Britta Schellenberg: Training Antidiskriminierung
Rezensiert von Gülden Aygün-Sagdic, 26.08.2025
Britta Schellenberg: Training Antidiskriminierung. Den Menschen im Blick.
Wochenschau Verlag
(Frankfurt am Main) 2022.
224 Seiten.
ISBN 978-3-7566-1530-8.
Schwerpunkt Rassismus.
Thema
Welche weitreichenden Folgen rassistische Diskurse auf die Stigmatisierung von geotherten Menschen haben können, konnten wir in der letzten Bundestagswahl hautnah miterleben. Nicht zuletzt hat sich unter anderem aufgrund einseitiger und populistischer Berichterstattungen der Medien sowie der sozialen Netzwerke die politische Debatte auf das Thema Migration reduziert und fast alle anderen essenzielleren Themen für die Wahl verdrängt. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, Mitarbeitende in staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen und Organisationen für Rassismus und Diskriminierung zu sensibilisieren und präventiv dagegen vorzugehen.
Autorin
Frau Dr. Britta Schellenberg ist Wissenschaftlerin und Lehrende am Geschwister-Scholl-Institut der LMU München. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Rassismusforschung, Diskriminierung, Inklusion, Erinnerungspolitik sowie in der Demokratie- und Menschenrechtsbildung. Sie verbindet dabei theoretische Perspektiven aus Diskursanalyse, Framing, neoinstitutionellen Ansätzen und politischer Bildung mit einem starken Praxisbezug.
Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit engagiert sie sich in zahlreichen Gremien, sowohl im akademischen als auch im zivilgesellschaftlichen Bereich. Aktuell leitet sie ein Projekt zur diskriminierungs- und diversitätssensiblen Organisationsentwicklung der Stadt München. Darüber hinaus berät sie nationale und internationale Institutionen zu Fragen gesellschaftlicher Teilhabe.
Frau Dr. Schellenberg ist außerdem Gründungsdirektorin des Zentrums „Den Menschen im Blick“. Das Zentrum besteht aus einem interdisziplinären Team und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Personen, Organisationen und Institutionen im professionellen Umgang mit Vielfalt zu stärken und diskriminierungssensibles Handeln zu fördern.
Entstehungshintergrund
Das Trainingsbuch ist das Ergebnis eines Projekts der Ludwig-Maximilians-Universität München unter der Leitung von Frau Dr. Schellenberg. Hervorzuheben ist der interdisziplinäre Ansatz bei der Konzeption und der Entwicklung des Werkes. Es wurden die Perspektiven und Expertisen zahlreicher Fachpersonen und Organisationen aus Psychologie, Erziehungswissenschaften, Politischer Bildung, Sozialer Arbeit, Politologie, Soziologie und Geschichtswissenschaften einbezogen. Diese Herangehensweise gewährleistet eine fundiert theoretische Basis bei gleichzeitiger Praxisorientierung und macht das Buch zu einem wertvollen Beitrag für die Professionalisierung der Antidiskriminierungsarbeit.
Aufbau und Inhalt
In den einleitenden Kapiteln (Teil 1–3, S. 12–19) wird der gesellschaftliche Kontext beschrieben, in dem das Training verortet ist: ein Spannungsfeld, das sowohl von Diversität als auch von alltäglichen und institutionellen Formen von Rassismus und Diskriminierung geprägt ist. Die Autorin erläutert, weshalb gerade Mitarbeitende in öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen besondere Verantwortung tragen und entsprechende Sensibilisierung benötigen.
Im anschließenden vierten Teil (S. 20–27) wird das Fortbildungskonzept vorgestellt. Es handelt sich um ein sorgfältig entwickeltes, methodisch vielfältiges Trainingsprogramm, das Fachkräfte im öffentlichen Dienst befähigen soll, sich sicher und verantwortungsbewusst in einer pluralen Gesellschaft zu bewegen. Ziel ist es, menschenrechtsorientierte Handlungskompetenzen zu fördern und gleichzeitig zur Reflexion persönlicher Einstellungen und institutioneller Rahmenbedingungen anzuregen.
Das Trainingskonzept basiert auf den Grundprinzipien des Beutelsbacher Konsens und verzichtet bewusst auf übergriffige Methoden. Stattdessen schafft es einen geschützten Lehrraum, der auf gegenseitiger Wertschätzung, Empathie und Offenheit beruht. Die methodische Vielfalt des Programms unterstützt Teilnehmende dabei, sich mit ihren eigenen Verstrickungen in Diskriminierungsdynamiken auseinanderzusetzen und verantwortungsvoll zu handeln.
Für eine nachhaltige Wirkung wird empfohlen, das Training durch vorbereitende Lektüren, Reflektionsphasen und Nachbereitungen zu ergänzen. Eine wiederholte Durchführung kann zudem zur Vertiefung der Inhalte beitragen.
Der Übungsteil (S. 30–214) umfasst insgesamt 19 sorgfältig ausgearbeitete Module, die sich durch eine hohe Praxisrelevanz auszeichnen. Die Übungen sind flexibel einsetzbar und können je nach Zielgruppe, zeitlichem Rahmen und institutionellem Kontext kombiniert und angepasst werden. Diese modulare Struktur ermöglicht sowohl punktuelle Impulse als auch umfassende Fortbildungsformate.
Das Trainingsmaterial basiert auf aktuellen Erkenntnissen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, u.a. aus der Erziehungswissenschaft, Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaft. Ergänzende Hintergrundtexte, sogenannte „Schlaglichter“, bieten vertiefende Einblicke in zentrale Themen wie Intersektionalität, Framing und Machtverhältnisse. Sie regen die Teilnehmenden zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Diskriminierungsmechanismen an. Ein Stichwortverzeichnis und ein Abschnitt über die Mitwirkenden komplettieren das Werk.
Diskussion
Das Trainingsbuch hat bereits positive Resonanzen bei Personen und Organisationen gefunden, die an seiner Entwicklung beteiligt waren oder selbst am Training teilgenommen haben. Darunter sind Mitarbeitende der Stadt München, Vertretende aus kirchlichen und muslimischen Einrichtungen, Wohlfahrtsverbänden sowie juristischen Fachkreisen. In ihren Rückmeldungen betonen sie insbesondere die Praxisrelevanz der vermittelten Inhalte. Der verbreitete Alltagsrassismus wird dabei nicht nur als Haltungsfrage verstanden, sondern auch in sprachlichen Strukturen identifiziert. Die Wirksamkeit des Trainings wird etwa mit einem „Akzent für ein sensibles und einfühlsames menschliches Miteinander“ charakterisiert (vgl. S. 4, Reiner Schübel, Kirchenrat).
Als Mitgründerin der Antidiskriminierungsstelle Esslingen ist das Trainingsbuch ein bedeutsames Instrument zur Qualifizierung der Antidiskriminierungsarbeit. Es bietet eine systematische, gut nachvollziehbare Methodik zur Identifikation und Aufarbeitung sowohl institutioneller als auch individueller Diskriminierungsformen.
Mit den praxisnahen Materialien, klar strukturierten Inhalten und fundierten Reflexionsangeboten leistet das Buch einen nachhaltigen Beitrag zur Sensibilisierung und Professionalisierung von Fachkräften in Verwaltung und öffentlichen Einrichtungen. Es regt dazu an, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen und eine diskriminierungssensible Haltung zu entwickeln. Wenngleich auch einzelne QR-Codes technisch noch nicht vollständig funktionsfähig sind, beeinträchtigt dies m.E. den praktischen Nutzen dieses hochprofessionellen und praxisorientierten Handbuchs für politisch-pädagogische Bildung nicht wesentlich. Die Materialien im Übungsteil erweisen sich als hervorragend geeignet für Schulungen, Workshops und Weiterbildungen, die von professionellen Fachkräften im Bereich der Antidiskriminierungsarbeit durchgeführt werden sollten.
Basierend auf meiner beruflichen Erfahrung in einer öffentlichen Behörde sowie meiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Rassismus- und Diskriminierungsforschung kann ich dieses Trainingsbuch uneingeschränkt empfehlen. Es überzeugt durch die gelungene Synthese von Theorie und Praxis und leistet einen bedeutsamen Beitrag zur diskriminierungskritischen Bildungsarbeit, die gleichermaßen fundiert, wie handlungsorientiert ist.
Fazit
Das Trainingsbuch „Den Menschen im Blick“ präsentiert ein durchdachtes, menschenrechtsorientiertes Fortbildungskonzept für den professionellen Umgang mit Rassismus und Diskriminierung. Es fördert reflektiertes Handeln, stärkt diskriminierungssensible Kompetenzen und schafft Lernräume, die von Respekt und methodischer Vielfalt geprägt sind.
Rezension von
Gülden Aygün-Sagdic
Sozialpädagogin (B.A.), Landratsamt Rems-Murr-Kreis, Sozialer Dienst
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