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Tahar Ben Jelloun: Papa, woher kommt der Hass? Gespräch mit meiner Tochter

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 06.12.2005

Cover Tahar Ben Jelloun: Papa, woher kommt der Hass? Gespräch mit meiner Tochter ISBN 978-3-87134-535-7

Tahar Ben Jelloun: Papa, woher kommt der Hass? Gespräch mit meiner Tochter. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2005. 118 Seiten. ISBN 978-3-87134-535-7. 14,90 EUR. CH: 26,80 sFr.
Rowohlt Berlin. Mit Illustrationen von Charley Case und einem Vorw. von Heiner Geißler. Aus dem Französischen von Christiane Kayser
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"Hass macht die Erde kalt",

diesen Titel wählten Barbara Veith und Hans-Otto Wiebus bei ihrem 1993 unternommenen Versuch, die Wurzeln des Rassismus allgemeinverständlich zu beschreiben (Peter Hammer Verlag, 1993). Das Fazit ihres Taschenbuches: "Rassismus ist eine Mischung aus persönlicher Katastrophe und Ausdruck der Befindlichkeit einer ganzen Gesellschaft". Dieser Erklärungsversuch lässt sich ohne weiteres auf die Phänomene übertragen, die man im wissenschaftlichen und allgemeinen Sprachgebrauch als Xenophobie, Ethno- und Eurozentrismus, Diskriminierung, Stereotypen und Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit, Fremdenhass... bezeichnet.

Der Autor

Der aus Marokko stammende, 1944 in Fès geborene, seit 1971 in Paris lebende Schriftsteller und Philosoph Tahar Ben Jelloun verarbeitet in seinen mittlerweile zahlreich erschienenen Romanen Probleme, die sich aus seiner interkulturellen Existenz ergeben. Da ist die Geschichte eines kleinen Berbermädchens aus dem Hohen Atlas, das nach Frankreich kommt und dort den alltäglichen Rassismus erlebt (Mit gesenktem Blick, 1991); da sind die Auseinandersetzungen mit seiner Geschichte und Kultur (Das Gebet für den Abwesenden, 1996); da geht es um die individuellen und gesellschaftlichen Verstrickungen von Individuen mit mafiosen Strukturen (Der blinde Engel, 1994; Der korrumpierte Mann, 1995); da geht es auch um Fragen und Probleme der Emanzipation (Sohn ihres Vaters, 1989; Die Nacht der Unschuld, 1991); und da ist vor allem sein Bemühen, die Probleme der Welt seinen vier Kindern und den Kindern auf der Erde, kindgerecht zu erklären (Papa, was ist ein Fremder? 2000; Papa, was ist der Islam? 2002). Sein Anliegen dabei ist, die Menschen, Junge und Alte, zum Denken und Nachdenken, zur Reflexion zu bringen: "Wenn das kritische Denken aufhört und allen Absurditäten das Feld überlässt, wenn der methodische und strategische Zweifel ausbleibt, dann verzichtet das Individuum auf seinen Status". Ein Mittel zur Empathie ist der Dialog. Dabei ist er überzeugt, dass jede Form von Extremismus, ob in religiöser, kultureller oder politischer Ausprägung, "humorlos" ist: "Der Fundamentalismus und der Totalitarismus lehnen beide den Dialog ab. Sie haben auch zwei Feinde: das Lachen, das für alle Dogmen eine Niederlage bedeutet, und die Subjektivität, von der die Künstler, die Rebellen und die Dichter leben" (1994).

Inhalt

In seinem neuen Buch, das von Christiane Kayser aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt wurde, und das der belgische Künstler Charley Case illustriert hat, geht es ihm darum, in einem Gespräch mit seiner Tochter das Problem zu klären, dass Menschen Menschen hassen können, bis hin zum Mord. Ausgehend vom Anschlag auf das World Trade Center in New York, am 11. September 2001, das in der Welt eine Spirale der Gewalt, von Terrorismus und Vorurteilen in Bewegung gebracht hat, stellt das 14jährige (?) Mädchen Fragen, die sicherlich auch viele andere Jugendliche überall auf der Erde stellen würden. Und der Vater beantwortet sie, manchmal kurz, auch etwas ausführlicher, nicht immer so, dass Kinder jedes einzelne Wort verstehen; aber immer so, dass die Antworten neue Fragen provozieren, dass also ein Dialog zustande kommt. Weil "Hass wieder Hass erzeugt" und weil "Hass Feindschaft produziert", entwickelt sich das Gespräch von der Eingangsfrage, über den islamischen Fundamentalismus, Selbstmordattentäter, Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus, Ausgrenzung und Höherwertigkeitsvorstellungen, bis hin zu den Ansätzen und Programmen, die eine Integration von Minderheiten in eine Mehrheitsgesellschaft ermöglichen. Ganz oben steht dabei eine Haltung, die aus den Geistesgeschichten vieler Kulturen und Völker stammt: Toleranz. Weil Hass "der Ausdruck einer Verweigerung der Anerkennung des anderen, einer Verweigerung des (friedlichen, JS) Zusammenlebens" der Menschen ist, beruht diese menschenverachtende Einstellung auf irrationalem Denken. Irrationalität, das wird in dem Gespräch immer wieder deutlich, aber ist nicht einfach mit rationalen Argumenten zu begegnen. Das, was Annita Kalpaka und Nora Räthzel (1987) als die Schwierigkeit bezeichnet haben, nicht rassistisch zu sein, ist auch bei der Frage nach dem rassistischen Hass zu bedenken: Niemand ist davor gefeit, Hassgedanken gegen andere Menschen zu entwickeln. Sie aber zu kontrollieren, zu reflektieren und nach den Gründen dieser Gefühle und Handlungen zu fragen, "sich bewusst einfachen Erklärungen zu verweigern, Schwarzweißlösungen abzulehnen, die zumeist mit der Gewalt des Mächtigeren durchgesetzt werden sollen", kann den Hass im alltäglichen Miteinander wie beim globalen Zusammenleben der Menschen verringern.

Fazit

Heiner Geißler schreibt in seinem Vorwort zum Buch: "Aufklärung, Information und Bildung sind die schärfsten Waffen gegen Hass und Fundamentalismus". So ist zu wünschen, dass Tahar Ben Jellouns Buch, wie die Vorläufer der Reihe, einen festen Platz in den Schul- und Lehrerbüchereien und im Unterricht, aber auch in den Wohnzimmern der Familien und in der Lehreraus- und -fortbildung finden. Ob die Frageebene "Papa, woher ...?", andere Antworten brächte als "Mama, woher...?", wäre eine weitere interessante Frage; sie wurde bisher nicht publiziert!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1548 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.12.2005 zu: Tahar Ben Jelloun: Papa, woher kommt der Hass? Gespräch mit meiner Tochter. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2005. ISBN 978-3-87134-535-7. Rowohlt Berlin. Mit Illustrationen von Charley Case und einem Vorw. von Heiner Geißler. Aus dem Französischen von Christiane Kayser. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3251.php, Datum des Zugriffs 25.05.2022.


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