Sebastian Kießig (Hrsg.): Einsamkeit im Alter
Rezensiert von Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt, 16.07.2025
Sebastian Kießig (Hrsg.): Einsamkeit im Alter. Facetten, Konzeptionen und Praxisfelder. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2024. 320 Seiten. ISBN 978-3-451-39757-8. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 28,15 sFr.
Thema
Das Thema Einsamkeit gewinnt immer mehr an Bedeutung- ob in Studien der WHO, den Arbeiten des mit Bundesmitteln finanzierten Kompetenznetz Einsamkeit, Kommunen und Landkreise, Wohlfahrtsverbände, Allüberall trifft man spätestens seit der Covid Pandemie auf die Befassung mit diesem Phänomen. Dieser Sammelband widmet sich dem Thema Einsamkeit im Alter, wobei ein großer Teil sich mit Einsamkeit im Allgemeinen, Definitionen und Interventionen befasst. Bei der Hälfte der Beiträge steht dann die Spezifizierung dieses Phänomens bei Menschen mit höherem Lebensalter im Fokus.
Autor:in oder Herausgeber:in
Die Herausgeber Sebastian Kießig und Erwin Möde sind katholische Theologen. Ersterer war 2024 Geschäftsführer des Bundesverbands der Caritas-Konferenzen Deutschlands (CKD), der sich als Schaltstelle zwischen freiwillig Engagierten auf Orts- und Diözesanebene und Bindeglied zu Akteur:innen in Kirche, Politik, Wirtschaft und Medien versteht. Erwin Möde ist emeritierter Professor für christliche Spiritualität, Pastoraltheologie und -Psychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
Entstehungshintergrund
Der Sammelband basiert auf Beiträgen der gleichnamigen online Fachtagung vom Oktober 2023, der noch durch weitere Inhalte ergänzt wurde. Die Struktur der Tagung wurde im Sammelband beibehalten. Die Diskussionen der Tagung fanden jedoch nicht Eingang in die Publikation.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in drei große Kapitel. Das erste mit dem Titel „Systematische Grundlagen“ definiert in einem ersten Teil ausgehend von der praktischen Theologie Einsamkeit. Dem schließt sich ein Aufsatz zu Einsamkeitsregulation und Interventionen aus Sicht der Sozialen Arbeit und der Psychotherapie an. Das dritte Unterkapitel ist aus Sicht der Psychologie verfasst und blickt zudem nun auch auf Einsamkeit im Alter und das Verstummen der Einsamen.
Das nächste Großkapitel blickt unter dem Titel „Facetten der Einsamkeit“ ebenfalls in drei Unterabschnitten auf Einsamkeit. Das erste widmet sich der Einsamkeit als Tabubruch und betont hier zudem die Stigmatisierung einsamer Menschen und das Abwenden anderer von den ohnehin schon leidenden Personen. Das nächste überaus spannende nimmt sich einsamer und unentdeckter Tode an und bleibt nicht in der Darstellung von Daten dazu verhaftet, sondern endet mit Ideen zur Prävention und Intervention. Ebenso selten wurde bisher in der Forschung das Thema Einsamkeit im Alter aus filmwissenschaftlicher Perspektive dargestellt.
Im letzten Großkapitel unter dem Titel „praktische Zugänge und Umgang mit Einsamkeit“ werden Wege aus der Einsamkeit zur Diskussion gestellt. So geht es um das Ehrenamt an sich als Mittel gegen Einsamkeit im Alter und die dadurch geschaffenen Möglichkeiten zur Begegnung und dem Erleben von Gemeinschaft. Die Perspektive von Engagierten rückt im nächsten Unterkapitel in den Mittelpunkt. Hierbei geht es vor allem um das Projekt der Caritas- Konferenzen Deutschlands. Dieses untersuchte die Bedarfe der Engagierten im Umgang mit Einsamkeit und die Unterstützungsformate, die den von Einsamkeit Betroffenen erreichen sollten. In den Befragungen der Engagierten wurde deren Sicht, welche Formate wirksam sind, welche Strategien entwickelt werden sollen herausgearbeitet. Hier wurden beispielsweise die klassischen „Besuchsdienste“ als sehr wirksam erachtet. Das sich daran anschließende Unterkapitel beschäftigt sich mit Menschen in der Anonymität und bezieht sich dabei auf das Projekt der Malteser in Berlin, die Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität medizinisch versorgt. Mit eindrücklichen Fallbeispielen und Passagen aus Interviews wird deren prekäre Situation überdeutlich. Arm, ohne Papiere, ohne stabile soziale Netzwerke ist Einsamkeit für sie alltäglich und neben anderen bedrückenden Gefühlen omnipräsent. Mit einem knappen Essay zu Menschen, die über das Mittelmeer geflüchtet sind, schließt dieses letzte Großkapitel.
Inhalt
Zwei Beiträge sollen ausführlicher vorgestellt werden: der von der Sozialwissenschaftlerin Susanne Loke sich auf ihre Dissertation beziehende Aufsatz „unentdeckten Toden“ und der zu „Menschen ohne Papiere“ des Autorinnenteams von Martina Liebsch, Verena Schumacher und Felicitas von Wietersheim.
Loke definiert nach einer Einführung zur Einsamkeitsforschung den Begriff des einsamen Sterbens und der unentdeckten Tode, wobei letzteres dadurch gekennzeichnet ist, dass die Menschen alleine sterben und frühestens am nächsten Tag entdeckt werden. Diese als Liegezeit benannten Tage und Stunden geben Informationen zum Eingebundensein in Netzwerke und Hinweise auf die Beziehungen der Verstorbenen. Soziales Sterben, Rückzug und Isolation, die zu einem einsamen Sterben führen können, beginnen jedoch deutlich früher; Mittels Personenstandsdaten gelingt es ihr ein statistisches Profil der einsam Verstorbenen abzuleiten. Demnach sind es zum einen ledige Männer noch nicht das 60. Lebensjahr erreichte Männer und verwitwete Frauen über 70. Weiter ging sie der Frage nach, wo diese Menschen gelebt hatten und verstarben und konnte nicht unerwartet feststellen, dass sie in Vierteln zu Hause waren, in denen Menschen unter schwierigen finanziellen Verhältnissen beheimatet waren. In einer kleinen Feldstudie zeigte sich; „Ein auf nur sechs Häuser begrenztes Straßenteilstück in sehr isolierter Lage zwischen zwei Stadtteilen“ war der Ort, an dem sich innerhalb von zehn Jahren zehn unentdeckte Todesfälle mit einer Liegezeit bis zu 200 Tagen gehäuft hatten. Die Menschen sahen sich in ihrem eigenen Erleben als marginalisiert und unbeachtet. Wie die Gesellschaft mit diesem Phänomen umgeht, nämlich zum einen skandalisierend, zum anderen aber auch tabuisierend und individualisierend verweist bereits auf ihr Anliegen, Interventionen zu etablieren. Dazu benötigt es zunächst ein Wissen um solche Sterbeorte durch Monitoring zu identifizieren um dann auf dieser Basis an diesen Orten, Wohnprojekte, niederschwellige Begegnungsorte und somit partizipative, inklusive und barrierearme Räume gegen Einsamkeit im Quartier zu etablieren.
Auf die „Randgruppe“ der Menschen ohne Papier, in einer aufenthaltsrechtlichen Illegalität blicken Martina Liebsch, Verena Schumacher und Felicitas von Wietersheim. Sie berichten in kleinen Facetten davon, wie diese Menschen in solche Situationen kamen und konkretisieren dies durch Beispiele der Malteser in Berlin und stellen zunächst die quantitative Dimension dar. Das Fallbeispiel einer schwangeren Frau aus Ghana macht anschaulich, welche bürokratischen Hürden zu überwinden sind um diese Frau zu unterstützen, sie aus ihrer Isolation zu führen und zu befähigen die prekäre Situation zu verändern. Auf die Erfahrung einer Unterstützer:innengruppe für Geflüchtete stützend, wird die Problematik der Einsamkeit bei diesen Menschen in den Blick genommen. Manche von ihnen erleben Einsamkeit vor allem weil ihr Schicksal nicht oder nur schwer verstanden wird. Unterstützungsangebote jeder Art können hilfreich sein, helfen aber nicht die grundlegenden Themen zu beheben, nämlich die Angst aufgedeckt zu werden ausgeliefert zu sein und nicht zu wissen, wem man trauen kann. Nur wenige Städte haben Hilfsangebote etabliert, für die Helfenden stellt sich zudem häufig die Frage, ob sie dies dürfen oder sie selber dadurch gegen Recht verstoßen. Ratlosigkeit bleibt somit beim Lesenden am Ende.
Diskussion
Das Thema Einsamkeit aus dem Tabubereich zu holen ist enorm wichtig und kann mit dieser und anderen Forschungen geleistet werden. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema hat vor allem durch das Kompetenznetz Einsamkeit deutlich Fahrt aufgenommen. Auch hier in diesem Tagungsband, der Wissenschaftler:innen aus der Theologie und Sozialwissenschaft zusammenführte, gelang es, marginalisierte Gruppen in den Blick zu nehmen. Ein Manko ist, dass viele der Beiträge mit Definitionen zur Einsamkeit einsteigen, so dass manches redundant wirkt. Da durchaus einige Beiträge auch jüngere von Einsamkeit betroffenen Menschen in den Blick nehmen, hätte der Titel dies gerne auch benennen dürfen. Ein Autor:innenverzeichnis fehlt leider, was eine Einordnung der Forschungen und Praxisfelder deutlich erschwert.
Fazit
Dieses Werk reiht sich ein in die aktuelle Forschung zur Einsamkeit und nimmt hier einen wichtigen, ergänzenden Platz ein. Mit den Texten zu Praxisfeldern und Menschen am Rande der Gesellschaft finden sich wichtige Beiträge zu diesem gesellschaftlich brisanten Thema. Ein Gesamtliteraturverzeichnis und Hinweise zu den Autor:innen wäre hilfreich gewesen.
Rezension von
Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt
Kulturwissenschaftlerin, Referentin beim Caritasverband der Diözese Rottenburg – Stuttgart e.V.
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