arbeitsmarktpolitiken und in der Organisation und Strukturierung von nationalen und internationalen Arbeitsmärkten?
- Welche Protest‑ und Widerstandsformen entstehen im Betrieb, aber auch in Bezug auf prekarisierte Arbeits‑ und Lebensverhältnisse allgemein?
Der vorliegende Band greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte Betrachtung der Konflikte um Migration und Arbeit in der Gegenwart von Bedeutung sind. Der Band enthält insgesamt 19 Einzelbeiträge (plus Einleitung und Autorenverzeichnis), die eine breite thematische und methodische Spannweite abdecken.
Nach einer umfassenden Einleitung, die die zentralen Thesen und Zugänge des Bandes entlang von fünf inhaltlichen Schneisen (Verwertungsorientierung, stratifizierte Rechte, Intersektionalität, soziale Reproduktion und eine Perspektive der Kämpfe) skizziert, gliedert sich der Band in vier thematische Blöcke.
Der erste Block, „Klassenverhältnisse in der globalen politischen Ökonomie“, beleuchtet die makroökonomischen Rahmenbedingungen. Die Beiträge analysieren Sonderwirtschaftszonen in Jordanien als Motoren von Geflüchtetenintegration (Hürtgen/​Hofmann), die Arbeitskämpfe migrantischer Palmölarbeiter:innen in Malaysia im Kontext sozial-ökologischer Transformation (Puder/Pye) sowie die Verflechtung von zirkulärer Arbeitsmigration und Vertragsarbeit in Indien (Wienold).
Der zweite Block, „Migration, Arbeitspolitik und Sozialstaat“, fokussiert auf die Rolle staatlicher Politiken. Beiträge zur kanadischen Einwanderungspolitik (Bryan/​Abiagom), zur Ausbildungsduldung in Deutschland (Huke), zu den Umgangsweisen geflüchteter Frauen mit Rassismus am Arbeitsmarkt (Menke) und zu migrantischer Selbstständigkeit in Norditalien (Pierdicca) zeigen, wie stratifizierte Rechte und Integrationsregime Prekarität und Ausschlüsse produzieren.
Der dritte Block, „Prekarisierungs‑ und Rassismuserfahrungen am Arbeitsplatz“, rückt die alltägliche Arbeitsrealität in den Mittelpunkt. Die Beiträge untersuchen die Erfahrungen von Studierenden of Color im deutschen Niedriglohnsektor (Bendix), die Mikropolitik der Identitätsbildung in der häuslichen Arbeit in Saudi-Arabien (Handapangoda), die Regulation von Arbeitskraftproblemen geflüchteter Arbeiter:innen in der Schweizer Gastronomie (Kalbermatter), rassifizierte Fragmentierungspolitiken in der österreichischen Leiharbeit (Neuhauser) sowie die (Hyper-)Sexualisierung als Rassismuserfahrung Schwarzer Altenpfleger (Ritter).
Der vierte und letzte Block, „Arbeitskämpfe und Gewerkschaften“, widmet sich den Formen des Widerstands und der Organisierung. Analysiert werden die IG Metall als Organisierungskontext migrantischer Beschäftigter (Bouali/​Karakayalı), die Kämpfe selbstorganisierter Geflüchteter um gewerkschaftliche Repräsentation (Fischer), alltägliche Infrapolitiken der Arbeitsverweigerung (Maaroufi) sowie das Konzept des betrieblichen Universalismus (Schmidt).
Die Publikation richtet sich an ein wissenschaftliches Fachpublikum aus der Arbeits‑ und Migrationssoziologie, der Politischen Ökonomie, der Ethnologie und der Sozialgeographie. Darüber hinaus ist der Band für Akteurinnen und Akteure in Gewerkschaften, migrantischen Selbstorganisationen, der politischen Bildung und der Sozialen Arbeit von großer Relevanz. Auch Studierende der genannten Disziplinen finden hier eine fundierte und anregende Lektüre.
Diskussion
Der Band vereint Beiträge aus einer wachsenden, kritischen Arbeits-Migrations-Forschung und verbindet empirische Einblicke mit grundlegenden theoretischen Reflexionen. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass Migration nicht als ein externer Faktor betrachtet werden kann, der auf einen bereits bestehenden Arbeitsmarkt trifft. Vielmehr wird Migration als konstitutiv für gegenwärtige Dynamiken in Arbeitsmärkten, am Arbeitsplatz und für die Kämpfe um die Bedingungen von Arbeit und sozialer Reproduktion verstanden.
Die Publikation zeichnet sich durch eine macht‑ und rassismuskritische Perspektive aus. Die Autorinnen und Autoren vermeiden eine bloße Übernahme staatlicher Kategorien und reflektieren stattdessen die eigenen begrifflichen Werkzeuge. Das Buch bietet dabei nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern will auch ein Vokabular zur Einordnung empirischer Erkenntnisse diskutieren und die theoretische Diskussion über die Einbettung (migrantischer) Arbeit in gesellschaftliche Verhältnisse vorantreiben.
Der große Verdienst des Sammelbandes liegt in seiner konsequenten Verknüpfung von Migrations‑ und Arbeitsforschung, die oftmals getrennte Wege gehen. Die Herausgeberinnen und Herausgeber erreichen ihr selbstgestecktes Ziel, einen Perspektivwechsel anzuregen, in beeindruckender Weise. Die Beiträge sind durchweg von hoher empirischer Dichte und theoretischer Reflexivität. Besonders hervorzuheben ist die internationale und intersektionale Ausrichtung: Analysen zu Deutschland, Kanada, Indien, Malaysia, Italien, Österreich und der Schweiz machen globale Verflechtungen sichtbar, während die gleichzeitige Berücksichtigung von Klasse, Rassismus und Geschlecht ein komplexes Bild der Machtverhältnisse zeichnet.
Ein kleiner Kritikpunkt mag sein, dass der Fokus auf Deutschland und Westeuropa trotz der internationalen Beiträge überwiegt. Zudem ist die empirische Basis einiger Studien bereits vor der Corona-Pandemie entstanden, was von den Herausgeberinnen aber transparent reflektiert wird. Die identifizierten Problemstellungen behalten ihre Relevanz, auch wenn sich die konkreten Konstellationen weiterentwickeln.
Das Buch ist eine fundierte Wissensbasis und eine inspirierende Quelle zugleich. Es eröffnet neue Perspektiven für alle, die verstehen wollen, wie Arbeit und Migration unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus zusammenhängen – und wie sie zum Gegenstand von Kämpfen um eine gerechtere Gesellschaft werden kann.
Fazit
„Geteilte Arbeitswelten“ ist ein äußerst gelungener Sammelband, der eine wichtige Lücke in der deutschsprachigen Forschungslandschaft schließt. Die Beiträge bieten nicht nur eine scharfsinnige Analyse der gegenwärtigen Konflikte um Migration und Arbeit, sondern liefern auch entscheidende Impulse für eine machtkritische und emanzipatorische Forschungspraxis.
Rezension von
Dr. Olga Frik
Omsker Staatliche Universität für Agrarwissenschaften (benannt nach P.A. Stolypin), Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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