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Helmwart Hierdeis (Hrsg.): Die Rolle der Arbeit

Rezensiert von Dr. Edwin Petek, 14.10.2024

Cover Helmwart Hierdeis (Hrsg.): Die Rolle der Arbeit ISBN 978-3-89334-668-4

Helmwart Hierdeis (Hrsg.):Die Rolle der Arbeit. Asanger Verlag (Kröning) 2024. 168 Seiten. ISBN 978-3-89334-668-4. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR.
Interdisziplinäre Schriftenreihe - Band 45.

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 Thema

Arbeit ist eines der zentralen Themen und „Aufgaben“ für uns Menschen, sowohl individuell als auch gesellschaftlich. Jeder ist in irgendeiner Form mit „Arbeit“ vertraut und konfrontiert, insofern ist sie begrifflich scheinbar selbstverständlich und bedarf keiner besonderen Erläuterungen. Andererseits ist Arbeit in ihrer Form und in ihrer realitätsbezogenen Bedeutung einem ständigen Wandel unterlegen, und dieser Wandel erfolgt gegenwärtig gerade sehr heftig. Eine begriffliche und eine an den Realitäten andockende Einordnung von „Arbeit“, wie sie in vorliegendem Sammelband versucht wird, kann für verschiedene Orientierungszwecke hilfreich sein. Der vorliegende Band geht aus einer 2023 abgehaltenen Jahrestagung der Interdisziplinären Studiengesellschaft (ISG) zur „Rolle der Arbeit“ hervor. Fachleute aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sowie aus unterschiedlichen praktischen „Arbeitsfeldern“ beleuchten in den knapp zehn Beiträgen des Sammelbandes „Arbeit“ in ihrer Bedeutsamkeit für das menschliche Leben.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Prof.Dr.H.Hierdeis, der Herausgeber, ist Erziehungswissenschaftler und Psychoanalytiker mit einer breiten akademischen Expertise im Bereich der Bildungsforschung. Sein Blickwinkel ist offen für diverse sozialwissenschaftliche Wissensbestände, und auch literarische Aspekte integriert er immer wieder in seine Betrachtungen. Prof.Dr.Gerhard Bosch ist Soziologe mit den Forschungsschwerpunkten Arbeitsmarktpolitik und berufliche Bildung. Dr.Susanne Heine ist Professorin an der Universität Wien mit den Fächern Praktische Theologie und Religionspsychologie. Dr.Dr.Uwe Krebs, Erziehungswissenschaftler, Diplompsychologe und Biologe, interessiert sich schwerpunktmäßig für die Naturgeschichte der Erziehung sowie menschliches Verhalten und Erleben. Dr.Dr.Achim Würker publiziert zu Psychoanalytischer Pädagogik und zu tiefenhermeneutischen Möglichkeiten der Kulturanalyse. Nikos W.Dettmer ist Bildender Künstler mit einer langjährigen Erfahrung auch als Galerie- und Kunstvereinsgründer. Außerdem ist er bei Künstlersozialwerken bzw. Künstlergenossenschaften verantwortlich tätig. Gabriela Engelhardt hat Mathematik, Rechentechnik und Psychologie studiert. Sie blickt auf eine jahrzehntelange Tätigkeit als Softwareentwicklerin zurück und hat auch zu gesundheitspsychologischen Interventionen publiziert. Dr. Siegfried Kreibe ist Diplomchemiker und ausgebildeter Krankenpfleger. Er war im klinischen und im Umweltschutzbereich tätig, auch mit beraterischen und universitären Funktionen. Prof.Dr.Ulrich Lehner hat zusätzlich zu einem Wirtschaftsingenieur- und Maschinenbaustudium eine Ausbildung zum Steuerberater und Wirtschaftsprüfer absolviert. Seine reichen beruflichen Erfahrungen umfassen verschiedene Leitungsaufgaben im Topmanagementbereich nationaler und internationaler Konzerne.

Aufbau

Nach zwei einleitenden Beiträgen über das Thema „Rolle der Arbeit“ (Einführung zur Jahrestagung von S.Kreibe, inhaltliche Einleitung von H.Hierdeis) folgen sieben Beiträge zur Thematik aus verschiedener erfahrungsbezogener oder theoretischer Perspektive. Ein Überblick über die Autoren/​Autorinnen bzw. den Herausgeber und die ISG schließt den Band ab.

Inhalt

1/2 Einleitung

S.Kreibe umreißt in knapper, gut lesbarer Weise, was alltagsbezogen und terminologisch als Arbeit verstanden wird. Meistens steht dann „Berufsarbeit“ im Vordergrund. Berufsarbeit bleibt vielgestaltig, Arbeitswelten sind recht unterschiedlich, mit unterschiedlichen Folgen und Nebeneffekten, so Kreibe. Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen, Entlohnung, Leistungsforderungen, Motivation und „Work-Life-Balance“ zwischen Berufsarbeit und Privatleben u.a. spielten und spielen früher und heute eine zentrale Rolle, wenn man Arbeit und Leben der Menschen betrachtet. H.Hierdeis vertieft die Begriffsklärung etymologisch und greift Texte der Religions- und Ideengeschichte mit ihrer Darstellung menschlicher Arbeit auf. Nach Hierdeis interpretiert die Pädagogische Anthropologie den Begriff Arbeit als „Konstruktion“, abhängig von historisch-gesellschaftlichen Bedingungen und individuellen Lebensverhältnissen. Der Herausgeber verweist auf die Einzelbeiträge mit wichtigen Teilaspekten zur Arbeit wie das Sichern des physischen Überlebens und Existenzsicherung, Entwicklung der Arbeitsteilung, die Anbahnung einer erwünschten Arbeitshaltung oder Arbeit und persönliche Sinnfindung. Ergänzend, auch mit bildungshistorischen Bezügen, skizziert Hierdeis kurz die Bedeutung der Schule bei Entwicklung und Kontrolle der „erwünschten“ Fähigkeiten und Haltungen.

3 Evolutionstheoretische Sicht

U.Krebs wirft einen gattungsgeschichtlichen Blick auf den Menschen und menschliche Arbeit. Seine Betrachtung bezieht sich auf einen Zeitraum von etwa sieben Millionen Jahren, beginnend mit dem ersten Auftreten der Gattung „Homo“, den ersten Homininen, und endend primär mit der Jungsteinzeit, in der Ackerbau und Viehzucht, also unsere modernen Bewirtschaftungs- und Nahrungsbeschaffungsformen auftraten. In seinem informativen, sprachlich gleichwohl verständlich geschriebenen Beitrag geht der Autor zu Beginn auf die Notwendigkeit eines jeden lebenden Organismus ein, Leistungen zur Sicherung von Stoffwechsel und Energiezufuhr zu erbringen. Damit beginnt auch menschliche Arbeit als zweckgerichtete körperliche und geistige Tätigkeit. Das schließt dann mehr oder minder große Mühsal und Anstrengung ein. Die langperspektivische Betrachtung sozial-begrifflicher Größen wie Arbeit ist nicht für jeden selbstverständlich. Deshalb ist es recht nützlich, dass Krebs seiner inhaltlichen evolutionstheoretischen Darstellung methodologische Aspekte hinzufügt. Lange Zeitspannen sind mit allmählichem Wandel verknüpft. Die Faktoren des Wandels sind Selektion und Mutation. Die Veränderungsprozesse hat man sich als fließend vorzustellen. Statische kategoriale Begriffe, wie z.B. „Frühmensch“, können zwar zweckdienlich sein, müssen aber stark relativierend gesehen werden. Krebs skizziert die Evolution der Homininen, auch mit Hinweis auf die ausgestorbenen Arten, und geht auf die langen Phasen der Aasfresser und Sammler, dann Jäger und Sammler und die anschließende (bisher) kurze Phase des Menschen als Viehzüchter und Bauer ein. Analogien zu Kulturen von außerzivilisatorisch lebenden Naturvölkern helfen, die archäologisch-anthropologischen Funde für das Verstehen der menschlichen Entwicklungsprozesse zu nutzen. Klimawandel stellte einen der wesentlichsten Veränderungsfaktoren in der Evolution dar, auch in der menschlichen Geschichte, so der Autor. Veränderte Nahrungsgrundlagen, Wanderungsbewegungen, körperliche Anpassungsprozesse – Krebs schildert anschaulich-knapp die Entstehungsbedingungen und Folgen z.B. des aufrechten Gangs, der menschlichen Hand und der Hirnentwicklung. Auch auf die Feuernutzung und später die Weiterentwicklung von Werkzeugherstellung und Jagdtechniken wird eingegangen. Krebs setzt diese Befunde in Verbindung einmal mit physiologischen Folgen, z.B. erschwerten Geburten (durch Zunahme des Hirnvolumens), dann mit quantitativen und qualitativen Änderungen bei der Arbeit, also Arbeitsmenge und Arbeitsbelastungen. Mit der Entstehung von Ackerbau und Viehzucht wurden auch größere Siedlungsformen ermöglicht, die neue Organisationsformen und die Bildung von Führungseliten bedingten. Zum Schluss seines Beitrages geht der Autor noch auf die Bedeutung der evolutionstheoretischen Erkenntnisse für die Betrachtung von Arbeit in der Gegenwart ein. Demnach spielen menschliche Lernfähigkeit und große Anpassungsfähigkeit bei allen beobachteten und zu erwartenden Veränderungsprozessen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation die entscheidende Rolle.

4 Arbeit und Protestantismus

„Arbeit auf protestantisch“, nennt S.Heine ihren Beitrag über das Arbeitsverständnis und das Menschenbild der Reformatoren mit seinen tatsächlichen oder vermeintlichen ökonomischen Effekten. Dem vorreformatorischen Gerechtigkeitsbegriff, der sehr herrschaftsstabilisierend war, setzten die Reformatoren, allen voran Martin Luther, einen unmittelbaren Gottesbezug in Form der göttlichen Gnade entgegen. „Gute Werke“ vor Gott, das hieß: vor den Herrschenden, sind nun kein Garant mehr für religiöse Befreiung. Allein der Glaube befreit demnach den Menschen als „Sünder“, d.h. als schwachem, fehlbarem Wesen. Mit Luther verschob sich gutes Handeln auf ein dem Glauben entsprungenes Handeln im „Geist der Liebe“, wie Heine ausführt. Dienst am Nächsten tritt in den Vordergrund von „Arbeit“. Die Autorin belegt den begrifflichen Schwenk bei Luther und anderen Reformatoren mit Text- und Bibelzitaten. Arbeit und Beruf haben sich mit der neuen Sichtweise teilweise erheblich verändert, das betraf insbesondere den geistlichen Stand, wie die Autorin erläutert. Sozialrevolutionäre Impulse waren damit aber keineswegs verbunden. Zeitgleich mit der Reformation setzten auch wirtschaftliche Umbrüche ein, z.B. frühkapitalistischer Geldverkehr und Bankenwesen. Das Verhältnis der Reformatoren zu diesen Veränderungen war zwiegespalten, so Heine, teilweise wurden sie gutgeheißen, teilweise verdammt. In jedem Falle scheint die Forderung nach einem gerechten Ausgleich zwischen Armen und Reichen reformatorisch gegolten zu haben. Kritisch beleuchtet die Autorin abschließend die meist sehr oberflächlich (miss-)verstandene Max-Weber-These, dass der Geist des Kapitalismus aus der Reformation hervorgegangen sei. Arbeitsethos und Pflichterfüllung in Gegensetzung zu brutalem Besitzstreben und Geldgier hat Max Weber idealtypisch entwickelt, nicht empirisch. Gleichwohl wäre dem heutigen Kapitalismus etwas von dem vorgeblichen Weberschen Geist des Protestantismus zu wünschen, so die Autorin.

5 Arbeit und Ungleichheit

G.Bosch skizziert die Einkommensentwicklung in Deutschland von der Nachkriegszeit bis heute. Die profunde Darstellung wird mit aussagekräftigen Statistiken untermauert. Deutschland hatte bis zur Wiedervereinigung eine vergleichsweise geringe Einkommensungleichheit zu verzeichnen. Der Niedriglohnbereich war überschaubar, es gab genügend ordentlich bezahlte Arbeitsplätze, die breit aufgestellte Position der Gewerkschaften und eine hohe Tarifbindung sorgten für Einkommensstabilität. Mit Hilfe der Flächentarife konnte bereits in den 60er Jahren eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ entstehen, wie Bosch mit Bezug auf H.Schelsky ausführt. Die anständige Bezahlung der vielen Beschäftigten in der industriellen Massenproduktion und im Dienstleistungssektor sieht Bosch als eine der großen Integrationsleistungen der deutschen Nachkriegszeit. Bis zur Wiedervereinigung bezieht er sich mit seinen Ausführungen und seinem Datenmaterial auf die Bundesrepublik. Neben den Einkommen führten die inklusiven sozialstaatlichen Regularien zu der relativ nivellierten „Mittelstandsgesellschaft“, wie der Autor schreibt. Vollzeitarbeit, Sozialversicherung, dynamisierte Renten und Absicherung im Fall von Arbeitslosigkeit oder Krankheit bildeten die Schlüsselfaktoren im erfolgreichen deutschen Sozialmodell. Wie Bosch eindrücklich ausführt, hat sich diese positive Situation auf dem Arbeitsmarkt seit Mitte der 90er Jahre grundlegend verändert. Die alte Verknüpfung von wirtschaftlicher Effizienz und gesellschaftlicher Solidarität hat sich demnach aufgelöst. So haben auch unsichere und schlecht bezahlte Tätigkeiten erheblich zugenommen. Das Anwachsen der Einkommensungleichheiten, das der Autor differenziert darstellt, wird mit verschiedenen Diagrammen und mit Datenmaterial gründlich belegt. Für diese Entwicklung sieht der Autor verschiedene Ursachen. U.a. entstand in den 90er Jahren eine hohe Arbeitslosigkeit, zudem war mit der Wiedervereinigung eine ostdeutsche Produktionsschwäche zu bewältigen. Tariffreie Zonen entstanden, große Unternehmen wurden zunehmend fragmentiert, Produktmarkt- und Arbeitsmarktderegulierungen nahmen stark zu. Außerdem wurden öffentliche Dienstleistungen privatisiert, und einiges mehr. Ausmaß und Folgewirkungen von Einkommensungleichheit werden dann durch die Wechselwirkung aller dieser Faktoren bestimmt, wie Bosch ausführt. Auch die desaströsen Wirkungen größerer Einkommensungleichheit sind breit verteilt. Sie reichen vom schlechteren Gesundheitszustand bei Personen mit niedrigem Einkommen bis zur Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Demokratie. Auch dies untermauert Bosch mit aussagekräftigem Zahlenmaterial. Politische Handlungsmöglichkeiten sieht er v.a. in steuerrechtlichen Maßnahmen und in Stellschrauben zur Sicherung angemessener Löhne.

6 Work-Life-Balance

Unter diesem Begriff wird meistens eine individuelle, auch stark psychologisierende Steuerung des persönlichen Verhältnisses von Berufsarbeit und Privatleben verstanden. Auf diesen Aspekt geht der Autor U. Lehner auch ein. Vor dem Hintergrund seiner breiten und vielfältigen, auch sehr verantwortungsvoll positionierten beruflichen Erfahrungen in Unternehmen und mit Arbeit fächert Lehner allerdings ein interessantes Spektrum von bedenkenswerten Aspekten auf makro- wie auf mikroökonomischer Ebene auf. Lehner stellt in seinem Beitrag zahlreiche Gedanken vor, die ihn bezüglich der Thematik beschäftigen. Daraus entwickelt er eine Reihe von Fragen, die uns einzeln als „Arbeitende“ und Bürger oder den Wirtschaftssektor und die Politik insgesamt betreffen. Bei allen Ausführungen, wie betriebswirtschaftlich-fachlich auch immer, bleibt der persönliche Bezug, das eigene Erleben und die eigene Berufsbiographie des Autors stets in sympathischer Weise spürbar. Lehner erzählt beispielsweise vom wechselvollen und z.T. ambivalenten Verhältnis zur Arbeit, das er als Vorstandsvorsitzender im Kontakt mit den Nachwuchskräften wahrgenommen hat. Arbeit werde vielfach zwar als notwendig, aber „störend“ im Leben empfunden, während er seine Arbeit als sinnvoll mit dem Ziel der Lebenserleichterung für die Menschen sehe. Auch problematische unternehmerische und betriebliche Gegebenheiten greift der Autor auf, z.B. mangelnde Führungsqualitäten, schlechtes Betriebsklima oder fehlende Familienfreundlichkeit bei den Unternehmen und gesellschaftlich. Das individuelle Anspruchsdenken wird thematisiert, in welcher Ausprägung etwa Karrierewünsche entwickelt werden oder – umgekehrt – vielleicht einseitige Forderungen an eine gesellschaftliche Wunscherfüllung, etwa ein voraussetzungsloses Grundeinkommen oder steuerliche Bonitäten. Lehner hält die Marktwirtschaft in der traditionellen, deutschen Ausrichtung für grundsätzlich sozial und expliziert dies. Die Frage sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung bleibt für ihn gleichwohl bestehen. Staaten und Unternehmen haben dabei unterschiedliche Interessenlagen, wie Lehner ausführt. Und die ökonomisch-politischen Entscheidungen können Wohlstand, Lebensqualität und damit die Basis für individuelle Work-Life-Balance-Gestaltung massiv beeinflussen. Einen bedeutsamen Einflussfaktor sieht Lehner in der demographischen Entwicklung. Arbeitsumfang, Einkommen und Wohlstand und damit die Spielräume im Privatleben hängen von der volkswirtschaftlichen Produktivität im Verbund mit den gesellschaftlichen Kosten für Arbeit und soziale Sicherung ab. Der Autor sieht heute generell eine problematische Anspruchskultur, bei der Politik und Gesellschaft möglichst vieles belastungsfrei ermöglichen sollen. Dem stünden begrenzte betriebliche oder öffentliche Ressourcen gegenüber. Gleichzeitig sei vielfach eine Abnahme der persönlichen Leistungsbereitschaft beobachtbar, im Extremfall könne, bei sozialer Absicherung, „Nichtstun“ reizvoll sein. Lehner verweist auf die Bedürfnispyramide von Maslow als mögliche Orientierungshilfe für die Einordnung von Wohlstand. Um den gesellschaftlichen Veränderungen im Sinne eines „Work for Life“ begegnen zu können, wodurch dann sicher auch eine einigermaßen gesunde individuelle Work-Life-Balance ermöglicht wird, schlägt Lehner folgende Entwicklungsschritte vor: Gesellschaftliche Zukunftsorientierung, eine Bildungsinitiative mit besonderem Augenmerk auf die Ausbildung von Migrantenkindern, massive Digitalisierungsbemühungen, Erhöhung der Zahl der Erwerbstätigen, Erhöhung der Arbeitsmarktflexibilität und qualifizierte Migration.

7 Herrschaftsformen in der Arbeitswelt

Auf Veränderungen in Führungskultur und Form der Machtausübung in der Arbeitswelt geht A.Würker in seinem sehr anregenden Beitrag unter begrifflichem Bezug zu M.Foucault ein. Mit dem zunächst etwas sperrigen Foucaultschen Begriff der „Gouvernementalität“ nimmt Würker die Gesamtheit institutioneller, verfahrensmäßiger, politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Einflussfaktoren auf die Arbeitswelt in den Blick. Es zeigt sich, dass die Herrschaftsausübung in der modernen Arbeitswelt weniger autoritär und repressiv strukturiert ist, sondern vordergründig „soft“ hauptsächlich über leistungsorientierte Selbstregulierung und Selbstdisziplinierung gekoppelt mit betriebszielbezogenen Kontrollmaßnahmen erfolgt. Würker veranschaulicht diese Veränderungen am Beispiel der schulischen Lehrerarbeit, die er aus eigener Erfahrung gut kennt. Flexibilisierung der Arbeit, „Kundenorientierung“ als sozial integrierendes Treibmittel, aus dem betrieblichen Management entlehnte Anglizismen und modernistische Worthülsen, Ich-AG-adäquate Konkurrenz- und Profilierungsmuster, Zielvereinbarungen, Mitarbeitergespräche und Evaluationsprozeduren schufen mit Hilfe von „Schulentwicklungsmaßnahmen“ und „Qualitätsoffensiven“ für die Lehrkräfte eine andere, „moderne“ Berufsrealität. Unter den Stichworten „Jargon der Anpassungsimperative“, „Ideologeme“ oder „die Vermarktlichung des Selbst“ nimmt Würker die modernen Arbeitswelten dann wieder grundsätzlich ins Visier. Ein vertiefender psychoanalytischer Blick auf die Optimierungsideologie der modernen Arbeitswelt führt Würker in einem weiteren analytischen Schritt zu massenpsychologischen Folgerungen, bei denen er sich auf S.Freud und A.Lorenzer bezieht. Konsum und die Verwirklichung von Größen- und Machbarkeitsvorstellungen dienen nicht nur individuell, sondern im Rahmen einer sozial-pathologischen Massenbildung ggf. auch allgemein als triebbezogene Ersatzbefriedigung. Hoffnungsvolle Anzeichen für einen Widerstand gegen die „kollektive Subjektproblematik“, wie Würker sie nennt, sieht der Autor gegenwärtig nicht.

8 Arbeit und Gesundheit

„Macht Arbeit krank? Kann sie glücklich machen?“, fragt Gabriela Engelhardt in ihrem Beitrag. Sie berichtet einerseits aus eigener Berufserfahrung, greift aber auch auf psychologisch-wissenschaftliche Befunde zurück. Nach einer WHO-Definition, was überhaupt unter Gesundheit zu verstehen ist, stellt Engelhardt die Ergebnisse verschiedener internationaler Tests zur Arbeitsbelastung und zur Arbeitszufriedenheit in Abhängigkeit von diversen Einflussfaktoren vor. So können beispielsweise Entlohnung, erlebte Wertschätzung und Entscheidungsspielräume positiv oder negativ auf die Motivation, die Gesundheit und die Arbeitsleistung der Mitarbeiter wirken. Auch die erlebte Sinnhaftigkeit oder der fehlende Sinn der eigenen Tätigkeit haben massiven Einfluss auf das Wohlbefinden und die Arbeitszufriedenheit. Von daher kommt der Mitarbeiterführung, auch einer gesundheitsorientierten Führung, enorme Bedeutung zu, wie die Autorin ausführt. Dabei spielen sowohl auf Mitarbeiterseite, als auch bei den Führungspersonen individuelle Persönlichkeitsmerkmale eine wichtige Rolle, z.B. das Ausmaß der Gewissenhaftigkeit oder der Grad an Neurotizismus. Ob Arbeit glücklich machen kann, zu dieser Frage verhält sich die Autorin vorsichtig zurückhaltend. Wichtig im Berufsleben ist jedenfalls die Arbeitsmotivation. Und hierfür identifiziert Engelhardt Selbstbestimmung, Sinnhaftigkeit und Bedürfnis nach Verbesserung als Kernelemente.

9 Künstlerische Tätigkeit

Ist Kunst überhaupt Arbeit? Unter dieser saloppen Fragestellung stellt N.W.Dettmer seinen eigenen beruflichen Werdegang und seine eigene Tätigkeit als Bildender Künstler vor und fächert dabei differenziert die Aspekte auf, die berufliches künstlerisches Schaffen eindeutig als „Arbeit“ ausweisen. U.a. werden Zeit, Energie und Ressourcen investiert, der Kunstschaffende benötigt ein Spektrum verschiedener Fähigkeiten, um seinen Lebensunterhalt mit „Kunst“ bestreiten und auf dem Kunstmarkt erfolgreich bestehen zu können. Dettmer geht auch auf die anfällige, oft prekäre finanzielle Situation für Kunstschaffende ein und nennt subsidiäre Hilfen und Förderungen. Anschließend beschreibt er die Veränderungen auf dem Kunstmarkt, die sehr stark durch die Digitalisierung bestimmt sind. Mit der „Kreativwirtschaft“ besteht nach Dettmers Ansicht heutzutage eine breite Palette von Angeboten, die gesellschaftlich und wirtschaftlich auch nachgefragt werden. Um erfolgreicher „Mitspieler“ zu sein, muss der Künstler einige psychologische Voraussetzungen mitbringen und bestimmte Anforderungen erfüllen, die der Autor nennt, z.B. die Entwicklung eines eigenen künstlerischen Profils, Netzwerkarbeit und Selbstvermarktung mit Durchhaltevermögen und kommunikativer Kompetenz.

Diskussion

Beim Lesen des Buchtitels (Die Rolle der Arbeit) könnte sich zunächst ein leiser Zweifel einstellen, ob unter diesem so oder ähnlich öfter formulierten „Allerweltsthema“ mit dem vertrauten Arbeitsbegriff wirklich Neues, Interessantes zu finden sein würde. Und eine systematische Darstellung von „Arbeit“ ist bei einem – schmalen – Sammelband als Frucht einer Jahrestagung ebenfalls nicht zu erwarten. Und so ist es: Der Band stellt „Arbeit“ nicht systematisch, nicht umfänglich und auch nicht monographisch-detailintensiv vor. Aber: Dafür ist der Band eine kleine, kompakte Schatulle mit informativen, sehr anregenden Einzelbeiträgen zu „Arbeit“ aus recht unterschiedlichen fachlich-erfahrungsmäßigen Perspektiven und zu ganz unterschiedlichen, selektiven Subthemen. Außerdem enthält das knapp 170 Seiten umfassende Buch mit seinen zwei einleitenden Beiträgen von H.Hierdeis und S.Kreibe einen profunden, bei dem dafür vergleichsweise begrenzt verfügbaren Seitenumfang in dieser Qualität nicht erwartbaren Überblick über „Arbeit“ mit den wichtigsten begrifflichen und inhaltlichen Facetten. Damit ist für interessierte Leserinnen und Leser in gewisser Weise auf engem Raum sogar eine „systematische“ Darstellung von Arbeit enthalten. Auch die anderen sieben Einzelbeiträge mit ihrem sehr spezifischen, quasi schlaglichtartigen Zugriff auf die Thematik sind allesamt fachlich solide abgesichert, verständlich formuliert und inhaltlich sehr interessant.

Fazit

In der Summe eine informative und höchst anregende Darstellung von Arbeit und ihrer funktionalen Rolle, mit allen Veränderungen und Stabilitäten – auf geraffte Weise „systematisch“ einführend und mit intelligentem „Mut zur Lücke“ bei der Auswahl der Einzelbeiträge!

Rezension von
Dr. Edwin Petek
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Es gibt 2 Rezensionen von Edwin Petek.

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ISSN 2190-9245