Sabine Fischer: Beschwerden von Kindern in der Kindertagesbetreuung
Rezensiert von Jutta Daum, 03.09.2025
Sabine Fischer: Beschwerden von Kindern in der Kindertagesbetreuung.
Debus Pädagogik Verlag
(Schwalbach/Ts.) 2024.
88 Seiten.
ISBN 978-3-95414-215-6.
D: 18,00 EUR,
A: 18,50 EUR.
Reihe: Kinderrechte und Bildung.
Thema
Kinder haben ein Recht gehört zu werden und sie an allen sie betreffenden Angelegenheiten zu beteiligen (Art. 12 UN-Kinderrechtskonvention). Mit diesem Recht des Kindes auf Beteiligung und Berücksichtigung seiner Meinung ist die pädagogische Praxis in den letzten Jahren auch herausgefordert, ihr Handeln sowohl partizipativ auszurichten als auch Beschwerdemöglichkeiten für Kinder konkret umzusetzen. So gehören seit mehr als 10 Jahren konzeptionelle Ausführungen zu Beteiligung und Beschwerdeverfahren von Kindern zu einem zentralen Baustein für die Erteilung einer Betriebserlaubnis von Kindertagesstätten (SGB VIII, § 45).
Die vorliegende Publikation zeichnet die Ergebnisse einer Studie zur „Entwicklung und Umsetzung von Beschwerdeverfahren sowie den konkreten Umgang mit Beschwerden in Kindertageseinrichtungen“ (5) insbesondere aus der Perspektive der Kinder nach. Als ein zentrales Ergebnis der Studie wird das große Potenzial für die Etablierung einer gelingenden Beschwerdekultur in Kindertageseinrichtungen in den Sichtweisen der Kinder gesehen.
Autorin
Sabine Fischer ist Professorin im Studiengang Kindheitspädagogik an der Ev. Hochschule in Darmstadt und seit 2022 Sachverständige für den Verein Kinderfreundliche Kommunen e.V. Köln https://www.kinderfreundliche-kommunen.de/
Aufbau und Inhalt
Die vorliegende Publikation bearbeitet mit 8 Kapiteln und einem Umfang von 87 Seiten folgende Aspekte:
Kap.1 Historisch-gesellschaftliche Einbettung skizziert den historischen und sozialen Wandel im Blick auf Kindsein und Kindheit. Kinder werden als zentrale Akteure ihrer Entwicklung verstanden und ihr Erziehungs- und Bildungsprozess wird durch eine frühe institutionelle Einbettung in Krippe und Kindergarten bestimmt. Damit erhält auch die Beziehungsebene von Kindern und Erwachsene ein „intergenerationales Machtgefälle“.
Kap.2 Theoretischer Rahmen beschreibt im Kontext von Bedürfnissen die Äußerungen von Beschwerden als eine anthropologische Grundbedingung, die überlebensnotwendig ist. Gleichzeitig verfolgen Kinder als Akteure ihre eigenen Interessen. Beschwerden sind damit auch immer interessensgeleitet.
In Anlehnung an Schubert-Suffrain und Regner (2014) werden zwei Formen von Beschwerden unterschieden: die Verhinderungsbeschwerde, „ein gewisses Verhalten oder eine Problematik zu unterbinden“ (11) und die Ermöglichungsbeschwerde als Ausdruck, Veränderungen in bestimmten Situationen und Gegebenheiten zu erwirken. Beschwerden haben demnach Entwicklungspotenzial und ihre Beachtung tragen auch zum Kinderschutz bei.
Dem Machtungleichgewicht von Erwachsenen und Kindern wird in Bezug auf Hannah Arendt ein flexibler Machtbegriff entgegengesetzt, der einen Möglichkeitsraum eröffnet, in dem Kinder Erwachsenen einen Spiegel vorhalten und sie herausfordern. Werden Beschwerden mit einer partizipativen Grundhaltung als aktive Teilnahme verstanden, dann sind sie „als Beitrag und Interessensbekundung sowie Entwicklungsanregung im pädagogischen Alltag“ (18) wahrzunehmen. Strukturelle Beteiligungsmöglichkeiten können entwickelt werden.
Kap.3 Forschungsstand
Es mangelt an Studien zum Umgang mit Beschwerden, sodass sich der aktuelle Forschungsstand auf Studien zu Partizipationsmöglichkeiten und Kinderperspektiven bezieht. Im Kontext von Beschwerden werden insbesondere folgende Studien hervorgehoben:
- die BiKa-Studie (Hildebrandt et al.2021)
- QuaKi-Studie und Studie „Kinder als Akteure in der Qualitätsentwicklung“ (Nentwig-Gesemann et al. 2021)
Kap.4 Zielsetzung und Fragestellung der Studie
Ziel der Studie ist es, bestehende Konzepte zu Beschwerden in der institutionellen Kinderbetreuung aus der Perspektive der Kinder kritisch zu analysieren und ihre strukturellen Rahmenbedingungen zu reflektieren. Beschwerdekonzepte sollten sich an den Bedürfnissen der Kinder orientieren und Diskriminationsformen wie z.B. Adultismus vermeiden, um auf dieser Grundlage Qualitätsprozesse in Einrichtungen weiter zu entwickeln.
Kap.5 Methodologie und Forschungsdesign
Zielgruppe sind Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren aus zwei Kindertageseinrichtungen eines städtischen Trägers im Rhein-Main-Gebiet, die jeweils über ein ausgearbeitetes Beschwerdekonzept verfügen. Im Alltagsgeschehen werden Beschwerden der Kinder durch teilnehmende Beobachtung und Gruppengespräche erfasst und mit der dokumentarischen Methode (Bohnsack) ausgewertet.
Kap.6 Forschungsergebnisse nennt als ein prägnantes Ergebnis, dass vor allem jüngeren Kinder der Begriff der Beschwerde oft nicht bekannt ist, sie jedoch über ein umfangreiches Wissen von Beschwerden und dem Umgang mit ihnen verfügen.
Beschwerden werden kategorisiert hinsichtlich
- der Anlässe und Ausdrucksformen
- der Art und Weise, Unzufriedenheit auszudrücken
- der Adress:atinnen
- der Reaktionen und Interaktionen unter Kindern und mit Erwachsenen,
- was Kinder im Kontext von Beschwerden erleben und erfahren
- was sie benötigen hinsichtlich von Rahmenbedingungen einer Beschwerdekultur
„Eine unterstützende Atmosphäre in der Einrichtung, die die Vielfalt der Kinder und ihrer Beschwerdeformen als Bereicherung betrachtet“ (58) wird in der Studie zu einer zentralen Bedingung in der Umsetzung von Beschwerden.
Kap.7 Beschwerden als Grundlage des Miteinanders: wie kann Beschwerdekultur gelingen?
Sich beschweren zu können, hat im Leben von Kindern eine große Bedeutung und muss im Alltag von Kindertageseinrichtungen gut etabliert sein. Kinder haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und wollen sich aktiv an der Gestaltung ihres Lebensumfeldes und des sozialen Miteinander beteiligen. Die Forschungsergebnisse „belegen eindrücklich die essenzielle Bedeutung der Beschwerdekultur in Kindertageseinrichtungen“ (61). Für die Etablierung einer Beschwerdekultur als ein gelingendes soziales Miteinander werden thematisiert
- eine hohe Sensibilität und Reflexionsfähigkeit über das Machtgefüge von Kind und Erwachsene aber auch unter Kindern
- ein Interaktionsverhalten, das partizipativ und dialogisch ausgerichtet ist
- „stressreduzierende und explorationsunterstützende Handlungsweisen“ (65)
- eine Annäherung an den kindlichen „Eigensinn“
- Kinder bei der Bewältigung von Krisen zu unterstützen
Mit diesem Verständnis werden Beschwerden zu Bildungsanlässen für die kindliche Entwicklung, sich als selbstwirksam zu erleben und beinhalten eine Chance für die Qualitätsentwicklung der Einrichtungen. Beschwerdekonzepte sind unter Einbindung der Kinderperspektiven strukturell zu verankern.
Kap 8 Forschungsbedarf zu Beschwerden in Institutionen der Kindheit zielt auf Forschungsfragen zu Sichtweisen und Herangehensweisen der pädagogischen Fachkräfte, wie Beschwerden wahrgenommen, interpretiert und welche Herangehensweisen praktiziert werden. Aus diesen Erkenntnissen sollten Leitlinien für verbesserte Interaktionsfähigkeiten gewonnen werden.
Diskussion
Seit vielen Jahren werden auf Bundesebene Projekte zur Frühen Demokratiebildung gefördert. Wege der Beteiligung und Beschwerde in Tageseinrichtungen werden durch zahlreiche Anschauungsmaterialien und Fortbildungen den Fachkräften zur Verfügung gestellt. https://www.der-paritaetische.de/themen/​soziale-arbeit/​fruehe-demokratiebildung-kinder-beteiligen-vielfalt-gestalten/
Kindern Gehör zu geben, sie in ihren Beschwerden ernst zu nehmen und ihnen Möglichkeiten der Beteiligung zu geben, für ein gutes Miteinander gemeinsame Lösungswege zu finden, bleibt weiterhin eine zentrale Aufgabe für das institutionelle Aufwachsen von Kindern. Mit dem Kinderperspektivenansatz (Nentwig-Gesemann et.al. 2021) wurden aus der Perspektive der Kinder Qualitätsbausteine für eine Kita erarbeitet. So wünschen sich Kinder u.a. eine Kita als einen Ort, an dem sie sich gut auskennen, mitgestalten, mitbestimmen und sich beschweren können.
Die vorliegende Studie bezieht sich zentral auf diesen Ansatz. Sie macht mit ihren Ergebnissen deutlich, dass der Umgang mit den Bedürfnissen und Wünschen der Kinder in einem institutionellen Rahmen stark geprägt wird von der partizipativen Grundhaltung und dem persönlichen Verständnis der Fachkräfte. Folglich verdeutlicht das Kapitel zur Etablierung einer Beschwerdekultur, dass die Interaktionsgestaltung eine zentrale Grundlage eines sozialen Miteinanders darstellt. Beschwerden erhalten einen veränderten Blickwinkel. Sie sind nicht „widerborstig“, sondern beinhalten eine Chance, die Qualität im Alltagsgeschehen von Kindertageseinrichtungen weiterzuentwickeln. Hierfür gibt das Kapitel eine gute Weichenstellung, in welcher Form sich Teams konzeptionell weiterentwickeln müssen. Diese notwendigen Schritte in der Prozessqualität von Einrichtungen stellt die Autorin in den Kontext der strukturellen Rahmenbedingungen https://www.ash-berlin.eu/fileadmin/​Daten/News/2024/2024_08_27_Aufruf_aus_der_Wissenschaft_zur_Kitakrise.pdf und fordert daher einen gesellschaftlichen Diskurs über die hohe „Relevanz der Kindertagesbetreuung und de[n} politische[n] Zusammenhang zum frühkindlichen Bildungssystem“ (80). Pädagogische Fachkräfte müssen eine gesellschaftliche Wertschätzung erhalten, damit auch sie die Interessen und Anliegen der Kinder hören und ernst nehmen. Dafür „müssen entsprechende Ressourcen bereitgestellt werden. Nur so können wir eine positive Veränderung herbeiführen und die Entwicklung und Bildung der kommenden Generation unterstützen“ (81)
Angesichts einer Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche ermutigt eine solche Position und es ist zu wünschen, dass sie viele MitstreiterInnen findet.
Fazit
Diese Studie hebt in prägnanter Weise nochmal hervor, dass Beteiligung und Beschwerde die Basis für das Gelingen eines sozialen Miteinanders sind. Die Etablierung einer Beschwerdekultur in Kindertageseinrichtungen sollte daher das Herzstück in der pädagogischen Arbeit sein.
Rezension von
Jutta Daum
Erziehungswissenschaftlerin (M.A.), Gießen
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